Der amerikanisch-israelische Luftkrieg gegen das mit Moskau verbündete iranische Regime ist für Putin ein empfindlicher politischer Rückschlag. Wie schon beim Sturz des Asad-Regimes in Syrien und der Entmachtung Maduros in Venezuela muss sich Putin mit einer Zuschauerrolle begnügen. Allerdings könnten die steigenden Ölpreise dem Kreml wieder verbesserte Export-Einnahmen für die Ukraine-Kriegskasse bescheren.
Möglicherweise hat Russlands Präsident Putin auch schon besser geschlafen als in den letzten Tagen. Die schweren amerikanisch-israelischen Luftangriffe gegen das verbündete iranische Regime und dessen zumindest teilweise Enthauptung schon am ersten Kriegstag dürften ihm schwer auf den Magen geschlagen haben. Seit dem Beginn des russischen Einmarsches in der Ukraine vor vier Jahren ist Iran nun schon der dritte Bündnispartner des Kremls, dessen Machthaber entweder, wie in Syrien, ganz hinweggefegt worden oder, wie in Venezuela, schwer geschwächt und von den USA abhängig geworden sind.
«Zynische Verletzung des Völkerrechts»
Mit einer derartigen Schwächung seines internationalen Beziehungssystems hatte Putin bestimmt nicht gerechnet, als er im Februar 2022 seine Armeen in der Ukraine einmarschieren liess.
Auf diplomatischer Ebene hat der Kreml die israelisch-amerikanischen Luftangriffe gegen Iran und die Tötung des Revolutionsführers Khamenei verbal klar verurteilt. In einem Schreiben an den iranischen Präsidenten Peseschkian wird tiefes Beileid über die Ermordung des Obersten Führers zum Ausdruck gebracht – «begangen in zynischer Verletzung aller Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts». Nicht nur in der Ukraine wird man solche salbungsvollen Formeln des Kriegsherrn im Kreml mit bitterem Hohn registrieren. Putin bezeichnet in seinem Brief Khamenei weiter als «hervorragenden Staatsmann» der einen «enormen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der freundschaftlichen russisch-iranischen Beziehungen» geleistet habe.
In einer Verlautbarung des russischen Aussenministeriums und in den staatlich kontrollierten Medien werden die Angriffe gegen den Iran als «vorausgeplanten und unprovozierten Akt bewaffneter Aggression» gegen einen souveränen Uno-Mitgliedstaat bezeichnet. Auch bei dieser Formel drängen sich - vielleicht auch für manche russische Medienkonsumenten - naheliegende Vergleiche mit dem Vorgehen gegenüber der Ukraine auf.
Gefesselt durch den Ukraine-Krieg
Machtpolitisch beurteilt aber lässt sich nicht übersehen, dass Putin bei diesen im Gange befindlichen geopolitischen Verwerfungen im Nahen Osten auf die Rolle eines blossen Zuschauers reduziert bleibt, der kaum Möglichkeiten hat, das Geschehen zu beeinflussen. Das hat in erster Linie mit dem Ukraine-Krieg zu tun, der die russischen Streitkräfte derart bindet, dass Moskau es sich schwerlich leisten könnte, dem akut bedrängten Verbündeten Iran wirksame militärische Hilfe – etwa in Form von substanziellen neuen Waffenlieferungen oder gar von eigenen Truppeneinsätzen wie vor dem Sturz des Asad-Regimes in Syrien – zu Hilfe zu eilen.
Dies obwohl Russland mit dem Iran 2025 einen sogenannten strategischen Partnerschaftsvertrag geschlossen hat, der allerdings keine militärische Beistandsklausel im Falle eines Angriffs enthält, wie das etwa im Nato-Vertrag zwischen den Mitgliedsländern der Fall ist. Eine derartige Verpflichtung würde den Kreml angesichts des kräftezehrenden Krieges in der Ukraine wohl in nicht geringe Schwierigkeiten bringen.
Putin will das Verhältnis zu Trump nicht trüben
Es gibt indessen noch einen weiteren Grund, der Russland davon abhält, sich in den laufenden Iran-Krieg weder militärisch noch aktiv diplomatisch einzumischen. Eine solche Einmischung würde unvermeidlich zu einer demonstrativen Konfrontation mit der Trump-Regierung in Washington führen – und die will Putin wenn immer möglich vermeiden. Denn offenkundig verbindet er mit einem weitgehend ungetrübten persönlichen Verhältnis zum Machthaber im Weissen Haus immer noch die Hoffnung, dass dieser ihm im Ukraine-Krieg zu einem Ergebnis verhelfen könnte, dass mit seinen Zielvorstellungen zumindest halbwegs kompatibel wäre.
Zwar sind die sich seit Monaten hinziehenden Verhandlungen zwischen Russland, den USA und der Ukraine zu diesem Thema zurzeit wieder unterbrochen und sie haben bisher keine greifbaren Resultate erbracht, die darauf hindeuten, dass Putins Erwartungen sich erfüllen könnten. Doch immerhin haben die USA auf Trumps Geheiss ihre zuvor grosszügigen Waffenlieferungen an die Ukraine praktisch sistiert und schicken nur noch Nachschub, wenn die europäischen Bündnispartner dafür bezahlen. Der intensive Einsatz amerikanischer Offensiv- und Abwehrraketen im neuen Iran-Krieg könnte sogar zur Folge haben, dass auch diese indirekte Bezugsquelle für Kiew stärker eingeschränkt oder gar versiegen wird.
Für Putin sind solche Überlegungen wohl ein Grund mehr, das Verhältnis zu Trump nicht zu strapazieren und das diplomatische Terrain zu möglichen Optionen für einen Kuhhandel mit Trump auf Kosten Kiews offenzuhalten. Insofern übt man in Moskau vor in einer schwierigen Gratwanderung: Einerseits gilt es, diplomatische Solidarität mit einem schwer bedrängten Verbündeten im Nahen Osten zu bekunden und andererseits will man das Verhältnis zum Todfeind dieses Verbündeten nicht übermässig belasten.
Mehreinnahmen für die Kreml-Kriegskasse?
Aber wie immer bei laufenden Dramen in der Politik muss man sich hüten, voreilig Gewinner und Verlierer vorauszusagen. Trotz der ziemlich hilflosen Zuschauerrolle, zu der Putin wegen seines endlosen Krieges in der Ukraine beim sich anbahnenden Umbruch der Machtverhältnisse im Nahen Osten gezwungen ist, könnte er von dieser Situation zumindest in Form von Mehreinnahmen für seine schrumpfende Kriegskasse profitieren.
Die Preise für Erdöl sind wegen der neuen Kriegshandlungen im Nahen Osten bereits deutlich gestiegen. In Moskau verkünden deshalb prominente Regime-Figuren wie der Finanzunternehmer und Putin-Berater Dmitrijew bereits euphorisch, der Preis pro Fass Öl werde demnächst von jetzt noch 40 auf über 100 Dollar emporschnellen. Aber auch das ist erst eine ferne Hoffnung. Und selbst wenn sie real werden sollte, ist noch lange nicht sicher, ob die von Trump und der EU sanktionieren russischen Ölfirmen diesen Preisanstieg tatsächlich einstreichen könnten.