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Israel

«Nicht wegschauen ist die beste Lösung»

24. Mai 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Ben Gvir
Umstritten: Sicherheitsminister Ben Gvir in der Knesset: «Wir sind die Herren im Land.» (Foto: Keystone/(AP/Ohad Zwigenberg)

Während die «New York Times» einen Israel-kritischen Meinungsbeitrag gegen heftige Vorwürfe des Antisemitismus verteidigt, nährt der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir die Kritik am jüdischen Staat, indem er ein Video publiziert, das zeigt, wie er verhaftete ausländische pro-palästinensische Aktivisten misshandeln lässt. Wofür ihn selbst Israels Premier Benjamin Netanjahu tadelt, ohne Konsequenzen zu ziehen.

«Times»-Kolumnist Nicholas Kristofs Meinungsbeitrag dokumentierte Anfang Woche 14 Fälle von sexueller Gewalt gegenüber inhaftierten Palästinensern durch israelische Gefängniswärter, Soldaten und Siedler. Der Artikel unter dem Titel «Das Schweigen, das der Vergewaltigung von Palästinenserinnen und Palästinensern begegnet» löste in Israel und der jüdischen Diaspora ein wütendes Echo aus. 

«Sie haben Israels Soldaten diffamiert und eine Blutverleumdung bezüglich Vergewaltigung aufrechterhalten und versucht, eine falsche Symmetrie zwischen den genozidalen Terroristen der Hamas und Israels tapferen Soldaten herzustellen», schrieb Ministerpräsident Netanjahu auf X. Die Kolumne, hiess es, sei Teil einer orchestrierten Anti-Israel-Kampagne.

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«Times»-Leserinnen und Leser reagierten teils heftig und warfen dem Autor vor, ein Propagandist der Hamas zu sein. Einige kündigten ihr Abonnement. Wieder andere, unter ihnen welche, die sich als jüdisch bekannten, schrieben, sie seien dankbar, dass die Kolumne erschienen sei. 

Ihm sei bewusst gewesen, sagt Nicholas Kristof jetzt, was er wisse und was nicht. «Es gibt keine Beweise dafür, dass führende Israeli Vergewaltigungen befehlen», stehe zu Beginn des vierten Abschnitts seiner Kolumne. «Es ist unmöglich, zu wissen, wie verbreitet sexuelle Übergriffe gegenüber Palästinenserinnen und Palästinensern sind», habe er später geschrieben.

Keine Reaktion Direktzuständiger

Kritiker, argumentiert die «New York Times», welche die Glaubwürdigkeit einzelner Quellen anzweifelten, würden häufig das überwältigende Volumen und die Beständigkeit solcher Berichte ignorieren. «Ich bin ins Westjordanland gereist und habe 14 Überlebende von Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt interviewt», sagt ihr Kolumnist: «Ich habe drei Studien zitiert, die das Ausmass dieser Gewalt erhellen und die von der Arbeit von neun Organisationen und zwei israelischen Anwälten unterstützt werden, die sich mit diesen Themen beschäftigt haben.» Israels Sicherheitsministerium habe die Vorwürfe nicht kommentieren wollen, die Gefängnisverwaltung mit einem allgemeinen Dementi reagiert, aber keine Fragen beantwortet. 

Nicholas Kristof räumt ein, dass es schwierig sei, Vergewaltigungen zu dokumentieren und Menschen diesbezüglich gelegentlich lügen würden. Er habe aber erfahren, dass Gesellschaften in der Regel Betroffenen eher zu zögerlich als zu rasch glaubten: «Es dient niemandem, die Berichte von Leuten automatisch aufgrund ihrer Identität und ihres Glaubens zu diskreditieren. Ich will keine Hierarchie, aufgrund derer einigen Opfern geglaubt wird und Berichte anderer angezweifelt werden, weil sie nicht mit dem übereinstimmen, was wir über die Angeklagten glauben wollen.»

«Nicht wegschauen»

Antisemitismus, sagt der Kolumnist, sei in der Tat ein wachsendes Problem, mit dem er sich während seiner ganzen Laufbahn beschäftigt habe. Als Journalisten über das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 berichtet hätten, sei er sich bewusst gewesen, dass die eindringlichen Schilderungen der Grausamkeiten riskierten, Islamophobie zu verstärken. Eine Woche hach dem Attentat habe ein Mann in Chicago einen sechsjährigen Amerikaner palästinensischer Herkunft erstochen und Zeugen zufolge «Muslime müssen sterben» gerufen.

Nicholas Kristof zufolge ist es die beste Lösung, «nicht wegzuschauen». Wenn er Überlebende von Vergewaltigungen interviewt und ihr Trauma sowie Ihren Mut gesehen habe, darüber zu sprechen, dann wolle er das öffentlich machen, «egal ob im Sudan oder im Westjordanland». 

«Klagen wegen extremer Gewalt»

Währenddessen verursachte Israels ultranationalistischer Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir Mitte Woche eine diplomatische Krise, als er ein Video postete, dass zeigt, wie Sicherheitskräfte in seiner Gegenwart verhaftete Aktivisten misshandeln, welche die israelische Marine als Teilnehmende einer Gaza-Hilfsflottille auf hoher See in der Nähe von Kreta festgenommen und zum Hafen in Ashdod gebracht hatte. Kritiker argumentierten, dass es sich beim Militäreinsatz um Festnahmen in Gewässern handle, die nicht unter der Kontrolle Israels stünden, d. h. unter Umständen um eine Entführung auf hoher See handle.

Ben-Gvirs Video zeigt Frauen und Männer, die mit hinter dem Rücken gefesselten Händen und gebeugten Köpfen in Reihen auf dem Boden knien. «So heissen wir Terroristen willkommen», postete Ben-Gvir auf X: «Willkommen in Israel. Wir sind die Herren des Landes.» 

«Das Team berichtet von systematischen Verletzungen eines ordnungsgemässen Verfahrens und von weitverbreiteter physischer und psychischer Misshandlung durch israelische Autoritäten», teilte die arabisch-israelische Menschenrechtsgruppe Adalah in der Folge mit: «Es gab eine grosse Zahl von Klagen wegern extremer Gewalt.» Jedenfalls mussten drei Aktivisten ins Spital eingeliefert werden, während andere von unter Umständen gebrochenen Rippen und Atemproblemen berichteten.

Internationaler Protest

In der Folge protestierten mehrere jener 40 Länder, aus denen die über 400 Teilnehmenden der Global Sumud Flottille stammen, bei der israelischen Regierung und beriefen israelische Botschafter ein. Italiens Ministerpräsidentin Georgia Meloni etwa sagte, die Videobilder aus Ashdod seien «inakzeptabel», und verlangte eine Entschuldigung seitens Israels: «Es ist unzulässig, dass diese Demonstranten, einschliesslich zahlreicher italienischer Bürgerinnen und Bürger, einer Behandlung unterworfen werden, welche die menschliche Würde verletzt.» 

Spaniens Aussenminister nannte das Vorgehen des israelischen Personals «monströs, schändlich und unmenschlich». Seine britische Kollegin liess über soziale Medien verlauten, sie sei «wahrhaftig entsetzt» wegen des Videos, das die «grundlegendsten Standards des Respekts und der Würde verletzt in der Art und Weise, wie Leute behandelt werden sollen». Das EDA derweil forderte Israel auf, die Grundrechte der festgenommenen Teilnehmenden der Flottille aus der Schweiz zu achten.

