Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Architektur

Prädikat: unbedingt sehenswert

7. März 2026
Fabrizio Brentini
Ispace Calancatal

Zuhinterst im Calancatal mauserte sich die Gemeinde Rossa zu einem erstaunlichen Kunstort mit modernen Häusern, bemalten Kapellen und zahlreichen Holzpavillons. Ermöglicht hat dies RossArte, eine Stiftung unter der Federführung des Architekten Davide Macullo in Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister Graziano Zanardi und weiteren Unterstützern vor Ort.

Wer würde hier eine solche Initiative erwarten? Das Calancatal, das zwar zum Kanton Graubünden gehört, aber wie das Misox zur italienischsprachigen Schweiz zählt, darf ohne Übertreibung als eines der schroffsten alpinen Täler bezeichnet werden. Vom Dorf Grono, das zwischen Bergflanken eingeklemmt ist, biegt die Strasse zum rund 25 Kilometer langen Calancatal ab, und je höher sie steigt, umso schluchtiger wird es. Die wenigen Dörfer schmiegen sich an die Hänge und haben kaum die Möglichkeit, über ihre historischen Grenzen hinauszuwachsen. 

Lebten hier im 18. Jahrhundert noch 3000 Personen, so sind es heute etwa 800, wobei in den letzten Jahren wieder ein minimaler Anstieg erfolgte. Beschäftigungsmöglichkeiten sind rar – ein Steinbruch, wenige handwerkliche Betriebe, etwas Forst- und Alpwirtschaft. Touristisch ist das Tal mit Ausnahme von einsamen Wandererlebnissen wenig ergiebig. Allerdings dürfte der 2024 eröffnete Parco Val Calanca eine gewisse Anziehungskraft entwickeln.

Häuser

Federführend für eine kulturelle Aufwertung des Calancatals war und ist der Tessiner Architekt Davide Macullo, dessen Vorfahren aus Rossa stammen. Er selbst wuchs jedoch in Giornico auf und arbeitete zwanzig Jahre lang als Projektleiter im Büro von Mario Botta. Da blieb ihm etwas Zeit für eigene Projekte, bis er 2000 mit einem kleinen Team in Lugano ein Atelier gründete. 

Macullo blieb in der Rezeption der neueren Tessiner Architektur unter dem Radar der an Baukunst Interessierten, was angesichts seiner umfangreichen Werkliste erstaunt, konnte er doch bemerkenswerte Gebäude in Israel, Albanien, Südkorea und Griechenland realisieren. Unter den zahlreichen Publikationen über sein Schaffen ragt die Monografie von Philip Jodidio heraus, einem der umtriebigsten Architekturhistoriker, der einige Weltstars mit opulenten Wälzern vorstellte, etwa Santiago Calatrava, Tadao Ando, Zaha Hadid, Renzo Piano und Jean Nouvel.

Swisshouse I

In Rossa baute Macullo 1998 für seinen Bruder in unmittelbarer Nähe zur Kirche ein schnörkelloses Haus, bestehend aus zwei langen, eng parallel gesetzten Betonscheiben, zwischen denen der Wohnbereich vorwiegend aus Holz konstruiert ist. Als eine Art Verneigung vor der dörflichen Bauweise setzte Macullo ein Satteldach auf, das er mit den traditionellen Granitplatten deckte.  Er nannte das Werk Swisshouse I und führte danach diese Nummerierung fort. 

Swisshouse XXXII

Fast zwanzig Jahre später entstand ebenfalls in Rossa das turmartige Swisshouse XXXII mit zwei Wohnateliers für ihn und eine befreundete Gestalterin. Der Grundriss zeigt die Form eines griechischen Kreuzes mit abgerundeten Ecken. Das pyramidal aufgefaltete Dach wurde leicht abgedreht, was eine gewellte Traufe generiert. Was das Gebäude auszeichnet und mit dazu beigetragen hat, dass es zum bekanntesten Werk von Macullo wurde, ist die Fassadengestaltung, die mit keinem Geringeren als mit dem weltberühmten französischen Künstler Daniel Buren entworfen wurde. 

