Die USA haben den Gegner Iran sträflich unterschätzt und sich in ein Dilemma gestürzt. Trump und Hegseth versuchen mit martialischen Parolen abzulenken. Doch sie haben die verbündeten Golfstaaten verprellt und finden keine Exit-Option aus dem Krieg
Mitte März, am 16. Tag des von Donald Trump und Benjamin Netanyahu in Missachtung des Völkerrechts losgetretenen Kriegs gegen Iran, liegen in Washington die Nerven blank. Der US-Präsident erklärte, er denke nicht einen Augenblick lang über Verhandlungen mit den Herrschern in Teheran nach («Dreckskerle» nannte er sie), und Kriegsminister Hegseth sagte, seine Streitkräfte würden den Kampf «without mercy», also gnadenlos, weiterführen. Die «New York Times» kommentierte, Trump und seine Berater hätten krass unterschätzt, wie das Regime in Teheran reagieren würde.
Trump will den Krieg ausweiten
Bomben fielen nun auch schon auf Industriegebiete der historischen Städte Isfahan und Shiraz – und trafen dabei auch Wohnkomplexe. Und Trump forderte die Regierungen von Ländern im Westen (direkt angesprochen wird Grossbritannien, nicht aber andere europäische Länder – die betrachtet der US-Präsident offenkundig nicht mehr als Verbündete) und in Asien (u.a. China und Japan) auf, Kriegsschiffe in den Mittleren Osten zu entsenden. Sie sollen Handelsschiffe durch die Meeresenge von Hormuz geleiten und so die Versorgung der globalen Märkte sichern. Dahinter steht die Erwartung, dass die betreffenden Länder sich am Krieg gegen Iran beteiligen.
Durch das Nadelöhr von Hormuz zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean fuhren in normalen Zeiten pro Tag zwischen 100 und 120 Schiffe. Sie transportierten nicht nur Rohöl, sondern auch raffinierte Produkte wie Treibstoff für Flugzeuge (50 Prozent des weltweit verbrauchten Kerosins stammt aus mittelöstlichen Raffinerien) und Düngemittel, die essentiell sind für die Landwirtschaft weltweit. Jetzt lassen die iranischen Revolutionswächter nur noch wenige Schiffe durch, nämlich jene, die entweder unter der eigenen, also der iranischen Flagge fahren, oder solche, die Erdöl oder Kerosin aus einer iranischen Raffinerie geladen haben und in Richtung Ostasien fahren (deren Ladung und Transport im chinesischen Yuan bezahlt werden). In den letzten Tagen waren es jeweils noch zwölf bis 15 Schiffe. Das Resultat: Erstens sind nun die globalen Lieferketten schwerwiegend gestört, und zweitens können die arabischen Anrainer des Persischen Golfs fast nichts mehr exportieren.
Das heisst: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben zwar eine Pipeline, welche die Meerenge von Hormuz umgeht, aber durch diese Röhre kann kaum ein Zehntel jener Menge transportiert werden, die für die Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaft notwendig ist. Auch Saudiarabien hat eine Alternative, aber sie ist für das Königreich marginal und hat darüber hinaus den Nachteil, dass sie ins Rote Meer führt und dass die Ladung dort auf Schiffe im potentiellen Visier der jemenitischen Huthi-Rebellen (Verbündete Irans) verbracht werden muss. Völlig von der Möglichkeit für Exporte abgeschnitten sind Qatar, Bahrain und Kuwait, schwer beeinträchtigt ist Irak.
Ernüchterung bei den Verbündeten am Golf
Bei den Regierungen dieser Länder herrscht Enttäuschung über Amerika. Sie haben den USA die Einrichtung von Stützpunkten erlaubt in der Erwartung, auf diese Weise umfassenden Schutz zu erhalten. Stattdessen wurden sie genau deswegen nun zum Ziel von Attacken durch die iranischen Revolutionsgarden. Deren Drohnen und Raketen treffen aber nicht nur die Basen der USA, sondern (ob beabsichtigt oder nicht, bleibt im Dunkeln) auch zivile Gebäude, also Wohnhäuser, Hotels und sogar Installationen zur Entsalzung des Meerwassers, also der Trinkwasserversorgung. Solche Anlagen sind die Basis dafür, dass in diesen Ländern überhaupt Leben möglich ist. Qatar beispielsweise produziert 61 Prozent seines Trinkwassers aus entsalztem Meerwasser, Bahrain 59 Prozent und Kuwait 47. Wenn diese Anlagen zerstört würden, erklärten die betreffenden Regierungen, dann sei «eine rote Linie überschritten».
Doch was heisst das? Würden sie dann in den Krieg eintreten? Ihre Armeen sind zwar gut ausgerüstet, aber die Regierenden möchten den Eindruck vermeiden, sie würden sich mit der Politik des israelischen Premiers Netanjahu solidarisieren.
Dennoch kann niemand ausschliessen, dass es so weit kommt. Die iranischen Revolutionsgarden agieren ja offenkundig ohne Rücksicht auf Menschenleben. Das zeigten sie schon bei der Unterdrückung der eigenen Bevölkerung während der Protestwelle im Januar.
Eine Strategie zum Ausstieg aus dem Krieg haben die USA nicht, im Gegenteil: Jetzt hat Präsident Trump sogar schon die Order erteilt, 5000 Marines (also Soldaten einer Elite-Einheit) in die Krisenregion zu schicken. Sie sollen die Besatzungen von Kriegsschiffen bei der Erzwingung der Passage durch die Meeresenge von Hormuz unterstützen oder iranische Küstenstreifen nördlich der Meeresenge besetzen – allenfalls auch beides. Wenn es dazu kommt, wird der als kurze Kommandoaktion angedachte Krieg gegen Iran definitiv zu einem langdauernden Flächenbrand mit globalen Auswirkungen.