Niedrige Löhne, explodierende Mieten und teurer Wohnraum machen Griechenlands junge Erwachsene immer abhängiger von ihren Eltern – mit Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft.
Was lange als vorübergehende Unterstützung galt, entwickelt sich zunehmend zum Dauerzustand: Immer mehr junge Erwachsene sind finanziell auf ihre Eltern angewiesen. Während in den USA laut aktuellen Studien 42 Prozent der Erwachsenen Geld von der Familie erhalten, zeigt sich das Problem in Griechenland noch deutlich schärfer.
Die Ursachen liegen weniger in mangelnder Eigenverantwortung als in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Trotz Beschäftigung reichen die Einkommen vieler junger Menschen nicht aus, um Miete, Lebenshaltungskosten und Rücklagen gleichzeitig zu finanzieren. Die Folge ist eine Generation, deren wirtschaftliche Selbstständigkeit immer weiter nach hinten verschoben wird.
Besonders alarmierend ist die Situation auf dem griechischen Wohnungsmarkt. Mehr als die Hälfte der 25- bis 34-Jährigen lebt weiterhin im Elternhaus. Im europäischen Vergleich gehört Griechenland damit zu den Schlusslichtern bei der wirtschaftlichen Unabhängigkeit junger Menschen. Wer ausziehen möchte, scheitert häufig an den hohen Mieten, steigenden Immobilienpreisen und einem Lohnniveau, das mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt hält.
Explodierende Mieten
Wie dramatisch sich die Lage entwickelt hat, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Seit 2017 sind die Preise für Wohnimmobilien in der Region Attika um 88 Prozent gestiegen, landesweit um 69 Prozent. Die Mieten legten seit 2019 um rund 35 Prozent zu. Gleichzeitig beträgt der gesetzliche Mindestlohn lediglich 830 Euro brutto im Monat, das durchschnittliche Bruttogehalt liegt bei rund 1'325 Euro und damit nur etwa halb so hoch wie im EU-Durchschnitt. Nach Angaben von Eurostat müssen Haushalte in Griechenland inzwischen 35,2 Prozent ihres Einkommens für das Wohnen aufwenden – der höchste Wert innerhalb der Europäischen Union.
Ein wesentlicher Grund für die Wohnungsnot liegt in den Folgen der Staatsschuldenkrise. Während die Immobilienpreise nach ihrem Einbruch inzwischen wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben, liegen die Realeinkommen laut OECD noch immer deutlich unter dem Niveau von 2009. Gleichzeitig wurde während der Krisenjahre kaum gebaut. Zwischen 2001 und 2011 entstanden rund 920.000 neue Wohnungen, in den zehn Jahren danach jedoch nur noch etwa 155.000. Nach Schätzungen fehlen dem Land inzwischen mehr als 200.000 Wohnungen.
Die «Bank von Mama und Papa» finanziert deshalb längst nicht mehr nur außergewöhnliche Ausgaben wie den Erwerb einer ersten Wohnung oder ein Masterstudium. Oft übernehmen Eltern laufende Kosten wie Miete, Versicherungen oder alltägliche Ausgaben. Für viele junge Erwachsene wird familiäre Unterstützung damit vom Sicherheitsnetz zum festen Bestandteil des Haushaltsbudgets. Immer häufiger sind sogar Menschen Mitte 30 gezwungen, wieder ins Elternhaus zurückzukehren, weil sie sich ihre bisherige Wohnung nicht mehr leisten können.
Verschärfte demografische Krise
Diese Entwicklung birgt erhebliche Risiken. Nicht alle Familien können ihre Kinder finanziell unterstützen. Dadurch wachsen soziale Ungleichheiten weiter, denn der Start ins Berufs- und Erwachsenenleben hängt zunehmend vom Vermögen der Eltern ab. Wer auf keine familiären Reserven zurückgreifen kann, hat deutlich schlechtere Chancen, Vermögen aufzubauen oder Wohneigentum zu erwerben.
Für Griechenland ist dies mehr als ein individuelles Problem. Die anhaltende Abhängigkeit junger Erwachsener bremst Familiengründungen, verschärft die demografische Krise und belastet langfristig die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Viele junge Paare verschieben den Kinderwunsch, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden. Bereits heute sterben in Griechenland deutlich mehr Menschen, als geboren werden, und Prognosen gehen davon aus, dass bis 2050 mehr als ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein wird. Der Bevölkerungsschwund dürfte das Wirtschaftswachstum zusätzlich bremsen und die Finanzierung des Sozialstaats erschweren.
Die Regierung versucht gegenzusteuern. Junge Paare werden beim Erwerb von Wohneigentum durch zinsgünstige Kredite und Steuererleichterungen unterstützt. Gleichzeitig sollen Eigentümer leerstehender Wohnungen durch steuerliche Anreize zum Vermieten bewegt werden. Weitere Vergünstigungen sollen verhindern, dass zu viele Wohnungen dauerhaft als Ferienunterkünfte über Plattformen wie Airbnb vermarktet werden.
Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch nicht darin, junge Menschen oder ihre Eltern zu kritisieren. Vielmehr braucht Griechenland tiefgreifende Reformen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Solange Löhne hinter den Lebenshaltungskosten zurückbleiben und bezahlbarer Wohnraum knapp bleibt, wird die finanzielle Unterstützung durch die Eltern für viele keine Übergangslösung, sondern zur neuen Normalität. Die «Bank von Mama und Papa» bleibt damit eine der wichtigsten Finanzierungsquellen einer ganzen Generation – mit weitreichenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen