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Buch

Der Gott der Philosophen und der Gott der Geschichte

13. Mai 2026
Erwin Koller
Papst Leo XIV, Auftritt nach der Wahl
Papst Leo XIV. bei seinem ersten öffentlichen Auftritt über dem St. Petersplatz nach seiner Wahl am 8. Mai 2025. Der gebürtige Amerikaner Francis Prevost tritt kaum für ein enges Bündnis zwischen Altar und Thron ein. (Foto: Keystone/EPA/FABIO FRUSTACI)

Die «Konstantinische Wende» hatte epochale Folgen für die Geschichte des Christentums. Urs Eigenmann legt dazu ein historisches Lehrstück mit einer radikalen und produktiven These vor. Davon ausgehend stellt Erwin Koller die Frage, wieweit die Christianisierung des Imperiums im 4. Jahrhundert als Kehrseite eine Imperialisierung des Christentums zur Folge hatte.

In den USA und anderswo ist die Verbindung von Religion und Macht erneut von akuter Dringlichkeit. Die religiöse Karte wird bewusst gezückt, um politische Ziele durchzusetzen. Die Verkettung von politischer und religiöser Macht begleitet die Religionsgeschichte freilich seit je. David herrschte als König über Israel und befahl den Bau des Tempels von Jerusalem. Mohammed war nicht nur Prophet und Verkünder des Islams, er kämpfte auch als Feldherr gegen Stämme, die seinen Glauben ablehnten. Der für seine Grausamkeit bekannte indische Grosskönig Ashoka organisierte die buddhistische Mission Südostasiens. Und im mediterranen Rom verbündete Kaiser Konstantin der Grosse den Thron seiner imperialen Macht mit dem Altar der christlichen Kirche und besiegelte im Jahr 325 die Konstantinische Wende mit dem Konzil von Nizäa.

Eine Weltreligion, die ihre eigenen Ursprünge negiert

«Das Christentum ist die vielleicht einzige Weltreligion, deren Orthodoxie sich bestimmt durch die Negation ihrer eigenen Ursprünge.» Mit dieser frappanten These hat Franz Hinkelammert seine Kritik am Konzil von Nizäa aus befreiungstheologischer Sicht zugespitzt (Eigenmann,129).

Die Kritik ist nicht neu. Schon im 15. Jh. hielt der Böhme Peter Cheltschizki fest: Zur Zeit Konstantins wurde «das Netz des Glaubens zerrissen» (Eigenmann,105). Im 19. Jh. klagte der Schriftsteller und Theologe Leo Tolstoj: «Am meisten bestürzte es mich, dass alle menschlichen Übel – die Verdammung einzelner, die Verdammung ganzer Völker, die Verdammung anderer Glaubenslehren und die aus solcher Verdammung entstehenden Verfolgungen und Kriege – dass alles das von der Kirche gerechtfertigt wurde», was auf die Konstantinische Wende zurückzuführen sei (Eigenmann,108). Im 2o. Jh. schrieb Leonhard Ragaz: Als Folge der Verbindung von Christus und Cäsar wird aus der Verheissung und Forderung des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit «auf der einen Seite die Kirche mit ihrem Kultus, auf der andern das Dogma, die Lehre, die in der Orthodoxie erstarrt. … Aus dem Reiche Gottes ist Religion und aus Christus das Christentum geworden» (Eigenmann, 111f.).

Urs Eigenmann steht in der Tradition dieser Positionen und untermauert sie aus befreiungstheologischer Sicht: Im 4. Jh. hat sich das kirchliche Selbstverständnis des Christentums nach seiner Einschätzung entscheidend verschoben. Konstantin machte das Zeichen des Kreuzes, den Schandpfahl, an dem Jesus von Nazaret hingerichtet wurde, bei der Schlacht an der Milvischen Brücke zum Siegeszeichen im Kampf gegen seinen Rivalen Maxentius – und sei’s auch nur im Traum. Er liess das Christusmonogramm, das für den gewaltlosen Jesus stand, auf die Schilde der römischen Soldaten anbringen: Das Kreuz sollte ihnen ein erfolgreiches Töten und Siegen verheissen. Auch die Münzen der Pax Romana trugen das Christusmonogramm: Was einst Zeichen der Bereitschaft war, Jesus bis zum Martyrium nachzufolgen, sollte nun zum Symbol des Imperiums werden, das mit der Reichskirche gemeinsame Sache machte, auch unter Anwendung von Gewalt, wenn es sein musste (Eigenmann, 86ff.). 

