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Iran

Khameneis Staatsbegräbnis im Schatten der Nachfolgefrage

2. Juli 2026
Reinhard Schulze
Trauerzug für Ayatollah Khomeini 1989
Trauernde bei der Beisetzung des ersten iranischen Revolutionsführers Ayatollah Khomeini im Juni 1989. Mehrere Millionen Menschen nahmen damals am Trauerzug teil, der zeitweise ausser Kontrolle geriet. (Foto: Keytsone/AP/Heribert Proepper, File)

Fast vier Monate nach seinem Tod soll der frühere Oberste Führer Irans, Ayatollah Ali Khamenei, in der kommenden Woche beigesetzt werden. Vom 3. bis 9. Juli sind in Teheran, Qom und Maschhad sowie im irakischen Nadschaf und Kerbela Trauerfeierlichkeiten geplant, die iranische Staatsmedien als die grössten in der Geschichte der Islamischen Republik ankündigen. 

Die Verzögerung ist in der schiitischen Tradition ungewöhnlich, wo eine Beisetzung normalerweise innerhalb weniger Stunden erfolgt. Dass sie diesmal fast vier Monate dauerte, hat weniger religiöse als politische Gründe – allen voran die ungeklärte Rolle von Khameneis Sohn und Nachfolger Mojtaba Khamenei.

Ein Tod mitten im Krieg

Khamenei kam am 28. Februar 2026 ums Leben, als die USA und Israel zu Beginn ihres gemeinsamen Angriffs auf Iran seine Residenz in Teheran trafen. Bei demselben Schlag starben auch mehrere seiner Familienangehörigen sowie ein Teil der militärischen und geheimdienstlichen Führung des Landes, darunter der Generalstabschef der Streitkräfte, der Kommandeur der Revolutionsgarden und der Verteidigungsminister. Die Beisetzung wurde zunächst auf Anfang März terminiert, dann aber wiederholt verschoben – offiziell wegen der Sicherheitslage im andauernden Krieg, informell auch wegen der Frage, wie mit der Abwesenheit des designierten Nachfolgers umzugehen sei.

Erst nach der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding zwischen Iran und den USA, das die militärische Konfrontation vorerst beendete, war das Regime bereit, das Risiko einer Massenveranstaltung einzugehen, an der zwangsläufig auch die verbliebene Staats- und Militärführung teilnehmen muss.

Das Programm der Trauerwoche

Nach Angaben des zuständigen Organisationskomitees wird Khameneis Leichnam am 4. und 5. Juli im Teheraner Mosalla-Gebetskomplex aufgebahrt, einem religiösen Bau im Norden der Stadt, der bereits Schauplatz früherer Staatstrauerfeiern war. Die Feierlichkeiten erstrecken sich über sechs Tage und fünf Städte in Iran und im Irak. Für den 6. Juli ist ein Trauerzug in Teheran vorgesehen, eine weitere Zeremonie soll am 7. Juli in der heiligen Stadt Qom stattfinden. 

Am folgenden Tag sollen grenzübergreifende Trauerprozessionen ins irakische Nadschaf und Kerbela führen. Die Beisetzung ist schliesslich für den 9. Juli im Schrein des achten schiitischen Imams in Maschhad angesetzt, wobei zuvor ein Trauerzug durch die zweitgrösste Stadt des Landes führen soll.

Der zentrale Trauerzug in Teheran führt über eine rund zehn Kilometer lange Strecke vom Imam-Hossein-Platz bis zum Azadi-Platz, dem grössten öffentlichen Platz der Hauptstadt, der seit der Revolution von 1979 Schauplatz der bedeutendsten Massenkundgebungen des Landes war. Der Bürgermeister von Teheran rechnet mit rund zwanzig Millionen Teilnehmenden über die gesamte Trauerwoche – eine Zahl, die sich angesichts der Grösse Teherans und der angekündigten überregionalen Anreise nicht von vornherein ausschliessen lässt, aber erst im Nachhinein überprüfbar sein wird. 

Delegationen aus dem Irak, aus Pakistan – dessen Präsident Asif Ali Zardari und Premierminister Shehbaz Sharif eine offizielle Delegation zugesagt haben –, aus Afghanistan, Indien und weiteren Ländern der Region haben ihre Teilnahme bestätigt. Offen bleibt, auf welcher Ebene Golfstaaten, Russland und China vertreten sein werden: ein Punkt von diplomatischem Gewicht, da mehrere Golfstaaten während des Krieges selbst Ziel iranischer Angriffe waren. Unwahrscheinlich ist, dass der Generalsekretär der libanesischen Hizbullah, Na’im Qasim, dabei sein wird.