«Nicht das Gesicht Israels»

Als Reaktion auf das weltweite Echo sah sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bemüssigt, seinerseits an die Öffentlichkeit zu gehen. «Die Art und Weise, wie Minister Ben-Gvir die Aktivistinnen und Aktivisten der Flottille behandelte, steht nicht im Einklang mit Israels Werten und Normen», liess er verlauten. Aussenminister Gideon Saar wandte sich auf X direkt an seinen Kollegen: «Sie haben unserem Staat mit diesem Video bewusst Schaden zugefügt und das nicht zum ersten Mal. Sie sind nicht das Gesicht Israels.»

Worauf Itamar Ben-Gvir antwortete: «Israel hat aufgehört, sich herumschubsen zu lassen.» Das Video erschien einen Tag, nachdem Finanzminister Bezalel Smotrich an einer eigens einberufenen Pressekonferenz angekündigt hatte, er habe die ethnische Säuberung des von israelischen Siedlungen umgebenen palästinensischen Dorfes Khan al-Ahmar im Westjordanland angeordnet, wo mehr als 700 Menschen leben. Dies als Reaktion auf Berichte, wonach der Internationale Strafgerichtshof (ICC) erwägt, einen Haftbefehl gegen ihn auszustellen.

Weder Waffen noch Terrorlinks

«Ben-Gvir mag gröber sein als andere», kommentiert «Haaretz», was im Hafen von Ashdod geschehen ist, «aber sein Verhalten steht im Einklang mit den Normen des heutigen Israel. Die Gewalt gegenüber und die Demütigung von Aktivistinnen und Aktivisten vor den Kameras und in Gegenwart von Ministern ist eine Schande, die nicht versteckt werden kann. Ein demokratischer Staat foltert oder misshandelt keine Festgenommenen oder Gefangenen. Der Umstand, dass es sich hier Menschenrechtsaktivistinnen und -Aktivisten aus befreundeten Staaten unter der Aufsicht von Regierungsoffiziellen handelt, trägt nur zur Ungeheuerlichkeit bei.» 

Auf den geenterten Booten sind jedenfalls weder Waffen noch Hinweise auf Verbindungen zu Terroristen gefunden worden. Itamar Ben-Gvirs Kollegin, Transportministerin Miri Regev, die mit ihm zusammen den Hafen besuchte, hatte ebenfalls ein Video der Festgenommenen veröffentlicht. «Sie brachten keine humanitäre Hilfe mit sich», sagte Regev: «Sie trafen unter Drogen und mit Alkohol ein.» Der Kritik an Ben-Gvir hatte Premier Netanjahu derweil beigefügt, Israel habe jedes Recht, «Unterstützer der Hamas-Terroristen daran zu hindern, in unsere Territorialgewässer einzudringen und Gaza zu erreichen». 

Hass statt Kritik

Inzwischen hat sich Mitte Woche mit dem konservativen Kolumnisten Bret Stephen auch ein «Times»-Kollege von Nicholas Kristof und ein Verteidiger Israels zu Wort gemeldet. Unter dem Titel «Hass auf Israel und die Abwertung des Westens» warnt er in einem Meinungsbeitrag davor, berechtigte Kritik an der Politik der aktuellen israelischen Regierung in blinden Hass umschlagen zu lassen.

«Es gibt gute Gründe, Israels gegenwärtige Führung nicht zu mögen, ja zu verachten: Premierminister Benjamin Netanjahu der seine politischen Interessen wiederholt vor das Wohl der Nation stellt; der nationale Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der in seinem Wohnzimmer ein Porträt des jüdischen Massenmörders Baruch Goldstein aufgehängt hat: radikale Siedler, die, ohne von der Regierung gross daran gehindert zu werden, ihre palästinensischen Nachbarn im Westjordanland misshandeln, terrorisieren und manchmal töten.» 

«Kein Land von Heiligen»

Es gebe, so Stephens, auch Gründe (seiner Ansicht nach weniger überzeugende, aber als freie Meinungen zu dulden), die Art und Weise zu verurteilen, mit der Israel in Gaza Krieg führte, mit einer grossen Zahl ziviler Opfer und einem Ergebnis, das die Hamas an der Macht liess: «Dasselbe gilt für Israels Strategie gegenüber dem Iran, die bisher weder das Regime noch dessen nukleares Programm beseitigt hat. Und nicht zuletzt ist da Israels Umgang mit den Palästinensern, der zu einem düsteren und endlosen Status quo verkommen ist.»

