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Nahost

Das Spiel mit dem Feuer

30. Juli 2026
Reinhard Schulze
Irak Begräbnis
Trauernde Iraker tragen in Mosul den Sarg eines iranischen Beraters, der bei einem Luftangriff auf die PMF (Popular Mobilization Forces) ums Leben gekommen ist. (Keystone/AP Photo, Hadi Mizban)

Die USA und Saudi-Arabien attackieren irakische Milizen als Antworten auf deren Drohnenangriffe. Die Eskalation zeigt einmal mehr die Dimension des Konflikts, die nebst Iran, Israel und USA auch die Golfstaaten, Irak, Jemen und Jordanien betrifft.

Amerikanische und saudi-arabische Streitkräfte haben in der Nacht zum Mittwoch gemeinsam mehrere Stützpunkte der irakischen Volksmobilisierungskräfte (PMF) angegriffen. Die Miliz spricht von mindestens 20 getöteten und 32 verletzten Kämpfern. Washington und Riad begründen den Schlag mit vorangegangenen Drohnenangriffen auf saudische Ölanlagen und US-Stützpunkte, die sie dem Iran zuschreiben. Auffällig ist der Zeitpunkt: Israel war diesmal nicht beteiligt, während Benjamin Netanjahu fast zeitgleich mit US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus zusammentraf. Zudem fiel der Angriff mitten in den Beginn der schiitischen Arba'in-Wallfahrt, die in diesen Wochen mehrere Millionen Pilger nach Kerbela führt.

Eskalation mit Ansage

Die Ereignisse am 28./29. Juli 2026 fügen sich in eine Strategie schleichender Eskalation, die schon die faktische Aufkündigung des Islamabad-Abkommens begleitet hatte, zunächst durch die USA, dann durch das iranische Regime. Parallel dazu laufen weiterhin Bemühungen um eine Neuauflage des Waffenstillstands. USA und Saudi-Arabien berufen sich auf ihr Recht auf Selbstverteidigung: In den Tagen zuvor waren nach US-Angaben mehr als 30 Drohnenangriffe auf amerikanische Truppen und saudische Energieinfrastruktur registriert worden, die man dem iranischen al-Quds-Kommando der Revolutionsgarden (IRGC) zuschrieb. Saudi-Arabien erklärte, mehrere auf Ölanlagen in der Ostprovinz und bei Riad gerichtete Drohnen abgefangen zu haben. 

Kurz vor dem Luftschlag gegen die PMF feuerte der Iran zudem eine Serie ballistischer Raketen auf amerikanische Stützpunkte im Nahen Osten ab, dabei soll unter anderem ein US-Stützpunkt in Jordanien getroffen worden sein. Ein US-Vertreter sprach gegenüber der «Jerusalem Post» von «einem grösseren Angriff*. Getroffen wurden laut PMF Hauptquartiere und Einrichtungen in mehreren Provinzen, darunter Bagdad, Wasit, Ninive, Basra, Kirkuk, Kerbela und Diyala sowie in den östlichen Regionen. Die Schäden sollen laut PMF beträchtlich sein. Die Ereignisse folgen auf eine rund fünftägige Kampfpause, die Trump erst in der Vorwoche verkündet hatte, um der Diplomatie eine Chance zu geben.

Eine «starke Antwort»

Centcom, (das amerikanische Regionalkommando für den Nahen Osten, Ostafrika und Zentralasien) und das saudische Verteidigungsministerium bestätigten am frühen Mittwoch in getrennten, aber koordinierten Erklärungen den gemeinsamen Angriff auf mehrere Logistik- und Waffendepots der PMF im Osten Iraks. Das US-Kommando sprach von einer «starken Antwort» auf die als IRGC-gesteuert eingestuften Drohnenangriffe der vergangenen 72 Stunden und forderte die Revolutionsgarden sowie ihre «terroristischen Stellvertreter» auf, die Angriffe einzustellen. 

