Musikliebhaber wissen, dass das Spätwerk Schumanns vom tragischen Ausgang seines Lebensendes beschattet ist. Dennoch ist es reich an Werken, die erst im 20. Jahrhundert in ihrer Bedeutung und Schönheit Anerkennung fanden. Hier widmen wir uns der Klaviermusik seiner späten Jahre, die auch erst bei zeitgenössischen Pianisten ihre würdige Interpretation fand.
Eine besondere Rolle spielt dabei der Pianist András Schiff. Für mich sind seine Interpretationen der «Gesänge der Frühe» op. 133 und der sogenannten «Geistervariationen» in Es-Dur über ein eigenes Thema (ohne Opuszahl) eine wirkliche Sensation.
Die Gesänge entstanden zwischen dem 15. und 18. Oktober 1853 in Düsseldorf. Schumann widmete sie Bettina von Arnim. Schumann hatte bereits früher einen Zyklus geplant mit dem Titel: «Gesänge der Frühe. An Diotima». Das bezog sich auf Hölderlins Roman Hyperion. Die fünf Stücke greifen einfache Formen des Gesangs auf, manche sind choralartig, andere eher liedartig. Drei Tage vor seinem Selbstmordversuch schrieb Schumann seinem Verleger, es seien Stücke, «die die Empfindungen beim Herannahen und Wachsen des Morgens schildern, aber mehr aus Gefühlsausdruck als Malerei».
Heute glaubt man, dass Schumanns Frau Clara die Stücke weder liebte noch verstand. Denn die Stücke verzichten ganz auf Virtuosität, sind dagegen viel eher eine meditative Innenschau am Ende einer Karriere, die von Glanz und Glorie schon Abschied genommen hatte.
Vergleichbares gilt für die sogenannten «Geistervariationen», Schumanns letztes Werk, bevor er in die Nervenheilanstalt Bonn-Endenich eingeliefert wurde. Komponiert wurde es 1854. Schumann glaubte in diesen Tagen, er sei von Geistern umgeben, die ihm einerseits herrliche Offenbarungen, andererseits höllische Qualen bescherten.
Das Geheimnis um den Tod jedes Menschen ist gross. Was hat er gesehen oder empfunden in seinen schwierigsten Stunden? In dieser Musik begegnen wir Aussenstehende einem Komponisten, der zu den Grossen aller Zeiten gehört.
Die Stücke sind zu hören auf der CD Schumann, András Schiff, Warner Music Group, 1998.