Das Duo «Claire Fontaine» bekommt im Haus Reinhart am Stadtgarten eine grosse Bühne für seine Performance. Die Ratlosigkeit, die sie auslösen kann, ist womöglich beabsichtigt. Der Titel «Sugar Free» beabsichtigt jedenfalls nicht, ihr entgegenzuwirken.
Aneignung, Bedeutungsverschiebung und Infragestellung der Autorschaft: Mit diesen drei Merkmalen umreisst Claire Fontaine ihre künstlerische Praxis. Und es fällt nicht schwer, in ihren ganz unterschiedlichen in Winterthur ausgestellten Arbeiten das so umrissene ästhetische Konzept wiederzufinden.
Nur: Aneignung, Bedeutungsverschiebung und Infragestellung der Autorschaft passen als Charakterisierungen halt zu einem sehr grossen Teil, vielleicht zur Mehrheit heutiger Kunstproduktion. Der Output aus Kunsthochschulen mit seinem Mix von Post-Poststrukturalismus, Postpatriarchat, Postkapitalismus und Postkolonialismus kommt selten aus ohne diese hochtheoretisch ästhetischen Verfahren: Es werden Artefakte aus Kunst und Warenwelt angeeignet; an die Stelle der ursprünglichen Bedeutungen treten neue oder allenfalls gar keine; mit dem Kult um den Urheber wird aufgeräumt, grosse Namen sind zu entzaubern und Newcomer verstecken sich gern in kollektiven Prozessen der Kreation.
Ohne Differenzierung im Kunsttrend
Mit einer solchen Positionierung macht sich Claire Fontaine zum indifferenten Teil eines aktuellen Kunsttrends. Eine erkennbare Profilierung kommt so nicht zustande. Zudem treibt das Duo Fulvia Carnevale und James Thornhill die Anonymisierung so weit, dass sie als Personen ganz hinter der «Persona» ihres Brands zurücktreten, der im Übrigen rein nichts über sie aussagt. Weder die Unterlagen zur Ausstellung noch die Website des Duos geben Biographisches preis. Der Eintrag über Claire Fontaine in der englischsprachigen Wikipedia ist so kryptisch, dass die Administratoren der Enzyklopädie den Vermerk eingefügt haben, der Artikel sollte zwecks besserer Verständlichkeit überarbeitet werden.
Als Schlüsselbild der Winterthurer Ausstellung figuriert ein Remake (Bild oben) des berühmtesten Readymade der Moderne, des von Marcel Duchamp 1917 als «Fountain» präsentierten Urinals (hier das historische Foto von Alfred Stieglitz). Das Werk ist eine Art Namenspatron von Claire Fontaine. Das einst ganz einfach aus einem Sanitärgeschäft beschaffte Objekt wurde zu einem der grossen Kunstskandale des 20. Jahrhunderts.
Claire Fontaine setzen noch einen drauf, indem sie Duchamps (verschollenes) Original im 3-D-Druck replizieren, dabei aber ein «Kuchenstück» ausschneiden und dem Objekt den Titel «Is it cake?» verpassen. Damit dimmen sie den historischen Skandal auf einen schalen Pennälerwitz hinunter.
Ein ebenso bescheidenes Kaliber zeigt ihr Umgang mit einem zweiten Werk von Duchamp: 1919 versah dieser eine Ansichtskarten-Mona-Lisa mit Schnurrbart und Goatee sowie der Legende «L H O O Q», was sich als «Elle a chaud au cul» (etwa: Sie hat einen heissen Arsch) lesen lässt. Claire Fontaine übernehmen das von Duchamp bearbeitete Foto und setzen als neue Legende «L.G.B.T.Q.+» darunter. – Ein Fürzchen anstelle eines Krachers.
Raumfüllender «Newsfloor» und Null-Aussagen
Das Dachgeschoss des Hauses bespielen Claire Fontaine mit einer raumfüllenden Installation. An den schwarzen Wänden sind in loser Reihung Emojis im XXL-Format in Gestalt von Leuchtkästen verteilt. Die Icons für «Süsses essen», «am Schreiben», «Idee haben», «viel Geld», «Liebe» und anderes sind gemäss dem ästhetischen Programm von Claire Fontaine verarbeitet: Sie sind aus dem Zusammenhang der Textnachrichten gerissen; ihr Status als kleine Mitteilung verschiebt sich zu einem musealen Artefakt von rätselhafter Bedeutung; die Emojis, die von unbekannten Urhebern stammen, treten anonym in Erscheinung.
Der ganze Boden des Saals ist mit Zeitungsseiten beklebt; sie stammen von den «Tages-Anzeiger»-Ausgaben zweier Wochen. Dieser «Newsfloor» ist das Interessanteste an «Sugar Free». Man bewegt sich auf der Geschichte der jüngsten Zeit, bleibt beim planlosen Schlendern an Headlines mit all den Dramen und Banalitäten hängen, erkennt Bilder wieder und wundert sich über die lückenlose Transformation der chaotischen Welt in geordnete, sauber aufbereitete Nachrichten und Werbebotschaften.
Die im abgedunkelten Saal ringsum leuchtenden Emojis und Schlagwörter («Capitalism» und «Patriarchy» sind als Buchstabenfiguren in Lucky-Luke-Pose prominent platziert) kommen nicht über die Wirkung abgedroschener Appelle hinaus. Sollen die Emojis als Kritik einer apparativ genormten Kommunikation gelesen werden? – Alltagssprache funktionierte schon immer mit Stereotypen, auch ohne digitale Gadgets. Die suggerierte plakative Kritik geht ins Leere. Erst recht sind antikapitalistische und antipatriarchale Statements in der kontextlosen Form, wie sie hier inszeniert ist, längst zu Null-Aussagen degeneriert.
Und doch noch eine witzige Kapitalismuskritik
Mit den beim Aufgang zum Dachgeschoss gezeigten Reproduktionen eines Auktionskatalogs aber gelingt Claire Fontaine ein anspielungsreicher und witziger Coup. Vergrösserte Reproduktionen aus dem Katalog einer bei Christie’s durchgeführten Versteigerung von Bildern aus dem Besitz der untergegangenen Bank Lehman Bros. sind wie Kunstwerke gerahmt und präsentiert. Die Lehman-Bank war im September 2008 mit über 600 Milliarden Dollar Schulden pleite gegangen und hatte das globale Finanzsystem in eine tiefe Krise gestürzt. 2010 ging der Kunstbesitz der gescheiterten Bank in die Auktion.
Pikant daran sind nicht zuletzt die Sujets der zu versteigernden Bilder. Es handelt sich um Seestücke, die Fracht- und Kriegsschiffe mit vollen Segeln in schweren Stürmen zeigen. Die Bilder repräsentieren die frühe Blütezeit des globalen Kapitalismus und wurden zweifellos gekauft, weil sie dem kämpferischen Selbstverständnis des Bankhauses entsprachen – jenes Bankhauses, das mit seinem aggressiven und überheblichen Geschäftsgebaren geradewegs in den Untergang steuerte und so eine weltweite Krise auslöste.
Das ist Kapitalismuskritik vom Feinsten: Von der mit ihrem überbordend «kapitalistischen» Geschäftsgebaren untergegangenen Bank bleiben zum Schluss die emblematischen Bilder vom Aufstieg des Kapitalismus. Und die darauf zu sehenden Schiffe in schwerer See, heroisch dem stets drohenden Untergang trotzend. – Die für Kunstkäufe zuständigen Leute bei Lehman Bros. hatten in der Tat ein feines Gespür!
Kunstmuseum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten: Sugar Free
bis 14. Juni 2026
Kurator: Lynn Kost