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STUDIE «SICHERHEIT 2026»

Der Bevölkerung den Puls genommen

9. Juni 2026
Martin Gollmer
Martin Gollmer
EU und Nato
Die Fahnen von EU und Nato bei einem Treffen des finnischen und des schweizerischen Verteidigungsministers in Helsinki am 24. März 2026 (Keystone, Andreas Becker)

Die Haltung der Schweizer Bevölkerung zu aussen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen hat sich seit 2025 teils signifikant verändert. Das zeigt die eben erschienene ETH-Studie «Sicherheit 2026». Sie gibt einen vertieften Einblick in das Denken der Schweizerinnen und Schweizer zu ihrem Land und zur Welt, zu den Beziehungen zu EU und Nato, zur Neutralität und zur Armee.

Seit langem erheben die Militärakademie und das Center for Security Studies an der ETH Zürich jährlich in repräsentativen Umfragen die Meinung der Schweizer Stimmbevölkerung zu aussen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen. Die Erhebungen gehen bis auf das Jahr 1991 und teils noch weiter zurück. Rund 70 Prozent der gestellten Fragen sind dabei jährlich identisch, etwa 30 Prozent variieren je nach Aktualität. Dadurch werden einerseits langfristige Trends sichtbar, anderseits lassen sich kurzfristig Stimmungen zu aktuellen Ereignissen erkennen.

Die Erhebung 2026 fand vom 6. bis 30. Januar statt. Befragt wurden 2089 Stimmberechtigte in der ganzen Schweiz. Die Befragungen fanden teils telefonisch (958 Befragte), teils online (1131) statt, wobei beide Stichproben in sich repräsentativ für die Schweizer Stimmbevölkerung sind. Der mögliche Stichprobenfehler liegt bei einem Sicherheitsgrad von 95 Prozent um ungünstigsten Fall bei plus/minus 2,1 Prozentpunkten. Die Ergebnisse der Befragungen wurden eben in der Studie «Sicherheit 2026» veröffentlicht.

Ereignisse, die die Erhebung prägen

2025, also der Zeitraum vor der Erhebung 2026, war international geprägt vom Andauern des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und des Israel-Gaza-Kriegs. Zudem gab es amerikanische Militäroperationen im Iran und in Venezuela. Weiter verkündete US-Präsident Donald Trump nur ein paar Monate nach seiner Amtseinführung Anfang 2025 hohe Importzölle für viele Staaten der Welt, darunter auch für die Schweiz. In Europa gab es Bestrebungen zur militärischen Aufrüstung und zur Wiedereinführung der Wehrpflicht in mehreren Ländern. Im nordatlantischen Militärbündnis Nato kam es zu Spannungen bezüglich der Verteidigung Europas und wegen des US-amerikanischen Interesses an Grönland.

In der Schweiz wurden 2025 Schlüsselpositionen im Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) neu besetzt. Martin Pfister wurde am 12. März in den Bundesrat gewählt und trat am 1. April sein Amt als neuer Chef VBS an. Serge Bavaud übernahm am 1. November die Leitung des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). Korpskommandant Benedikt Roos wiederum amtiert seit dem 1. Januar 2026 als neuer Chef Armee. Am 12. Dezember 2025 wurde die Sicherheitspolitische Strategie 2026 veröffentlicht. Die Diskussionen, wie die vorgesehene Stärkung des sicherheitspolitischen Instrumentariums finanziert werden soll, hielten auch 2025 an. Dann wurde bekannt, dass die Beschaffung des Kampfflugzeugs F-35A markant teurer und des Luftabwehrsystems «Patriot» deutlich verzögert wird.

Allgemeines Sicherheitsgefühl gesunken

Seit dem Erhebungsbeginn des allgemeinen Sicherheitsempfindens im Jahr 1991 fühlen sich durchschnittlich 88 Prozent (1991 bis 2025) der Schweizer Stimmberechtigen «sehr» oder «eher» sicher. Gegenüber 2025 ist nun dass das allgemeine Sicherheitsempfinden signifikant um 4 Prozentpunkte gesunken. Aktuell fühlen sich nur noch 82 Prozent der Befragten «sehr» oder «eher» sicher. Während 18 Prozent angeben, sich «sehr sicher» zu fühlen, geben 64 Prozent «eher sicher» an. Im Vergleich zu 2025 hat insbesondere der Anteil der Personen zugenommen, die sich «eher unsicher» fühlen. Der Wert ist von 13 auf 16 Prozent gestiegen. «Ganz unsicher» fühlen sich 2 Prozent.

Mit 62 Prozent blickten im Januar 2026 signifikant weniger Stimmberechtigte optimistisch in die Zukunft der Schweiz (5 Prozent «sehr optimistisch», 57 «eher optimistisch»). Damit ist dieser Wert im Vergleich zum Januar 2025 um 7 Prozentpunkte gesunken. Der Anteil der Stimmberechtigten, der die Zukunft der Schweiz als pessimistisch beurteilt, liegt aktuell bei 37 Prozent (3 Prozent «sehr pessimistisch», 34 Prozent «eher pessimistisch»).

