MAGA-Exponenten verteidigen die westliche Zivilisation und wollen eine homogene Kultur. Dem Universalismus mit seinen Allgemeinen Menschenrechten und dem Völkerrecht sagen sie den Kampf an. Doch statt die Aufklärung abzuwickeln, muss man sie entwestlichen.
Der westlichen Zivilisation, so hört man, gehe es ans Lebendige. Also müsse man sie verteidigen. Doch was genau verteidigen wir eigentlich? Der amerikanische Aussenminister Marco Rubio stellte die schicksalsschwere Frage in seiner Rede an der Münchner Sicherheitskonferenz 2026. Seine Antwort lautete: «Wir sind Teil einer einzigen Zivilisation, der westlichen Zivilisation. Wir sind durch die tiefsten Bande miteinander verbunden, die Nationen teilen können, geschmiedet durch Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte, christlichen Glaubens, Kultur, Erbe, Sprache, Abstammung und die Opfer, die unsere Vorfahren insgesamt für die gemeinsame Zivilisation gebracht haben.»
Anti-Universalismus
Rubios Verteidigung der Zivilisation ist symptomatisch für ein Denken, das gegenwärtig an Einfluss gewinnt. Es manifestiert sich in Begriffen wie «tiefste Bande», «gemeinsame Geschichte», «Kultur», «Erbe», «Abstammung». Besonders aufschlussreich ist aber eine andere Bemerkung: «Armeen kämpfen nicht für Abstraktionen. Armeen kämpfen für ein Volk. Armeen kämpfen für eine Nation. Armeen kämpfen für eine Lebensweise.»
Irritierend ist zunächst die Hervorhebung militärischer Verteidigungsbereitschaft der Zivilisation. Gewiss, man kann sie vor dem Hintergrund aktueller Konflikte zu verstehen versuchen. Aber unabhängig davon zeigt sich hier eine spezifische Haltung, die eigentlich beunruhigender ist: die Ablehnung des Abstrakten, der Anti-Universalismus. Die Haltung macht sich heute etwa in der Skepsis gegenüber einer «abstrakten» regelbasierten Ordnung bemerkbar, wie wir sie seit den beiden Weltkriegen in der Gestalt allgemeiner internationaler Rechte kennen.
Vom Gemeinsamen zum Allgemeinen
Schon die Wortwahl ist verräterisch. Rubio verwendet «Gemeinsamkeit» nicht im Sinne von Allgemeingültigkeit, sondern von Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur, eben der «westlichen». Zugehörigkeit wiederum ist das zentrale Merkmal der MAGA-Ideologie. Sie speist sich aus der Idee des sogenannten «Heritage America», eines «Erb-Amerikas», das sich auch religiös definiert. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth spricht explizit von «christlichen Kriegern». Man muss Amerika inzwischen als religiös-industriell-militärischen Komplex sehen.
Nun ist die Tendenz unleugbar, den Menschen über seine Herkunft und Zugehörigkeit zu definieren. Alle Menschen entwickeln ihre Sicht der Welt aus dem Nest der Gemeinschaft heraus, in der sie aufgewachsen sind. Die meisten elementaren und wegweisenden Erfahrungen sind in den Kontext einer bestimmten Kultur eingebettet. Sogar ein scheinbar so universelles Gebot wie «Du sollst nicht töten» hatte ursprünglich die Bedeutung «Du sollst keinen Israeliten töten» und erst später wurde es auf Nicht-Israeliten ausgedehnt. Das ist ethischer Fortschritt: Wir können aus einer bestimmten Gemeinschaft heraus Regeln entwickeln, die über die Gemeinschaft hinausweisen – das ist der Schritt zur Allgemeinheit.
Vulgärdarwinistische Apologie von Gewalt
«Wir leben in einer Welt, in der realen Welt, die von Stärke regiert wird, von Gewalt und Macht – die eisernen Gesetze der Welt seit Anbeginn der Zeit». So rechtfertigte der Vizestabschef des Weissen Hauses, Stephen Miller, die amerikanische Rambo-Intervention in Venezuela. Damit holt er einen alten, aber immer wieder aktivierbaren Legitimationsknüppel der Gewaltapologeten hervor: Abstrakte Prinzipien widersprechen der «Natur» des Menschen.
Die sogenannten «eisernen Gesetze» sind vulgärdarwinistische Ideologie und sowohl logisch wie empirisch unhaltbar. Erstens handelt es sich um einen klassischen Fehlschluss: Naturtatsachen begründen keine Normen. Zweitens zeigen ethologische Erkenntnisse, dass Konkurrenz und Kooperation keine Gegensätze sind, sondern kontextabhängige Strategien. Und selbst wenn es die «eisernen Gesetze» tatsächlich gäbe, wäre es keineswegs falsch, ihnen politisch entgegenzuwirken. Yes, we can.
Menschheit im Kleinen
Der Rückgriff auf die «Natur» ist heimtückisch. Er begünstigt eine Fixierung des Denkens auf Herkunft, Abstammung, auf das «Gewachsene». Daraus leitet sich leicht ein selektiver Universalismus ab, der nicht auf die abstrakte Menschheit im Grossen ausgerichtet ist, sondern auf eine konkrete Menschheit im Kleinen: auf die «organischen» Grössen Gemeinschaft, Volk, Nation, Stamm.
