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Demografie

Schreckgespenst Gerontokratie

30. Juli 2026
Beat Bühlmann
Beat Bühlmann
Seniorensport
Senioren der Societa Federale di Ginnastica in Chiasso treffen sich wöchentlich zum Sport. Die Mitglieder haben ein Alter zwischen 80 und 94 Jahren. (Keystone/Ti-Press, Alessandro Crinari)

Die Hälfte der Männer und Frauen, die an Abstimmungen teilnehmen, sind älter als sechzig Jahre. Denn die Alten gehen deutlich häufiger an die Urne als die Jungen. Die Demografie wird diesen Trend verstärken. Droht die Herrschaft der Alten?

Die Studie von Avenir Suisse sorgte für Schlagzeilen. Die Hälfte der Stimmberechtigten, die tatsächlich an die Urne geht, ist sechzig Jahre alt oder älter. Denn das Medianalter der effektiv Abstimmenden, also der Mittelwert zwischen Jungen und Alten, liegt inzwischen bei 59,6 Jahren, wie die liberale Denkfabrik konstatierte, und ist somit 3,5 Jahre höher als vor zehn Jahren oder um sieben Jahre höher als im Jahr 2000. Sind die Schweizer Wähler, so titelte die NZZ, «bald ein Volk von Rentnern?» 

Eine schrumpfende Schweiz? 

Die demografische Alterung in der Schweiz setzt sich fort. Im letzten Jahr war der Anteil der Rentnergeneration erstmals leicht grösser als der Anteil der Jungen unter 20 Jahren. Zum einen ist die Lebenserwartung weiter gestiegen: für Frauen auf gut 86 Jahre, für Männer auf 83 Jahre. Das heisst: Frauen, die regulär in Pension gehen, können im Durchschnitt mit weiteren 23 Lebensjahren rechnen, Männer mit 21 Jahren. Zum anderen war die Geburtenzahl in vierter Folge rückläufig, 2025 wurden noch 77‘900 Geburten registriert. Das ergab pro Frau eine Geburtenrate von 1,29. Also deutlich unter dem Geburtenniveau von 2,1 Kinder pro Frau, die für eine ausgeglichene demografische Reproduktion nötig wäre. 

Das ist keine helvetische Eigenart, weltweit sinken die Geburtenraten. «Wenn es so weitergeht, stirbt die gesamte Menschheit aus», erklärte der britische Demograf Paul Morland gegenüber den NZZ. Die Angst, dass wir uns zu Tode schrumpfen könnten, ist allerdings nicht neu. Schon Ende der 1930er Jahre, so der Soziologe und Altersforscher François Höpflinger, «wurde das Schreckgespenst einer aussterbenden und überalterten Schweiz hervorgehoben». Heute wird die «Überalterung» der Schweiz weitgehend durch die Einwanderung kompensiert. 

Die demografische Alterung wird sich verflachen. Die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge 1946 bis 1964, sind grösstenteils bereits in Rente und werden in zwei, drei Jahrzehnten aussterben. So könnte auch die Schweiz, wie viele andere Staaten, mittelfristig schrumpfen, sofern die Zuwanderung früher oder später gedrosselt wird. Jedenfalls wird der demografische Wandel grundlegende Konsequenzen für Politik und Gesellschaft haben. 

 

Kein tiefgreifender Generationenkonflikt 

Die aktuelle Diskussion dreht sich hierzulande vor allem um die Frage, ob die Schweiz zusehends zu einer Gerontokratie, zu einer Herrschaft der Alten degeneriere. Als Beleg wird jeweils die Abstimmung vom 3. März 2024 ins Feld geführt, als die Alten die Einführung der 13. AHV-Rente durchsetzen konnten. Während die unter 40-Jährigen die Vorlage ablehnten, stimmten drei Viertel der 60- bis 69-Jährigen und auch die deutliche Mehrheit der über 70-Jährgen der Volksinitiative zu. 

Das liegt vor allem an der verbreiteten Stimm- und Wahlabstinenz der Jungen. Nur 30 Prozent der 25- bis 29-Jährigen nehmen an Wahlen und Abstimmungen teil, während die Beteiligung der alten Männer (75 bis 79 Jahren) und Frauen (70 bis74 Jahren) bei über 60 Prozent liegt. Erst bei den über 95-Jährigen fällt die Stimmbeteiligung auf das Niveau der Jungen zurück. Sollten die Seniorinnen und Senioren die jüngere Generation tatsächlich politisch drangsalieren, würden sich diese vermutlich häufiger zur Wehr setzen. 

Jedenfalls lässt sich ein tiefgreifender Generationenkonflikt nicht erkennen. Zwischen 1984 und 2024, so ist in der Analyse von Avenir Suisse nachzulesen, ergaben sich nur in gut einem Viertel der Volksabstimmungen unterschiedliche Mehrheiten zwischen Alt (65plus) und Jung (18 bis 30 Jahre). «Die politischen Unterschiede zwischen Alt und Jung sind nicht besonders ausgeprägt», erklärte der Soziologe François Höpflinger in einem TA-Interview. Nach seiner Einschätzung spielen die Gegensätze akademisch /nicht akademisch, arm / reich und Stadt / Land eine wesentlich bedeutendere Rolle in der Schweizer Politlandschaft. 

