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Museum Haus Konstruktiv Zürich

Hommage an Lohses Anti-Kunst

5. März 2026
Urs Meier
Richard Paul Lohse, Saalansicht
Richard Paul Lohse: Serielles Reihenthema in achtzehn Farben, Variation C, 1981/82, Öl auf Leinwand, 198 x 594 cm; Ausstellungsansicht Haus Konstruktiv, Foto: Stefan Altenburger

Er ist einer der «Zürcher Konkreten», deren Erbe das Haus Konstruktiv pflegt. Richard Paul Lohse (1902–88) kam von der Grafik zur Malerei. Beeinflusst von Malewitsch und De Stijl, wurde er zu einem Hauptvertreter der konstruktiv-konkreten Kunst. 

Wer im Zürcher Löwenbräu-Museumscluster den hinteren Raum von Haus Konstruktiv betritt, ist im blendend weissen Saal gleich von drei Seiten her überwältigt: Die sechs Meter breiten Bilder mit ihren jeweils 108 monochromen Quadraten erzeugen ein Kreuzfeuer der Farben (Bild oben). Das monumentale Triptychon entstand auf Einladung der 1982 durchgeführten documenta 7, an der Richard Paul Lohse nach 1968 (damals documenta 4) bereits zum zweiten Mal teilnahm. 

Demokratische Kunst

Die drei Variationen des Werks «Serielles Reihenthema in achtzehn Farben» legen, wie bei Lohse üblich, schon mit dem Titel ihr gemeinsames Gestaltungsprinzip offen. Der achtzigjährige Lohse war nach seiner Exploration konstruktiver Kompositionsmuster mit «konkreten», das heisst nur sich selbst bedeutenden Bildelementen immer mehr zu seriellen Verfahren gelangt. Seine künstlerische Entwicklung verfolgte eine fortschreitende formale Reduktion: Aus den programmatischen Absagen ans Gegenständliche, an die freie Abstraktion, an den malerischen Ausdruck, an Kreis und Kurve und schliesslich an die Diagonale resultierte sein asketischer Kanon: Es blieb einzig die orthogonal aufgebaute Komposition. Das rechtwinklige Bildformat definiert das Raster, in den sich alle Elemente einordnen, und zwar vorzugsweise in einheitlichen Intervallen, so dass die Bildfläche sich in lauter gleiche Teile gliedert.

Die dadurch als einzig mögliche Bildelemente übrigbleibenden Quadrate haben bei Lohse monochrom und homogen gefärbt zu sein – auch dies bedeutet maximale Reduktion der formalen Gestaltungsmöglichkeiten. Und als wäre das nicht genug der Einschränkung, verbietet sich Lohse auch noch die freie Verteilung der Farben. Jede horizontale oder vertikale Reihung darf jede Farbe nur einmal enthalten. Hinzu kommt schliesslich die Regel, dass alle Reihen mit den gleichen Farben zu bilden sind. Daraus resultiert in jeder so aufgebauten Bildkomposition die von Lohse angestrebte Farbmengengleichheit: Alle Farben kommen gleich häufig vor.

Damit hat Lohse ein absolut hierarchiefreies Gestaltungsprinzip erfunden. Für ihn war das nicht nur ein ästhetisches, sondern gleichermassen ein gesellschaftliches Ideal. Lohse verwarf die gesamte westliche Kunstgeschichte mit missionarischer Vehemenz. Er brandmarkte sie, da sie dem Vorbild der griechischen Kultur verpflichtet sei, als Ästhetik einer Sklavenhaltergesellschaft. In der Folge sei alle westliche Kunst vergiftet von hierarchischen Grundsätzen. Auch die Figur des Künstlers als kreatives Genie widerspiegle dieses Oben und Unten. Unermüdlich eiferte Lohse gegen diese Kunstauffassung und stellte ihr sein auf ästhetischer Reduktion beruhendes Anti-Kunst-Konzept als revolutionären Durchbruch zu einer herrschaftsfreien und, wie er meinte, «demokratischen» Kunst entgegen. 