Die Wende des jungen Christentums zum hellenistischen Denken 

Der erste, der die Wende zum Hellenismus vollzog, war im 2. Jahrhundert Justin der Märtyrer. Nicht mehr die Nachfolge Jesu machte den Christen und die Christin aus, sondern ein philosophisch-spekulativer Glaube an das Wesen des Christus. Im Anschluss an das Johannesevangelium beschrieb er ihn als Logos («Am Anfang war das Wort»), der von einer Jungfrau seine irdische Natur bekommen habe, jedoch schon immer bei Gott gewesen sei. 

Die Theologen entwickelten in platonischer Spekulation bald eine göttliche und eine menschliche Natur Jesu, die zusammengehalten werden durch die zweite Person der göttlichen Dreifaltigkeit. Diese Formulierungen wurden auf den ersten Konzilien in Kleinasien – Nizäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon – in Glaubenssätze gegossen und später mit dem Katechismus jedem Katholiken und jeder Katholikin auf den religiösen Lebensweg mitgegeben. Der Glaube an Sätze ersetzte den Ruf zum Reich Gottes. Gut ökumenisch: Erfunden hat den Katechismus Martin Luther.

Mit weiter entwickelten Formulierungen – das war ihr Nutzen und Vorteil – wurde die christliche Religion intellektuell anderen Entwürfen von Religionen, Philosophien und Weltanschauungen gegenübergestellt und konnte in Disputen propagiert und gegen Anklagen verteidigt werden. Das heisst nicht, dass das Christentum in die griechisch-römische Welt eingeebnet und assimiliert wurde. Es behielt sein eigenes Profil und konnte sich schliesslich als Weltreligion etablieren. 

Die tragische Seite des Bündnisses von Thron und Altar 

Doch die Verbindung von Thron und Altar auf dem Konzil von Nizäa hatte eine tragische Seite, denn sie stellte die Weichen für grobschlächtige Entgleisungen. Der Abt und Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux rechtfertigte im 12. Jh. die Kreuzzüge mit folgenden Worten: «Die Ritter Christi kämpfen mit gutem Gewissen die Kämpfe des Herrn und fürchten niemals weder eine Sünde, weil sie Feinde erschlagen, noch die eigene Todesgefahr. … Ein Ritter Christi tötet mit gutem Gewissen, noch ruhiger stirbt er. Wenn er stirbt, nützt er sich selber; wenn er tötet, nützt er Christus» (Eigenmann, 124f.). Die Apologeten der Inquisition und der Glaubenskriege folgten ihm. 

In der Bulle Inter Caetera propagierte selbst Papst Alexander VI. 1493 eine gewaltsame Ausbreitung des Christentums in den neuen Ländern Lateinamerikas. Nachfahren mussten verdutzt feststellen: «Die christlichen Kolonisatoren, die diese Gewalt ausübten, gingen jeden Sonntag zur Messe und rezitierten das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis, doch nichts in diesem Glaubensbekenntnis liess sie innehalten, überhaupt nichts» (Eigenmann, 126).

Der Einwand der Befreiungstheologie

Wenig erstaunlich, dass die Befreiungstheologie in den 1960er Jahren gerade hier Wurzeln schlug, sozusagen unter späten Opfern dieser Mission. Die Geschichte der Konstantinischen Wende konnte die Befreiungstheologie nicht rückgängig machen. Wohl aber konnte sie ein – gemäss Hinkelammert – verkehrtes Christentum an seine Wurzeln erinnern und zur Umkehr bewegen. Sie konnte an den Kern der jüdischen Religion erinnern, an den befreienden Gott, der sich Mose offenbart und ihn zum Pharao sendet, an den Exodus, die Befreiung des Volkes aus dem Sklavenhaus Ägyptens. Und sie konnte an den Rabbi Jesus erinnern, der Partei ergriff für die Randständigen Israels und sie zur Freiheit rief: «Euch muss es zuerst um das Reich Gottes und um seine Gerechtigkeit gehen» (Mt 6,33).