Erinnerung an Khomeinis Begräbnis 1989 

Der Vergleich mit der Beisetzung von Ruhollah Khomeini am 3. Juni 1989 drängt sich auf, trägt aber nur bedingt. Khomeinis Beerdigung gilt mit Schätzungen von mehreren Millionen bis über zehn Millionen Teilnehmenden als eine der grössten Trauerveranstaltungen der Geschichte. Die Menschenmassen gerieten damals zeitweise ausser Kontrolle: Der Sarg wurde von der Menge umringt, das Leichentuch beschädigt, der Leichnam musste vorübergehend zurückgebracht werden, ehe die Beisetzung Stunden später unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen erfolgen konnte. 

Die Erinnerung an diesen Kontrollverlust – und an die tödliche Massenpanik bei der Beerdigung des Kommandeurs der al-Quds-Brigaden, Qasem Soleimani, 2020 – prägt erkennbar die diesmal deutlich stärker durchstrukturierte Choreografie mit festen Terminen, mehreren Städten und mehrstufigen Zugangskontrollen.

Khameneis Machtwerk

Der wesentlichere Unterschied liegt aber im politischen Gewicht des Ereignisses. Khomeinis Tod markierte das Ende der Gründergeneration der Islamischen Republik und damit eine echte Zäsur: Er war nicht nur Staatsgründer, sondern wurde in der schiitischen Frömmigkeit auch als quasi-messianische Figur verehrt; sein Mausoleum im Süden Teherans wurde zur Pilgerstätte. Khamenei erreichte diesen religiösen Status zu Lebzeiten nie. Er war der Verwalter und Ausbauer eines Systems, nicht dessen geistiger Urheber. 

Als Epigone Khomeinis entwickelte er stattdessen ein eigenes, stärker sicherheitspolitisch geprägtes Profil, das eng mit dem Aufstieg der Revolutionsgarden verknüpft war: Er verschaffte ihnen den Weg zu einer parastaatlichen Machtstellung, förderte ihre politischen Ambitionen, widersetzte sich einem rechtsnationalistischen Populismus à la Mahmud Ahmadinejad, entmachtete schleichend die Regierung zugunsten der Garden und öffnete ihnen durch ihre strategische Neuausrichtung einen transnationalen Handlungsraum. Bemerkenswert ist, dass Khamenei 2010 nach dem Tod des geistlichen Führers der libanesischen Hizbullah, Muhammad Hussein Fadlallah, als Oberster Führer anerkannt wurde. Im Zuge der Allianz der jemenitischen Ansarullah (Huthi) mit der Islamischen Republik wurde er auch dort nach 2010 zur Autoritätsfigur aufgebaut, allerdings nicht im gleichen Masse wie bei der Hizbullah in Libanon.

Seine Bestattung markiert damit keinen Systemwechsel, sondern einen Führungswechsel innerhalb einer seit fast fünf Jahrzehnten etablierten Ordnung – wenn auch einen, der durch einen verlorenen Krieg und den gewaltsamen Tod eines grossen Teils der Führungsriege erheblich belastet ist.

Ashura als Vorspiel

Einen Vorgeschmack auf die Legitimitätsfrage boten bereits die Ashura-Feiern am 25. Juni, das schiitische Gedenken an den Tod Imam Husains 680 in Kerbela. Sie offenbarten die tiefe Spaltung der iranischen Gesellschaft: Während ein grosser Teil der Bevölkerung den Feiertag mittlerweile meidet, inszeniert der Staat ihn als religiös-nationalistisches Massenspektakel und stilisiert die nationale Wiedergeburt Irans selbst zu einem quasi-messianischen Ereignis. Diese Verschmelzung von Nationalismus und Religion wird auch innerhalb schiitischer Gemeinden kritisiert: Manche empfinden die staatlichen Feiern in Teheran inzwischen weniger als religiöses Ritual denn als nationalreligiöse Massenveranstaltung – Sound und Rhythmus der Gesänge erinnerten in Teilen eher an eine urbane Rave-Party als an eine Trauerzeremonie.

Präsident Mas'ud Pezeshkian zeigte sich demonstrativ bei einer traditionellen Feier in seinem Heimatort in Westaserbaidschan. Mojtaba Khamenei dagegen trat auch bei diesem Anlass nicht öffentlich auf – anders als im Vorjahr, als sein Vater, wie ein seither in sozialen Netzwerken kursierendes Video zeigt, überraschend bei einer Ashura-Feier erschienen war. Die anhaltende Abwesenheit des Sohnes wird damit selbst zunehmend zu einem legitimatorischen Problem: Die religiöse Überhöhung des Nationalismus, mit der der Staat die Feiern auflädt, untergräbt zugleich jene tradierte Frömmigkeitsordnung der Schia, auf die sich das System beruft. Ein Teil der Bevölkerung bleibt den Feiern fern; ein anderer, der mit dem System innerlich wie äusserlich gebrochen hat, hält dennoch an der religiösen Substanz der Ashura fest – oder nimmt, unabhängig von der politischen Botschaft, schlicht an dem teil, was faktisch zu einer Art nationalem Volksfest geworden ist.

