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Libanon

Das Dilemma des ewigen Krieges

9. Juni 2026
Reinhard Schulze
Libanon
Zerstörtes Wohnhaus im Dorf Saksakieh im Südlibanon nach einem israelischen Luftangriff vom 6 Juni 2026 (Bild des Libanesischen Gesundheitsministeriums, Keystone/EPA/Stringer)

Hizbullah lässt sich nicht militärisch besiegen. Dazu ist sie zu wichtig als Ersatz für einen gescheiterten Staat. Nur der Aufbau eines funktionierenden Libanon, mit dem sich die Menschen identifizieren, entzieht Hizbullah die Legitimationsbasis.

Zwei Meldungen vom 7. und 8. Juni 2026 illustrieren das Grunddilemma des Libanon-Konflikts präziser als jede Analyse. Am Sonntag griffen israelische Streitkräfte erneut das Dahiyeh-Viertel im Süden Beiruts an – Vergeltung für einen Hizbullah-Drohnenangriff auf israelische Soldaten, der seinerseits Vergeltung für israelische Luftschläge gewesen war. Am Montag erklärte Premierminister Netanjahu in einer Videobotschaft, der Kampf gegen Hizbullah sei «noch nicht beendet». Verteidigungsminister Katz präzisierte: Israel werde seine Operationen im Libanon fortsetzen, Waffenstillstand hin oder her.

Denn einen solchen gibt es – auf dem Papier. Am 3. Juni hatten Israel und der libanesische Staat in Washington eine Waffenstillstands-Vereinbarung unterzeichnet, die eine vollständige Feuereinstellung sowie libanesische Armeepräsenz in sogenannten Pilotzonen vorsah. Hizbullah war an den Gesprächen nicht beteiligt. Hizbullah-Chef Naim Qassem lehnte das Abkommen umgehend ab und nannte es einen «Fahrplan zur Vernichtung eines Teils des libanesischen Volkes». Seither wird täglich geschossen. Das ist kein Zufall und kein Versagen der Diplomatie. Es ist das Wesen dieses Konflikts: Man verhandelt mit dem Staat, aber man kämpft gegen eine Bewegung, die sich selbst als den wahren Libanon versteht.

Das ist die eigentliche Geschichte des Libanon-Konflikts. Nicht die der Raketen und Drohnen, der Luftschläge und Bodenoperationen. Sondern die Geschichte einer politischen Gemeinschaft, die sich seit Jahrzehnten selbst zerstört und einer Miliz, die aus dieser Zerstörung ihre Legitimität bezieht.

Der Staat als Fiktion

Um Hizbullah zu verstehen, muss man zuerst den Libanon verstehen. Oder genauer: Man muss verstehen, dass der libanesische Staat in seinem gegenwärtigen Zustand kaum mehr als eine Fiktion ist, eine rhetorische Grösse, hinter der sich ein Geflecht aus konfessionellen Loyalitäten, Klientelnetzwerken und korrupten Lokalfürsten verbirgt. Der Staat erhebt kaum Steuern, versorgt seine Bürger nur unzuverlässig mit Strom, bietet keine soziale Absicherung und ist seit dem Staatsbankrott von 2020 fiskalisch auf das Niveau eines armen Entwicklungslandes geschrumpft. Mit einem Jahreshaushalt von kaum fünf Milliarden Dollar bei einer Schuldenquote von über 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts regiert Beirut ein Land, das sich seine Existenz nicht mehr selbst leisten kann.

In dieses Vakuum trat und tritt Hizbullah. Schulen, Krankenhäuser, Sozialleistungen, Sicherheit: Was der Staat verweigert, liefert die Partei Gottes. Dies ist keine Propaganda, sondern gelebte Realität für einen erheblichen Teil der schiitischen Bevölkerung des Landes. Rund ein Drittel der libanesischen Schiiten ist in der Hizbullah eingebunden – nicht aus blinder Gefolgschaft, sondern weil das Netzwerk das einzige Sicherheitsnetz ist, das sie kennen.

Diese Logik erklärt auch ein auf den ersten Blick paradoxes Phänomen: Je mehr Menschen aus dem Süden des Landes fliehen müssen, je weiter sie sich von ihren Lokalfürsten und Stammesnetzwerken entfernen, desto anfälliger werden sie für den nationalistischen Diskurs der Hizbullah. Entwurzelung fördert Radikalisierung. Der Krieg, so bitter dieser Befund klingt, ist für Hizbullah eine Bestandsgarantie.

