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Architektur

Günstiges Wohnen dank Genossenschaften

17. Januar 2026
Fabrizio Brentini
Siedlung Im Vogelsang
Siedlung Im Vogelsang, Basel 1926, Hans Bernoulli und August Künzel; Hans Mähly (1933); Zimmer + Ringger + Zürcher (1972); Foto © Barbara Bühler

Die Wohnbaugenossenschaften Nordwestschweiz mit insgesamt 211 Mitgliedern blicken zurück auf ein Jahrhundert im Dienst des gemeinnützigen Wohnens. Das Schweizerische Architekturmuseum zeigt elf Beispiele von Genossenschaftssiedlungen in der Region Basel.

Ambitionierte Architekturhistoriker und -historikerinnen beschäftigen sich in erster Linie mit avantgardistischen Bauten von Stararchitekten. Der Wohnungsbau ist selbstverständlich auch ein Thema, aber nur ausgefallene Artefakte rücken dabei ins Blickfeld und haben eine Chance, in den Hochglanzmagazinen veröffentlicht zu werden. Grossüberbauungen werden oft lediglich als Teil einer urbanistischen Analyse zur Kenntnis genommen und weniger als eigenständige architektonische Werke. Das ist keine Kritik, eher eine nüchterne Feststellung. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass die Juwelen der Architekturgeschichte für das Ganze einer Stadt kaum von Bedeutung sind. Das Stadtbild wird von den unzähligen anonymisierten Wohnblöcken und -zeilen definiert. 

Mattenstrasse, Basel
Mattenstrasse, Basel 1899; Eduard Pfrunder und Johann Ulrich Hammerer; Clauss Kahl Merz Atelier für Architektur und Städtebau (seit 2020); Foto © Barbara Bühler

Dass ein Wohnen in einer solchen Umgebung attraktiv sein kann, bezeugen viele junge Menschen, die in Genossenschaftshäusern ihre Studien- oder Lehrzeit verbracht haben. Man kann schon fast von einer speziellen Szene sprechen, die Jung und Alt, Arm und Reich anzieht und verbindet. Das Wohnen in solchen Häusern kommt einem Bekenntnis gleich. 

Viele Genossenschaften in Zürich, Basel, Bern und Luzern 

Eine erste umfassende Darstellung von Siedlungen städtischer Wohnbaugenossenschaften erschien 2007, als die Stadt Zürich mit ihrer Publikation «Mehr als Wohnen» rund hundert Ensembles auflistete. Erstaunt nahm man damals zur Kenntnis, dass alle Genossenschaftsgebäude zusammen rund 25 Prozent des gesamten städtischen Wohnraumes ausmachten. International bekannt wurden diese Bemühungen an der Architekturbiennale von 2021 in Venedig. Eine Karte der Schweiz, die im Architekturmuseum Basel an die Wand gepinnt ist, zeigt die Verdichtung von Wohnbaugenossenschaften in Zürich, Basel, Bern und Luzern, während in der Westschweiz nur Genf und Lausanne mithalten können, und in den Alpen sowie im Tessin fast nichts vorhanden ist.

Freidorf, Muttenz
Siedlungsgenossenschaft Freidorf, Muttenz, 1924; Hannes Meyer; Rosenmund + Rieder Architekten (2006); Foto © Barbara Bühler

Die derzeitige Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum ergänzt die Zürcher Publikation. Die Besucherinnen und Besucher werden mit elf Beispielen vertraut gemacht, die einen Bogen von der berühmten Siedlung Freidorf, 1924 von Hannes Meyer entworfen, über die drei Entenweidhochhäuser von 1951 bis hin zu sich im Bau befindenden Projekten spannen. Die eigens von Barbara Bühler fotografierten Innen- und Aussenansichten der Siedlungen prägen das Erscheinungsbild von Ausstellung und Publikation.

Beim Bauen fürs Wohnen geht es nicht primär um das Erscheinungsbild. Die architektonische Aufgabenstellung umfasst die Analyse der Verdichtung, die Frage nach der richtigen Grösse der Wohneinheiten, die Gestaltung der Umgebung, die Suche nach neuen Lebensformen und vieles mehr. 

