Ioannis Kapodistrias als europäischer Staatsmann, Architekt der Schweizer Neutralität und verdrängte Schlüsselfigur der griechischen Unabhängigkeit. SRF nennt Kapodistrias «der griechische Schutzengel der Schweiz». Der griechische Regisseur Yannis Smaragdis setzt ihm jetzt ein Denkmal.
«Der Mensch lebt nicht weiter – sein Werk lebt weiter.» Dieser Satz, den Ioannis Kapodistrias im Film seinen Verleumdern entgegenschleudert, bildet das moralische Gravitationszentrum von Yannis Smaragdis’ neuem Werk Kapodistrias. Der Filmemacher unternimmt hier nichts Geringeres als einen Akt nationaler und europäischer Gerechtigkeit: Er holt eine der größten, zugleich tragischsten Gestalten des neuzeitlichen Hellenismus aus dem Schatten politischer Verzerrung, ideologischer Feindseligkeit und historischer Verkürzung.
Smaragdis’ Film ist dabei keine bloße historische Rekonstruktion. Trotz gewisser ärgerlicher historischer Ungenauigkeiten, die ihm seine beckmesserischen Kritiker um die Ohren hauen, ist er eine bewusste, würdige Vergegenwärtigung eines Mannes, dessen Lebenswerk weit über Griechenland hinausreichte – und der dennoch bis heute oft missverstanden, instrumentalisiert oder marginalisiert wurde. Ioannis Kapodistrias erscheint als das, was er im tiefsten Sinne war: ein Staatsmann, der seine Heimat nicht beherrscht, sondern erhebt.
Ioannis Kapodistrias gehört zu jenen Gestalten der europäischen Geschichte, deren Bedeutung systematisch verkürzt, politisch verzerrt oder bewusst marginalisiert wurde. Der Film ist deshalb weit mehr als ein Historienfilm. Er ist ein Akt historischer Rehabilitation – und, wie der Philosoph und Historiker Melétis Meletópoulos in einer Rezension betont, ein Frontalangriff auf tief verankerte Mythen der europäischen und griechischen Geschichtsschreibung.
Smaragdis zeichnet Kapodistrias nicht als Machtpolitiker, sondern als Staatsmann im klassischen Sinn: als Diener des Gemeinwohls, dessen politisches Handeln untrennbar mit ethischer Verantwortung verbunden war. Meletópoulos sieht darin den eigentlichen Skandal: Kapodistrias verkörpere den Typus des christlich-humanistischen, patriotischen Politikers – ein Modell, das vielen heutigen Eliten fremd oder unerwünscht sei.
Bildung, Ethos und frühe Staatsidee
Kapodistrias’ Lebensweg erscheint als konsequente Kette der Selbsthingabe. Mit nur 21 Jahren hatte der korfiotische Graf Abschlüsse in Medizin, Recht und Philosophie erworben. Wissen verstand er nicht als Unterscheidungsmerkmal, sondern als Verpflichtung. Als Arzt behandelte er Bedürftige kostenlos und unterstützte sie finanziell. Der Übergang in die Politik bedeutete keinen Bruch, sondern die Ausweitung desselben Ethos: die Linderung menschlichen Leids – nun auf gesellschaftlicher Ebene.
In den Ionischen Inseln stieg Kapodistrias vom Arzt zum integren Gouverneur auf. Als Sekretär des Senats des neu gegründeten Ionischen Staates bewies er außergewöhnliche administrative Fähigkeiten und diplomatische Klugheit. Meletópoulos unterstreicht, dass Kapodistrias bereits hier nicht regional dachte: Die Ionischen Inseln waren für ihn der Keim einer zukünftigen freien griechischen Staatlichkeit.
Zentral war dabei seine Bildungspolitik. Die Durchsetzung des Griechischen als Amtssprache, der Plan einer nationalen Bildungsanstalt und die systematische Alphabetisierung der Bevölkerung waren Ausdruck einer tiefen Überzeugung: Politische Freiheit ohne geistige und kulturelle Emanzipation ist Illusion.
Kapodistrias gegen Metternich: Ein unterschlagener Konflikt
Besondere Bedeutung misst Meletópoulos dem lange verdrängten Konflikt zwischen Kapodistrias und dem österreichischen Kanzler Klemens von Metternich bei. Gestützt auf historische Quellen – darunter die frühe Dissertation Henry Kissingers – zeigt er, dass Kapodistrias einer der zentralen Gegenspieler des restaurativen Systems Europas und der reaktionären, von Metternich inspirierten Heiligen Allianz war.
Metternich betrachtete die griechische Revolution als existentielle Bedrohung der monarchischen Ordnung. Er unterstützte aktiv deren Niederschlagung und arbeitete diplomatisch wie logistisch gegen sie. Kapodistrias hingegen nutzte seine Stellung im Dienst des Zaren, um die griechische Sache politisch abzusichern. Dass sich Griechenland letztlich behaupten konnte, bedeutete zugleich einen empfindlichen Schlag gegen das gesamte restaurative Gleichgewicht Europas.