Riad betonte sein Recht auf Selbstverteidigung und erklärte, keine Eskalation anzustreben, aber auf jede Aggression reagieren zu wollen. Weder Centcom noch Riad nannten die betroffenen Gruppen namentlich – vermutlich handelte es sich um Einrichtungen mehrerer der rund 67 unter dem PMF-Dach organisierten, überwiegend Iran-nahen Milizen. Die PMF selbst meldete Angriffe auf ihre Hauptquartiere in mehreren Provinzen sowie vorläufig mindestens 20 Tote und 32 Verletzte; zum Zeitpunkt der ersten Meldungen dauerten die Schadensermittlungen noch an.

Die stille Macht der PMF

Um den Vorfall einzuordnen, lohnt ein Blick auf die Struktur der Volksmobilisierungskräfte (PMF, arabisch: al-Hashd al-Sha'abi). Die Organisation entstand 2014 auf Grundlage einer Fatwa des irakischen Grossayatullahs Ali al-Sistani, als der IS weite Teile des Landes zu überrennen drohte. Ursprünglich handelte es sich um Verbände, die im Zuge einer Art Volksaufgebot aufgestellt worden waren. Formal ist die PMF seither Teil der irakischen Sicherheitskräfte, untersteht dem jeweiligen Premierminister als Oberbefehlshaber und wird aus dem Staatshaushalt finanziert. Ihr gehören offiziell bis zu 238’000 Aktive an, den Hauptanteil bilden schiitische Milizen; hinzu kommen schätzungsweise 25’000 sunnitische Stammeskämpfer sowie kleinere christliche und jesidische Einheiten. 

In der Praxis operiert ein erheblicher Teil der PMF-Milizen jedoch autonom und unterhält enge, teils direkte Verbindungen zu Teheran und den Revolutionsgarden. Genau dieser Doppelcharakter – irakische Staatsinstitution einerseits, Instrument iranischen Einflusses andererseits – macht die PMF seit Jahren zum Zankapfel zwischen Bagdad, Washington und den Nachbarstaaten. Spätestens seit 2019 geraten verschiedene Milizen ins Visier des US-Militärs. Am 3. Januar 2020 wurden der militärische PMF-Chef Abu Mahdi al-Muhandis und der Kommandeur der iranischen al-Quds-Einheiten, Qasem Soleimani, bei einem US-Luftangriff nahe dem internationalen Flughafen von Bagdad getötet.

Zwei Gesichter des schiitischen Milizwesens

Staatlich geförderte und unabhängige Milizen bilden im Irak einen wichtigen Baustein der gesellschaftlichen Organisation – besonders für die schiitischen Gemeinden, für die sie unabhängig von ihrer religiös-ideologischen Ausrichtung als Verteidiger schiitischen Lebens gelten. Darin spiegelt sich die Erfahrung mit dem Terror des Islamischen Staats. Die politische, religiöse und ideologische Ausrichtung der Milizen unterscheidet sich allerdings oft grundlegend: Während ein schiitischer irakischer Nationalismus zunehmend die Hegemonie Irans über die Schia im Irak abschütteln will, radikalisieren proiranische Milizen ihre Loyalität zu den iranischen Revolutionsgarden. Für diese Differenz stehen zwei Geistliche exemplarisch: Muqtada al-Sadr und Qais al-Khaz'ali.

Der irakische Schiit: Muqtada al-Sadr ist der Sohn des 1999 vom Saddam-Regime ermordeten Grossayatullahs Muhammad Sadiq al-Sadr. Nach der US-geführten Invasion 2003 belebte der jüngere Sadr die Bewegung seines Vaters neu und stellte mit der Mahdi-Armee die erste schiitische Miliz auf, die sich amerikanischen Truppen entgegenstellte. Aus ihr ging später die Organisation Saraya al-Salam (deutsch: Friedensbrigaden) hervor. Politisch hat sich Sadr in den vergangenen Jahren zunehmend von Teheran distanziert und tritt heute eher als irakischer religiöser Nationalist denn als verlässlicher Verbündeter des iranischen Regimes auf. Berichten zufolge signalisierten seine Friedensbrigaden erst kürzlich ihre Bereitschaft, sich vollständig in die regulären irakischen Streitkräfte zu integrieren – ein Schritt, der als Ende ihrer bewaffneten Aktivität ausserhalb des staatlichen Rahmens gedeutet wird.

