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Zum Tod von Jürgen Habermas

Der Denker des Westens

15. März 2026
Urs Meier
Jürgen Habermas
Jürgen Habermas (1929–2026) bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016 (Keystone/DPA, Arne Dedert)

Am 14. März ist der Philosoph und Soziologe im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben. Habermas war einer der wichtigsten Denker Europas. Sein Werk verbindet die Durchdringung der abendländischen Denktraditionen mit profunder Analyse der modernen Gesellschaft.

Von Habermas hiess es, er habe die Einwände seiner Kritiker stets schon im Voraus durchdacht. Sein Schreibstil ist denn auch geprägt von enormer Breite der einbezogenen Facetten und umsichtiger Prüfung aller Voraussetzungen und Implikationen, was die Lektüre von Habermas-Texten oft nicht ganz leicht macht. 

Als eminenter Public Intellectual wusste er seine Positionen in vielen Debatten aber durchaus pointiert zu vertreten. Seit den späten 1950er Jahren hat er kaum eine intellektuelle Debatte ausgelassen. Der epochale «Historikerstreit» in den 1980er Jahren über die Singularität des Holocaust geht zurück auf eine Intervention von Habermas gegen jene Historiker, die für eine «Normalisierung» dieses Kulturbruchs plädierten und ihn als angebliche Reaktion auf den Stalinismus bruchlos in die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts einfügen wollten.

Standardwerke

Habermas’ Werk umfasst neben einer Vielzahl von Essays, Aufsätzen, Streitschriften und öffentlichen Interventionen eine Reihe grosser historisch-theoretischer Abhandlungen. Berühmt wurde er mit dem 1962 erschienenen Buch «Strukturwandel der Öffentlichkeit». Diese um den Zentralbegriff der bürgerlichen Öffentlichkeit kreisende politikwissenschaftliche Habilitationsschrift ist mit ihrer von der Antike bis in die Moderne reichenden historischen Analyse bis heute in der Fachdiskussion präsent.

Fast zwanzig Jahre später erschien das wohl einflussreichste Werk: «Theorie des kommunikativen Handelns» (1982). Mit ihm gab er der Diskurstheorie neue Impulse. In zwei dicken Bänden entwickelte Habermas eine kritische Interpretation moderner Kommunikations- und Sprachtheorien, in der sowohl philosophische Wahrheitsbegriffe wie moralische Kategorien von Grund auf mit bedacht sind. Wie ein roter Faden zieht sich durch das Riesenwerk die von Immanuel Kant übernommene Zuversicht, dass in der Vernunft selbst die Fähigkeit zu Wahrhaftigkeit und Verständigung angelegt sei. Das ist ihm manchmal als idealistische Verirrung und philosophisch verbrämtes Wunschdenken angekreidet worden. Die berühmte Devise, in der Kommunikation gehe es um «den zwanglosen Zwang des besseren Arguments» bot Angriffsflächen für einen platten Realismus. Dieser sah allerdings nicht, dass Habermas die anspruchsvollen Voraussetzungen für die Möglichkeit dieser Devise gründlich durchdacht hatte – er war seinen Kritikern auch hier zuvorgekommen.

Das Problem der Geltung ethischer Maximen

Ein Thema, das Habermas lebenslang beschäftigte, war die Frage, wie das als richtig Erkannte und in ethischen Maximen Fixierte zu Anerkennung und praktisch-sozialer Geltung kommt. In seinem Alterswerk hat er beim Versuch, hier Klarheit zu gewinnen, auch die Religion einbezogen. Er knüpfte damit bei einem Gedanken seines Lehrers Theodor Adorno an, der einmal geschrieben hatte: «Nichts an theologischem Gehalt wird unverwandelt fortbestehen; ein jeglicher wird sich der Probe stellen müssen, ins Säkulare, Profane einzuwandern.» Dieses Einwandern des «Heiligen» ins Säkulare hat Habermas in seinem Spätwerk mehrfach thematisiert. Er erhoffte sich davon, die in theologischen Diskursen stets als Selbstverständlichkeit vorausgesetzte Verbindung mit praktischer Geltungskraft könne ein Modell auch für den säkularen Bereich sein.

Die Vermutung, im Sakralen liessen sich Ressourcen finden für die Bewältigung dieses schwierigen Übergangs vom Diskurs zum Handeln, war auch der Antrieb für das letzte grosse Werk. 2019 erschien Habermas’ zweibändige Studie «Auch eine Geschichte der Philosophie», in der er die wechselvolle Beziehung zwischen Glauben und Wissen von der Prähistorie an durch die ganze (vor allem abendländische) Philosophiegeschichte hindurch akribisch und profund analysiert.

Fremd geworden

In jüngster Zeit ist Habermas mit Einlassungen zum Ukrainekrieg bei vielen auf Verständnislosigkeit gestossen. So hat er mehrmals zu Verhandlungen mit Russland aufgerufen, obwohl informierte Beobachter sich gezwungen glaubten, auf russischer Seite mit keinerlei Verhandlungsinteresse zu rechnen. Die Zwischenrufe aus Starnberg waren selbstverständlich – wie anders bei Habermas? – wohlüberlegt und lösten substanzielle Debatten aus. Dabei zeigte sich, dass Habermas offensichtlich nicht anders konnte, als allen Kriegsparteien zumindest die Möglichkeit zu unterstellen, dass sie einem vernünftigen Gespräch zugänglich sein könnten. Der martialische Wille zur Unwahrheit und die totale Dominanz von Propaganda sind offensichtlich politische Wirklichkeiten, die im Denken dieses Philosophen nicht zwar sicherlich vorkamen, aber doch fremd blieben.

In seinen letzten Lebensjahren hat Habermas miterleben müssen, wie «der Westen» – die kulturelle und politische Welt, an der Sicherung von deren geistigen Fundamenten er ein Leben lang gearbeitet hatte – einerseits passiv erodierte, andererseits aktiv unterminiert wurde. Er, der lebenslang intensiv mit den USA verbunden war und mit deren philosophischer und sozialwissenschaftlicher Tradition und Gegenwart in einem intensiven Austausch stand, hätte sich die zielgerichtete Zerschlagung des Westens, wie Trump und seine Spiessgesellen sie betreiben, nicht vorstellen können. Auch die Demontage dieser Wertegemeinschaft von innen, die reaktionäre und dem Autoritarismus wohlgesonnene Strömungen zu ihrem Projekt gemacht haben, drang wie eine feindliche und letztlich unverständliche Attacke an Habermas’ geistige Heimat heran.

Der alternde Grossmeister der Philosophie erfuhr damit eine Entfremdung, wie sie nicht selten denjenigen geschieht, die eine Epoche zu einem Höhe- und Schlusspunkt führen, indem sie deren geistigen Ertrag durchdenken und als Auftrag formulieren. Im Falle von Habermas war dies die Epoche der Aufklärung von den grossen schottischen Philosophen und Kant bis zum amerikanischen Pragmatismus. Er lebte und dachte in diesem Universum. Zuletzt war er mit Anzeichen eines Endes dieser Zeit konfrontiert.

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