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Geschichte

Das Vermächtnis der Kiewer Rus

5. August 2026
Gastbeitrag
Gastbeitrag
Sophien-Kathedrale, Kiew
Prozession im März 2026 von ukrainisch-orthodoxen Gläubigen vor der Sophien-Kathedrale in Kiew. Sie entstand im 11. Jahrhundert unter dem Kiewer Fürsten Jaroslaw der Weise und gilt als eines der wichtigsten Bauwerke der christlichen Orthodoxie. (Foto: Keystone/EPA/SERGEY DOLZHENKO)

Das Kiewer Reich zerfiel im 13. Jahrhundert. Die Ukraine und Russland sehen sich beide als Nachfolgestaaten. Die Ukraine hat dabei die besseren Argumente. Ein Gastbeitrag von Martin Bornhauser. 

Die Ukraine und Russland beanspruchen, Erben des Kiewer Reiches zu sein. Beiden ist dies wichtig, jedoch aus unterschiedlichen Gründen: Der Ukraine, weil viele Ukrainer die Kiewer Rus als Teil ihrer Geschichte und Identität sehen. Russland pocht darauf, alleiniger Nachfolgestaat des Kiewer Reiches zu sein, um den – imperialen – Anspruch des selbsternannten „Big Russian Brothers“ auf die Ukraine (und Belarus) zu begründen. 

Der Kreml versucht so, den brutalen Angriffskrieg auf die Ukraine zu legitimieren. Wie Andreas Kappeler, emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte, schreibt, messen die Menschen in Russland dem Thema Rus-Nachfolge jedoch laut Umfragen eine kleine und geringere Bedeutung zu als jene in der Ukraine. 

Christianisierung als Einschnitt in der Kiewer Rus

Das mittelalterliche Kiewer Reich wurde in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts durch die Wikinger gegründet, die auf den Flüssen Dnipro und Don Handelswege von der Ostsee in Richtung Süden nach Byzanz erschlossen. Kiew wurde zum Zentrum der multiethnischen Kiewer Rus, die aus verschiedenen Fürstentümern bestand und dezentral organisiert war. Moskau gab es damals noch nicht, eine Siedlung auf dem Gebiet des heutigen Moskau wird erstmals im 12. Jahrhundert erwähnt. Russland, das aus dem Moskowiter Reich hervorging, fehlen damit historisch und geographisch gesehen die Argumente, um das Erbe des Kiewer Reiches für sich in Anspruch zu nehmen.

Prägend für die Kiewer Rus war die Christianisierung 988. Wieso Grossfürst Wolodymyr den orthodoxen Glauben annahm, ist umstritten: Eine Erklärung lautet, er habe den byzantinischen – und orthodoxen – Kaiser Basil II. unterstützt im Kampf gegen Herausforderer und als Gegenleistung verlangt, Anna, die Schwester Basils zu heiraten. Da Wolodymyr sich schon vorher überlegt habe, den orthodoxen Glauben anzunehmen, sei es für ihn opportun gewesen zu konvertieren. Andere Quellen besagen, Volodymyr habe Anna heiraten wollen und der byzantinische Kaiser habe die Übernahme des orthodoxen Glaubens zur Bedingung gemacht. 

(Der orthodoxe Glauben sollte später für die ukrainischen Kosaken ein wichtiger Grund sein, sich Mitte des 17. Jahrhunderts mit dem orthodoxen russischen Zarenreich – temporär – gegen Polen/Litauen zu verbünden.) 

Die Praxis des orthodoxen Glaubens unterschied sich aber: Während in Byzanz und später in Russland (aber auch über Jahrhunderte vielerorts in Westeuropa) die Überzeugung herrschte, der Kaiser oder Zar sei von Gott eingesetzt und unantastbar, übernahm die Kiewer Rus diese Sicht nicht. Man kann eine Parallele ziehen zu den orthodoxen ukrainischen Kosaken und zur heutigen Ukraine, wo die Menschen Rechte und Freiheiten besassen und besitzen und ihren Chef beziehungsweise Präsidenten selbst wählen und abwählen konnten und können. (Und wenn ein Kosakenchef sich als von Gott eingesetzt bezeichnete, war dies eher Rhetorik, da seine Macht begrenzt war.)

Dies widerlegt die manchmal von westlichen Historikern vertretene These, der orthodoxe Glaube sei der Grund dafür, dass sich in Russland die Autokratie durchsetzte. Offensichtlich unterlag die Entwicklung des Moskowiter Reiches und des späteren russischen Reiches anderen Einflüssen, die es prägten: Der Beeinflussung durch die Mongolen, wobei es auch Quellen gibt, wonach die Mongolen schon bestehende autokratische Strukturen in Moskau noch verstärkten.