Der Kontakt zu diesem kam dank dem Galeristen Mario Cristiani zustande, der nebst seiner Ur-Galerie in San Gimignano inzwischen verschiedene Ableger weltweit eröffnet hat. Die Breite der die Aussenhaut strukturierenden Latten wie der Zwischenräume beträgt exakt 8,7 cm und das ist das von Buren verwendete Mass für seine in allen Werken verwendeten vertikalen Streifen. Für die zwei ausgewählten Farben Grün und Magenta liess sich Buren von den saftigen Wiesen und den Blüten im Frühjahr inspirieren. Die Linie, welche die beiden Farben trennt, folgt grob der Hangneigung. Das Haus fällt auf, ohne Zweifel, und trotzdem drängt es sich nicht auf. Das liegt auch daran, dass etliche Häuser des Dorfkerns – wie südlich der Alpen üblich – teilweise farbenfroh daherkommen.

Swisshouse XXXV

Macullos bislang letztes Haus im Calancatal, das 2019 vollendete Swisshouse XXXV in Augio, ist ein präzise geschnittener Holzkörper mit drei haushohen Öffnungen und mit einem Kreuzdach, dessen Mitte vertieft ist, sodass die Giebel freistehend erscheinen und an die das Tal rahmenden Berggipfel gemahnen. Auch in diesem Falle entwarf Macullo zwar ein auffälliges architektonisches Gebilde, das sich jedoch bezüglich Werkstoffen und Massstäblichkeit an den Nachbarbauten orientiert.

Kapellen

2017 wurde mit Beiträgen der Gemeinde, kantonaler Körperschaften und privater Sponsoren die Stiftung RossArte gegründet mit dem Ziel, in und um Rossa Kunstprojekte zu fördern und umzusetzen, hier sozusagen eine Freiluftgalerie zu schaffen. Als es um die Renovation von vier Kapellen ging – eine grössere im Dorf, drei kleinere am nordwestlichen Hang –, konnte Macullo den englischen Künstler David Tremlett für eine Mitarbeit gewinnen. 

Tremlett bemalte 1999 mit Sol Lewitt zusammen die inzwischen in keinem Reiseführer fehlende Cappella della Brunate im Piemont und später allein eine weitere Kapelle in Coazzolo. In Rossa wickelte Tremlett für den 2019 begonnenen Entwurfsprozess die Fassaden ab und komponierte auf den dadurch entstandenen langen Bändern unterschiedliche Farbfeldstrukturen. Eine weinrote Zone umfasst den mittleren Bereich der grössten Kapelle. Während unterhalb dieser Zone waagrechte Streifen angeordnet sind, wachsen aus der oberen unregelmässigen Begrenzung vertikale bis zur Traufe hoch. Tremlett stilisiert hiermit das Tal mit dem engen Boden, den schroffen Berghängen und dem Himmel darüber. 

Die gezackte Gipfelsilhouette kommt bei der zweiten Kapelle, die spektakulär über einem Felssporn thront, in den gelben Zeichen auf rot- und dunkelbraunem Grund zum Tragen. Nur wenige Schritte davon entfernt steht eine klitzekleine Kapelle, die Tremlett mit einem feurig roten Anstrich versah, überlagert von hell- und dunkelgrauen Flächen, die an der Chorwand auf einen schwarzen Kreis stossen.