Ethnogenese als politisches Projekt

Hizbullah ist keine Miliz im klassischen Sinne. Sie ist der Motor eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses, den man mit dem Begriff der schiitischen Ethnogenese beschreiben kann: die schrittweise Herausbildung einer kollektiven Identität, die religiöse, nationale und politische Elemente zu einem eigentümlichen Religionsnationalismus verschmilzt. Ideologisch geprägt durch die Islamische Revolution Khomeinis, die israelische Besatzung des Südlibanons 1982 und den gleichzeitigen Zerfall der alten feudalen Gemeindestrukturen, hat Hizbullah eine Erzählung entwickelt, in der sie selbst zum wahren Libanon erklärt wird – jenem Libanon, der seit 1949 in ungebrochener Feindschaft zu Israel steht.

Diese Erzählung hat sich in bald vier Jahrzehnten tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Hasan Nasrallah, der 2024 bei einem israelischen Luftangriff getötet wurde, war nicht nur ein Anführer, er war ein Symbol, eine mythische Figur. Sein Tod hat Hizbullah militärisch geschwächt, ideologisch aber kaum erschüttert. Der Märtyrerkult ist konstitutiv für die Identitätspolitik der Bewegung.

Der gebrochene Waffenstillstand und die Logik des Scheiterns

Im November 2024 hatten Israel und der Libanon – unter amerikanischer und französischer Vermittlung – ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, das Hizbullah zum Rückzug hinter den Litani-Fluss verpflichtete und Israel zum Abzug aus dem Südlibanon. Es war ein fragiles Konstrukt. Israel beging nach Angaben der libanesischen Seite über zweitausend Verstösse gegen den Waffenstillstand; Hizbullah verlegte weiterhin Kämpfer in die Pufferzone. Die libanesische Armee, theoretisch zur Sicherung des Südens verpflichtet, zögerte aus Rücksicht auf Hizbullah, aus Mangel an Ressourcen, aus politischem Kalkül.

Im März 2026 begann Israel erneut eine Bodenoffensive im Libanon. Am 8. April, just als ein von Pakistan vermittelter Waffenstillstand im parallelen Irankrieg gerade in Kraft trat, startete die israelische Armee nach eigenen Angaben ihre bislang schwersten Angriffe auf den Libanon. 357 Menschen starben an diesem einzigen Tag. Die Bilder gingen um die Welt.

Und doch: Die operative Überlegenheit der israelischen Armee übersetzt sich nicht in einen strategischen Gewinn. Das ist kein Zufall und keine taktische Schwäche. Es ist das strukturelle Dilemma jedes militärischen Ansatzes, der ein politisches Problem mit militärischen Mitteln lösen will.

Die neue Regierung und ihre Grenzen

Seit Januar 2025 regiert mit Joseph Aoun ein neuer Präsident den Libanon, seit Februar steht Nawaf Salam als Premierminister an der Spitze einer Regierung, die sich explizit das Ende des Hizbullah-Waffenmonopols auf die Fahnen geschrieben hat. Am 2. März 2026 erklärte die Regierung das Militärwesen der Hizbullah offiziell für verboten – die selbstbewussteste derartige Erklärung, die ein libanesischer Staat je gewagt hat. Zehn Nationen, darunter Grossbritannien, unterzeichneten eine Solidaritätserklärung.

Das ist ein Signal. Aber es ist kein Fundament.

Die Regierung Aoun/Salam steht vor einer strukturellen Realität, die sich mit Dekreten allein nicht überwinden lässt. Das Bankensystem blockiert Reformen. Sektiererische Anführer instrumentalisieren konfessionelle Loyalitäten gegen jede Veränderung. Ein tief verwurzelter «tiefer Staat» – ein Netzwerk aus Richtern, Sicherheitsbeamten, Verwaltungsbeamten und politischen Akteuren, deren Interessen seit Jahrzehnten mit denen der Hizbullah verflochten sind – neutralisiert Entscheidungen, bevor sie die Ebene der Umsetzung erreichen. Die Untersuchung der Hafenexplosion von 2020, bei der 218 Menschen starben, stagniert. Die Bankenkrise, die Millionen Libanesen ihre Ersparnisse kostete, ist juristisch weitgehend ungeahndet. Riad Salameh, der frühere Notenbankchef, wurde erst im September 2024 verhaftet.

Die im Mai 2026 anstehenden Parlamentswahlen könnten ein Wendepunkt sein – oder eine Bestätigung des Status quo. Noch immer halten Hizbullah und ihre Verbündeten eine beachtliche Zahl an Sitzen im Parlament. Sollte der reformorientierten Koalition keine Mehrheit gelingen, wäre das Experiment der Regierung Aoun/Salam am Ende, bevor es begonnen hat.