Die Reich-Gottes-Vergessenheit

Der zentrale neutestamentliche Begriff vom Reich Gottes kommt im Konzil von Nizäa nicht vor und steht auch in der weiteren Entwicklung der christlichen Dogmatik eher am Rand. «Die Reich-Gottes-Vergessenheit wird danach durch alle – nach römisch-katholischer Zählung zwanzig – Ökumenischen Konzilien bis und mit dem Vatikanum I hindurchgehen. Keines dieser Konzilien hat das Reich Gottes auch nur erwähnt» (Eigenmann, 121). 

«Die Rede von Gott im Credo von Nizäa ist nicht nur eine andere Rede als die biblische von Gott, sondern es ist die Rede von einem anderen Gott als dem der Bibel». Blaise Pascal nannte ihn den «Gott der Philosophen und Gelehrten» (119). Karl Rahner hielt es für eine «wesenhafte Versuchung» der Kirche, dass sie «ihren ganzen Religionsbetrieb mit Gott selbst verwechselt» (Eigenmann, 165). «Der biblische Gott ist ein Gott der Geschichte» (Eigenmann, 61). 

Johannes XXIII.: Der imperiale Staub muss vom Stuhl Petri weggewischt werden 

Umso erstaunlicher, dass Papst Johannes XXIII. 1959 in seiner Einladung zum Zweiten Vatikanischen Konzil und ebenso 1962 in seiner berühmten Eröffnungsrede das Reich Gottes aufgriff. Als Historiker wusste er warum, auch wenn er die Einsicht als Nachfolger auf dem Papstthron in den milden Satz einer Raumpflegerin fasste: «Der imperiale Staub, der sich seit Konstantin auf dem Stuhl des heiligen Petrus abgelagert hat, muss weggewischt werden» (Eigenmann, 144).

Das Konzil folgte Johannes XXIII. Die biblische Bitte im Unser Vater «Dein Reich komme!» ist in seinen Dokumenten von zentraler Bedeutung. Alle vier Konstitutionen, sieben der neun Dekrete und zwei der drei Erklärungen befassen sich damit (Eigenmann, 148). Die Anfänge der Botschaft Jesu sind so in die Mitte der Kirche zurückgekommen. Und das reformatorische Postulat, dass die Kirche und ihre Institutionen an den Aussagen der Bibel zu messen sind, hat auf dem Konzil endlich wieder katholisches Heimatrecht bekommen: «Das Studium der Heiligen Schriften … muss die Seele der Theologie sein» (Dekret über die priesterliche Ausbildung Nr. 16). «Das Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm» (Konstitution über die Offenbarung Nr. 10).

Das Kommen des Reiches und der Fortschritt der Zivilisation

Die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute stellt das Reich Gottes in den Kontext des heutigen Fortschrittsdenkens: «Obschon der irdische Fortschritt eindeutig vom Wachstum des Reiches Christi zu unterscheiden ist, so hat er doch grosse Bedeutung für das Reich Gottes, insofern er zu einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaft beitragen kann. Wenn wir nämlich die Güter der menschlichen Würde, der brüderlichen Gemeinschaft und der Freiheit ... auf Erden verbreitet haben, werden wir sie später wiederfinden … im Reich der Wahrheit und des Lebens, im Reich der Heiligkeit und der Gnade, im Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens» (Nr. 39). Das Reich Gottes muss also wachsen, nicht mit Macht durchgesetzt werden. Mit solchen Visionen hat das Zweite Vatikanische Konzil gewissermassen die Imperialisierung der Kirche durch die Konstantinische Wende im Ansatz zurückgebunden.

Erst die Aufklärung verhalf der religiösen Toleranz zum Durchbruch

Dieser Positionsbezug ist freilich die Frucht der europäischen Aufklärung. Nach den bitteren Erfahrungen der Religionskriege einschliesslich des 30-Jährigen Kriegs nahmen die Staaten das Szepter selber in die Hand. Die Verankerung der religiösen Toleranz und die Trennung von Kirche und Staat haben den Völkern viel Ungemach erspart. Diese Prinzipien sind heute von den Kirchen der Christenheit allgemein anerkannt, auch wenn neues Ungemach hinzugekommen ist.