Kapelle Calancatal

Beide Kleinode sind von Rossa aus gut sichtbar und fungieren als eine Art Fluchtpunkt. Bewältigt man von hier noch einmal 250 Höhenmeter, so gelangt man auf die Alp Pro de Leura, wo Tremlett 2024 seine letzte Bemalung abschloss. Hier unterteilte er die Fassaden der Kapelle in unregelmässige Vielecke und wählte dabei zart helle Farben von Gelb bis Blau, wohl in Anlehnung an den auf dieser Höhe offeneren Himmel. Für den Künstler ist sein Eingriff nicht der Sparte Malerei zuzuordnen. Die Gebäude werden zu farbigen Skulpturen in einer überwältigenden Landschaft. Die Bewohner und Bewohnerinnen reagierten mehrheitlich positiv auf die Veränderungen, mehr noch, ein Besitzer eines Hauses hinter der Dorfkapelle war von der Malerei derart fasziniert, dass er Tremlett bat, den Sockel des Holzhauses zu gestalten, ein Wunsch, den der Künstler mit Freude erfüllte.

Pavillons

2020 wurde die erste von schliesslich acht Architekturskulpturen der Reihe Ispace der Öffentlichkeit präsentiert. Als Werkstoff diente das Holz der heimischen Lärche, das zu Vierkanthölzern zugeschnitten wurde. Im Atelier von Macullo wählte man aus einer Vielzahl an Vorschlägen schliesslich acht Entwürfe mit präzisen Konstruktionsangaben für die Montage vor Ort aus. 

Die Gebilde sind in den Wäldern zwischen Rossa und Santa Domenica verborgen und verschmelzen mit der dichten Vegetation. Macullo wollte explizit Räume schaffen – darauf deutet auch die Ableitung «I Space», welche auf den Dialog zwischen Mensch und Gebautem zielt. So bieten alle Objekte schmale Öffnungen für das Innere mit einer Grundfläche von rund zwanzig Quadratmetern an. Hier gewahrt man ein vielfältiges Licht- und Schattenspiel, und blickt man nach oben, so erfasst man wunderschöne geometrische Muster. Die Grundformen der Pavillons reichen von der Kugel über die Pyramide, die Spirale, den Stern bis zum Quader.

Ispace Piramide

Was man dabei wahrnimmt und empfindet, ist wohl etwas sehr Persönliches und kaum auf einen Nenner zu bringen. Macullo verbindet mit Ispace jedoch hohe Erwartungen, vielleicht zu hohe. So sollen Besucher und Besucherinnen den Einfluss von Räumen prüfen, sie sollen die Umgebung beurteilen, sie sollen angeregt werden, das Tal neu zu entdecken, den Reichtum an Biodiversität schätzen lernen und verborgene Bereiche in den Wäldern aufspüren. Da spricht jemand, der Herzblut für sein Tal vergiesst und alles daransetzt, dass sich möglichst viele von dieser bedingungslosen Liebe zum Tal anstecken lassen. 

Krokodil

Macullo glaubt an die Zukunft des Calancatals und das kommt nirgends besser zum Ausdruck als im Werk Calancroc, das sich auf einer Wiese nördlich des Dorfkerns von Rossa befindet. Vom Steinbruch in Arvigo entnahm man 36 Blöcke aus Gneis und verteilte sie so, dass aus der Vogelperspektive ein stilisiertes Krokodil zu erkennen ist.

Calancroc

In die glatt geschliffenen Oberseiten wurden Zeichnungen samt Namen von hier lebenden Schülerinnen und Schülern eingraviert. Schon die beachtliche Zahl der Kinder, die bei diesem Projekt mitmachten, steht für die Hoffnung, dass das Tal sich nicht entvölkert. 

www.rossarte.ch
Literatur: Davide Macullo/Philip Jodidio: Ispace. The Architecture of Emotions. ORO Editions 2025
Philip Jodidio, Davide Macullo Architects, Skira Milano 2021

Letzte Artikel

Eine Stimme der Tiefe und der Stille

Thomas Fischer 6. März 2026

Sehr bunt ist die Opposition

Ali Sadrzadeh 6. März 2026

Junger Mann mit grossen Plänen

Rolf App 6. März 2026

Bruder Moskau

Renate Flottau 6. März 2026

Die Zwangsjacke ist das falsche Kleid

Jürg Schoch 5. März 2026

Hommage an Lohses Anti-Kunst

Urs Meier 5. März 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.