Das Festival, das am 12. Mai offiziell eröffnet wurde, setzt für die diesjährige Ausgabe auf einen Wettbewerb mit 22 Filmen. Eine erste Ehrenpalme ging an Peter Jackson, den neuseeländischen Regisseur der «Lord of the Rings»-Trilogie, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Die «Goldene Palme» wird von der Jury unter der Leitung des Südkoreaners Park Chan-Wook vergeben.
Wie lange dauert die Latenzzeit im Kino, beziehungsweise: wieviel Zeit verstreicht, bis sich die «Wirklichkeit» auf der Leinwand abzeichnet? Anlässlich der Pressekonferenz im April, als die Auswahl der im Wettbewerb stehenden Produktionen vorgestellt wurde, betonte Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Filmfestivals, dass Cannes nicht ein französisches Festival sei, «sondern ein weltweites Festival, das in Frankreich stattfindet.» Geht man davon aus, dass das Panorama der ausgewählten Filme Rückschlüsse auf die aktuelle Filmlandschaft zulässt und der Wettbewerb mithin auch als Spiegel der (künstlerischen) Weltlage taugt, so liessen sich im Vorfeld der Quinzaine zumindest drei Hypothesen formulieren.
Mehr Besucher aus der Gen-Z?
Auffallend ist zunächst, dass es heuer kein grosses amerikanisches Studio für nötig empfunden hat, den hauseigenen Produktionen eine Vorpremiere am Festival zu gönnen. Während in den letzten Jahren noch «Top Gun — Maverick», Martin Scorseses «The Killers of the Flower Moon» und das letzte Kapitel der «Indiana Jones»-Franchise in Cannes zu entdecken waren, haben Schwergewichte wie etwa Christopher Nolan (mit «The Odyssey») oder Steven Spielberg («Disclosure Day») dieses Jahr abgewinkt.
Schenkt man dem amerikanischen Branchenblatt «Variety» Glauben, liegt dies einerseits an der Soziologie der Zuschauer, die sich seit der Covid-Pandemie tief verändert hat: Da das traditionelle Publikum der Arthouse-Produktionen den Kinos tendenziell fernbleibt, seit die Industrie nun vermehrt versucht, den «Gen-Z-Code zu knacken». Allerdings sind die jugendlichen Kinobesucher auch hellhöriger für die Diskussionen, die in den Social-Media-Kanälen geführt werden; insbesondere eine negative Rezeption an einem Festival könnte kostspielige Werbekampagnen auf einen Schlag ruinieren.
Exilrusse Andrei Zvyagintsev mit «Minotaure»,
Spuren hinterlässt auch die Politik: selten sah die Weltkarte der programmierten Filme so konservativ aus. Sind Japan und Spanien diesjährig im Wettbewerb je mit drei Produktionen vertreten, so ist das schwarzafrikanische Filmschaffen vollständig abwesend (Rafiki Fariala, der Regisseur von «Congo Boy», hat immerhin die Zentralafrikanische Republik ins Programmsegment «Un certain Regard» gehievt). Lateinamerika muss sich für diese Edition mit einer Ko-Produktion mit Costa-Rica begnügen. Der im französischen Exil lebende Russe Andrei Zvyagintsev hat «Minotaure», seine Chronik einer familiären Implosion, in Riga gedreht, während Asghar Farhadi, der für den Iran bislang zwei Oskar-Statuen gewinnen konnte, sein Drama um die Nöte einer Schriftstellerin («Histoires parallèles») nun mit französischen Schauspielern besetzen musste.
Die Mobilität des zeitgenössischen Filmschaffens scheint allerdings generell zum eigentlichen Charakteristikum zu werden. Die Architektur der Co-Produktionen ist heutzutage jedenfalls genügend komplex, um das Kriterium der nationalen Grenzen oftmals obsolet erscheinen zu lassen. So wird der Ungare Laszlo Nemes mit einem Drama über die französische Résistance in den Wettbewerb angekündigt, derweil die süd-koreanische Produktion von Na Hong-jin die Hollywoodstars Alicia Vikander und Michael Fassbender verpflichtet hat.
Über Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland
Der Pole Pawel Pawlikowski wiederum hatte für «Fatherland», in dem er Thomas Manns Rückkehr nach Deutschland nachzeichnet, Sandra Hüller, August Diehl und Hanns Zischler gecastet. Hamagushi Ryusuke tritt mit «Soudain» an, auf dessen Vorspann die Namen von Virginie Efira und Marie Bunel aufgelistet sind.
Zitieren liesse sich weiter das Interesse, das die grossen Tech-Konzerne jüngst für die traditionellen Produktionsfirmen gezeitigt haben, sowie die Omnipräsenz der K.I., die die Konsequenzen des langatmigen Autorenstreiks von 2023 vermutlich amplifiziert hat (und deren Auswirkungen mittlerweile auch die Academy überzeugte, die Regeln für den Oskar-Wettbewerb zu modifizieren).
«La Vénus électrique» als Eröffnungsfilm
Hat sich die Festivalleitung aus Widerspruchsgeist für den diesjährigen Eröffnungsfilm entschieden? «La Vénus électrique» von Pierre Salvadori erscheint jedenfalls wie ein Rückgriff auf die Filmgeschichte: In Paris anfangs des 20. Jahrhunderts situiert, baut die Komödie auf sämtliche Versatzstücke, die es dem Kinematographen ermöglichten, der Mechanik der Illusion zu einem glaubwürdigen Ausdruck zu verhelfen.
Suzanne (Anais Demoustier), Mitglied einer Zirkustruppe, gibt den Schlange stehenden Kunden «elektrische» Küsse, die bei den Männern tiefe Gefühle auslösen sollen: Sowie sich die Lippen des Paares berühren, schliesst Titus, der Zirkusleiter, hinter der Bühne den Stromkreis, der alsbald die Körper erzittern und die Glühbirnen erleuchten lässt. Als Suzanne den depressiven Maler Antoine (Pio Marmaï) kennenlernt, der überzeugt ist, seine Geliebte Irène in den Selbstmord getrieben zu haben und nun von Schuldgefühlen zerrieben wird, beschliesst sie, die Rolle eines Mediums einzunehmen und ihre schauspielerischen Talente dahingehend einzusetzen, Antoine die Gegenwart der Toten spüren zu lassen.
Défense et Illustration der Filmsprache
Mit im Spiel ist zudem der Kunsthändler Armand (Gilles Lellouche), der Interesse daran hat, dass Antoine aus seiner Trauer herausfindet und seine Arbeit wieder aufnimmt. Regelmässig wird er Suzanne mit Detailinformationen über Antoines Liebesbeziehung mit Irène (Vimala Pons) versorgen, um den Séancen der Geisterbeschwörung eine glaubwürdige Couleur zu verleihen.
Das durch Suzannes Wohnwagen gezogene Leintuch, auf dem sich ihre Silhouette abzeichnet, das Wunder der Transsubstantiation und die gespielten Gefühle, als solche stets erkennbar, an die wir als willige Zuschauer jedoch dennoch glauben wollen — «La Vénus électrique» erweist sich als verspielte «défense et illustration» der Filmsprache, als eine federleichte Reflexion über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, Kunst und Geld, Blei und Gold. Jane Fonda, die zusammen mit Gong Li den offiziellen Starschuss zum Festivalbeginn gab, sprach in ihrer Rede vom Kino als «Akt des Widerstands und Akt der Schöpfung». Mit ihrer komödiantischen Färbung erwies sich die Inszenierung von Salvadori als idealer Eröffnungsfilm.