Die hoch über der Leventina gelegene Feriensiedlung Carì war am 26. Mai Etappenort des Giro d’Italia. Dies rückt eine strukturschwache Region in den Fokus. Das Tal macht sonst durch Verlust von Arbeitsplätzen und eingestellte Bewirtschaftung von sich reden.
Seit rund einem halben Jahrhundert muss die Leventina, das Tal zwischen Airolo und Biasca, noch und noch Tiefschläge einstecken. Das 1946 gegründete Stahlwerk Monteforno in Bodio, einst das Industrieunternehmen mit den meisten Arbeitsplätzen im Kanton, steht exemplarisch für den wirtschaftlichen Niedergang der ganzen Region. Von den ehemals 1750 Beschäftigten blieb in den Nachfolgefirmen nach der Schliessung des Werks im Jahr 1994 nur noch ein Bruchteil übrig.
Das Militär zog sich, ebenfalls 1994, vom Flugplatz Ambrì zurück und reduzierte den Kasernenbetrieb in Airolo. Für die SBB war nach der Eröffnung des Basistunnels im Jahr 2016 die Bergstrecke, die nun von der Südostbahn bedient wird, zweitrangig, was einen Abbau der Infrastruktur zur Folge hatte. Die Autobahn, in diesem Abschnitt erst 1984 vollendet, befreite zwar die Dörfer vom Durchgangsverkehr, doch gleichzeitig fiel der Umsatz an den Tankstellen, in den Restaurants und in den Lebensmittelläden.
Auf der Plusseite: billige Wohnungen und der HC Ambri-Piotta
Vergleicht man alte Postkartenansichten mit der aktuellen Situation, so stellt man eine rasante Zunahme der Vergandung fest. War beispielsweise Campello noch vor rund siebzig Jahren umgeben von bewirtschafteten Bergwiesen, so wirkt der Dorfkern heute wie eine Insel inmitten seither gewachsener Büsche und Laubbäume.
1837 beherbergte das Tal nicht weniger als 12’000 Einwohner und Einwohnerinnen; aktuell sind es noch rund 8’700. Es erstaunt deshalb nicht, dass Immobilien gesamtschweizerisch nirgends günstiger zu haben sind als in der Leventina. Die Stabilisierung der Einwohnerzahl in letzter Zeit ist vorwiegend dem Umstand zu verdanken, dass etliche wegen der tiefen Mieten sich hier niederlassen und bereit sind, den Arbeitsweg nach Bellinzona und in die Magadinoebene in Kauf zu nehmen.
Eine einzige Institution stemmt sich erfolgreich gegen den Niedergang. Für den 1937 gegründeten Eishockey Club HC Ambrì-Piotta vergiessen die Leventineser ihr Herzblut; er bewahrt das Tal vor dem endgültigen Fall in die Bedeutungslosigkeit. Nachdem die legendäre Halle «Pista la Valascia», die den Standards nicht mehr genügte und zudem durch Lawinen gefährdet war, abgerissen wurde, entstand neben der Flugpiste die neue Heimat des Clubs, projektiert von keinem Geringeren als von Mario Botta, dem hier aber kein Meisterwerk gelang.
Bescheidener Tourismus-Sektor
In Bezug auf den Tourismus war die Strada Alta in den 1970ern ein überaus beliebter Fernwanderweg, doch infolge Schliessung etlicher Gaststätten und Übernachtungsmöglichkeiten verlor er seine Anziehungskraft. Das Skigebiet Airolo gilt wegen der attraktiven Preise zwar als Geheimtipp, allerdings sind die Anlagen insgesamt wenig einladend, oder anders ausgedrückt, es müsste investiert werden. Der Wald unterhalb von Chironico mit den unzähligen Felsblöcken zählt inzwischen zu den wichtigsten Boulder-Arealen und zieht Kletterer aus ganz Europa an. Doch diese übernachten als Selbstversorger in ihren Campern und tragen somit nichts zu einer für die Region nachhaltigen Wertschöpfung bei.
Und da ist noch Carì mit zwei Sesselliften, die lediglich einige Wochen im Winter wie im Sommer in Betrieb sind. Auch wenn im letzten Winter Marco Odermatt auf der Heimfahrt von der Olympiade hier einen Zwischenhalt einlegte, was in den sozialen Medien kundgetan wurde, bieten die Hänge keine Herausforderungen. Das Treiben auf den wenigen Pisten ist beschaulich. Man trifft hier vor allem Familien an sowie lombardische Gäste mit bescheidenen Fahrkünsten.
19 Haarnadelkurven
Doch ausgerechnet Carì entwickelte sich zu einem Hotspot für Radfahrer, Mountainbikerinnen und Gleitschirmflieger. Erst 2016 entdeckten die Verantwortlichen der Tour de Suisse den elf Kilometer langen und 900 Höhenmeter aufweisenden Aufstieg mit 19 Haarnadelkurven als neue Strecke für eine Bergankunft und sprachen wegen der Ähnlichkeit des Profils mit dem ungleich berühmteren französischen Pendant von der Alpe d’Huez der Leventina. Gewonnen wurde die Etappe vom kaum bekannten Kolumbianer Darwin Atapuma, der damit den wichtigsten Sieg in seiner Karriere errang. Acht Jahre später wurde der Anstieg ein zweites Mal in die Tour integriert und von Adam Yates, dem späteren Gesamtsieger, am schnellsten bewältigt.
Und nun als Krönung entschieden sich die Planer der 109. Austragung des Giros, die sechzehnte Etappe vom ersten bis zum letzten Kilometer im Kanton Tessin auszutragen, mit der Bergankunft nach 113 km in Carì. Im Vorfeld erarbeitete das lokale Organisationskomitee ein vielfältiges Programm, darunter die rosafarbene Beleuchtung des Castelgrande in Bellinzona und der spektakulär auf einem Felszahn thronenden Kirche von Calonico.
Unerwarteter Prestigegewinn für die Region
Die Geschichte der Etappe ist schnell erzählt. Jonas Vingegaard enteilte wie bei den vorausgegangenen drei Bergankünften gut sechs Kilometer vor dem Ziel der Konkurrenz und fuhr bis zum Schluss einen Vorsprung von über einer Minute heraus. Die Profi-Fahrer benötigen für den Anstieg rund dreissig Minuten – für all jene, welche die Strecke schon einmal mit dem eigenen Rad getestet haben, eine unvorstellbare Zeit.
Entscheidender als das Rennen ist allerdings, dass die Region durch die Massen der angereisten Zuschauer und noch mehr durch die Live-Reportage einen enormen Prestigegewinn erzielte. Nun sind die Fachleute für den lokalen Tourismus gefordert, um mit diesem Input der Leventina neuen Sauerstoff zuzuführen.
Kritische Stimmen könnten mahnend darauf hinweisen, dass eine forcierte Förderung des Fremdenverkehrs für ein solches Tal, das bis anhin von grober Verschandelung verschont blieb, negative Folgen hätte. Ein klassisches Dilemma, aber wer der Leventina eine Zukunftsperspektive zugestehen möchte, kommt nicht umhin, einen Ausbau der touristischen Infrastruktur zu wünschen. Ansonsten wird sie das bleiben, was sie heute schon weitgehend ist: ein Korridor für die schnelle Reise in den Süden.
Fotos: © Fabrizio Brentini