Die Herrschaft der Huthi im Nordjemen ist mehr als ein Milizregime, das sich mit militärischer Gewalt über einen kollabierten Staat hinwegsetzt. Seit der Eroberung von Sanaa im September 2014 haben sie die vorhandene Struktur nicht zerstört, sondern übernommen und darauf ein eigenes Kontrollsystem errichtet.
Um die Machtstruktur im Nordwesten des Jemens zu verstehen, sind deshalb zwei Ebenen entscheidend: die Verwaltung, die regiert, und die Bewegung, die herrscht. «Huthi» und «Ansar Allaha» (Gefolgsleute Gottes) sind im Kern dasselbe. Das eine ist die häufig verwendete Fremdbezeichnung, das andere der Eigenname. Die Bewegung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit der Bevölkerung im Norden.
Eine Pyramide der Loyalität
Das Oberhaupt der Bewegung, Abdulmalik al-Huthi, definiert die strategische Richtung und ist der Endpunkt einer komplexen Loyalitätspyramide. Für den Aufstieg in einflussreiche Positionen sind persönliche Loyalität, familiäre Bindungen und Nähe zur Führung entscheidend.
Unterhalb dieser zentralen Ebene gibt es weitere formelle Strukturen, darunter der Oberste Politische Rat, der für Aufgaben zuständig ist, die üblicherweise einem Staatsoberhaupt zugeschrieben werden, sowie die Regierung in Sanaa. Letztere fungiert seit August 2024 als «Regierung des Wandels und des Aufbaus». Diese betreut die Ministerien und stellt staatliche Dienstleistungen bereit. Allerdings schränkt die ‹Bewegung› ihre Handlungsspielräume ein.
Charakteristisch ist das System der «Supervisoren» (Mushrifin), die als Kader der Bewegung in den Ministerien, Provinzen oder Bezirken die Tätigkeit der Amtsinhaber kontrollieren und die Entscheidungen der Führung durchsetzen. So kann ein Minister zwar institutionell verantwortlich sein, die eigentlichen Entscheidungen werden jedoch im Verborgenen getroffen. Für die territoriale Kontrolle, die Überprüfung der politischen Loyalität und die Bekämpfung der Opposition sorgen Sicherheitseinheiten, Paramilitärs und lokale Funktionäre.
Regieren per Dekret
Rein rechtlich gesehen berufen sich die Huthi auf ihre Verfassungserklärung vom Februar 2015, durch die die alte jemenitische Verfassung von 1991 ausser Kraft gesetzt wurde. Im Rahmen dieser Erklärung setzen die Huthi Recht durch Dekrete durch und verweisen in vielen Bereichen die Rechtsprechung an lokale Institutionen islamischer Gerichtsbarkeit zurück.
Diese Ordnung ist nicht demokratisch legitimiert. Die Führung ist nicht das Resultat einer freien Wahl. Es gibt keine effektive Kontrolle von Parlament und Justiz. Die Möglichkeiten oppositioneller Parteien, unabhängiger Medien und zivilgesellschaftlicher Organisationen sind stark eingeschränkt. Es handelt sich um ein autoritäres System mit stark personalisierter Herrschaft. Diese Ordnung verrät nichts über die tatsächliche Zustimmung der Bevölkerung.
Abstammung, Waffen und Zölle
Die Macht der Huthi lässt sich weder ausschliesslich religiös noch allein militärisch erklären. Sie beruht zunächst auf der religiösen Legitimation einer Familie, die ihre besondere Autorität unter anderem mit ihrer haschemitischen Abstammung, also ihrer Herkunft aus der Nachkommenschaft des Propheten, begründet. Hinzu kommt ein militärischer Apparat aus organisierten Streitkräften, Raketen- und Drohnenverbänden sowie Sicherheits- und Nachrichtendiensten. Dieser ist aus den früheren Konflikten mit der Regierung, der Übernahme staatlicher Einrichtungen und langjähriger Kriegserfahrung hervorgegangen. Er schützt die Herrschaft nach innen und dient zugleich als Hebel gegenüber den innerjemenitischen Gegnern und ausländischen Akteuren. Nordjemenitische Stellen behaupten, die Huthi könnten im Fall eines grossflächigen Landkriegs bis zu einer Million Milizionäre mobilisieren. Das demographische Übergewicht des Nordens gegenüber dem Süden dürfte in militärischer Hinsicht ein wichtiger Faktor sein: 70-80 % der etwa 38 Millionen Jemeniten leben unter der Herrschaft der Huthi.