Der Parteigänger Irans: Qais al-Khaz'ali verkörpert den gegenteiligen Weg. Er war selbst Feldkommandeur und Sprecher der Mahdi-Armee unter Sadr, spaltete sich jedoch 2004 nach dem Scheitern von Sadrs zweitem bewaffnetem Aufstand mit iranischer Unterstützung ab und gründete seine eigene Gruppe, Asa'ib Ahl al-Haq (AAH), auch als Khaz'ali-Netzwerk bekannt. Die AAH gilt seither als eine der am engsten mit den Revolutionsgarden verbundenen Milizen im Irak und wurde vom US-Aussenministerium als Terrororganisation eingestuft. Politisch hat sich Khaz'ali über den sogenannten Sadiqun-Block im irakischen Parlament etabliert, der als drittgrösste schiitische Kraft in der Nationalversammlung gilt. Dennoch konnte Washington bislang verhindern, dass Mitglieder seines Blocks Ministerposten in der neuen irakischen Regierung übernehmen. Innerhalb der PMF selbst rivalisiert die AAH zudem um Führungspositionen mit der noch enger an Teheran gebundenen Kata'ib Hizbullah, deren Kommandeur als eigentlicher Chef des PMF-Generalstabs gilt.

Die Signale aus beiden Lagern bleiben widersprüchlich: Manche Berichte schreiben auch der AAH eine wachsende Bereitschaft zur Entwaffnung und Integration in den Staatsapparat zu, doch Khaz'ali selbst hat öffentlich jede Auflösung oder Entwaffnung der PMF zurückgewiesen und stattdessen eine gesetzliche Stärkung der Organisation gefordert. Diese Ambivalenz wird wohl auch die nächsten Wochen prägen, zumal ein Schock wie der jüngste Luftschlag den innerschiitischen Machtkampf um Kurs und Führung der PMF neu entfachen könnte.

Israel bleibt aussen vor

Anders als bei früheren Eskalationsschritten der vergangenen Monate blieb Israel diesmal offenbar aussen vor: Die Angriffe auf die PMF-Stützpunkte wurden ausschliesslich als amerikanisch-saudische Operation kommuniziert. Auffällig ist der zeitliche Zusammenfall mit einem Besuch Netanjahus im Weissen Haus: Der israelische Regierungschef traf Trump am Dienstag zu einem rund neunzigminütigen Gespräch, das beide Seiten als «positiv und produktiv» bezeichneten. 

Amerikanische Medien notierten allerdings, dass der Besuch deutlich herabgestuft wurde und Netanjahu nur durch eine Hintertür ins Weisse Haus gelangte. Netanjahu selbst sprach anschliessend von einem der besten Gespräche, die er je mit dem amerikanischen Präsidenten geführt habe, und betonte die enge Abstimmung in der Iran-Frage. 

Dass die PMF-Schläge nur Stunden nach diesem Treffen erfolgten, ohne dass Israel als Mitakteur genannt wurde, lässt sich als Signal lesen: Washington und Riad scheinen bewusst eine von Israel getrennte Eskalationslinie gegenüber Iran-nahen Milizen im Irak zu verfolgen – möglicherweise auch, um Netanjahus ohnehin angespannte Beziehung zu Trump nicht zusätzlich zu belasten. 

Mitten in der Arba'in-Wallfahrt

Politisch besonders heikel ist der Zeitpunkt des Angriffs: Er fällt in die Anfangsphase der Arba'in-Wallfahrt, einer der grössten religiösen Veranstaltungen der Welt. Sie erinnert an den vierzigsten Tag nach dem Märtyrertod Imam Husains in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680 und gipfelt in diesem Jahr am 3. oder 4. August in Kerbela, wobei der Pilgerstrom schon Tage zuvor einsetzt. Nach Angaben irakischer und internationaler Stellen werden in diesem Zeitraum zig Millionen Gläubige aus über 50 Ländern erwartet; in den vergangenen Jahren wurden Teilnehmerzahlen von 20 Millionen und mehr gemeldet. 