2026 wird die weltpolitische Lage mit einem Anteil von 86 Prozent (plus 5 Prozentpunkte) noch signifikant pessimistischer als im Vorjahr eingeschätzt (24 Prozent «sehr pessimistisch», 62 Prozent «eher pessimistisch»). Insgesamt beurteilen nur noch 13 Prozent die zukünftige Entwicklung der weltpolitischen Lage optimistisch (1 Prozent «sehr optimistisch», 12 Prozent «eher optimistisch»). Die pessimistische Einschätzung der weltpolitischen Lage hat nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 deutlich zugenommen.

EU und Nato: Für Annäherung, aber gegen Beitritt

Im Januar 2026 befürworteten insgesamt 79 Prozent der befragten Personen eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Europäischen Union (EU), ohne ihr beitreten zu wollen. 36 Prozent der Stimmbevölkerung sind mit der Aussage «sehr» und 43 Prozent «eher» einverstanden. Das lässt hoffen für die Akzeptanz des neuen, dritten bilateralen Vertragspakets (Bilaterale III), mit dem die Schweiz ihre Beziehungen zur EU stabilisieren und weiterentwickeln will. Dagegen sind 13 Prozent «eher nicht» und 6 Prozent «gar nicht» einverstanden. Die Zustimmung zu einer stärkeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der EU liegt seit den frühen 2010er-Jahren stabil auf hohem Niveau. Dieses Jahr verbleibt der Wert jedoch wie im Vorjahr auf dem tiefsten gemessenen Wert seit 2011. Im Jahr 2024 war die Zustimmung noch signifikant höher und lag bei 82 Prozent.

Eine klare Minderheit von 19 Prozent spricht sich im Januar 2026 für einen vorbehaltlosen EU-Beitritt der Schweiz aus. 5 Prozent sind hiermit «sehr» und 14 Prozent «eher» einverstanden. Die Veränderung (plus 1 Prozentpunkt) ist gegenüber dem letzten Jahr statistisch nicht signifikant und verbleibt auf tiefem Niveau. Zuletzt gab es 1999 mit 57 Prozent eine Mehrheit, die einen EU-Beitritt der Schweiz befürwortete. Seit Beginn des Jahrtausends ist die Zustimmung bis 2011 stark zurückgegangen und bleibt seither fast durchgehend unter der 20-Prozent-Marke.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Bezug auf die Beziehungen zum nordatlantischen Verteidigungsbündnis Nato. Anfang 2026 sprechen sich 56 Prozent (plus 3 Prozentpunkte) der Stimmberechtigten, davon 18 Prozent «sehr» und 38 Prozent «eher» einverstanden, für eine Annäherung an die Nato aus. Das ist der höchste je gemessene Wert seit Messbeginn der Studienreihe «Sicherheit». Von 1997 bis Januar 2022, kurz vor der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022, stimmt nur eine Minderheit der Annäherung der Schweiz an die Nato zu. Während es sich beim diesjährigen Wert um einen Höchstwert handelt, ist der Anstieg zum Vorjahr nicht signifikant.

Eine Minderheit von 32 Prozent der Stimmberechtigten befürwortet aktuell einen Nato-Beitritt der Schweiz. Dabei sind 9 Prozent «sehr» und 23 Prozent «eher» einverstanden. Dieser Wert hat sich seit dem Vorjahr nicht verändert. Zwar war ein Nato-Beitritt nie mehrheitsfähig, er hat aber seit der 2020er-Jahre deutlich an Zustimmung gewonnen und Werte erreicht, die es seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr gab. Auch wurde nie ein höherer Wert als 2025 und 2026 gemessen.

Hohe, aber abnehmende Zustimmung zur Neutralität

Aktuell befürwortet eine klare Mehrheit von 85 Prozent der Stimmberechtigten (minus 2 Prozentpunkte) die Beibehaltung der Neutralität der Schweiz.  Damit «sehr» einverstanden sind 54 Prozent der Befragten, «eher» einverstanden 31 Prozent. 10 Prozent sind «eher nicht einverstanden» und 3 Prozent «gar nicht». Zwischen 1989 und 2026 liegt die durchschnittliche Zustimmung zum Neutralitätsprinzip bei 89 Prozent. Während sich zwischen 1989 und 1997 noch vergleichsweise grosse Zustimmungsveränderungen zeigten, zeichnet sich seit dem Jahr 2000 ein klarer und deutlicher Trend ab: Die Zustimmung zum Neutralitätsprinzip wächst langsam und konstant. Aber seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine 2022 sinkt die Zustimmung deutlich.