Die Bewegung wird ausserdem von Netzwerken getragen, die im Gouvernement Saada entstanden sind und sich im Krieg um frühere Funktionäre, Militärs und Teile des Umfelds von Ex-Präsident Ali Abdullah Salih erweitert haben. Die Stammesführer sind zwar noch vorhanden, ihre eigenständige Rolle wurde jedoch vielfach beschnitten. Lokale Bündnisse sind nach wie vor wichtig, stehen aber unter der Kontrolle der «Bewegung». Die Kontrolle über Sanaa, den Hafen von Hodeïda und weitere bevölkerungsreiche Gebiete erlaubt es schliesslich, Steuern und Zölle zu erheben und damit Verwaltung, Sicherheitsapparat und Kriegsführung zu finanzieren. Krieg, wirtschaftliche Fragmentierung, ausbleibende Gehälter und die humanitäre Krise belasten jedoch die Lebensverhältnisse der Bevölkerung massiv.
Von der Erweckung zur Herrschaft
Die Ansar Allah sind zwar erst 2014 zu einem politischen Machtfaktor geworden. Doch ihr historischer Hintergrund reicht bis in die Zeit der Revolution von 1962 im Nordjemen zurück, die die Herrschaft des zaiditischen Imams beendete und die soziale Rolle der Tradition fundamental veränderte. In den 1990er Jahren entstand in Saada die Gemeinschaft der «Gläubigen Jugend» (al-Shabab al-Mu'minun). Als religiöses Bildungsprojekt sollte sie die zaiditische Tradition unter jungen Leuten wiederbeleben und den zunehmenden salafitisch-wahhabitischen Tendenzen entgegenwirken.
Durch den Gelehrten und früheren Abgeordneten Husain Badreddin al-Huthi wurde die Bewegung politisiert. Der berüchtigte und wie ein Staatswappen hochgehaltene Slogan gegen die USA und Israel wurde ersten Angaben zufolge im Jahr 2002 erstmals öffentlich verbreitet. Ab 2004 starteten – zunächst als radikal regionalistisches Vorhaben – die Saada-Kriege gegen die Regierung im Jemen. Im selben Jahr wurde Husain al-Huthi getötet. Sein Bruder Abdulmalik übernahm später die Führung. Somit wurde aus der Reformbewegung eine bewaffnete politische Organisation und mit der Eroberung Sanaas ein parastaatlicher Herrschaftsträger.
Risse unter der Oberfläche
Kohäsion erhält das System dadurch, dass die Loyalität auf Abdulmalik al-Huthi zentriert ist und eine enge familiäre und persönliche Bindung an die Führung besteht. Es ist jedoch nicht monolithisch. Auf den unteren Stufen der Hierarchie herrscht Rivalität um den Zugang zu privilegierten Stellen, lokalen Einnahmen und Kontrollrechten. Es sind Konflikte zwischen «Supervisoren» und lokalen Kommandeuren dokumentiert, ebenso wie Konflikte zwischen Kadern aus Saada und früheren lokalen Verbündeten sowie Konflikte um Checkpoints, Land und Steuererhebung. Solche Spannungen, die vor allem aus dem Gouvernement Ibb belegt sind, verlaufen in der Regel unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung und werden durch die zentrale Autorität eingedämmt. Sie legen jedoch die Grenzen einer rein personalisierten Herrschaft frei. Auch in der erweiterten Huthi-Familie, dem engsten Führungskreis, besteht eine latente Konkurrenz. Diese könnte sich bei plötzlicher Abwesenheit der Führungsfigur potenzieren.
Die formale Regierung und der Oberste Politische Rat zeigen nach aussen hin staatliche Funktionen und verhelfen dem Parastaat der Huthi zu einer gewissen Legitimität nach internationalen Massstäben. In der Praxis sind viele ihrer Amtsträger jedoch hauptsächlich mit repräsentativen und administrativen Aufgaben befasst. Entscheidungen über Sicherheitsfragen, Ressourcenverteilung, Personalpolitik und strategische Ausrichtung werden im Hintergrund von der Bewegungsführung und besonders nahen Vertrauten getroffen. Selbst hochrangige Minister und der Vorsitzende des Obersten Politischen Rats handeln oft nur als ausführende Instanzen. Die eigentliche letzte Instanz bleibt die Loyalitätshierarchie um Abdulmalik al-Huthi. Das erklärt, warum personelle Veränderungen in der «Regierung des Wandels und des Aufbaus» die tatsächlichen Machtverhältnisse nur wenig verschieben.
