Als ich über zivilisiertes Menschensein schrieb,[1] spürte ich Satz für Satz, dass ich eine Frage anschnitt, die man so schnell und leicht nicht beantworten kann. Nun gibt es glücklicher- und dankenswerterweise Leser des «Journal 21», die mich genau darauf aufmerksam machen. So Thomas Stopfkuchen in seinem Leserbrief.[2]
Er schreibt: «Vorsichtig wäre ich allerdings mit ‘zivilisiertem Menschsein’ als positivem Prädikat, nachdem Sie die Zivilisations-Rhetorik bei Rubio entlarvt haben. Postkoloniale Kritiker haben gezeigt, dass ‘Zivilisierung’ historisch oft das Vokabular war, mit dem koloniale Gewalt sich selbst legitimierte (..) Aber Ihr Text lässt die wichtigste Frage ungestellt: Warum greift abstrakter Universalismus gerade so wenig? Warum ziehen Menschen das ‘Gewachsene’, die ‘eisernen Gesetze’ und die Schicksalsgemeinschaft einer kantianischen Selbstverpflichtung vor?»
Buddies und Bros
Fürwahr - das ist tatsächlich die Kernfrage in der krisengeschüttelten Gegenwart. Und ich habe zumindest den Ansatz einer Antwort mit dem Parochialismus angedeutet: Der Mensch ist ein lokales Wesen. Solidarität spürt er im Kleinen. Er fühlt sich zunächst Buddies und Bros verbunden, nicht «den» Menschen. Der grosse liberale Denker Friedrich von Hayek stellt in seinem Buch Recht, Gesetz und Freiheit fest, der Mensch habe sich nicht in Freiheit entwickelt, sondern als Mitglied einer kleinen überschaubaren Gruppe. Die Hordenmentalität scheint tief in unserer alten Hirnregion zu stecken und sie bricht, wenn es die Gelegenheit erlaubt, immer wieder hervor. Die «Abstraktionen» der Zivilisation lassen sie kalt – sie sind eine Zumutung.
Reaktion gegen Globalisierung
Natürlich ist das ein Teilantwort – wie alle Antworten auf die «ungestellte Frage». Eine von Politologen bevorzugte lautet: In der unsicheren und unübersichtlichen globalen Konstellation von heute sehen viele Menschen ihre Identität gefährdet – sie suchen deshalb Halt bei Menschenbildern, die das Tradierte – Wurzel und Stamm – hervorheben. Man spricht von kulturellem Backlash, einer breiten Reaktion gegen Globalisierung, Liberalismus und die damit verbundene Migration. Gerade sie ist ja in den Augen nicht weniger die Hauptursache des multikulturellen Chaos in heterogenen Gesellschaften. Rechtspopulistische Scharfmacher sehen darin ein gefundenes Fressen. Sie bringen heute öffentlich und unverfroren Themen aufs Tapet, die man früher eher hinter vorgehaltener Hand diskutierte - für den portugiesischen Politologen Vicente Valentim ein Anzeichen dafür, dass extremes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Viele sehen sich ermuntert, nun endlich aussprechen zu dürfen, was schon lange in ihnen waberte und wühlte – zum Beispiel: 10 Millionen sind genug!
Behagen in der Unkultur
Eine andere Teilantwort steigt in den psychoanalytischen Untergrund. Der deutsche Journalist Jost Kaiser schrieb vor Kurzem einen Essay, in dem er sich wunderte: «Warum erleben Menschen in den freiesten und reichsten Gesellschaften, die es jemals im Westen gab, diese als ‘Diktaturen’ und wollen sie deshalb samt ihrem Reichtum vernichten?»[i]
Josts freudianische Antwort: Wir sind Neurotiker geworden, weil der ganze Überbau der Zivilisation die Triebe des Althirns unterdrückt. «Leben in der Zivilisation (..) heisst: permanente Impulskontrolle». Aber je zivilisierter, desto mehr steigt der Druck der gestauten Triebe. Und er sucht sich Ventile in Massenentladungen wie Politikkrawall, Popkonzertdelirium, Fussball-Hooliganismus – und natürlich: Rechtspopulismus. Statt Unbehagen in der Kultur Behagen in der Unkultur. «Die Aufhebung der Hemmung derartiger Impulse ist das Potenzial des Rechtspopulismus. Er füttert unser Unbehagen, er ruft uns zu: Tu es. Und fühl dich gut dabei. Noch mehr: Der Rechtspopulismus kanalisiert nicht nur das Unbehagen, er adelt es als Rebellion.» Er zapft «bösartige menschliche Triebe» an.
