Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Medien

«Eine öffentliche Demütigung der Presse»

28. Juli 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Waldorf Astoria
Trump am White House Correspondents’ Association Dinner im Hotel Waldorf Astoria in Washington (Keystone/AP/Mark Schielbein)

Das jährliche Dinner der Korrespondentenvereinigung des Weissen Hauses ist ein Anlass, der eigentlich Amerikas Pressefreiheit feiern soll. Doch unter Donald Trump ist das traditionelle Treffen zu einer Farce verkommen. Die einstündigen Ausführungen des Präsidenten glichen mehr einer Publikumsbeschimpfung oder einer Wahlrede als einer humorvollen Abreibung der Medien durch das Weisse Haus.

Normalerweise ist das Dinner der White House Correspondents’ Association (WHCA) eine lockere Veranstaltung. Die Medienschaffenden und der Präsident machen sich während eines Abendessens gutmütig übereinander lustig und die Atmosphäre ist eher locker und entspannt. Obwohl das Verhältnis zwischen der Presse und dem Weissen Haus erfahrungsgemäss nicht immer das beste ist, was aber in der Natur der Sache liegt. 

«Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Pressekritik und dem Versuch, die Presse zu unterminieren», sagte WHCA-Präsidentin Weijia Wang, die am vergangenen Freitagabend  im Ballsaal des Waldorf Astoria Hotels in Washington DC neben Donald Trump auf dem Podium sass: «Kritik ist gut und macht uns alle besser. Das andere ist genau das, was die Gründerväter zu verhindern versuchten.» 

Eine «bösartige» Rede

Und CBS-Korrespondentin Wang wandte sich direkt an den Präsidenten: «Wenn wir Fragen stellen, stossen Sie zurück. Sie geben uns Antworten und wir stossen zurück. Sie sind stets ein Deal-Guy gewesen. Nun, das ist der Deal. Und der erste Verfassungszusatz (der Amerikas Rede- und Versammlungsfreiheit garantiert) ist ein abgeschlossener Deal. Und das ist es, worauf wir heute Abend anstossen.»

Karoline Leavitt, die Sprecherin des Weissen Hauses, hatte vor dem Anlass versprochen, Trumps Ausführungen würden «bösartig» sein. Der Präsident hielt Wort, auch wenn er nicht viel Neues zu sagen wusste und vor allem Kamellen rezyklierte. Er lobte Medienschaffende, die ihm freundlich gesinnt sind, und attackierte Journalistinnen und Journalisten, die ihn kritisieren als «Fake News» – unter anderen mehrere Mitarbeitende von CNN. Dessen Medienkolumnist ging denn mit Leavitts Prognose einig, nannte die Rede aber schlicht «langweilig». Trump nannte die 700 anwesenden Medienschaffenden und deren Gäste  «die grösste Gruppe von Leuten mit ‘Trump derangement syndrome’ (Trump-Wahn-Syndrom), die sich je versammelt hat». 

«Lächle einfach!»

In Donald Trumps Visier geriet zum Beispiel Kaitlin Collins, die CNN-Korrespondentin im Weissen Haus, die er mit einem Trans-Influencer verglich, der für das Bier «Bud Light» Reklame macht: «Sie lächelt nie. Ich sagte, ‘Kaitlin lächelst du je? Lächle!’ Du hast einen guten Job, du bist bei den CNN Fake News. Du solltest glücklich sein. Also lächle, Kaitlin! Lächle einfach!»

CNN veröffentlichte in der Folge eine Mittteilung von CEO Mark Thompson: «Wir stehen hinter unseren Journalistinnen und Journalisten sowie hinter der Integrität und der Fairness, mit denen CNN News berichtet. Ehrlicher, richtiger Journalismus kann manchmal Politikerinnen und Politiker irritieren, aber unser Recht, solche Berichte für das Publikum zu recherchieren und zu veröffentlichen, wird von der US-Verfassung vollständig beschützt. CNN wird dieses Recht weiterhin wahrnehmen.» Collins selbst zitierte auf Instagram die frühere First Lady Eleanor Roosevelt: «Niemand kann dich ohne deine Zustimmung minderwertig fühlen lassen.» 

«Ich hasse einige Leute»

Je länger Donald Trumps Rede dauerte, desto aggressiver und unverhüllt politischer wurde sie. So nannte er Jay Pritzker, den demokratischen Gouverneur des Staates Illinois, indirekt «ein fettes Schwein» und dessen Parteikollege Adam Schiff, den Senator aus Kalifornien, «Wassermelonenkopf». Er erwähnte zum x-ten Mal, Amerika sei «ein totes Land» gewesen und sei heute «das heisseste Land der Welt». Trump beschimpfte auch die liberale New Yorker Abgeordnete Alexandra Occasio-Cortez, News Jerseys republikanischen Ex-Gouverneur Chris Christie, die Schauspielerin Rosie O’Donnel oder den Sänger Bruce Springsteen. «Ich hasse einige Leute», sagte er. 

