Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Debatte zu dritt

Türkei: Zehn Jahre wachsender Repression – gibt es Hoffnung für Demokratie?

4. August 2026
Tim Guldimann
Tim Guldimann
Guldimann etc.
Tim Guldimann (Mitte) debattiert mit Aslı Erdoğan (links) und Can Dündar (rechts)

Aslı Erdoğan ist eine türkische Autorin und Menschenrechtsaktivistin, Trägerin vieler Literaturpreise, frühere Teilchenphysikerin am CERN. Sie wurde 2016 verhaftet und verbrachte ein halbes Jahr im Gefängnis. Heute lebt sie in Berlin im Exil. Can Dündar ist türkischer Journalist und Autor, Dokumentarfilmer und ehem. Chefredakteur der Zeitung «Cumhuriyet». 

Er deckte 2015 die türkischen Waffenlieferungen an IS-Milizen in Syrien auf, wurde verhaftet, verurteilt und überlebte einen von der Regierung organisierten Mordanschlag. Heute lebt auch er im Exil in Berlin.

Kann man von aussen verstehen, was Repression für die Betroffenen bedeutet? – Can Dündar: «Wenn du nachts mit einem kleinen Gepäck neben dem Bett schläfst und erwartest die Polizei früh morgens, dann ist es sehr schwierig, das von aussen zu verstehen. Churchill sagte: ‘Wenn jemand um 5 Uhr morgens klopft und du weisst, es ist der Milchmann, dann lebst du in einer Demokratie.‘ In der Türkei sind wir sicher, es ist die Polizei. (…) Es ist das Klima der Angst. (…) Es gibt solche Momente der Geschichte, wo Menschen in Angst leben und die Stalinzeit war eine davon.» 

 Aslı Erdoğan sass selbst ein halbes Jahr im Gefängnis: «Wir wissen, dass wir sterblich sind. (…) Ich suchte in meinem Leben immer das sehr, sehr Extreme der menschlichen Erfahrung. Ich habe sehr viel über KZ gelesen, KZ-Literatur. (…) Ich hatte als 5-Jährige meine erste Erfahrung eines Polizeiüberfalls. (…) Meine wichtigste Frage war: Wie erzählst du das Trauma? Müssen wir es? Ich finde, ja. (…) Trauma, Faschismus und im gleichen Sinne Angst führen zu Brüchen (in uns): Ein Teil von dir überlebt, ein Teil von dir ist vielleicht der Kämpfer, aber ein Teil von dir stirbt; ein Teil vergisst, ein Teil erinnert sich; ein Teil ist Verräter, ein Teil wird verraten. Und diese Teile verlieren den Kontakt zueinander: Wir verlieren den Kontakt zum Opfer in uns.»

Gibt es einen politischen Trend in der Türkei gegen Erdoğan zugunsten der demokratischen Kräfte, wie sich das in den letzten Wahlen abzeichnete, oder ist noch mehr Repression zu erwarten? Dündar: «Der wichtigste Wächter des Säkularismus war immer die Armee, sie ist das wichtigste Hindernis für Erdoğan. Seine Strategie war, die Armee loszuwerden von dieser politischen Rolle und sie in die Kasernen zurückzusenden. Dafür musste er die Europäer und die Liberalen in der Türkei überzeugen. Dafür spielte er den weichen liberalen Islamisten. Das war sehr erfolgreich. (…) Dann brauchte er die Liberalen und Europa nicht mehr. (…) Ab 2015 hatte er einen anderen Hebelarm: die Flüchtlinge. Seither kämpfen wir mit seiner Autokratie.(…) Wenn es faire Wahlen in der Türkei heute gäbe, würde er sie verlieren. Aber wie soll es faire Wahlen geben unter diesen Umständen, wo er alles konrolliert. (…) Nach einem Vierteljahrhundert an der Macht kann er den Menschen nichts mehr versprechen.»

Aslı Erdoğan: «Ich erwarte, dass sich Europa weiterhin an seine Werte hält. Aber ich glaube, wir gehen durch dunkle Zeiten in der ganzen Welt.(…) Wenn du in der Türkei über Menschenrechte sprichts, lachen die Menschen dich aus.»

Dündar: «Wir spüren viel Unterstützung von europäischen Menschen und Organisationen (…) wie PEN oder Amnesty.(…) Aber ich erwarte nie, dass Regierungen uns unterstützen, weil ich weiss, dass sie ihre Werte ihren Interessen opfern. (…) Sie stoppten den Flüchtlingsstrom vor zehn Jahren und wir bezahlten den Preis dafür, wir waren im Gefängnis und die europäischen Regierungen schauten weg. Heute haben wir eine Autokratie. (…) Der Hauptgegner von Erdoğan ist im Gefängnis und die Europäer glauben immer noch, dass es in der Türkei eine Demokratie gebe. (…) Wir haben leider eine Koalition von Regierungen vor uns und Europa gehört dazu.»

Werdet ihr einmal aus dem Exil zurückkehren? Dündar: «Ich habe viel über deutsche Intellektuelle gelesen, die in den 30er-Jahren ins Exil gingen. (…) Da gab es optimistische Beispiele wie Reuters, der nach dem Krieg zurückgekommen ist und Bürgermeister von Berlin wurde und wir haben das Beispiel von Stefan Zweig. So wissen wir nicht, was aus uns wird.»

Bücher:
Can Dündar: Ich traf meinen Mörder: Ein Journalist und die dunklen Seiten der Macht. Galiani Verlag, Berlin 2025 – Link 
Aslı Erdoğan: Die Stadt mit der roten Pelerine. Unionsverlag, 2018 – Link

Guldimann
Spotify Podcast Logo
Apple Podcast Logo

Journal 21 publiziert diesen Beitrag in Zusammenarbeit mit dem Podcast-Projekt «Debatte zu dritt» von Tim Guldimann.

Letzte Artikel

Wenn da nur dieser Querschläger nicht wäre …

Heiner Hug 16. September 2026

«Charm» in der Villa Flora

Urs Meier 15. September 2026

Gefeiert in Venedig, bedrängt in Teheran

Farhad Payar 14. September 2026

Knapper Vorsprung

14. September 2026

Die Huthi am Bab al-Mandeb

Reinhard Schulze 13. September 2026

Die nützliche Verschwörungstheorie der israelischen First Lady

Ignaz Staub 13. September 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.