Die offene Frage Mojtaba

Der eigentliche Grund für die monatelange Verzögerung dürfte weniger im Krieg selbst gelegen haben als in der Person des Nachfolgers. Der Expertenrat wählte Mojtaba Khamenei bereits im März zum neuen Obersten Führer, doch seither ist er öffentlich nicht in Erscheinung getreten. US-Medien berichteten unter Berufung auf iranische Regierungsvertreter, Mojtaba Khamenei sei bei den Angriffen, die seinen Vater töteten, schwer verletzt und seither mehrfach operiert worden; Teheran hat diese Angaben nicht bestätigt. Im April griff die britische «Times» ein angeblich auf US- und israelischen Geheimdienstinformationen beruhendes Memo auf, wonach Khamenei bewusstlos sei und in der heiligen Stadt Qom medizinisch behandelt werde – unfähig, an den Entscheidungsprozessen des Regimes teilzunehmen. Auch beim vierzigtägigen Gedenken im April blieb er den Hauptfeierlichkeiten fern.

Hinzu kommen Berichte, denen zufolge in Qom Vorbereitungen für ein grosses Mausoleum für Ali Khamenei und möglicherweise weitere Familienmitglieder im Gange seien – eine mögliche Abkehr von ursprünglichen Plänen, die eine Bestattung in Teheran vorgesehen hatten, ehe man sich auf Maschhad festlegte. Solche widersprüchlichen Signale nähren seit Wochen Spekulationen über den tatsächlichen Gesundheitszustand des neuen Obersten Führers; noch Ende Juni fragte der «Spiegel» in einer Schlagzeile, ob «Khamenei Junior» zur Beisetzung seines Vaters aus dem Untergrund hervortreten werde. Bis zuletzt war nicht offiziell bestätigt, ob Mojtaba Khamenei überhaupt an den öffentlichen Zeremonien teilnehmen wird.

Für das Regime ist das ein Dilemma mit zwei schlechten Optionen: Ein Staatsbegräbnis ohne den amtierenden Obersten Führer an der Spitze wirft die Frage auf, wer den Iran tatsächlich regiert. Ein öffentlicher Auftritt Mojtaba Khameneis hingegen würde, je nach Ausmass sichtbarer Verletzungen, genau jene Fragen erst recht befeuern, die man mit seiner bisherigen Zurückhaltung zu vermeiden suchte. Hinzu kommt ein innenpolitisches Risiko: Nach den Unruhen, die Iran wegen der Wirtschaftskrise am Jahreswechsel 2025/26 erschüttert hatten, fürchtet die Führung offenbar, dass ein Ereignis dieser Grössenordnung nicht nur Trauernde, sondern auch Kritiker des Regimes auf die Strasse bringen könnte.

Die Revolutionsgarden im Hintergrund

Mojtaba Khamenei, der als Immobilienverwalter der Revolutionsgarden gilt, hat bislang nicht beweisen können, dass er das Format eines Revolutionsführers oder gar eines Theologen der Revolution erfüllt. In den Medien ist von ihm selten die Rede; wenn die Revolutionsführung angesprochen wird, dann meist unter Nennung des Namens seines Vaters, des «Märtyrer-Führers». Wer auch immer künftig als Oberster Führer auftritt: Die eigentliche Machtverschiebung der vergangenen Monate liegt nicht bei der Person Mojtaba Khamenei, sondern bei den Revolutionsgarden. Sie hatten bereits nach dem Tod Soleimanis 2020 und nach dem Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs im selben Jahr mit strukturellen Problemen zu kämpfen und befanden sich in einem Reformprozess, der durch den Tod Ali Khameneis und eines grossen Teils ihrer eigenen Führungsspitze im Februar unterbrochen wurde. 

Zugleich nutzten sie die Kriegssituation, um politisch an Boden zu gewinnen und die Wahl Mojtaba Khameneis durch den Expertenrat durchzusetzen. Die anhaltende Unsichtbarkeit des neuen Obersten Führers lässt sich in diesem Licht auch als Ausdruck einer Machtstellung lesen, die längst nicht mehr an eine einzelne Person, sondern an den institutionellen Apparat der Garden gebunden ist.

Gelingt die geplante Demonstration von Stärke?

Die Beisetzungswoche ist als Demonstration von Stärke, Einheit und Kontinuität angelegt, findet aber in einem Moment statt, in dem alle drei Begriffe mit Fragezeichen versehen sind. Die Islamische Republik hat einen Krieg mit unklarem Ausgang hinter sich, einen Grossteil ihrer militärischen Führung verloren und einen Nachfolger an der Spitze, dessen physischer und politischer Zustand ungeklärt bleibt. 

Ob Mojtaba Khamenei in dieser Woche öffentlich auftritt, dürfte daher mehr über die tatsächliche Stabilität des Systems aussagen als jede der sorgfältig geplanten Zeremonien selbst. Sollte er fernbleiben, wird das Begräbnis seines Vaters weniger den Abschluss einer Ära markieren als den offen sichtbaren Beginn einer Führungskrise, die das Regime bislang mit prozeduraler Routine zu überdecken versucht hat.

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