Deshalb muss man – so Jost - im Rechtspopulismus den eigentlichen Feind der Zivilisation, insbesondere der Demokratie, ausmachen. Und dagegen hilft nur eines: brandmauern. «Wenn wir Freud heranziehen, um zu spekulieren, dass die Hinwendung zum Rechtspopulismus gar nichts zu tun hat mit den normalen Konjunkturen des Meinungsmarkts (..), sondern mit dem Anzapfen bösartiger menschlicher Triebe (..) , dann wird immer plausibler, was zu tun ist: Verbot der Partei, die das Feld der Manipulation so gut bespielt und als Fusstruppen der hybriden Kriegsmächte Russland und China das Land von innen destabilisiert».
«Kommunikative Verfeindung»
Ich kann in diesem Rahmen nicht detailliert auf dieses Argument eingehen. Es ist - um das Mindeste zu sagen – zweischneidig: eine Variation des alten Kampfrufs «Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit».
Damit gelangen wir zu einer weiteren, unerquicklichen Teilantwort: dem Freund-Feind-Denken. Es gewinnt gerade unter abgebrühten «Realpolitikern» zunehmend an Attraktivität. Das Zitat von Stephen Miller bringt diese Haltung deutlich zum Ausdruck: Gewalt und Machtausübung erscheinen als unvermeidliche Grundkonstanten der Weltordnung. Im Zentrum steht dabei nicht das universell Verbindende einer gemeinsamen Menschheit, sondern das Trennende – der Antagonismus zwischen unterschiedlichen Menschengruppen. In ironischer Anlehnung an Jürgen Habermas liesse sich diese Denkweise als kommunikative Verfeindung bezeichnen.
Sie hat ihren modernen Ursprung im Ideengebräu des deutschen Staatsrechtlers Carl Schmitt. Er verlieh dem Freund-Feind-Schema eine philosophisch ehrwürdige «seinsmässige» Fundierung. Es geht nicht bloss um Feindbilder, sondern um reale Feinde: «Die Begriffe Freund und Feind sind in ihrem konkreten, existenziellen Sinn zu nehmen, nicht als Metaphern oder Symbole». Feindschaft ist intensivierte Gegnerschaft, sprich: eine Unversöhnlichkeit, welche die finale Vernichtung des Gegners bewusst einkalkuliert.
Schmitt erfreut sich zurzeit gelehriger Anhängerschaft, nicht nur unter deutschen Rechten, sondern auch bei russischen Ideologen des eurasischen Grossraums oder in der Kommunistischen Partei Chinas. In einer «Gemeinsamen Erklärung» positionieren sich Russland und China gegen den westlichen Universalismus der Menschenrechte. Deren universelle Natur soll «durch das Prisma der realen Situation in jedem einzelnen Land gesehen werden». Und wer bestimmt die reale Situation und stellt das Prisma zur Verfügung? Die autoritären Regimes dieser Länder. Wenn das nicht Zynismus ist.
«Entwestlichung»?
Die Achtung universeller Normen und Werte beruht auf der Fähigkeit der Menschen, sich über lokale Loyalitäten hinaus gemeinsamen Leitlinien des Denkens und Handelns zu verpflichten. Natürlich sind das Ideale – für alle? Das grosse Problem des aufklärerischen «abstrakten» Universalismus von Kant bis Habermas ist ja, dass die Ideale leichter zu definieren als zu praktizieren sind. Und wie Thomas Stopfkuchen richtig feststellt, hat uns die postkoloniale Kritik vor allem über eines aufgeklärt: In der Universalität der Werte verbirgt sich deren «Westlichkeit».
Deshalb lässt sich die «ungestellte Frage» auch so formulieren: Gibt es überhaupt noch universelle Massstäbe? Meiner Meinung nach muss eine Antwort darauf zwischen abstraktem und konkretem Universalismus unterscheiden. Der erste erhebt den Anspruch, überall und bei allen Fuss zu fassen; der zweite – wichtigere – prüft, ob die lokalen gesellschaftlichen Bedingungen diesen Geltungsanspruch ermöglichen. Unnötig zu betonen, dass der konkrete Universalismus sich in die politischen Niederungen begeben muss, dabei den Geltungsanspruch nicht aufgibt, sondern für ihn kämpft – er ist ein kämpferischer Universalismus.
Wenn ich in diesem Zusammenhang von der «Entwestlichung» spreche, dann rede ich keinem Relativismus das Wort – so wie er in der «Gemeinsamen Erklärung» von Russland und China implizite zum Ausdruck kommt. Ich meine damit dreierlei. Erstens die Fähigkeit, universelle Geltungsansprüche kritisch zu reflektieren; zweitens die Bereitschaft, sie unter Umständen zu revidieren; und drittens die Einsicht, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Geschichten ihre eigenen Ideen vom «Allgemeinmenschlichen» entwickeln. Diese drei Merkmale finden sich nicht nur «im Westen». Und damit ist in erster Linie eine gewaltige Aufgabe der Zivilisierung angesprochen, die noch vor «uns» liegt. Ob wir sie lösen können, ist letztlich die ungestellte Frage.
[1] https://www.journal21.ch/artikel/die-verkleinerung-der-menschheit