Das syrische Scharnier bricht weg

Ein entscheidender geopolitischer Faktor hat sich in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich verändert: der Zusammenbruch des syrischen Baath-Regimes. Seit Mitte der achtziger Jahre hatte Damaskus Hizbullah als strategischen Verbündeten gepflegt – zunächst nach anfänglicher Unterstützung christlicher Milizen und prosyrischer Nationalisten, dann als unverzichtbarer Transmissionsriemen für iranische Waffenlieferungen. Selbst nach dem formellen syrischen Rückzug aus dem Libanon im April 2005, erzwungen durch die Zedernrevolution nach der Ermordung Rafiq al-Hariris, blieb die logistische Achse Damaskus–Südlibanon intakt.

Diese Achse ist nun gebrochen. Dies ist einer der wenigen strukturellen Vorteile, die sich aus den katastrophalen Ereignissen der vergangenen Jahre für eine mögliche politische Lösung ergeben. Hizbullahs Nachschublinien sind unterbrochen, ihre Waffenlager in Syrien zerstört oder nicht mehr zugänglich. Dies schwächt die Organisation militärisch – aber es beseitigt sie politisch nicht.

Operative Überlegenheit ersetzt keine Strategie

Die entscheidende Frage lautet: Was will Israel eigentlich erreichen? Und was können externe Akteure – die USA, Europa, die Golfstaaten – realistischerweise beitragen?

Eine Antwort auf die erste Frage fällt schwer, weil die israelische Politik gegenüber dem Libanon eine strategische Vision vermissen lässt. Die operative Überlegenheit der Armee, ihre Fähigkeit zur gezielten Tötung von Kommandeuren und zur Zerstörung von Infrastruktur, ist fraglos gegeben. Was fehlt, ist ein politischer Horizont. Hizbullah militärisch in die Knie zu zwingen, bedeutet nicht, die schiitische Ethnogenese zu stoppen. Im Gegenteil: Ein zerstörerischer Abnutzungskrieg, der Hundertausende zur Flucht zwingt, radikalisiert genau jene Bevölkerungsschichten, deren Abkehr von der Partei Gottes die einzige realistische Grundlage für eine Lösung darstellen würde.

Hinzu kommt die militärische Anpassungsfähigkeit der Organisation. Zwar hat Hizbullah erhebliche Verluste erlitten – in ihrer Führungsschicht, in ihren Waffenlagern, in ihrer Kommandostruktur. Aber die Organisation hat sich angepasst. Insbesondere der Einsatz von FPV-Drohnen (First-Person-View), teils über Glasfaserleitungen gesteuert, um elektronische Störmassnahmen zu umgehen, hat die Fähigkeit zur asymmetrischen Kriegsführung auf eine neue Ebene gehoben. Noch immer verfügt Hizbullah schätzungsweise über 25’000 bis 30’000 Kämpfer. Das Mobilisierungspotenzial bleibt erheblich.

Eine politisch Lösung oder gar keine

Es gibt keinen militärischen Weg zur dauerhaften Befriedung des Südlibanons. Diese These klingt angesichts der Bilder aus den Trümmern von Beiruts südlichen Vororten nach naiver Gutmenschlichkeit. Sie ist es nicht. Sie ist die nüchterne Schlussfolgerung aus vier Jahrzehnten Konfliktgeschichte.

Hizbullah verliert ihre Legitimität nur dann, wenn der libanesische Staat sie ihr streitig machen kann. Das gelingt ausschliesslich durch einen Staat, der tatsächlich funktioniert: der Sicherheit gewährleistet, soziale Leistungen erbringt, Korruption bestraft, Investitionen ermöglicht und die Würde seiner Bürger achtet. Ein solcher Staat ist das einzige Konkurrenzangebot zu dem, was Hizbullah der schiitischen Bevölkerung bietet.

Der Waffenstillstand vom April 2026 ist ein Moratorium. Die damit gekaufte Zeit muss man aber auch nutzen. Die Regierung Aoun/Salam hat die Richtung vorgegeben. Die IWF-Reformen, die Restrukturierung der Bankenschulden, die Entwaffnungsdebatte: Das sind keine abstrakten Verwaltungsakte, sondern der eigentliche Kampf um den Libanon. Ein Kampf, der in Brüssel und Washington, in Riad und Abu Dhabi mitentschieden wird durch die Bereitschaft, politisch und finanziell zu investieren, statt nur Waffenstillstände zu vermitteln.

Ob es für diesen politischen Neuanfang nicht schon zu spät ist, bleibt offen. Der schiitische Ethnonationalismus, von Hizbullah bewusst gepflegt und durch jeden neuen Krieg verstärkt, hat sich tief in die gesellschaftliche DNA eines Teils der libanesischen Bevölkerung eingeschrieben. Jeder Luftangriff, jede Fluchtbewegung, jede Familie, die ihre Heimat verliert, ist Wasser auf die Mühlen jener, die sagen: Nur wir schützen euch. Nur wir sind euer Libanon. Es wäre fatal, ihnen recht zu geben.

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