Schule, Amt und Abgabe
Neben dem Aufsichtsnetz der Supervisoren stützt sich die Herrschaft auf weitere Mechanismen der Durchdringung. Im Bildungsbereich wurden die Lehrpläne angepasst: Nationale republikanische Bezüge wurden zurückgedrängt und zaiditische sowie bewegungseigene Narrative gestärkt. Zudem wurden ideologisch ausgerichtete Unterrichtsinhalte eingeführt, darunter Kurse mit klar antiisraelischer und antiwestlicher Stossrichtung. Sommerlager und schulische Programme dienen zugleich der Mobilisierung und Rekrutierung.
Im öffentlichen Dienst wurden Verhaltenskodizes und Schulungen durchgesetzt, die Loyalität zur Bewegung verlangen. Wirtschaftlich ergänzen zusätzliche Erhebungen die regulären Steuern und Zölle. Dazu gehören Abgaben im Namen des Kriegsaufwands, Zölle an internen Kontrollpunkten sowie die 2020 formalisierte Khums-Regelung (Fünftel-Abgabe) auf bestimmte Ressourcen. Deren Erträge sollen nach eigener Auslegung vornehmlich den Nachkommen des Propheten (Ahl al-Bayt/Haschemiten) zugutekommen. Zusammen mit der Kontrolle über den Hafen von Hodeïda und die Bevölkerungszentren schaffen diese Instrumente eine eigenständige Finanzbasis, die die Verwaltung, den Sicherheitsapparat und die Kriegsführung unabhängig von formaler internationaler Anerkennung trägt.
Lokale Anpassung und Stammesstrukturen
Die eigenständige Rolle der Stammesführer wurde eingeschränkt, aber nicht vollständig abgeschafft. Die Bewegung hat die lokalen Strukturen gezielt umgebaut. Loyalen Scheichs wurde mehr Macht gegeben, gegnerischen Linien wurde die Kraft genommen und in manchen Gebieten wurden Aufseher in offizielle Ämter wie Gouverneure oder Stellvertreter eingesetzt. Lokale Bündnisse bleiben wichtig für die Kontrolle über das Gebiet und für die Rekrutierung, folgen jetzt jedoch der zentralen Logik der Bewegung.
Das Zaiditentum ist keine Huthi-Ideologie
Die religiöse Sprache der Bewegung stammt aus dem Zaiditentum, einer eigenständigen Richtung des schiitischen Islam, die seit dem späten 9. Jahrhundert im Norden Jemens verwurzelt ist. Nach klassischer Lehre soll der Imam von Ali und Fatima abstammen, über religiöse Gelehrsamkeit und moralische Eignung verfügen und sich aktiv gegen ungerechte Herrschaft stellen. Aus dem Prinzip, das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verbieten, leitete Husain al-Huthi eine Pflicht zum Aufbegehren gegen Korruption und Unterdrückung ab. Der eigene Kampf erscheint damit nicht als Machtkonflikt, sondern als moralisch gebotener Widerstand. Wer jedoch entscheidet, wann Herrschaft ungerecht ist, beansprucht in der Praxis die Führung selbst. Dennoch wäre es falsch, das Zaiditentum und die Huthi-Ideologie gleichzusetzen. Nicht alle Zaiditen unterstützen die Bewegung. Die Gelehrten bewerten die politische Bedeutung religiöser Abstammung unterschiedlich und viele Jemeniten – darunter auch Zaiditen – bekennen sich zur alten Republik. Die Gegner der Huthi sehen in ihnen eine Bewegung, die das Imam-System wiederherstellen will. Die Führung hat dies in früheren Stellungnahmen zwar ausdrücklich zurückgewiesen, über ihre institutionellen Ziele spricht sie aber nicht immer eindeutig.
Von Iran gesteuert?
Die Huthi werden der vom Iran geführten «Widerstandsachse» zugerechnet. Das stimmt insofern, als der Iran ihre militärischen Fähigkeiten mit Waffen, Technologie und Know-how gestärkt hat und beide Seiten ähnliche Feindbilder und ideologische Bezüge teilen. Theologisch liegen die Traditionen jedoch weit auseinander: Anders als die Zwölfer-Schia kennen die Zaiditen keinen verborgenen zwölften Imam und die Staatsdoktrin der Herrschaft des Rechtsgelehrten (wilayat al-faqih) hat bei ihnen keine direkte Entsprechung. Husain al-Huthi sah in der Revolution von 1979 und in Ayatollah Khomeini ein Vorbild für eine religiös begründete Mobilisierung gegen westlichen Einfluss, lehnte aber zentrale Lehren der Zwölfer-Schia ab. Unter Abdulmalik verband sich die Ideologie zunehmend mit jemenitischem Nationalismus, der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und regionalem Widerstand. Inzwischen machen sogar irredentistische Forderungen unter den Huthis die Runde, denen zufolge der Krieg auch auf die «Rückgewinnung» der 1932 an Saudi-Arabien verlorenen Gebiete Asir und Abha zielen müsse. Dies dürfte jedoch weit jenseits der offiziellen Linie der «Achse des Widerstands» liegen.
