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PHANTASTISCHE TIERE

Der Leviathan wird zur Maschine

3. August 2026
Christoph Egger
«Mobilität zur Zeit Gotthelfs»

Die neue Sonderausstellung des Gotthelf-Zentrums in Lützelflüh, «Mobilität zur Zeit Gotthelfs», wartet mit einem buchstäblich phantastischen Plakat auf. Aber nicht nur bei Gotthelf, auch bei andern finden sich einfallsreiche Abrichtungen und Transformationen des Wals zum Zug- und Transporttier und schliesslich zur Tiermaschine.

Ein riesiger blauer Wal, der da auf den Wellen dahinzufliegen scheint, auf der Schnauze, gesichert durch ein Geländer, winzige Menschen, dahinter, aus dem Rücken heraus, dick qualmende Schornsteine: Die neue Sonderausstellung des Gotthelf-Zentrums in Lützelflüh, «Mobilität zur Zeit Gotthelfs», visualisiert mit ihrem Plakat einen der wildesten literarischen Einfälle eines Autors, dessen Werk alles andere als eine behäbige Bauernwelt entwirft. 

Phantastisch-technizistisches Setting 

Das Meer. Es ist in Gotthelfs mächtigem erzählerischen Werk weiter nicht von Belang. Doch er hat es gesehen, auf einer Ferienreise, die den jungen Albert Bitzius, Student in Göttingen, 1821 in den Norden Deutschlands führte. Zwar hat er sich, wie er schrieb, «alles weit schöner vorgestellt, als man es findet», so sei es ihm «mit Rügen, dem Meer und allen grossen Städten» gegangen. Aber obwohl ihm das Meer «nicht gross genug» war, wie Walter Muschg dazu sagt, hat es ihn – zusammen vielleicht mit dem «Nasenbein von einem Walfisch, das doppelt so lang oder gar dreifach wie ich war, seine ungeheuren Kinnbacken», die er in Altona gesehen hatte – zwanzig Jahre später zu einer geradezu irrwitzigen literarischen Posse inspiriert. 

Und so finden wir im «Neuen Berner Kalender für das Jahr 1842» einen dieser fulminanten Eröffnungssätze des Autors: «Ein Morgen dämmerte, eine grosse Stadt lag vor mir, hinter ihr das unendliche Meer, mit Schnee war das Land bedeckt. Ich stürzte durch die nächsten Gassen an des Meeres Strand, durch wogendes Gedränge dem Hafen zu.» Und dramatisch geht es weiter in diesen «Reisebildern aus den Weltfahrten eines Schneiders»: «Hundert Ellen lang wiegte sich dort in des Meeres schäumendem Schosse ein furchtbares Ungetüm, mit mannsdicken Fesseln gebunden an des Hafens Damm. Turmhoch spritzten die Wasser aus den geöffneten Toren seines unförmlichen Kopfes, fürchterlich peitschte dessen Schwanz die Wasser zu donnernder Brandung auf.» 

Ist dies noch gängige Ungeheuerrhetorik, sehen wir uns mit dem nächsten Satz in ein phantastisch-technizistisches Setting katapultiert, das die letzten Illusionen realistischen Erzählens beseitigt: «Weit klafften voneinander auf dessen Rückens Mitte mächtige Flügeltüren, hinter ihnen gähnte ein finsterer Schlund, Treppen von glänzendem Holze, gerandet mit strahlenden Messinggeländern, führten in die Tiefe, Kahn um Kahn glitschte durch sichere Bahn an des Ungeheuers Mitte, Treppen senkten sich von oben nieder, Menschenschar um Schar wogte hinauf, betrat das Tor, verlor sich in die Tiefe. Staunend stand ich an des Ufers Rand, die herandrängende Masse warf mich in einen Kahn, Stoss um Stoss förderte mich willenlos auf des Ungeheuers Rücken, durch die klaffenden Tore, hinunter über die glänzenden Treppen in die gähnende Tiefe.» Wo «in herrlichem Saale von funkelnden Kronleuchtern aus blendendes Gaslicht wie Sonnenglanz durch die weiten Räume» strahlt. 

