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Debatte zu dritt

Merkel und die Sehnsucht nach Zuversicht

4. August 2026
Tim Guldimann
Tim Guldimann
Guldimann Debatte

Die Ex-Kanzlerin und die Sehnsucht nach Zuversicht: Gründet Ihre grosse Beliebtheit auf politischer Leistung oder Nostalgie? – Tim Guldimann diskutiert mit dem Historiker und Journalisten Ralph Bollmann und der Journalistin Sheila Ananda Dierks.

Für Sheila Ananda Dierks ist Merkel «eine Person, mit der ich erwachsen geworden bin, die immer eine Sicherheit ausgestrahlt hat, dieses Land irgendwie zu führen. Ich glaube, das Nostalgiegefühl kam erst im frühen Erwachsenenalter.» Ihre Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit, «das ist, was meine Generation vermisst. Und was ich ihr auch noch zuschreiben würde, ist in jedem Fall Menschlichkeit, die mir heute eher fehlt.»

Ralph Bollmann hat eine umfangreiche Biografie über Merkel geschrieben. Er bewundert die Kanzlerin, «die bis zu ihren Dreissigern in einem sozialistischen System lebte, wo sie so eine Nischenexistenz hatte, dann in einer relativ schnellen Karriere irgendwann die grosse Weltpolitikerin ist und die ganze europäische Bühne dominiert», (und das in der) «Abfolge von Weltkrisen, die immer grösser wurden. (..) Wie sie dabei auch als Person die Bodenhaftung behielt und eben nicht diese Eitelkeit eines Gerhard Schöder oder Friedrich Merz hatte, das hat mich schon immer beeindruckt.»

Wenn ich mich so umhöre in meinen Kreisen, wenn ich schaue, wie sehen das andere junge Menschen, das höre ich tatsächlich auch immer wieder, dass sie mittlerweile auch kultig ist, die Merkelraute, ihre kecken Sprüche. Mir werden immer wieder bei Tik-Tok und Instagram Videos reingespühlt, wo Merkel vermisst wird. Bei den jungen Menschen, bei den 18- bis 29-Jährigen sind es ein Drittel, die sich Merkel zurückwünschen, bei den über 65-Jährigen ein Fünftel»

Und Dierks weiter: «Merkel hat etwas verändert als erste Frau in diesem Amt. Das ist auch etwas, das sie jungen Menschen mitgegeben hat, dass es selbstverständlich ist, dass eine Frau ein so hohes Amt ausführt. Und das auch in Zeiten, in denen sie mit Putin, Trump und vielen anderen männlichen Kollegen auf dem Niveau der Weltpolitik verhandelt hat. Sie hat sich davon nie einschüchtern lassen.» 

Bollmann sieht «die Haupttriebkraft ihrer politischen Karriere, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wollte von diesen Typen», auch innenpolitisch in ihrer Partei. «Was aber schon speziell ist und anders, als es die meisten Männer machen, ist, wie sie diese Kämpfe geführt hat. Sie ist ja nicht aggressiv in den Nahkampf gegangen, sondern sie hat mit ziemlicher Nervenstärke nüchtern rational abgewartet, bis diese sich mit ihrer männlichen Emotionalität selber zu Fall gebracht haben.»

Aber angesichts all der aufgeschobenen Strukturprobleme der Digitalisierung, Infrastruktur, Verteidigung, beim Klimaschutz und der fatalen Abhängigkeit vom russischen Gas stellt sich die Frage, ob Stabilität nicht mit den hohen Folgekosten von Merkels Versäumnissen erkauft worden waren, die dann das Scheitern der Ampel mitverursacht haben. Dem stimmt Bollmann zu: «Da sind viele Sachen gar nicht so, wie das holzschnittartig in der Öffentlichkeit gesehen wird. Ich sehe zum Beispiel ihr Management der Eurokrise gar nicht so positiv.»

In Dierks Urteil bleibt jedoch die menschliche Qualität entscheidend: «Wenn ich mir jemanden aussuchen könnte, mit dem ich ein Bier trinken gehe, dann wäre es Angela Merkel. Wer mit 71 behaupten kann, dass das junge Menschen von einem sagen, das ist schon was Besonderes.»

Buch: Ralph Bollmann: Angela Merkel: Die Kanzlerin und ihre Zeit, C.H. Beck, 2021

Essay von Sheila Ananda Dierks über Merkel:

https://www.spiegel.de/start/angela-merkel-wird-70-junge-generation-vermisst-ex-kanzlerin-a-9ae6a819-a141-4c7f-9b36-be9a5d33e1bf

Guldimann
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Journal 21 publiziert diesen Beitrag in Zusammenarbeit mit dem Podcast-Projekt «Debatte zu dritt» von Tim Guldimann.

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