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Griechenland im Zweiten Weltkrieg

Papagos und Zachariadis: Zwei Gegner in Dachau

20. April 2026
Daniel Funk
Daniel Funk
Alexandros Papagos
Marschall Alexandros Papagos im KZ Dachau

Griechenland hat Mussolini die Stirn geboten und leidet dann schwer unter der deutschen Besetzung. Zwei gegensätzliche Figuren des Widerstands treffen sich im Konzentrationslager Dachau. Welche Rolle sie dort spielten, ist bis heute umstritten.

Der deutsche Student Hagen Fleischer hatte sein Geschichtsstudium abgeschlossen und war auf der Suche nach einem Thema für eine Doktorarbeit. Er suchte einen zeitgeschichtlichen Stoff, der noch weitgehend brachlag und schlug seinem Doktorvater eine Arbeit vor über Griechenland im Zweiten Weltkrieg.

«Was, da waren wir auch?», rief dieser.

Diese Aussage, immerhin von einem Geschichtsprofessor, zeigt deutlich die Ignoranz der deutschen Öffentlichkeit gegenüber dem griechischen Beitrag im Krieg.

Hagen Fleischer ist heute längst emeritierter Professor der Universität Athen und griechisch-deutscher Doppelbürger. Seine Bücher zu diesem Thema sprechen eine klare Sprache und sind sehr lesenswert.

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist reich an Paradoxien. Doch nur wenige sind so eindrücklich wie jene zweier griechischer Persönlichkeiten, die unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen im Konzentrationslager Dachau landeten: des Marschalls Alexandros Papagos und des kommunistischen Parteiführers Nikos Zachariadis. Zwei Männer, die politisch kaum weiter voneinander entfernt sein konnten – und doch in der extremen Realität nationalsozialistischer Haft zu Systemgegnern wurden.

Der Anlass für eine erneute Betrachtung dieser ungewöhnlichen Parallelgeschichte ist eine Fotografie (oben). Sie zeigt Papagos im Lager, sichtbar gezeichnet von Haft und Entbehrung. Das Bild widerspricht dem Bild des unerschütterlichen Militärs und wirft Fragen auf – über die Umstände seiner Verhaftung, über seine Behandlung und über die Rolle, die hochrangige Gefangene im System der Konzentrationslager spielten.

Der Weg des Marschalls nach Dachau

Nachdem er sich Albanien einverleibt hatte, strebte Mussolini nach Höherem. Er wollte Griechenland, um das Mittelmeer zu beherrschen. Oberbefehlshaber Marschall Badoglio warnte: Die Zeit im Herbst sei ungünstig, die verfügbaren Truppen schlecht ausgerüstet und zu wenige und es bräuchte sechs Monate Vorbereitungszeit. Mussolini wollte nicht hören. Drei Wochen Vorbereitung, Angriff im Herbst. Mussolini liess die Presse gegen den Kritiker Badoglio von der Kette, was diesen zum Rücktritt veranlasste. Der Feldmarschall zog sich ins Privatleben zurück – bis er 1943 Mussolinis Nachfolger als italienischer Ministerpräsident wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Am 28. Oktober 1940 war es soweit. Der griechische Ministerpräsident Ioannis Metaxas lehnte ein italienisches Ultimatum ab; die Truppen des Duce griffen von Albanien aus das gebirgige Epirus an. Hitler las davon in der Zeitung; und tobte. Die Griechen verfügten über kriegserfahrene Generäle und Befehlshaber. Dass die Truppen schlecht ausgerüstet waren, ist nur die halbe Wahrheit, denn das Land konnte innert kürzester Zeit riesige Truppenkontingente mobilisieren. Ausserdem hatten sie den Heimvorteil, der in den gebirgigen Tälern des Epirus kaum zu überschätzen ist.