Mit einer Zustimmung von 59 Prozent (plus 6 Prozentpunkte) ist der Anteil derer, die im Januar 2026 angibt, dass die bewaffnete Neutralität heute nicht mehr militärisch glaubhaft geschützt werden kann, statistisch signifikant gestiegen. Hiermit sind 20 Prozent «sehr» und 59 Prozent «eher» einverstanden. Seit Messbeginn 1993 war die Zustimmung zu dieser Aussage noch nie derart hoch.

Aktuell stimmen signifikant mehr Stimmberechtigte der Schutzwirkung eines europäischen Militärbündnisses zu als noch im Vorjahr. Im Januar 2026 sind 43 Prozent (plus 7 Prozentpunkte) der Befragten der Meinung, dass die Mitgliedschaft in einem europäischen Verteidigungsbündnis mehr Sicherheit bringen würde als die Beibehaltung der Neutralität. Mit dieser Aussage sind 14 Prozent «sehr» und weitere 29 Prozent «eher» einverstanden. 

Aktuell ist die Zustimmung, dass die Neutralität abgeschafft werden sollte, sobald diese keine Vorteile mehr bietet, unverändert bei 24 Prozent. Damit bleibt die Neutralität für die Mehrheit der Stimmberechtigten auch 2026 ein finaler Wert an sich. Während 8 Prozent mit «sehr einverstanden» antworten, sind 16 Prozent damit «eher» einverstanden.

Keine Mehrheit für höhere Armeeausgaben

Mit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine kam es in der Schweizer Gesellschaft erneut zu einem Anstieg der empfundenen Notwendigkeit der Armee. Seit der Messung im Juni 2022 liegt der erfasste Anteil der Stimmbevölkerung, die die Armee als notwendig erachtet, im Durchschnitt bei 81 Prozent. Im Januar 2026 bewerten überdurchschnittlich viele Schweizerinnen und Schweizer die Armee als notwendig: 83 Prozent (plus 3 Prozentpunkte) erachten sie als «unbedingt» oder «eher» notwendig. Insbesondere hat die Anzahl Personen zugenommen, die der Armee eine hohe Notwendigkeit zuschreiben («unbedingt notwendig»: von 42 auf 47 Prozent). Umgekehrt bezeichnen 12 Prozent der Stimmberechtigten die Armee als «eher nicht», und 4 Prozent als «überhaupt nicht» notwendig. Nur zu Zeiten des Kalten Kriegs wurden in der Studienreihe «Sicherheit» höhere Zustimmungswerte zur Notwendigkeit der Armee gemessen.

Sowohl die Einstellung zu einer «sehr gut» ausgebildeten als auch zu einer «vollständig ausgerüsteten» Armee bleiben im Januar 2026 gegenüber dem Vorjahr unverändert. 89 Prozent der Stimmberechtigten befürworten eine sehr gut ausgebildete Armee. 75 Prozent wünschen sich eine vollständig ausgerüstete Armee. Die Meinungen zur Ausbildung und Ausrüstung der Armee teilen sich nach wie vor in eine Zeit vor dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine und in eine Zeit danach. Für beide Anliegen liegt die Zustimmung in der Zeit danach klar höher als in der Zeit davor.

Die Zufriedenheit mit den jetzigen Ausgaben für die Landesverteidigung erreicht im Januar 2026 einen Tiefstwert im Vergleich zu den vergangenen 15 Jahren. 34 Prozent (minus 3 Prozentpunkte) der Schweizerinnen und Schweizer sind nämlich der Ansicht, dass die Ausgaben für die Landesverteidigung «gerade richtig» seien. Am Ende der 1980er-Jahre lag die Zufriedenheit mit den Armeeausgabe noch tiefer, bei Werten etwas über 20 Prozent. Damals herrschte bei den Stimmberechtigten ein grosser Konsens darüber, dass die Schweiz zu viel für die Verteidigung ausgibt. In den Jahren von 2012 bis 2024 war jeweils eine klare relative Mehrheit der Meinung, dass die Ausgaben «gerade richtig» seien.

Der Ausbruch des Kriegs in der Ukraine im Februar 2022 hat nun zu einer deutlichen Polarisierung der Stimmbevölkerung hinsichtlich der angemessenen Höhe der Verteidigungsausgaben geführt. Aktuell sagen 32 Prozent (minus 2 Prozentpunkte), dass die Schweiz zu viel Geld für die Landesverteidigung ausgibt, während 29 Prozent (plus 5 Prozentpunkte) die gegenteilige Ansicht vertreten, dass also zu wenig Geld aufgewendet wird. Noch nie waren so viele Schweizerinnen und Schweizer der Meinung, dass zu wenig Geld für die Verteidigung ausgegeben wird. Insbesondere ist es das erste Mal seit Messbeginn im Jahr 1986, dass die drei Lager («zu wenig»/»gerade richtig»/»zu viel») nahezu gleich stark vertreten sind. Für die vom Bundesrat aktuell geplante Erhöhung der Armeeausgaben mittels einer Anhebung der Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte ist damit 2026 aber keine Mehrheit vorhanden. 

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