Mein alter Bekannter Iso Camartin hat beim Journal 21 zuständig für Kommentare zu Opern. Das will ich nicht in Frage stellen. Aber man kann dennoch Überlegungen mit aktuellen politischen Bezügen aufwerfen.
Gestern war ich wieder einmal im Zürcher Opernhaus: Carmen. Und heute Abend will es der Zufall, dass ich auf Deutschlandfunk Kultur Carmen nochmals höre, diesmal übertragen von der Metropolitan Opera. Schon gestern faszinierte mich die von Carmen besungene Freiheit im Zusammenhang mit der Liebe: Sich nicht festlegen, aber wenn die Liebe zuschlägt, geht es bis in den Tod, was das Ende der Oper dokumentiert.
Souveränität in der Weltpolitik
Zwischen gestern und heute dann alle die weltpolitischen Nachrichten und Kommentare, nicht nur über das WEF. Da ist immer die Rede von der Verteidigung der Freiheit, und es wird unterschieden: Recht des Stärkeren gegen Stärke des Rechts. Warum kommt mir das in den Sinn?
Souveränität heisst Freiheit, heisst sich nicht unterwerfen müssen. Das ist die Staatssouveränität. Heisst Freiheit in der Liebe vielleicht auch Souveränität? Also sich nicht unterwerfen müssen? So habe ich Carmen jedenfalls verstanden, bevor der Torero auftauchte, dem sie liebevoll verfiel. Aber wie lange hätte diese neue Liebe angesichts der Freiheitsliebe von Carmen gedauert? Das weiss man nicht, denn der abgewiesene Liebhaber hat sie in seiner Eifersucht erstochen.
Gilt es auch in der Liebe?
Also nochmals, warum kommt mir das nun in den Sinn? Die vielen weltpolitischen Kommentare am Ende dieser Woche reden alle von Unterwerfung oder eben von Nicht-Unterwerfung, letztlich von Souveränität. Der abgewiesene Liebhaber hat Carmen wegen ihrem Souveränitätsanspruch erstochen. Ob Carmens Souveränitätsanspruch nach dem Liebensabenteuer mit dem Torero wiederaufgelebt wäre, weiss man nicht.
Aber etwas weiss man: Souveränitätsansprüche sind nicht unterzukriegen, sei es in der Weltpolitik ... oder sei es in der Liebe. In der Weltpolitik machen sich einige manchmal klein, so von Seiten der Schweiz gegenüber dem transatlantischen Grosshans. Etwas weniger von Seiten der EU ihm gegenüber. Und in der Liebe? Vielleicht wäre es gut, sich dann und wann Carmen anzuhören. Vielleicht wäre in heutigen Tagen – angesichts der Femizid-Debatte – ein anderes Ende denkbar.
Aber die Oper braucht kein anderes Ende. Sie spricht für die Souveränität in der Liebe, und damit auch für die Souveränität schlechthin.