Oberbefehlshaber Alexandros Papagos, erfahrener General aus zwei Balkankriegen und dem Krieg in Kleinasien, zog seine Truppen erst langsam zurück. Die Strategie der Italiener schien aufzugehen. Doch als diese sich in den wilden Bergtälern des Epirus wiederfanden, schlugen die Griechen zu. Angriffswelle um Angriffswelle rollte den ganzen Winter über gen Norden. Aktiv dabei der Grossvater meiner griechischen Frau, der in diesem Kampf ausgezeichnet wurde. Die Italiener mit ihren langen und verletzlichen Nachschublinien mussten sich immer mehr zurückziehen. Bald fanden die Kämpfe auf albanischem Gebiet statt. Ohne Deutschland hätten die Italiener auch Albanien vollständig verloren.

Um dem Duce eine demütigende Niederlage zu ersparen, musste Hitler seinem Verbündeten im Frühjahr 1941 zu Hilfe eilen. Was folgte war eine lange und blutige deutsche Besatzung. Sie brachte die Ausplünderung des Landes, unsägliche Gräuel an der Zivilbevölkerung, und Griechenland zahlte einen der höchsten Blutzölle des ganzen Krieges – vergleichbar etwa mit Polen. Nach 1945 war das Land derart geschwächt und politisch gespalten, dass es nicht in der Lage war, seinen Platz in der Welt zu behaupten, seine Rechte zu verteidigen und seiner Stimme Gehör zu verschaffen. Deshalb ging der Beitrag des Landes an den Krieg lange auch in der historischen Forschung völlig unter.

Gerade das Jahr 1941, in welchem Hitler seine Pläne ändern musste und in Griechenland beschäftigt war, stellte sich nämlich als entscheidend heraus. Der Führer wollte seinen Traum vom Lebensraum im Osten verwirklichen und die Sowjetunion angreifen. Nun musste er aber den Angriff verschieben. Um sechs Wochen. Diese sechs Wochen, die wichtig waren. Hitler wusste um den russischen Winter, um die Weiten des Landes und wollte deshalb früh im Jahr angreifen. Die Verspätung und der unerwartet starke Widerstand der Sowjets führten aber dazu, dass Deutschland an der Ostfront in einen Stellungskrieg verwickelt wurde, den es nicht gewinnen konnte und schliesslich verlor. Dass ungeplant Kräfte auf dem Balkan bis ans Kriegsende gebunden waren, mag auch dazu beigetragen haben.

Der Samen für den Sieg der demokratischen Kräfte über Hitlerdeutschland wurde deshalb nicht nur, aber auch an jenem 28. Oktober gesät, als Metaxas Mussolini gegenüber das grosse Ochi, das grosse Nein aussprach.

Alexandros Papagos, der siegreiche Oberbefehlshaber im Krieg von 1940/41 gegen Mussolini, gehörte zu jenen Offizieren, die sich einer Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern verweigerten. Genau diese Haltung machte ihn zur Zielscheibe der Kollaborationsregierung. Versuche der Quislinge, Papagos durch finanzielle Anreize oder politische Integration zu gewinnen, scheiterten. Stattdessen blieb er unter Hausarrest – bis zu jenem Morgen im Juli 1943.

Unter dem Vorwand einer kurzen Befragung wurde Papagos aus seinem Haus abgeholt. Gemeinsam mit weiteren Generälen fand er sich zunächst in Athen, dann in Thessaloniki wieder – ohne klare Informationen über sein Schicksal. Wenige Tage später begann eine Reise, die ihn durch mehrere Lager schliesslich nach Dachau führte.

Dort gehörte Papagos zu einer besonderen Kategorie von Gefangenen: den sogenannten «Ehrenhäftlingen». Diese Gruppe umfasste hochrangige Persönlichkeiten, die von den Nationalsozialisten als potenzielle Verhandlungsmasse betrachtet wurden. Sie genossen gewisse Privilegien: bessere Unterbringung, medizinische Versorgung, gelegentlich Bewegungsfreiheit. Doch ihre Lage blieb prekär. Sie waren Gefangene eines Systems, das jederzeit tödlich werden konnte.

