Der Körper ist vergänglich, der Geist ewig. Der Krieg zerstückelte seinen Körper ebenso wie seinen Geist, seine Politik, seine Militärvision. Was ist für immer verschwunden, was bleibt?
Die Bilder der weinenden, trauernden Menschen mit Khameneis Porträts in den Händen flimmern dieser Tage als Fakt, als historisches Dokument und als Beweis von Widerstandsbereitschaft über die Bildschirme der Welt. Diese diffizilen, heiklen Momentaufnahmen können zugleich echt und irreführend sein. Das Authentische vom Propagandistischen, das Theatralische von der tief empfundenen Trauer – wie man sie in einem einminütigen Nachrichtenbeitrag sieht – zu trennen, ist eine abendfüllende Beschäftigung, wenn man es kann und wenn man es will. Ähnlich verhält es sich mit Tanzszenen, lachenden Gesichtern und Freudendemonstrationen, die man in fast allen Teilen der Welt sieht, in denen Exiliraner leben.
Khamenei ist tot, und sein Regime verändert sich tiefgreifend. Doch vieles bleibt vorerst bestehen. In den letzten Jahrzehnten stand er im Mittelpunkt aller schrecklichen Ereignisse, die wir kennen. Er bestimmte nicht jedes Detail, aber – wie man so sagt – die politischen Richtlinien. Das Substanzielle seines Regimes war jedoch mehr als seine Person. Khamenei war weder Saddam noch Baschar al-Assad, auch wenn er mit ihnen manche Eigenschaften teilte.
Der 13-köpfige Oberste Nationale Sicherheitsrat des Landes hat Khamenei nach dem zwölftägigen Krieg im Juni faktisch ersetzt. Dieser Rat bildet derzeit das Zentrum der Macht. Der Welt wurde ein Triumvirat als neue Führungsmacht präsentiert, doch die eigentlichen Entscheidungen – insbesondere in Kriegsfragen – liegen weiterhin beim Nationalen Sicherheitsrat. Und wie in allen Institutionen dieser „Republik“ gibt es auch hier einen Primus inter pares. In diesem Fall sind es zwei: Ali Laridschani, der Koordinator des Rates, und Mohammad Bagher Ghalibaf, der gerissene Ex-Gardist und heutige Parlamentspräsident.
Das Regime ist schwer gedemütigt. Auch jene Kommandanten, die gerade erst die erste Reihe ersetzt hatten, wurden ermordet. Die neue Führung – das Triumvirat ebenso wie der Sicherheitsrat – wird den Krieg fortsetzen und amerikanischen sowie israelischen Interessen schaden, soweit sie noch dazu in der Lage ist.
Ali Laridschani, der sich derzeit als Stratege des Regimes präsentiert, dementierte gestern, der Iran werde mit Amerika verhandeln. Damit widersprach er Donald Trump, der behauptet hatte, die Iraner hätten Kontakt aufgenommen und wollten reden. Laridschani kündigte an, die Islamische Republik betrachte die US-Basen in den Nachbarstaaten als amerikanisches Territorium. Damit begehen die neuen Führer einen strategischen Fehler. Denn die arabischen Golfstaaten – mit der Türkei an ihrer Seite – hatten lange versucht, Donald Trump von einem Angriff abzuhalten.
Die antiamerikanische Atmosphäre und die scharfe Rhetorik der neuen Führung könnten sich bald ändern; so wird Ghalibaf in manchen Quellen zitiert. Auch Außenminister Araghchi klang gestern Abend bei Al Jazeera versöhnlicher: Die Islamische Republik habe keine andere Wahl, als den Konflikt mit Amerika zu beenden und sich auf die wirtschaftliche Entwicklung zu konzentrieren. Die Ressourcen seien erschöpft – das sei der einzige Weg nach vorn.
Manche Beobachter wollen sogar Anzeichen für diplomatische Beziehungen zu den USA und eine Haltung gegenüber Israel erkennen, die jener Saudi-Arabiens ähnelt. Doch das ist Zukunftsmusik, die nur aus großer Entfernung vernehmbar ist. Khameneis fanatischer Israelhass ist nicht mehr aufrechtzuerhalten; er hat vorerst ausgedient.
Das Triumvirat, das einen Teil von Khameneis Geist am Leben erhalten soll, hat selbst nur eine begrenzte gesetzliche Lebensdauer – bis zur Wahl eines neuen Führers. Wann diese Wahl stattfinden wird, ob sie überhaupt bald möglich ist und wie das dreiköpfige Gremium bis dahin agieren wird, ist kaum vorhersehbar.
Dem Gremium gehören Präsident Massoud Peseschkian an, der große Mühe hat, sich offen zu den Reformern zu bekennen, ebenso wie Gholamhossein Mohseni-Eschei, ein Hardliner der ersten Stunde, ehemaliger Geheimdienstminister und heutiger Chef der Justiz. Das dritte Mitglied ist Alireza Arafi, ein sehr konservativer Geistlicher und Mitglied des Wächterrats, der immer wieder als möglicher Nachfolger Khameneis genannt wird.
Es ist durchaus möglich, dass einer dieser beiden Geistlichen von der 88-köpfigen Expertenversammlung, die für die Wahl des neuen Führers zuständig ist, zum neuen Oberhaupt bestimmt wird. Doch auch das ist ein Zukunftsszenario mit unzähligen Wenn und Aber.
Wer auch immer der neue Führer sein wird – er wird kaum alleiniger Entscheider sein können, wie Khamenei es war.
Arafi verbrachte sein gesamtes Erwachsenenleben im Priesterseminar; für das langwierige Machtgeschacher in den dunklen Zirkeln der iranischen Politik fehlt ihm bislang die praktische Erfahrung. Gegenüber den weiterhin mächtigen Militärakteuren muss er sich vorerst zurückhalten. Mohseni-Eschei hingegen ist ein skrupelloser Machtpolitiker – und könnte sich plötzlich auch als politischer Verhandler präsentieren.
Die Revolutionsgarden sind in diesem großen Land mittlerweile regional organisiert. Ihre Kommandanten entscheiden vor Ort und nach eigenem Ermessen. Die personellen und logistischen Voraussetzungen dafür hatte Khamenei bereits fünf Jahre vor seinem Tod geschaffen. Ob föderal oder zentral – die Garden kontrollieren weiterhin nicht nur die Waffen, sondern auch einen Großteil der iranischen Wirtschaft.
In dieser verteilten Macht auf vielen Ebenen sowie in der regionalen Teilautonomie der Militärs verbergen sich in diesem multiethnischen Land noch unbekannte Gefahren.