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Philosophie des Alltags

Zwanghaftes Horten – Diagnose einer Diagnose

15. März 2026
Eduard Kaeser
Messie-Syndrom
Die Wohnung einer Person mit Messie-Syndrom (Foto: Gap, Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Der Messie ist eine Figur, in der sich unsere auf stete Steigerung fixierte Gesellschaft paradox spiegelt. Das Nachdenken über solche äusserlichen und innerlichen Zwänge kann dazu verhelfen, zu einer Art des Sammelns zu finden, die heilsam ist.

Ich glaube, ich leide an einer Störung, an bibliophilem Horten. Nicht dass ich besondere Bücher sammle – etwa eine Erstausgabe von Emile oder ein handsigniertes Exemplar der Buddenbrocks. Ich kann einfach keine Bücher wegwerfen, weil es mir schwerfällt, zwischen ihrem Wert und Unwert klar zu trennen. Das heisst, ich hege noch bei der letzten verstaubten und vergilbten Schwarte die Erwartung, aus ihr zu gegebener Zeit einen Erkenntnisfunken zu schlagen. 

Sammelstörung

Man kennt diese Wegwerfverweigerung unter Bezeichnungen wie Messie-Verhalten oder Sammelstörung. Der Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) führt pathologisches Horten im Spektrum der Zwangserkrankungen. Als Gründe nennt er die emotionale Bindung an Gegenstände, identitätsstiftende Funktion, vermeintlichen Informationsgehalt, mögliche zukünftige Brauchbarkeit oder ästhetischen Wert.

Gemessen an solchen Kriterien befinde ich mich eindeutig im Spektrum. Freilich glaube ich nicht, dass ich mich und andere gefährde, suche deshalb keinen Psychiater auf. Im Gegenteil, ich kann dem Drang nicht widerstehen, dieses Spektrum selbst einmal unter die kulturdiagnostische Lupe zu nehmen. Denn die Frage kann nicht ausbleiben: Weshalb soll es sich bei einem so urtypischen menschlichen Verhalten um eine Störung handeln? Der Begriff Störung weist hin auf eine Normalität. Was für eine Normalität stört man denn mit seinem «Zwang»? Folgt man dieser Fragespur, gerät man sehr bald buchstäblich – mitten in den Müll. Denn Müll bezeichnet alles Unnütze, Entbehrliche, Wertlose – all das, was unser normales Leben nicht braucht. 

«Objektiv wertlos»

Horten widerspricht der ökonomischen Rationalität des Haushaltens, und es kommt deshalb unter diesem Aspekt nicht gut weg. Eine Studie spricht von «exzessiver Akkumulation», «abweichender Wertzuweisung», «abnehmendem Grenznutzen» des Objekts. Im Abstract steht folgender Satz: «Personen mit Hortungsstörung sammeln eine deutlich grössere Anzahl von Gegenständen als die meisten anderen Menschen, und viele dieser Gegenstände sind objektiv wertlos.» 

Nichts gegen eine solche ökonomische Perspektive. Aber stutzig macht ihr impliziter Widerspruch: der Ausdruck «objektiv wertlos». Wie kann eine Studie wertfrei – objektiv – über Werte werten? Sie geht selbst von einer bestimmten Wertehaltung aus. In dieser Haltung lässt sich unschwer jene der vorherrschenden ökonomischen Rationalität erkennen. Und sie fragt ungläubig: Wie kann man «objektiv wertlose» Objekte horten? Muss man da nicht einen Sprung in der Schüssel haben?

Nicht der Müll drinnen ist krankhaft, sondern der Müll draussen

Gewiss, zwanghaftes Horten weckt den Verdacht auf ein «abnormes» Verhalten. Und es lässt sich zweifellos bei einem kleinen Prozentsatz von Menschen mit kognitiven Defiziten korrelieren – die Prävalenz beträgt 2 bis 5 Prozent. Hier haben Psychologie und Psychiatrie ihr Sagen. Die Frage stellt sich aber, ob denn die Pathologisierung einer urtypisch menschlichen Aktivität nicht selber Ausdruck eines kulturellen «Defizits» ist. Das heisst, man könnte die Normalität einmal auf den Kopf stellen. Und dazu muss man nur den Blick weiten, von der Vermüllung im Kleinen zur Vermüllung im Grossen. 

Denn wir leben in der Müllmoderne. Die ganze Welt entwickelt sich zur Mülltonne, in der sich der unablässige Kreislauf von Produktion, Konsumption und Wegwurf abspielt. Er nötigt ja geradezu zum Wegwerfen. Wenn also von Zwang die Rede ist, dann auch hier – besonders hier. Und aus umgekehrter Perspektive erscheint nicht der Hortende als gestört, sondern eine Kultur, die ständiges Produzieren, Konsumieren und Wegwerfen zur Norm erhöht.