Nikos Zachariadis: Ein Gefangener im Schatten der Gerüchte

Noch komplexer ist der Fall von Nikos Zachariadis. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Griechenlands wurde bereits 1941 von der Gestapo verhaftet und nach Dachau deportiert. Seine Haft dauerte fast die gesamte Kriegszeit.

Anders als Papagos war Zachariadis kein «Ehrenhäftling», sondern ein politischer Gefangener. Dennoch deuten zahlreiche Quellen darauf hin, dass auch er unter ungewöhnlichen Bedingungen lebte. Er verfügte über ein eigenes Zimmer, hatte Zugang zu Büchern und soll Aufgaben mit vergleichsweise hoher Eigenständigkeit ausgeführt haben.

Diese Umstände wurden später zum Gegenstand heftiger Kontroversen. Kritiker warfen ihm vor, mit den Lagerbehörden kooperiert zu haben. Gerüchte über Tätigkeiten als Dolmetscher oder organisatorische Funktionen machten die Runde. Konkrete Beweise bleiben jedoch spärlich, und viele Historiker warnen vor vorschnellen Schlüssen.

Zeitzeugenberichte widersprechen sich teils deutlich. Einige ehemalige Mithäftlinge schildern Zachariadis als distanziert, privilegiert und den anderen Gefangenen entfremdet. Andere betonen, dass seine Behandlung Ausdruck der nationalsozialistischen Praxis gewesen sei, politische Führungspersönlichkeiten anders zu behandeln – nicht aus Vertrauen, sondern aus strategischem Kalkül.

Zwischen Mythos und Realität

Die parallelen Geschichten von Papagos und Zachariadis offenbaren die Vielschichtigkeit des Lageralltags. Dachau war kein monolithischer Ort, sondern ein komplexes System mit Hierarchien, Ausnahmen und Widersprüchen. Die Existenz privilegierter Gefangener widerspricht nicht der Brutalität des Systems, sondern ergänzt sie um eine weitere Dimension: die instrumentelle Nutzung von Menschenleben.

Nach der Befreiung wurden die gemeinsam Gefangenen politische Gegner. Für Papagos bedeutete die Haft eine Unterbrechung seiner militärischen Laufbahn, nicht jedoch sein politisches Ende. Nach seiner Befreiung durch amerikanische Truppen im Mai 1945 kehrte er nach Griechenland zurück und spielte später eine zentrale Rolle in der Nachkriegspolitik. Im dem Krieg folgenden Bürgerkrieg schlug er die Kommunisten und ging dann in die Politik. Ab 1951 bis zu seinem Tod war er Ministerpräsident.

Auch Zachariadis kehrte in ein Land zurück, das am Rande eines Bürgerkriegs stand. Seine Rolle in den folgenden Jahren bleibt bis heute umstritten – ebenso wie seine Zeit in Dachau. Die Diskussionen über seine Haftbedingungen und sein Verhalten spiegeln die tiefen politischen Gräben wider, die Griechenland im 20. Jahrhundert prägten.

Ein gemeinsamer Ort, zwei unvereinbare Biografien

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Dachau nicht nur ein Ort des Leidens war, sondern auch ein Spiegel politischer und moralischer Ambivalenzen. Papagos und Zachariadis stehen exemplarisch für zwei Wege durch die Katastrophe des Krieges: den eines militärischen Führers im Widerstand und den eines politischen Akteurs im Spannungsfeld von Ideologie, Anpassung und Überleben.

Ihre Begegnung im selben Lager war kein Zusammentreffen im eigentlichen Sinne – vielmehr eine historische Überlagerung zweier Biografien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch verbindet sie ein gemeinsames Kapitel: das Leben als «Fremde» in einem System, das jeden Unterschied letztlich nivellierte.

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