Navarino – der Mythos der „Befreiung“
Einen zentralen Befund Meletópoulos’ bildet die Dekonstruktion des Mythos von der Seeschlacht von Navarino. Die verbreitete Darstellung, Griechenland sei durch das Eingreifen der Großmächte „befreit“ worden, hält er für historisch unhaltbar.
Navarino habe nicht der griechischen Unabhängigkeit gedient, sondern der Eindämmung Mohammed Alis von Ägypten und der Sicherung britischer Handels- und Kolonialinteressen. Die tatsächliche Unabhängigkeit Griechenlands sei erst durch den russischen Sieg über das Osmanische Reich und das Protokoll von Adrianopel (1829) erzwungen worden.
Dieser Mythos erfülle eine klare Funktion: Er legitimiere Fremdbestimmung und Abhängigkeit. Griechenland erscheine nicht als handelndes Subjekt, sondern als Objekt fremder Gnade.
Schweiz: Staatskunst statt Machtpolitik
Der Film – und Meletópoulos’ Analyse – räumen Kapodistrias’ Rolle bei der Neuordnung der Schweiz einen zentralen Platz ein. Als er 1813 im Auftrag Zar Alexanders I. in die Eidgenossenschaft entsandt wurde, stand das Land vor dem Zerfall. Die Kantone waren zerstritten, ein Bürgerkrieg drohte, fremde Truppen hatten das Territorium besetzt.
Kapodistrias’ Ansatz war revolutionär in seiner Nüchternheit: Ein Staat könne nicht von außen oktroyiert werden. Er müsse aus innerer Einsicht entstehen. Kapodistrias reiste durch die Kantone, vermittelte zwischen widerstreitenden Interessen und zwang die politischen Akteure, Verantwortung für das eigene Gemeinwesen zu übernehmen.
Dass die Schweiz 1815 als unabhängiger, immerwährend neutraler Staat anerkannt wurde, ist wesentlich seinem diplomatischen Geschick zu verdanken. Neutralität war für ihn kein ideologisches Dogma, sondern ein Ordnungsprinzip, das Freiheit, Sicherheit und Vielfalt miteinander versöhnte. Dass diese Ordnung bis heute Bestand hat, ist eines der stillsten, aber nachhaltigsten Zeugnisse seiner Staatskunst.
Doppelte Standards Europas
Meletópoulos weist eindringlich auf die Doppelmoral der Großmächte hin. Dieselben Mächte, die Kapodistrias’ Fähigkeiten nutzten, um die Schweiz zu stabilisieren, verweigerten Griechenland genau diesen Weg. Nur Russland war bereit, eine tatsächlich unabhängige griechische Staatlichkeit zu akzeptieren – ein Umstand, der Kapodistrias politisch isolierte.
Als Kapodistrias 1827 zum ersten Präsidenten Griechenlands gewählt wurde, kehrte er nicht als Triumphator zurück, sondern als Diener eines verwüsteten Landes. Bürgerkrieg, Klientelismus und ausländische Einflussnahme bestimmten den Alltag. Dennoch versuchte er, Recht, Ordnung und Bildung durchzusetzen – und machte sich damit mächtige Feinde.
Bücher statt Truppen
Eine der symbolisch stärksten Episoden des Films illustriert Kapodistrias’ Denken: Als Frankreich ihm aus Dankbarkeit, dass er am Wiener Kongress die Teilung des Landes verhindert hatte, militärische Hilfe anbietet, bittet er nicht um Soldaten, sondern um Bücher aus französischen Bibliotheken. Bildung statt Gewalt, langfristiger Aufbau statt kurzfristiger Macht.
Mord und Entmündigung
Die Ermordung Kapodistrias’ war, so Meletópoulos, kein Zufall und kein lokales Ereignis. Sie erfolgte in einem Klima systematischer Delegitimierung. Britische Diplomaten, lokale Eliten und politische Gegner arbeiteten offen an seiner Beseitigung. Sein Tod diente den Großmächten als Vorwand, Griechenland mit dem Londoner Protokoll von 1832 politisch zu entmündigen und einen ausländischen Monarchen einzusetzen. Mit katastrophalen Folgen bis heute.
Späte Gerechtigkeit
Der Film endet mit einem antiken Chor – Geschichte wird zur Tragödie. Kapodistrias erscheint als Opfer für das Gemeinwohl und als europäischer Humanist, dessen Werk bis heute fortwirkt: in der politischen DNA der Schweiz, im verdrängten Erbe Griechenlands und in der Frage, welche Art von Politik Europa eigentlich will.
Kapodistrias ist kein nostalgischer Film. Er ist eine Herausforderung. Er zwingt zur Auseinandersetzung mit verdrängten Wahrheiten – und mit der unbequemen Erkenntnis, dass Größe in Politik selten belohnt wird.