Ob berechtigt oder nicht, folgert der «Times»-Kolumnist, solche Bedenken gegenüber Israel seien Ausdruck von Kritik, nicht von Hass: «Es ist kein Land von Heiligen. Wie es auf jedes andere Land, zumindest aber für die USA, zutrifft, lassen sich Israel viele frühere und aktuelle Sünden anlasten. Diese schliessen Vorwürfe, seitens Israeli und anderer, bezüglich Fällen der Misshandlung von Gefangenen in israelischen Gefängnissen mit ein.»

«Ein modischer Rausch»

«Doch diese Art gutgläubiger Kritik israelischer Führer und israelischer Politik ist seit Jahren etwas Dunklerem gewichen», argumentiert Bret Stephens: «Es ist ein häufig übertriebener und verschwörerischer Hass auf das Land. Es ist eine Überzeugung, dass es Israeli stets nach dem Blut ihrer Feinde dürstet, selbst wenn es auf die Kosten des Bluts seiner Freunde geht. Es ist die Annahme, dass es gesellschaftlich akzeptabel ist, Israeli zu boykottieren, anzugehen und manchmal zu attackieren angesichts angeblicher Sünden ihrer Regierung. Es ist eine Überzeugung, dass Israel, als einzige unter den Nationen, von Anfang an ein Fehler gewesen ist und heute kein Existenzrecht besitzt.» 

Keiner dieser Vorwürfe beinhaltet dem Kolumnisten zufolge eine berechtigte Anklage gegen Israel. Es seien, folgert er, Anklagen gegen jene, die sie erheben. Allgemeiner gesagt sei der modische Rausch, der sich in der heutigen Israel-Feindlichkeit äussere (…), ein Zeichen für den Verfall des Westens: «Gesellschaften, die kritisches Denken und vernünftiges moralisches Urteilsvermögen schätzen, machen es sich nicht zum Fetisch, ein kleines Land und sein Volk zu dämonisieren, während sie sich vorstellen, dass Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit irgendwie erreicht würden, wenn man nur das Land und sein Volk dazu bringen könnte, zu verschwinden.»

«Das Schicksal des Westens»

Bret Stehphens glaubt, dass die Diffamierung Israels dem Land selbst am wenigsten schadet, da es nichts an seiner militärischen, technischen und wirtschaftlichen Macht ändert. Grösser sei der Schaden paradoxerweise für Palästinernserinnen und Palästinenser, weil die ständigen Anschuldigungen Israeli zunehmend kalt liessen: «Und die endlose Flut antiisraelischer Berichte führt allzu oft dazu, dass die westlichen Medien den innerstaatlichen Tyranneien – nämlich der Herrschaft der Hamas im Gazastreifen und der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland – zu wenig Aufmerksamkeit schenken.»

Am meisten aber, schliesst der Kolumnist der «New York Times», schade die ganze Entwicklung westlichen Institutionen wie den Medien, die der Wahrheit verpflichtet wären, angesehenen Organisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch, die sich zu Fabriken anti-israelischer Beschimpfungen entwickelt hätten, sowie der akademischen Welt, der seit dem 7. Oktober 2023 ein intellektueller Verfall von innen drohe: «Hier geht es nicht nur um Heuchelei oder Doppelmoral. Es sind Anzeichen dafür, dass die Menschen die Fähigkeit verloren haben, sachlich und kritisch zu denken. Was uns wirklich Sorgen bereiten sollte, ist nicht die Zukunft Israels, sondern das Schicksal des Westens.»

Quellen: The New York Times, The Washington Post, The Guardian, Haaretz, Tacheles

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