Im August 2019 akkreditierte Teheran den offiziellen Botschafter der Huthi und im Jahr 2020 entsandte der Iran im Gegenzug einen eigenen Botschafter nach Sanaa. Im Zuge der Annäherung des syrischen Regimes an Saudi-Arabien und der Rückkehr Syriens in die Arabische Liga brach Damaskus im Oktober 2023 die Beziehungen zu Sanaa ab und wies den Huthi-Botschafter aus. Mächte wie Russland und China unterhalten zwar informelle Kontakte zu den Huthi und gewähren ihnen im UN-Sicherheitsrat bis zu einem gewissen Grad diplomatischen Schutz vor westlichen Sanktionen, verweigern jedoch eine offizielle Anerkennung als legitime Staatsregierung.
Feindbild und Gesellschaftsentwurf
Im Weltbild der Ansar Allah sind die Probleme im Jemen Teil eines grösseren Konflikts zwischen der muslimischen Gemeinschaft und äusseren Mächten. Antiimperialismus, Antizionismus und Islamismus greifen hier ineinander. Der im Jahr 2002 kreierte Staatsslogan fordert den Tod Amerikas und Israels und enthält eine Verfluchung der Juden. Die Bewegung sieht den Slogan als Ausdruck des Widerstands, doch die Formulierung über die Juden geht über die Kritik an einer Regierung weit hinaus und ist offener Antisemitismus. Die Palästinafrage ist dabei sowohl ein ideologisches Anliegen als auch ein Instrument, mit dem der regionale Führungsanspruch unterstrichen wird. Nach innen setzt die Bewegung auf religiös begründete Führung, auf Mobilisierung durch Gedenktage, Feiertage und Bildungsangebote sowie auf die Kontrolle über Unterricht und Medien. Ihre Botschaften passen sie der Lage an: Mal stehen zaiditische Identität und historische Marginalisierung im Vordergrund, mal nationale Einheit oder Palästina. Symptomatisch ist die Kluft zwischen einer Rhetorik der Gerechtigkeit und Korruptionsbekämpfung einerseits und einer streng hierarchischen Ordnung andererseits, in der die Führungsfamilie und besonders loyale Kader eine herausgehobene Stellung einnehmen.
Seit Ende 2023 haben die verstärkten Angriffe im Roten Meer und gegen Ziele in der Region die innenpolitische Position der Bewegung gestärkt. Diese Angriffe liefern ein Mobilisierungsnarrativ, das nationale und religiöse Feindbilder miteinander verbindet, und erhöhen den Druck auf die international anerkannte Regierung des Präsidialrats in Aden. Gleichzeitig binden sie Ressourcen und erhöhen die Abhängigkeit von militärischer Leistungsfähigkeit sowie von externer Hilfe bei der Beschaffung von Technik und Know-how. Die Kernstruktur der Herrschaft – die doppelte Ordnung aus formaler Verwaltung und übergeordneter Bewegungskontrolle – bleibt davon unberührt.
Ein geteiltes Land
Die Huthi beherrschen nicht den gesamten Jemen. Ihnen steht die international anerkannte Regierung gegenüber, die im Präsidialen Führungsrat organisiert ist und von Aden aus agiert. Auch dieses Lager ist fragmentiert: Regionale Akteure und südjemenitische Separatisten verfolgen weitgehend eigene Ziele. Der Jemen ist so politisch und sozial ein dichtes Gewebe konkurrierender De-facto-Machtzentren, unter denen die Ansar Allah im Norden einen wesentlichen Teil der Bevölkerung und der staatlichen Infrastruktur kontrollieren. Für einen möglichen Friedensprozess bedeutet das: Mit der Verteilung von Regierungsämtern wäre wenig gewonnen. Zu klären wäre vielmehr, wer über die Streitkräfte, die Sicherheitsdienste, die Einnahmen und die parallelen Kontrollnetzwerke verfügt. Denn die eigentliche Stärke der Huthi liegt nicht in ihren Waffen, sondern in ihrer Fähigkeit, militärische Macht dauerhaft in administrative, wirtschaftliche und politische Kontrolle zu übersetzen.