Der Schock des «Schwarzen Quadrats»

Lohse war in den 40er-Jahren auf Kasimir Malewitsch und dessen epochales «Schwarzes Quadrat» von 1915 sowie auf die 1917 gegründete holländische De-Stijl-Gruppe gestossen. Vor allem die Begegnung mit Malewitschs ikonischem Bild stiess den Autodidakten Lohse in eine tiefe Krise. Um als Künstler ganz von vorn anzufangen, begab er sich auf einen von der Radikalität des «Schwarzen Quadrats» inspirierten Weg. Und der führte zunächst in die von De Stijl mehr als zwei Jahrzehnte zuvor gewiesene Richtung. Eine der ausgestellten Arbeiten aus jener Phase der Neuorientierung ist «Vertikal Rhythmus» von 1942; das Bild erinnert an Malereien Piet Mondrians. 

Richard Paul Lohse, Vertikal Rhythmus
Richard Paul Lohse, Vertikal Rhythmus, 1942, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm; Foto: Stefan Altenburger, © Richard Paul Lohse-Stiftung / ProLitteris, Zürich

Künstlerische Entwicklung und theoretische Reflexion gingen bei Richard Paul Lohse stets Hand in Hand. Was er an Theorie hervorbrachte, entbehrt nicht einer gewissen Skurrilität. So hat Lohses Überzeugung, seine hierarchiefreie Kunst werde eine Tür aufstossen zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft, heute einen Geruch von sozialistischer Esoterik. Doch mit seinem wilden Theoretisieren ist Lohse in der Kunstwelt nicht allein. Nicht selten sind die Philosophien, mit denen Kunstschaffende oder Künstlergruppen ihre Arbeit geistig unterfüttern, eher gewagte Konstrukte. So empfiehlt es sich denn meistens, mehr auf das Werk als auf dessen Selbstdeutung durch den Künstler zu schauen.

Spielerische Gestaltung auf streng rationaler Basis

Mit dieser unvoreingenommenen Haltung dürfte man Lohses malerischem Werk besser gerecht werden, als wenn man es von Lohses Kunsttheorie her zu verstehen versuchte. Dieser Künstler, der im Alter von etwa vierzig Jahren völlig unvorbereitet auf das «Schwarze Quadrat» stiess und die Konfrontation mit diesem epochalen Schockbild persönlich verarbeitete, ist auf jeden Fall eine faszinierende Figur. Es blieben Lohse weitere vier Jahrzehnte, um eine Antwort auf Malewitsch zu formulieren, die genauso radikal wie die des Vorbilds ist, und dabei zu eigenständigen Bildfindungen zu gelangen. Im Triptychon von documenta 7 darf man wohl den Zielpunkt dieses Weges sehen.

Es ist verdienstvoll, dass das Haus Konstruktiv auch eine Anzahl Skizzen und Konzepte zeigt, nach denen Lohse seine seriellen Bilder gestaltet hat. Sie sind mit Farbwerten und Zahlensystemen akribisch ausgetüftelt. Lohse wollte, dass seine Bilder im Prinzip von jedem geschickten und geduldigen Handwerker nach seinen Angaben ausgeführt werden könnten. Den berühmten Satz «Meine Bilder kann man durchs Telefon geben» äusserte er ganz ohne Selbstironie. Seine Bilder haben keine Rätsel; ihre Gestaltungsidee liegt offen da. Man könnte sie auch erweitern, ihre Muster sind skalierbar.

Rationaler geht’s nicht. Und doch springen einen die Bilder an. Die Farben interagieren, lösen hier ein scharfes Flirren aus, formen dort Zonen der Sanftheit, sie erzeugen Rhythmen, musikalische Verschiebungen in der Art von Kanons. Lohse spielt, auch wenn er das in seinem gestrengen Habitus wahrscheinlich nie zugegeben hätte. Seine Kunst ändert die Gesellschaft nicht, aber sie wirkt – zur Freude der Betrachterinnen und Betrachter.

Museum Haus Konstruktiv: Richard Paul Lohse, bis 10. Mai 2026
in Kooperation mit der Richard Paul Lohse-Stiftung, dem MASI Lugano, dem Josef Albers Museum, Bottrop, und dem Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher

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