Diese Verengung auf Menscheit im Kleinen lässt sich auch im Kontext der Identitäts- und Diversitätspolitik beobachten. Während der Anti-Universalismus etwa der identitären Rechten vor allem auf «reine», homogene Gemeinschaftlichkeit und entsprechende Exklusion zielt, will der Anti-Universalismus der postkolonialen Linken primär den pseudo-universellen Charakter allgemeiner Normen wie der Menschenrechte als ideologischen «Betrug» entlarven. An die Stelle des falschen abstrakten «Menschen» treten konkrete Identitäten: kulturelle, nationale, religiöse, ethnische, geschlechtliche. Sie definieren sich über Differenz und Diversität, also über Menschheiten im Kleinen.
Parochialismus
Die Psychologie kennt für den Rückzug ins Kleine, Überschaubare einen Begriff: «Parochialismus». Er meint eine Verengung des Blicks, in der eine Person sich nur einer ganz bestimmten Gruppe zugehörig fühlt und andere abwertet. Michael Walzer, einflussreicher Kritiker des Liberalismus, stellte schon vor dreissig Jahren die These auf, dass das einzige Gemeinsame an den Menschen ihr Hang zum Parochialismus sei. Besonders akut werde er in realen oder imaginierten Bedrohungslagen. Hier «fühle ich nur noch, und zwar radikal, parochial: als Serbe, als Pole, als Jude, als Schwarzer, als Frau, als Homosexueller – und als nichts anderes (…) Das bedeutet auch, dass unser gemeinsames Menschsein uns niemals zu Mitgliedern eines einzigen, umfassenden ‘Stammes’ machen wird».
Walzers Bemerkung passt beunruhigend genau in die heutige Welt aus den Fugen mit ihren realen und imaginierten Bedrohungen, Unsicherheiten, Unübersichtlichkeiten noch und noch. In einer solchen Situation bietet sich der Parochialismus als Halt an, indem er vereinfacht, und als Schutz, indem er trennt. Als Überlebensangebot wirkt er in solchen Zeiten fast unwiderstehlich.
Reden wir nicht von Zivilisation, sondern von Zivilisiertheit
Viele Menschen leben heute im Bewusstsein einer dramatischen Paradoxie: Der Planet Erde ist unser aller Habitat. Aber wir zerstückeln ihn selbstzerstörerisch in konkurrierende Weltgemeinschaften, in «Zivilisationen». Die Frage stellt sich deshalb dringlich, ob es nicht eine andere Art gibt, Gemeinsamkeit zu verstehen. Und sie führt uns zurück in die Anfänge der europäischen Moderne, zur Aufklärung.
Man kann sie etwas rabiat auf eine einzige Grundidee reduzieren: Zwar definiert sich Menschsein immer über ethnische, nationale, kulturelle, religiöse Gemeinschaft; aber zivilisiertes Menschsein anerkennt «abstrakte» allgemeine Prinzipien, Normen oder Standards. Man ist dazu zwar nicht geboren, aber man kann sie anerkennen wollen. Und das ist die eigentlich revolutionäre Einsicht Kants: Zivilisieren muss man sich selber – nicht aus Angst vor Sanktionen Gottes oder eines weltlichen Potentaten, sondern aus Mut zur Vernunft.
Die Aufklärung entwestlichen
Abstrakte Prinzipien schweben nicht «platonisch» über den Köpfen der Menschen, sie sind verkörpert in Praktiken, die sich an universalisierbaren Leitlinien des Denkens und Handelns orientieren, trotz aller partikularen Bindungen und Machtinteressen. Es gibt solche Tendenzen nicht nur im Westen, es gibt sie auch in Afrika, Südamerika, Asien. Man könnte sagen: Die Aufklärung muss heute in eine neue Entwicklungsphase treten, jene der Entwestlichung. Darin liegt ihr befreiendes Potenzial – auch für den Westen.
Es war übrigens der jüngst verstorbene Jürgen Habermas, der als «letzter Europäer» unermüdlich und unbeirrt die Auffassung vertrat, man könne einem «abstrakten» Regelwerk – einem «Verfassungspatriotismus» – ebenso verpflichtet sein wie konkreten Traditionen und Sitten, also einem traditionellen Patriotismus. Man hat ihn wiederholt als «Idealisten» belächelt. Aber diese doppelte Loyalität ist Zivilisiertheit – ein «unvollendetes Projekt» der Moderne, so nannte es Habermas.
Unterwegs zu vorzivilisierten Zuständen
Natürlich verteidigen wir mit der westlichen Zivilisation auch ein historisches Erbe. Und wie selbstanklägerisch sich die Kritik an diesem Erbe oft gebärdet, es verfügt über ein Ideengut, das man verteidigt, indem man es à jour hält.
Dazu gehören Abstraktionen wie Völkerrecht, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Rechtsgleichheit. Sie sind nicht weltfremd. Sie sind das Gegenteil: die Bedingung dafür, dass Menschen über die Grenzen von Herkunft, Religion und Kultur hinweg überhaupt miteinander friedlich in Beziehung treten können. Sie haben, wie das im habermasschen Idiolekt heisst, einen «normativ überschiessenden Gehalt».
Das heisst: Auch wenn nicht alle Menschen von diesen Abstraktionen in gleichem Mass profitieren, so ist es vernünftig, an ihrer Allgemeingültigkeit festzuhalten. Ohne Abstraktionen fiele der Unterschied zwischen Macht und Recht dahin; gäbe es keine politische Gemeinschaft, die mehr ist als ein erweiterter Stamm. Wer sie ablehnt, befürwortet deshalb, ob bewusst oder nicht, den Rückfall ins Stammesdenken. Wenn die krisenerschütterte Gegenwart etwas zeigt, dann dies: Der Prozess der Zivilisation ist reversibel.