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Höhlenmalereien von Lascaux

Wenn eine Kopie zum Original wird

4. August 2026
Fabrizio Brentini
Lascaux

Seit zehn Jahren ermöglicht das vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta entworfene Lascaux IV das Betrachten der weltberühmten prähistorischen Höhlenmalereien. Die Stätte kann weltweit als Modell für die Rettung sensibler Kunstwerke dienen. 

Begonnen hat der Hype um Lascaux mit der zufälligen Entdeckung der Höhle – später als Lascaux I bezeichnet – und ihrer prächtigen Malereien durch vier Jugendliche am 12. September 1940. Den Fachleuten, die gleich anschliessend eine erste Sichtung vornahmen, war die überragende Bedeutung des Fundes sofort klar. 1948 öffnete man das Höhlensystem, das aus drei Gängen mit einer Gesamtlänge von 250 Metern besteht, den Touristen, die allerdings schon bald mit ihren Ausdünstungen den sensiblen Malereien zusetzten. Trotz aufwändiger Regulierung der Feuchtigkeit und der Temperatur konnte insbesondere der Schimmelbefall nicht unterbunden werden, sodass der Besuch ab 1963 nicht mehr möglich war. 

Lascaux II und IV

1983 entstand in unmittelbarer Nähe zum Original die Rekonstruktion der zwei Hauptsäle: Lascaux II, das nach wie vor zugänglich ist. Lascaux III bezieht sich auf eine 2012 gestaltete Wanderausstellung, bestückt mit Replikas. 2016 wurde die nächste, nun jedoch vollständige Kopie der Originalhöhle von einem gewaltigen Bau ummantelt: Lascaux IV. Den Auftrag erhielt nach einem Wettbewerb mit 163 Teilnehmenden das inzwischen weltberühmte Team Snøhetta, das mit der neuen Bibliothek von Alexandria für Furore sorgte und mit der Oper in Oslo das neue Wahrzeichen der norwegischen Hauptstadt schuf.

Lascaux Gebäude Detail

Lascaux IV ist ein Monumentalbau, ohne jedoch so zu wirken. Das hat wesentlich mit der Grundidee zu tun, alle benötigten Räumlichkeiten in einem niedrigen, aber extrem langgezogenen Riegel unterzubringen. Das Ganze erscheint wie eine plastisch geformte Stützmauer am bewaldeten Hügel, unter dem sich die originale Höhle befindet. Die Hauptfront setzt sich aus einem Sichtbetonrahmen und grossflächigen Fenstern zusammen. Der mit glatten Schalungen gegossene Beton wurde mit aufgerauten horizontalen Bändern strukturiert. Ein Weg führt entlang der Abschlusskante und gewährt einen betörenden Blick auf die Umgebung. Hier stellt man auch fest, dass die Bedachungen weitgehend begrünt sind und mit dazu beitragen, dass der ganze Bau ausgesprochen diskret gehalten ist.

Kanalisiertes Kunsterlebnis

Die majestätische Empfangshalle dient dazu, den Besucherstrom zu kanalisieren. Alle fünf Minuten wird ein Rundgang gestartet, entweder mit einer Führung oder – über Mittag – selbstständig mit einem Audioguide. Zunächst führt ein Lift in die obere Zone und nach dem Passieren eines grösseren Raumes mit einer filmischen Einführung in einen offenen, verwinkelten Gang, der in den Hang geschnitten und von diesem mit Mauern aus Bruchsteinen abgegrenzt ist.

Lascaux IV

Der Zugang führt zu einer Schleuse, die zur perfekten Nachbildung der originalen Höhle öffnet. Wer schon Lascaux II besichtigt hat, wird sogleich den Unterschied des Beleuchtungskonzepts bemerken. Dort sind die Räume grell ausgeleuchtet, während in Lascaux IV sich die Augen an das stark gedimmte Licht gewöhnen müssen. Lediglich die wichtigsten Figurengruppen werden aufgehellt, während die Umgebung abgedunkelt bleibt. 

Der Ausgang führt in den zentralen Erschliessungsgang, von dem aus man zunächst in eine grosse Halle tritt, die sowohl ausstellungstechnisch wie auch architektonisch begeistert. Noch einmal wird man mit den Malereien konfrontiert, die aber hier fragmentiert als Schalen frei im Raum hängen. Gehalten werden sie von Metallstangenbündeln, welche an der Decke Lichtluken umranden. So begibt man sich von Station zu Station und ist so fast simultan sowohl in als auch ausserhalb der Höhle in einem einmaligen Ausstellungsambiente.

Lascaux Ausstellung

In den drei letzten Räumen, die ebenfalls vom Erschliessungsgang aus betreten werden, inszenierten die Verantwortlichen in drei Akten eine multivisionelle Schau zur Rezeption der prähistorischen Höhlenmalereien und zur längst nicht abgeschlossenen Forschung. Allerdings ist die Präsentation wenig fesselnd und alles andere als überzeugend. 

Lascaux I gegen Lascaux IV

Nur ein hartgesottener Purist dürfte an der Kopie herummäkeln und den unüberwindbaren Graben zwischen Original und Replik herbeireden. Die heute zur Verfügung stehenden Techniken für ein Faksimile sind derart entwickelt, dass eine so zustande gekommene Kopie sich nicht mehr vom Original unterscheiden lässt. Es müsste schon eine Person mit vertieften chemischen Kenntnissen und entsprechenden Werkzeugen engagiert werden, um das Original zweifelsfrei bestimmen zu lassen.

Lascaux Malereien

Es ist der alte philosophische Streit, der auch in diesem Zusammenhang die ontologische Frage stellen lässt. Was genau sind die Höhlenmalereien von Lascaux? Nur die Bilder in der kaum mehr betretbaren originalen Höhle oder auch die Kopien? Sollte die Originalsubstanz aus was für Gründen auch immer buchstäblich verblassen, gäbe es Lascaux dann nicht mehr, auch wenn mit Lascaux IV ein gleichwertiger Ersatz bestaunt werden kann? 

Die Musik und die Literatur haben es leichter, weil niemandem einfallen würde, lediglich die Partitur oder das Manuskript als echtes, nicht kopierbares Kunstwerk gelten zu lassen. Selbst in der Architektur akzeptiert man den Nachbau als authentisches Werk, sollte das Original zerstört werden – man denke an all die Rekonstruktionen in deutschen Städten nach dem Krieg. 

An den Werken der bildenden Kunst haftet jedoch die Aura des Einmaligen, die durch nichts zu ersetzen ist. Lascaux IV zeigt eine Alternative auf: Die Kopie wird als solche deklariert, ohne dass das Seherlebnis beeinträchtigt wird. Es ist meiner Ansicht nach eine vernünftige Strategie, verletzliche Werke für die Zukunft zu bewahren, ohne ihnen den Wert des Kunstwerks abzusprechen.

Fotos: © Fabrizio Brentini

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