Zerfall des Kiewer Reiches

Die Kiewer Rus zerfiel im 13. Jahrhundert, als die Mongolen die Stadt Kiew 1240 zerstörten. Doch war das Reich schon zuvor durch Nachfolgeprobleme geschwächt und befand sich im Niedergang: Nachdem Grossfürst Wolodymyr 1015 gestorben war, stritten sich seine Söhne um den Thron. Es dauerte mehr als 20 Jahre, bis Yaroslav, einer seiner vielen Söhne, siegreich aus den Nachfolgekämpfen hervorging. Unter ihm erlebte die Kultur noch einmal eine Blütezeit: Er liess in Kiew die Sophienkathedrale errichten. Yaroslav erliess zudem die erste Gesetzessammlung der Rus, ein Vermächtnis, das langfristig Bestand hatte. Doch den Zerfall der Kiewer Rus vermochte das nicht aufzuhalten: Die Nachfolgeprobleme dauerten an und zwischen der Mitte des 12. und 13. Jahrhunderts sassen mehrere Dutzend Grossfürsten auf dem Thron in Kiew.

Aus dem Kiewer Reich entstanden drei Reiche: Im Westen Galizien-Wolhynia (für die nächsten 100 Jahre), im Zentrum das Grossherzogtum Litauen und im Nordosten herrschten die Mongolen (Goldene Horde). Dort gründeten ehemalige Fürsten der Kiewer Rus das Moskowiter Reich, das aber noch längere Zeit ein Vasallen-Gebiet der goldenen Horde war und den Mongolen Tribut zollte. Allerdings befand sich auch Galizien-Wolhynia unter der Hoheit des mongolischen Reiches, wobei nur schon die Distanz mehr Autonomie für das Fürstentum bedeutete. 

Das Grossfürstentum Moskau entstand erst 1340, 100 Jahre, nachdem die Kiewer Rus untergegangen war. Und die in Moskau regierende Dynastie - Nachfahren der Rurikiden-Familie, die das Kiewer Reich gegründet hatte, - starb im 16. Jahrhundert aus. Eine kontinuierliche Entwicklung nach dem Kiewer Reich durch die Moskowiter fand nicht statt. Zudem ist es unplausibel, ein Erbe zu beanspruchen, indem man ein Reich geografisch verpflanzt (von Kiew nach Moskau).

Moskau in der Tradition der Goldenen Horde 

Ein anderes Erbe aber besteht: Das Grossfürstentum Moskau hat die staatliche Organisation und das Militärwesen von der Goldenen Horde übernommen sowie vor allem den Drang, andere Länder zu erobern und sich Widersetzende zu zerstören. Das zeigte sich beispielsweise 1478, als das Moskowiter Reich die Stadtrepublik Nowgorod einnahm. Die Stadt wurde zwar eher oligarchisch als demokratisch regiert, hielt aber Volksversammlungen (Wetsche) ab, an denen auch nicht-adlige Einwohner teilnahmen: Nach der Eroberung schaffte das autoritäre Grossfürstentum Moskau die Volksversammlungen ab, die man mit den Landsgemeinden in der Schweiz vergleichen kann. (Wobei an den Wetschen die gesellschaftliche Oberschicht bestimmte.)

Im Gegensatz dazu gab es im anderen Nachfolgereich des Kiewer Reiches, dem Grossherzogtum Litauen, eine inhaltliche Kontinuität: Von der Kiewer Rus übernahmen die Litauer das Hauptgesetzbuch. Und Ruthenisch, wörtlich die Sprache der Rus, wurde zur Sprache des Litauischen Reiches. Zudem stellten im Grossherzogtum Litauen die Litauerinnen die Minderheit dar; die Rus waren in der Mehrheit. So setzte sich die Kultur der Kyjiwer Rus fort. Ebenso wie im dritten Nachfolgestaat der Kyjiwer Rus, im Fürstentum Galizien-Wolhynien. 

Traditionen der Kiewer Rus präsent in der Ukraine 

Dass Elemente und Traditionen der Kiewer Rus in der Ukraine bis heute überlebt haben, zeigte sich während der Maidan-Proteste 2013/14 in Kiew: Die Protestierenden nannten ihre Versammlungen Biчe (Wetsche). Diese Institution, wie die Volksversammlungen in Nowgorod, stammt aus der Kiewer Rus. In der Ukraine ist diese demokratische Tradition heute noch präsent, während sie das autoritäre Russland vor Jahrhunderten schon abgeschafft hat. Kosakische Autoren sahen im 17. Jahrhundert eine Verbindung zwischen den (ukrainischen) Kosaken und der Kyjiwer Rus: Die Kosaken galten als Verteidiger des „Kyjiwer-Ruthenischen Vaterlandes.“

Auch wenn es keine direkte staatliche Kontinuität von der Kiewer Rus zur heutigen Ukraine gibt und der Staat Ukraine im Mittelalter genauso wie Russland nicht existierte, kann sich die Ukraine darauf berufen, viele Elemente – z.B. auch die Währung Hrywna – der Rus und damit das Erbe übernommen zu haben. 

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