Wenn die Befreiungstheologen den «Konstantinischen Kirchen» trotzdem ihre Ursprünge in Erinnerung rufen, hat dies Gründe. Die 1700 Jahr-Feiern von 2025 haben gezeigt, dass der Ruf zum Reich Gottes weitherum traditionsbewusst überhört oder gar übertönt wurde aus der Sorge, auch dieser Pfeiler des gemeinsamen Glaubens könnte wegbrechen. Für viele bleibt ein Dogma für immer ein Dogma. Auch für die Kirchen, die im Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf zusammengeschlossen sind, ist das Konzil von Nizäa und sein Bekenntnis zu Christus ein zentraler Ankerpunkt der christlichen Theologie über Konfessionsgrenzen hinweg.

Urs Eigenmanns kritischer und erhellender Gang durch die Kirchengeschichte zeigt jedoch, dass Erinnerungen an die vergessenen Wurzeln des Christentums eher eine lebendige Kraft der Einheit sind als in Stein gemeisselte Dogmen, die nur zu oft die Zerrissenheit der Christenheit mehr fördern als heilen. Darum fordert er eine Reich-Gottes-Verträglichkeitsprüfung (Eigenmann, 50–56).

Jüdische Sekte oder Weltreligion

Ein grundsätzlicher Einwand gegen den befreiungstheologischen Blick auf Nizäa muss freilich erwähnt werden. Der Zürcher Alttestamentler und Religionswissenschaftler Konrad Schmid vertritt die These, dass ohne Anschluss an das hellenistische Denken das Christentum nicht Weltreligion geworden wäre. Auch dem Judentum gelang dieser Sprung. Die ägyptische und die babylonisch-assyrische Religion hielten Distanz zur hellenistischen Welt und sind untergegangen (Konrad Schmid: Von einer jüdischen Sekte zur Weltreligion. Volkshochschule Zürich, 27. November 2025).

Franz Hinkelammert würde wohl einwenden: Lieber keine Weltreligion als eine «dekorative» (Eigenmann, 209). Kritiker würden ihm entgegenhalten: Aber dann könntest du die befreiende Reich-Gottes-Theologie nicht anmahnen. Und wenn deine Hypothese stimmt, müsstest du ohnehin die Geschichte der Kirchen umschreiben. 

Der Konflikt bleibt. Der Ruf zur Umkehr ebenso. Unbestreitbar ist, dass jede Religion mit Spannungen und Widersprüchen leben und den Bogen weit genug spannen muss, damit er nicht zerbricht. Die Spaltungen und die Zerrissenheit des Christentums in der Geschichte haben jedoch gezeigt, dass weder eine überhöhte Autorität, noch eine wolkige Kompromissbereitschaft oder gar eine grenzenlose Toleranz sich als zukunftsweisende Heilmittel erwiesen haben.

Was ihr dem Geringsten getan habt

Der Streit ist im Tiefsten auch der Konflikt zwischen Franziskus, dem Bischof von Rom und Lampedusa, und Papst Benedikt XVI., der den Römischen Katechismus redigierte und neu herausgab. Der Befreiungstheologe Leonardo Boff, den Joseph Ratzinger verurteilte, ist jedoch überzeugt, dass der Streit recht besehen längst beigelegt ist (Eigenmann, 156), schon im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums.

Am Ende der Zeiten wird der Herr der Geschichte keine Katechismus-Fragen stellen. Der Weltenrichter wird sagen: «Ich war hungrig, ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, ihr gabt mir Wasser; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.» Und wenn sie dann fragen: «Wann und wo?», wird er ihnen sagen: «Alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan» (vgl. Mt 25,31–46).

Exodus

Urs Eigenmann: Welcher Gott für welche Gesellschaft und Welt?
Das Konzil von Nizäa und die Zerrissenheit des Christentums: Verlag Exodus Luzern 2026, 248 Seiten

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