Wird man in der Anhäufung glücklich?

Wir sprechen hier wohlgemerkt nicht vom «normalen» Sammeln, das im Übrigen auch immer Züge des Obsessivenaufweist. Horten ist dagegen wahlloser. Es verleiht allem eine Bedeutung, einen Wert. Ob man dadurch glücklich wird, ist natürlich die Frage. Es gibt ein tragikomisches literarisches Warnbeispiel vom amerikanischen Autor E.L. Doctorow in seinem Roman «Homer&Langley». Das ist die Geschichte der schrulligen Gebrüder Homer und Langley Collyer, die in ihrem Haus in New York über die Jahre hinweg Wagenladungen von diversestem Gerümpel sammeln – darunter 25’000 Bücher. Sie tun das solange, bis Langley von einem Stoss Altpapier erschlagen wird, und Homer, der blind ist und von Langleys Versorgung abhängt, kurze Zeit darauf verhungert und verdurstet. 

Nun kann man natürlich immer sagen: Alles hängt von der Balance ab zwischen dem, was hereinkommt und dem, was hinausgeht. Das mag einen gangbaren Weg zwischen Horten und Wegwerfen vorzeichnen, aber er befriedigt nicht – oder besser gesagt: Er lässt einen anthropologischen oder existenziellen Aspekt der ganzen Wegwerfproblematik ausser Acht. Wir werfen nämlich nicht nur Dinge, sondern auch uns selbst weg. 

Sammeln und Zerstreuen

Man nennt das Zerstreuung. Sie bedeutet, dass man sich in vielen Tätigkeiten verzettelt. Zerstreuung ist der normale Grundzustand des Alltags in technisierten Lebensformen. Die Aufmerksamkeit hüpft ständig von einer Sache zur nächsten, man ist permanent erreichbar, von Reizen überflutet. Man handelt nicht, sondern folgt Anweisungen – und passt sich dadurch stillschweigend dem zerstreuenden Arbeitsmodus der dominanten Technologie an. Das bekommt vielen Menschen nicht. Sie erreichen einen Punkt, wo sie das Bedürfnis spüren, sich «zu sammeln». 

Sammeln muss dabei weiter gefasst werden – nicht nur auf Objekte bezogen, sondern generell als Gegenbewegung zur Zerstreuung. Sie manifestiert sich nicht bloss im Sicht- und Vorzeigbaren, sondern in einer Haltung, einer besonderen Art von Weltzuwendung. Man kann in einer Tätigkeit sich selbst sammeln, zusammenfügen: Holzhacken, Kochen, Lesen, Schreiben, Malen, Musizieren. Auch ein Spaziergang ist ein Sammeln. Er sammelt Eindrücke, Stimmungen, Erinnerungen, und zwar versammelt er sie um eine Mitte, einen Fokus: um mich selber – ich bin die «Bibliothek» der Landschaft. 

Blaise Pascals Zimmer

Philosophische Beachtung erlangte die Zerstreuung schon in der frühen Neuzeit durch Blaise Pascal. Er sah in ihr die eigentliche existenzielle Herausforderung des Menschen. Dieser verliere sich selbst infolge der zahlreichen «divertissements», in die ihn höfisches Leben, Glücksspiel, Jagd, Krieg hineinzögen. Pascal spricht von «repos», von existenzieller «Ruhe». Sein berühmter Satz lautet: «Alles Unglück der Menschen rührt von einem einzigen Umstand her, nämlich dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen». Das Zimmer ist hier Metapher für die Selbstbeschränkung, die Reflektiertheit, die Sammlung. Erst im Zimmer kommt der Mensch zu sich selbst. 

Lesen heisst sammeln

Kehre also auch ich zurück in mein Zimmer, zu meinen Büchern. Das althochdeutsche Wort «lesan» bedeutet sammeln, aufheben, auswählen – so wie man heute noch von Weinlese spricht. Es gibt in diesem Sinn eine Buchlese. Man liest in einem Buch Gedankentrauben auf, sammelt und erntet sie. Und im Glücksfall keltert man ex libris einen guten Gedankentropfen. 

Mir kommt oft, wenn ich meine Bücher betrachte, Eichendorffs «Schläft ein Lied in allen Dingen» in den Sinn. Das umschreibt eigentlich sehr schön die Erwartung, die man gegenüber gesammelten Dingen hegt. Sie sind offen, immer ein Versprechen. Wer Dinge hortet, lebt also in einer Welt voller Versprechen. Und wer das als krankhaft diagnostiziert, bedarf vielleicht selber einer Diagnose. 

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