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Film

Ein Odysseus für unsere Zeit

29. Juli 2026
Detlev Hartlap
Detlef Hartlap
Universal Film
(Screenshot aus dem offiziellen Trailer, Universal Film)

Christopher Nolans monumentaler Film ist auch deswegen erfolgreich, weil er die Zuschauer vor den Zumutungen der Antike bewahrt. Der Mythos, den er beschwören wollte, geht ihm dabei verloren.

Vielleicht würde es helfen, wenn wir nach alter Sitte die Muse anriefen. Möge sie uns das Unfassbare der homerischen Epen fassbar machen. Christopher Nolans Film «Die Odyssee» lässt in dieser Hinsicht manches zu wünschen übrig. 

Oder, anderer Vorschlag: Folge dem Geld! – eine Vorgehensweise, die schon manchen Kriminalfall hat aufklären helfen. Die Frage ist allerdings, ob es sich bei Troja, dem langen Krieg aus nichtigem Anlass, um ein Verbrechen oder eine kollektive Verrücktheit handelt. Auf Kriege trifft oft beides zu.

Der slowakische Philosoph und Autor Peter Karvaš hat eben das getan, er ist dem Geld gefolgt. Seine Satire «Entführung der Helena» führt uns in einen sonnenverbrannten, heruntergewirtschafteten, bettelarmen Peleponnes, wo gelangweilten Soldaten vor Hunger der Magen knurrt. Menelaos, den König von Sparta, muss das zutiefst beunruhigen. Obendrein erreichen ihn bedrückende Nachrichten von der anderen Seite des Ägäischen Meeres. Seine Spione berichten von einem Leben in Saus und Braus. Dort, in mystischen und lydischen Landen, sollen Wein, Milch und Honig im Übermass fliessen, und im herrlichen Troja seien die Strassen mit Marmor gepflastert. 

Ach, Muse, wärst du nur ein klein wenig ökonomisch interessierter, so manche Heldensaga hätte einen anderen Touch bekommen …

Nichts wie hin, denkt also Menelaos, Trojas Wohlstand soll auch meiner sein! Aber wie stelle ich’s an? Wie kann ich die Achaier, Danaer und Argeier und vor allem meinen mächtigen Bruder Agamemnon zum Sturm auf die Wohlstandsoase Troja überreden? 

Ganz einfach, ein Sexskandal muss her! Seiner Frau Helena (mässig hübsch und auch schon etwas ältlich) ist Menelaos längst überdrüssig. Und treibt sich am Hof nicht gerade dieser geckenhafte Dummerjan Paris rum, der trojanische Königssohn? 

Der Plan reift, der Ehebruch gelingt. Der königliche Zorn kennt keine Grenzen, ein Kriegsgrund, wie er im Buche steht. Der Rest ist, wenn schon nicht Geschichte, so doch Legende. 

Der Held als «homme à femmes»

Und was für eine Legende, die beständigste von allen. Die «New York Times» zitiert Evgenia Makrygianni, Professorin für antike Literatur an der Uni Athen: «Wenn eine Geschichte über Jahrtausende hinweg Diskussionen provoziert, was von ihren Helden zu halten sei, dann steckt offenbar eine tiefe symbolische Kraft darin.»

172 Filmminuten hat sich Christopher Nolan genommen, diese tiefe Kraft zu evozieren. Seinen Helden, den antiken Odysseus, hat er darüber verloren. 

Homers Odysseus ist Schelm, Schurke und Liebhaber in einer Person. Er ist Filou und Lügenbold, lässt Mitstreiter gnadenlos ins Verderben laufen, überredet die achaiischen Könige zu riskanten Bündnisschwüren, brilliert als olympiareifer Diskuswerfer und würde als Bogenschütze Wilhelm Tell in den Schatten stellen. Seine nautischen Fähigkeiten mögen nicht über jeden Zweifel erhaben sein, doch erweist er sich als robust genug, Sturm und Schiffbruch zu überstehen. Sehnsucht nach Hause ist das erklärte Grundmotiv seiner Abenteuerfahrt von Troja nach Ithaka, aber wer zehn lange Jahre nicht heimfindet, mag zwischenzeitlich anderen Reizen erlegen sein.

Homer charakterisiert Odysseus als «polytropos» – vielseitig. Der eminente Schweizer Übersetzer Kurt Steinmann steigert zu «vielgewitzt». Sich selbst und dem antiken Publikum imponiert Odysseus vor allem als «homme à femmes», als Frauenheld. Die Göttin Athene ist in ihn vernarrt, die Zauberin Kirke mag seine Mannschaft in Schweine verwandeln, ihm, Odysseus, kann sie nicht widerstehen. Er verweilt ein Jahr an ihrer Seite, ein Sohn wird geboren, später kehrt er zu ihr zurück. 