Und hier unten erzählt eine Dame dem «Lappi» aus dem «berühmten Lande Bern», was es mit diesem Gefährt auf sich habe. Ein Engländer sei «auf den Einfall gekommen, Walfische für Dampfschiffe zu gebrauchen. Man habe nun die allergrössten, die man habe auftreiben können, lebendig eingefangen und sie ausgehöhlt bis an Herz, Lunge und Leber, so dass ein grosser Platz entstanden, die Walfische aber doch lebendig geblieben seien. Den Platz habe man nach der allerneusten Mode ausstaffiert und die Walfische wohl dressiert, dass man sie leiten könne, wohin man wolle. Da brauche man nun weder Holz noch Kohlen, es sei schön warm darinnen, und es gehe zehnmal geschwinder, als ein gemeines Dampfschiff. Und, was das Beste sei, wenn es Sturm gebe, so fahre man durch die Tiefe des Meeres, wo alles schön still sei, und von Seekrankheit sei keine Rede.» 

Hemmungslose Fabulierlust 

Auch wenn die Adjektive, die Gotthelf da seinem kecken Schneiderlein anmisst (das die Länge des Wals selbstverständlich in Ellen mitteilt), wie aus dem Versandhauskatalog anmuten mögen: Dem Auftakt dieser wilden Burleske eignet eine geradezu expressionistische Qualität, in einem Stück hemmungsloser Fabulierlust, wie sie in der Schweizer Literatur nicht nur des 19. Jahrhunderts rar ist. «Gipfel des aggressiven Übermuts» hat Walter Muschg die «Weltfahrten» genannt. In unerhörter Dynamik wird hier ein wahrer Höllensturz evoziert, wobei das winterliche Setting eine ganz eigene düstere Note beisteuert, bevor das Ganze auch schon in harmlose Satire umschlägt. 

Erheiternd, den in zeitgenössischen Seeabenteuern populären, «fehlbesetzten» Schneidergesellen für einmal nicht mit dem Walfang, sondern mit dem Wal selber assoziiert zu sehen. Bemerkenswert das travestierte Jona-Motiv, das Konzept des Wals als Beförderungsmittel und schliesslich die Vorstellung vom Wal als Maschine. An Jona scheint auch der Theologe Bitzius (dem das Konzept des Leviathan selbstverständlich vertraut war) nicht gedacht zu haben. Es dominiert ein pikareskes Erzählen in der Tradition Münchhausens (dem explizit Reverenz erwiesen wird), unbekümmert um alle technischen, physikalischen oder biologischen Gegebenheiten. Gotthelf, der sich gerade in den für den «Berner Kalender» – dessen Ausgaben von 1840 bis 1845 er als Redaktor betreute – verfassten Erzählungen für das Los der geschundenen Kreatur eingesetzt hat, lässt den Wal hier nicht als Tier und kaum als Lebewesen in Erscheinung treten. Nur einmal heisst es, er «stöhnte und grunzte oft, als ob er sagen wollte, ich sollte ihm wieder flicken, was man beim Aushöhlen unachtsam zerrissen». Zuletzt wird ein Niesanfall des Wals das Schneiderlein durch dessen Nasenlöcher wieder hinausspedieren. 

Dieser Wal ist nicht mehr, wie in früheren phantastischen Einfällen, etwa bei Chamisso oder Julius von Voss, Zugtier. Was dann fast hundert Jahre später, in Jules Vernes Walfängerroman «Les Histoires de Jean-Marie Cabidoulin» (1901), doch eher bieder anmuten wird: «Übrigens haben mehrere Gelehrte berechnet […], wie gross die Kraft einer ausgewachsenen Cetacee sei. Ein dreiundzwanzig Meter langer und etwa siebzig Tonnen schwerer Walfisch soll nach ihnen hundertvierzig Dampfpferdekraft, also soviel wie die Kraft von vierhundert lebenden Pferden, d. h. aber noch mehr haben, als heutzutage die vervollkommnetsten Locomotiven entwickeln. Vielleicht lassen sich die Schiffe, wie der Doctor Filhiol sagte, dereinst noch von einem Gespann von Walfischen schleppen.» 