Viele Pilger legen die rund 80 Kilometer von Nadschaf nach Kerbela zu Fuss zurück. Dass amerikanisch-saudische Luftschläge gegen schiitische Milizen ausgerechnet in diese hochsensible Phase fallen, in der sich Millionen Schiiten aus aller Welt – auch aus dem Iran – im Irak versammeln, birgt erhebliches Eskalationspotenzial: Sowohl die PMF als auch Teheran könnten den Zeitpunkt als gezielte Provokation gegen die schiitische Gemeinschaft deuten, was die Mobilisierung von Sympathien und womöglich auch von Vergeltungsaktionen erleichtern dürfte.

Reaktion der irakischen Regierung

Das irakische Präsidialbüro verurteilte den Angriff auf die PMF-Einrichtungen und wies grundsätzlich jegliche ausländische militärische Aktion auf irakischem Boden zurück. Zugleich positionierte sich Bagdad in beide Richtungen und lehnte ebenso ab, dass irakisches Territorium als Ausgangspunkt oder Kampfschauplatz für Angriffe gegen Nachbarländer dient, ein kaum verhüllter Seitenhieb auf jene Kräfte, von deren Boden aus offenbar die Drohnenangriffe auf Saudi-Arabien gestartet wurden. Presseberichten zufolge sagte Ministerpräsident al-Zaidi zudem ein für diese Woche geplantes Treffen mit dem saudischen Kronprinzen ab. 

Die PMF bleibt damit erneut das, was sie seit Jahren ist: ein innenpolitischer Balanceakt zwischen staatlicher Legitimität und der Autonomie einzelner, vor allem Iran-naher Fraktionen, die sie einbindet, ohne ihren besonderen Status zu gefährden. Manche Beobachter im Irak gehen so weit zu behaupten, nur das Prinzip der «Volksmobilisierung» garantiere die politische Einheit des Landes – so wie es den Irak schon in den Krisenjahren 2014/2016 gerettet habe.

Teheran reagierte scharf. Das iranische Aussenministerium verurteilte die Angriffe als Verletzung der irakischen Souveränität und territorialen Integrität. Iran-nahe Medien wie Press TV sprachen von einer «koordinierten Luftaggression» gegen die PMF und erinnerten an frühere Warnungen des irakischen Widerstands, jeder unbedachte saudische Schritt werde eine entschiedene Antwort nach sich ziehen. Die parallellaufenden iranischen Raketenangriffe auf US-Stützpunkte gelten als Versuch, trotz der zuvor verkündeten Feuerpause militärische Stärke zu demonstrieren, ohne die seit Tagen über Katar und Pakistan vermittelten Gespräche zwischen Washington und Teheran vollständig scheitern zu lassen.

Gefahr einer unkontrollierten Dynamik

Die proiranische Miliz «Islamischer Widerstand im Irak» drohte mit einer als unvermeidlich bezeichneten Vergeltung, möglicherweise auch gegen saudische Ziele. Ob es dazu kommt, ist offen. Der Vorfall markiert die erste grössere US-Militäraktion im Nahen Osten seit der von Trump verkündeten Kampfpause und zeigt, wie brüchig die Deeskalation tatsächlich ist. 

Umfang der Angriffe und die militärische Koalition mit Saudi-Arabien lassen vermuten, dass hier bewusst ein Wendepunkt signalisiert werden sollte. Für die irakische Regierungsbildung dürfte der Angriff die ohnehin schwierige Balance zwischen Washington und den Iran-nahen Kräften im Parlament weiter erschweren – gerade für Fraktionen wie die von Khaz'ali, die politisch eingebunden bleiben wollen, ohne ihre bewaffnete Basis vollständig aufzugeben. 

Sollte sich der Konflikt in den kommenden, für die Arba'in-Wallfahrt besonders sensiblen Tagen weiter zuspitzen, wächst die Gefahr, dass aus dem militärischen Schlagabtausch eine breitere konfessionelle und regionale Dynamik erwächst, die weit über das eigentliche Ziel der Angriffe hinausreicht. Darüber hinaus könnten die Angriffe die Einheit der PMF selbst gefährden. Dies aber würde den seit 2014 bestehenden innerirakischen Konsens zerstören und damit die politische Ordnung des Lands in Chaos abgleiten lassen.

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