Rettende Alternative in teuren Städten

Gerade in Städten, wo erschwinglicher Wohnraum immer knapper wird, sind Angebote von Wohnbaugenossenschaften die rettende Alternative. Sie sind nicht gewinnorientiert und versprechen kalkulierbare Mietzinsbelastungen, auch wenn gewisse Einschränkungen in Kauf genommen werden müssen. So schreiben die meisten Genossenschaften Mindestbelegungen vor, was dazu führt, dass in ihren Häusern die Wohnfläche pro Person rund 25 Prozent niedriger ist als im Durchschnitt. Gleichwohl handelt es sich nicht um Sozialwohnungen, wie dies in der Begleitpublikation betont wird. Belegt werden sie von Personen der Mittelschicht, vielfach von Familien mit Kleinkindern, die ansonsten gezwungen wären, ausserhalb von Städten bezahlbaren Wohnraum zu suchen.

Westfeld, Basel
Westfeld, Basel, 2023-27; Städtebau: Enzmann Fischer; Foto © Barbara Bühler

War es Genossenschaften in den 1920ern noch möglich, Reiheneinfamilienhäuser zu errichten – die Siedlung Freidorf besteht aus 150 Einheiten mit eigenen Gärten –, so setzen sich neuere Realisierung aus mehrgeschossigen Trakten zusammen, die sich kaum von anderen verdichteten Quartieren unterscheiden. Das ist die Folge der zunehmenden Verknappung des zur Verfügung stehenden Bodens. 

Architektur im Dienst des Wohnens

Dutzendware sind die neuen Gebäude gleichwohl nicht. Vielfach werden Wettbewerbe ausgeschrieben, aus denen bemerkenswerte Projekte hervorgehen, etwa die Riehener Wohnüberbauung Vogelbach von Michael Alder, der 1992 die Trakte so angeordnete, dass insgesamt vier intime, begrünte Innenhöfe entstanden. Ein weiteres gutes Beispiel ist die 1994 vollendete Siedlung Niederholboden in Riehen vom Büro Metron, das ein langes, aber schmales Restgrundstück mit einer einzigen Zeile belegte, sodass beidseits ein Grünstreifen erhalten werden konnte. 

Vogelbach, Base
Wohnüberbauung Vogelbach, Basel, 1992; Michael Alder Architekt + Partner, Mitarbeit: Roland Naegelin, Alban Rüdisühli und Clemens Blessing (1992); Müller &
Naegelin Architekten; Foto © Barbara Bühler

Gefordert sind die Genossenschaften in Bezug auf Sanierungen. Etliche Siedlungen sind in die Jahre gekommen und genügen heutigen Erfordernissen in keiner Weise mehr. Auch dies gehört zu den Aufgaben von Architektinnen und Architekten. Es sind keine spektakulären Aufträge und doch sind es wichtige Interventionen, die nach geschickten Entwerfern verlangen.

Bauen in vorhandenen Strukturen

Andreas Ruby, unter dessen Leitung 26 Ausstellungen eingerichtet wurden, lenkte die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Bauen in schon vorhandenen Strukturen. In den beiden inzwischen erschienen Jahrbüchern etwa überwiegen Arbeiten, die sich mit dem Gegebenen auseinandersetzen. Thematisch eng damit verwandt war die Ausstellung über Denkmalpflege. Und wenn Ruby über die Grenzen schaute, wurden Teams berücksichtigt, die sich mit Transformationen von Gebauten beschäftigten, etwa die Ausstellung «Make Do With Now» im Jahre 2022 über neuere japanische Architektur. Es waren wichtige Bemühungen mit der Absicht, die Besucherinnen und Besucher mit den anstehenden Aufgaben relevanter Architektur zu konfrontieren.

Schweizerisches Architekturmuseum Basel, bis 19. April 
Begleitpublikation: Anaïs Auprêtre de Lagenest/Andreas Ruby (Hrsg.), Wohnen fürs Wohnen, Christoph Merian Verlag, Basel 2025

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