Wobei sich der Präsident offenbar bewusst war, dass seine Pointen beim Publikum nicht sehr gut ankamen. «Das war eigentlich das einzig Gute an dieser blöden Rede», sagte er nach einem Witz über die Gerontokratie im US-Kongress, der nicht viele Lacher fand: «Es war der einzige gute Witz und der ist nicht eben auf Begeisterung gestossen.» Noch zu Beginn der Rede hatte er gefragt: «Was machen wir hier? Soll das Spass machen? Erwartet man von mir, ernst zu sein? Erwartet man von mir, ein Komiker zu sein.» Etwas mehr präsidiale Würde hätte vielleicht geholfen. 

«Wir streiten mit Debatten»

Immerhin wurde eine Passage in Trumps Rede von den Medien positiv vermerkt. Bezugnehmend auf das Dinner der WHCA, das im April abrupt endete, nachdem ein potenzieller Attentäter vergebens versucht hatte, sich mit einer Schusswaffe Zugang zum Ballsaal des Hilton Hotels zu verschaffen, verlieh der Präsident Victor Gonzalez, dem Agenten des Secret Service, der damals den Schützen gestoppt hatte, die Auszeichnung des Weissen Hauses für aussergewöhnliche Dienste. 

«In diesem Land glauben wir an die Pressefreiheit», sagte Trump: «Wir tragen unsere Auseinandersetzungen nicht mit Kugeln, sondern mit offenen und robusten Debatten aus. Und kein Verlierer mit einer Schusswaffe wird das je ändern.» Was er nicht sagte: Er hat, bisher erfolglos, das Justizministerium wiederholt angewiesen, gegen unliebsame Medien wie die «New York Times» rechtlich vorzugehen. Übrigens: Die «Times» nimmt seit 2007 aus prinzipiellen Gründen nicht mehr am Gala-Dinner teil. 

«Eine naive Vereinigung»

Jon Passantino, Mitarbeiter der Medien-Website «Status», nannte Donald Trumps einstündige Rede in der Folge «meandernd» und «furchtbar peinlich» – Äusserungen, die sich zu persönlichen Beschimpfungen und groben Attacken auf die im Raum versammelten Journalistinnen und Journalisten sowie seine politischen Gegnerinnen und Gegner herabliessen und jeden Vorwand beseitigten, der Abend werde als eine Feier des ersten Verfassungszusatzes dienen.

Passantinos Fazit: «Das Ergebnis war eine öffentliche Demütigung für die White House Correspondents’ Association. Weit davon entfernt, die Bedeutung einer freien Presse zu unterstreichen, liess der Abend die Vereinigung naiv aussehen, was ihren Entscheid betraf, einen Mann einzuladen, der Jahre damit verbracht hat, sowohl seine persönlichen Mittel als auch jene der Regierung dazu zu missbrauchen, Krieg zu führen gegen die freie Presse und deren Fähigkeiten, über ihn zu berichten.» 

«Trump 2028»

Als hätte es noch eines Beweises bedurft, neben der Beschimpfung der Presse beim Dinner auch eine politische Botschaft aussenden zu können, kramte Donald Trump gegen Ende seiner Rede eine Mütze hervor und setzte sie sich mit einer theatralischen Geste aufs Haupt. Auf der roten Mütze stand: «Trump 2028». Der Applaus im Ballsaal des Waldorf Astoria hielt sich in Grenzen. Doch kaum jemand verliess den Raum.

Donald Trump selbst hat das Dinner in Washington DC auf eine Anfrage hin als «GREAT» bezeichnet. Er plane, postete er, nächstes Jahr am Anlass erneut dabei zu sein. Und sagte noch das: «Wenn ich nicht mehr da bin, werdet ihr alle bankrottgehen.»

Quellen: The Washington Post, The New York Times, CNN, AP, Poynter

Letzte Artikel

Das Spiel mit dem Feuer

Reinhard Schulze 30. Juli 2026

Schreckgespenst Gerontokratie

Beat Bühlmann 30. Juli 2026

Regierungspräsident Zali tritt (endlich) zurück

Beat Allenbach 29. Juli 2026

Ein Odysseus für unsere Zeit

Detlef Hartlap 29. Juli 2026

Nach dem Schock: rituelle Forderungen nach Härte

Urs Meier 28. Juli 2026

Im iranischen Würgegriff?

28. Juli 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.