Von Kalypso, der einsamen Inselschönheit, mag er sieben Jahre nicht lassen (drei Söhne, mindestens), daran ändern auch Anflüge von Erinnerung an sein ursprüngliches Reiseziel wenig: Wo wollte ich noch gleich hin? Richtig, Ithaka, Penelope und so weiter. Homer lässt die gelegentliche Desorientierung humorvoll anklingen, was in alten deutschen Übersetzungen zu Schwulst führt: «Da lag er [Odysseus] ohne Gelüst der Lüsternen bei …», heisst es etwa bei Rudolf Alexander Schröder. Zum Vergleich Kurt Steinmann: «Nicht wollend neben ihr, der Wollenden.»

Es ist diese Lakonie der homerischen Epen «Ilias und Odyssee», die Goethe begeisterte und Nolan verfehlt. Lakonie bedeutet kurz und nachdrücklich im Ausdruck und ohne eine Spur von bedauerndem Rückblick oder Gewissen. Was passiert ist, ist passiert, die Götter wollten es so.

Good Guys/Bad Guys?

Homers Odysseus sinnt nicht, wie im Film, dem zerstörten Troja nach. Er grämt sich nicht um die Jahre, die vergangen sind. Das Werk ist unerbittlich wie die Antike, götterbestimmt wie das Schicksal und bleibt in grausamsten Szenen unbeteiligt im Ton. 

Im Original trägt Odysseus jene Ambiguität in sich, die dem menschlichen Leben von jeher zu eigen ist. Er ist der geborene Improvisator, einer, der aus jeder Situation das Beste zu machen versucht. Aber eine plakative Good-Guys-/Bad-Guys-Animosität, ohne die heute keine Fernsehserie auskommt, ist dem Epos fremd. Die Trojaner waren für die Achaier keine Feinde und auch keine verachtenswerten Menschen. Ihre Stadt musste halt erobert werden, weil Menelaos es wollte. Der Spätheimkehrer Odysseus tötet die Freier seiner Frau Penelope nicht aus Rache, dafür gibt es keinen Grund. Bogenschuss um Bogenschuss tilgt er, unbewusst, die Schuld seiner langen Absenz. 

Im Film dagegen ist Odysseus von moderner Zerrissenheit geprägt, die um das moralisch Wünschenswerte weiss, ohne es umsetzen zu können. Dabei geht Nolan rücksichtsvoll, beinahe zärtlich mit einem Helden um, dem Hader und Selbstzweifel gut zu Gesicht stehen. Den Film trüben keine Sexszenen, keine allzu willkürlichen Göttereingriffe, es spritzen keine Gedärme, es laufen keine Gehirne aus. Homer light. 

Selbst die düstere Prophezeiung aus der Unterwelt, wonach Odysseus von seines eigenen Sohnes Hand getötet werde (welcher Sohn bleibt offen), verkneift sich Nolan im Namen Hollywoods und des Happy Ends.

Die Achaier (die Begriffe «Hellas» und «Hellenen» kamen erst 200 Jahre nach der Odyssee-Dichtung auf) waren nicht weiss, jedenfalls nicht so weiss, wie Elon Musk es gerne hätte. Auf das Wort «argos÷ für weiss als Hautfarbe stossen wir erst vier Jahrhunderte nach der Odyssee in der «Anabasis» des Schriftstellers Xenophon: Eine Truppe von Söldnern stösst in Anatolien auf «argoi», auf Weisse, auf Bleichgesichter. Die Söldner sind entsetzt, dergleichen haben sie nie gesehen. 

Vom Schrecken, einen Weissen zu sehen

Ob Phönizier, Kreter oder Mykener, sie alle stammten von Einwanderern aus Asien ab, die vor Ewigkeiten aus Anatolien, Armenien und der eurasischen Steppe gekommen waren. Von einem einheitlichen Teint konnte keine Rede sein, doch dürften bronzefarbene Hauttöne in stark voneinander abweichenden Schattierungen vorgeherrscht haben. 

Ethnizität spielte keine Rolle. «Äthiopier» (damit waren Menschen aus Oberägypten und dem Sudan gemeint) galten den Achaiern als «von der Sonne verbrannt»; einen rassistischen Beiklang hatte das nicht. 

Grundsätzlich wurden Männer in der Dichtung gern als dunkel beschrieben, das gab ihrer Stärke Ausdruck, Frauen hingegen als eher hell, weil es sie schöner machte. So gesehen hat Christopher Nolan seine Helena gegen den Strich besetzt, als er die Rolle der schwarzen Lupita Nyong’o anvertraute. 

Aber dass er sich damit «an einem grundlegenden Werk der europäischen Literatur» vergangen hätte, wie der von der Apartheid geprägte Elon Musk schäumt, ist blanke «White Stupidity». Erstens wissen wir nicht, wie Helena wirklich aussah, zweitens wäre das «grundlegende Werk» ohne das phönizische Alphabet und ohne einen (oder auch mehrere) Homers, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kleinasien lebten, nicht zustande gekommen.

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