Völlig verfehlt wäre es deshalb, das Wahl- und Stimmrecht für die ältere Bevölkerung einzuschränken, wie das in jüngster Zeit von Ökonomen, Politologen oder auch von Nationalräten vorgeschlagen wurde. Stattdessen wäre es sinnvoller, das restriktive Stimmrecht für Ausländer zu lockern und das Stimmrechtalter 16 einzuführen. Gemäss Avenir Suisse würde dies das Medianalter der Abstimmenden zwar nicht wesentlich herabsetzen, aber immerhin die Repräsentanz der jüngeren Bevölkerung stärken. 

Ein Abbild der Gesellschaft

Nötig ist jedoch vor allem eine andere Perspektive auf die demografische Alterung. Das chronologische Alter, das Arbeitswelt und Gesellschaft mit 65 Jahren scharf trennt, ist nämlich «nur bedingt eine valide Messgrösse», wie François Höpflinger betont. «Weshalb beginnt das Alter demografisch gesehen beim Alter 65, obwohl sich Lebenslagen und Verhalten älterer Frauen und Männer in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben?» Wir werden später alt, wir könnten auch nach der Pensionierung einen substanziellen Beitrag zur Gemeinschaft leisten. 

Und viele tun das auch. Jedenfalls ist die ältere Generation nicht nur auf das eigene Wohl bedacht, wie zum Beispiel die Klimaseniorinnen mit ihrer erfolgreichen Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg bewiesen. Dass sie dann von Bundesrat und Parlament ungerührt ins politische Abseits gestellt wurden, geht schon eher aufs Konto Altersbashing.  

Philippe Wanner, Professor am Institut für Demografie und Sozioökonomie der Universität Genf, hat am zweiten Nationalen Alterskongress der Pro Senectute in Biel (2026) denn auch vor allem die Chancen des demografischen Wandels hervorgehoben. «Wir sollten die Alterung nicht als Last, sondern als Einladung begreifen, unsere Gesellschaft neu zu denken.» 

Auch Lukas Rühli kommt in der Analyse von Avenir Suisse zu einem unaufgeregten Fazit betreffend Demografie. Es frage sich, ob das hohe Medianalter der Abstimmenden, also die politische Dominanz der Rentnergeneration, überhaupt ein erhebliches Problem darstelle. Schliesslich seien «demokratische Entscheidungen nun einmal das Abbild der Gesellschaft» und «eine ältere Gesellschaft werde folgerichtig auch stärker von den Präferenzen der Älteren geprägt». Das sei, so Rühli, per se nicht ein demokratisches Defizit. Umgekehrt bedeutet das für die ältere Bevölkerung, sich nicht nur auf Kreuzfahrtschiffen und auf Golfplätzen zu vergnügen, sondern den vermeintlichen Ruhestand mit gesellschaftlichem Engagement und sinnhafter Tätigkeit neu zu definieren – auch zum Nutzen der jüngeren Generation.

Das setzt allerdings voraus, dass sich die politischen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen ändern:

Mehr Wertschätzung für das freiwillige Engagement. «Ohne Seniorinnen und Senioren würde unsere Gesellschaft schlichtweg nicht funktionieren», sagte Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider am Alterskongress in Biel. 590 Millionen Stunden werden pro Jahr gemäss Freiwilligen-Monitor Schweiz 2025 an Freiwilligenarbeit geleistet, davon ein erheblicher Teil durch die ältere Generation. So wird ein Drittel der Kinder von Grosseltern betreut, in der grössten Kita der Schweiz, wie BSV-Direktorin Doris Bianchi ausführte.

Mehr Anreize für längere Erwerbsarbeit. Das Potenzial der Älteren wird auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schlecht genutzt. Viele landen vorzeitig auf dem Abstellgleis. Das lebenslange Lernen wird wenig unterstützt, neue Arbeitsmodelle, etwa mit Teilzeit, von den Arbeitgebern als bequemer «Lifestyle» diskreditiert. Immerhin werden mit der Reform AHV 2030 die Anreize gezielt verstärkt, um über das AHV-Alter hinaus im Erwerbsleben zu bleiben. So soll das Höchstalter von 70 Jahren für den Aufschub der Rente aufgehoben und die Beiträge für die künftige Rente angerechnet werden. 

Mehr sozialen Ausgleich zwischen Arm und Reich. Die Ungleichheiten nehmen im Alter zu. Ein reicher Rentner lebt länger als ein armer Rentner. Und er kann sich auch eher leisten, vorzeitig in Rente zu gehen. Die längst fällige Erbschaftssteuer und allenfalls eine Finanztransaktionssteuer könnten nicht nur die Finanzlage der AHV stabilisieren, sondern auch die Armut im Alter mindern, etwa durch eine höhere AHV-Minimalrente (aktuell 1260 Franken pro Monat). Gut zwölf Prozent der AHV-Rentner und vor allem Rentnerinnen sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen, um die minimalen Lebenskosten decken zu können. 

Höheres AHV-Alter für die Bessergestellten. Wir leben länger, sind gesünder, besser ausgebildet – es wäre an der Zeit, über ein höheres AHV-Alter ernsthaft zu diskutieren. Allerdings wäre es wenig hilfreich, für alle das gleiche Referenzalter einzuführen. Akademiker und Akademikerinnen zum Beispiel, die von einer qualifizierten staatlichen Ausbildung profitieren, später ins Erwerbsleben einsteigen und dank höherem Einkommen ein komfortableres und längeres Leben führen, müssten über das geltende AHV-Alter hinaus arbeiten – viele möchten das ohnehin.

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