Ihm ist Gotthelf «technisch» jedenfalls weit voraus. Sein Wal ist zum Transporttier, ja zur eigentlichen Tiermaschine geworden. Ob er gar Chamissos Rede vom Dampfschiff als dem «ersten warmblütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist», gekannt hat? Wenn Giorgio Manganelli noch 1979 Wale «mächtige Schiffe aus Fleisch, weiche, fleischliche Maschinen, die sich in den Ozeanen tummeln», nennt, dient die technische Metaphorik hier erkennbar der Überhöhung des Tiers, das im Übrigen aus der Begegnung mit menschlicher Technik alles andere als Gewinn zog. 

Das mythische Ungeheuer wird Maschine 

Dieses Bild vom Wal als Maschine findet sich auf merkwürdige Weise in der auffallend sterilen Erzählung «Das Märchen vom Walfisch» des deutschen Schriftstellers Rudolf G. Binding. Der Clou hier ist, dass die Maschine, das Schiff, in einen Wal verwandelt wird – durch den Wal selber, so dass ein kleiner Junge, Gibnichtauf, sich unversehens in dessen Gehörgang wiederfindet. «<Damit du es nur weisst>, fuhr der Fisch fort, <eigentlich ist es eine traurige Geschichte, die ich zu erzählen habe, und nur durch dich ist sie gut ausgegangen.> <Erzähle>, sagte Gibnichtauf. <Nun>, sagte der Walfisch, <ich wollte einmal ein grosses Schiff werden und den Menschen dienen. […] Es war schön zu meinen, nicht mehr ein dummer Fisch zu sein, sondern ein zielbewusstes Schiff und einen Kapitän zum Freund zu haben. Kurz ich wünschte mir, ein Dampfer zu werden, und ich wurde es.> […] Gibnichtauf horchte genau hin, was der Walfisch sprach. <Könntest du dich denn wieder in ein Schiff zurück verwandeln?> fragte er begierig. <Augenblicks>, sagte der Fisch, <ich habe mich doch damals verwandelt – aber ich werde mich hüten!>» 

Der kleine Junge bringt den Wal schliesslich doch noch dazu, sich wieder in ein Schiff zurückzuverwandeln, so dass er den Gehörgang verlassen kann. Zuletzt wird so die Maschine wieder über die Natur triumphiert haben. Die zugleich simple und vertrackte, erst 1951 postum erschienene Geschichte trägt die Bezeichnung «Märchen» wohl eher aus Verlegenheit. Interessanterweise finden sich hier bei Binding, wohlgelitten im «Führerstaat», 1938 verstorben, Ansätze zu einem Gedankengang, den Carl Schmitt in «Land und Meer» (1942) entwickelt hat. In dieser «weltgeschichtlichen Betrachtung» kommt der «schwarze Mann des deutschen Staatsrechts im 20. Jahrhundert» (Ernst Osterkamp) erneut auf den Leviathan zu reden. Nun geht es nicht mehr – wie in seinem 1938 erschienenen «Leviathan» – in erster Linie um die Metapher für den absolut gesetzten Staat Hobbes', sondern um die konkreten Herkunftsbezüge eines Symbols.

British Museum
1806 Gillray Political Satirical Aquatint of A Tub for a Whale (Bild: The British Museum)

Der Essay, der «Tochter Anima erzählt», handelt wesentlich von England, dem Gegner im Krieg, dem zwar immer noch Respekt gezollt, dessen historische Epoche jedoch als überwunden, dessen Zeitalter als zu Ende gegangen erklärt wird. England, im 19. Jahrhundert in seinem Kampf mit dem Bären Russland als Walfisch bezeichnet, verstanden als «der grosse, mythische Fisch, der Leviathan». Doch als es auf dem Höhepunkt seiner Macht schien, im 19. Jahrhundert, habe ein innerer Wandel «das elementare Wesen des grossen Leviathan berührt». Denn die grosse Seemacht war inzwischen auch zur grossen «Maschinenmacht» geworden, und es «verwandelte sich der Leviathan aus einem grossen Fisch in eine Maschine». Die industrielle Revolution habe «die aus dem Element des Meeres geborenen Kinder der See in Maschinenbauer und Maschinenbediener» verwandelt. Ein völkischer Unterton ist nicht zu überhören, wenn Schmitt schreibt: «Die kühnen seemännischen Leistungen der Segelschiffe, die hohe Kunst der Navigation, die harte Zucht und Auswahl eines bestimmten Menschenschlages, alles das verblasste in der Sicherheit des modernen, technisierten Seeverkehrs.» 

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