Im deutschen Sprachraum, an dessen Gestaden im Unterschied zum Rest der Welt, Walstrandungen immer noch ein eher rares Vorkommnis sind, haben die Irrwege eines havarierten jungen Buckelwals in der Ostsee in den letzten Wochen nicht nur einen einzigartigen publizistischen Hype ausgelöst. Je schlechter es dem Tier ging, desto ingrimmiger die Versuche, dem Publikum die Geschichte einer Errettung anzudrehen.
Wale stranden seit Jahrmillionen. Am deutlich häufigsten Grindwale. Bei keiner anderen Walart sind jeweils auch so viele Tiere betroffen. Bei der wohl grössten bekannten Strandung – 1918 an den neuseeländischen Chatham Islands – wurden rund tausend Tiere gezählt. Ihr englischer Name, «pilot whale», nimmt Bezug auf das typische Verhalten, auch hierin einem Leittier, dem «Lotsen», zu folgen.
Mögliche Ursachen
Erklärungsversuche reichen von der Topographie (Beschaffenheit des Meeresbodens, wobei sandig-morastiger Untergrund die Echolokation möglicherweise erschwert) über Gezeitenwechsel, Störungen des Magnetfelds der Erde (ausgelöst etwa durch Sonnenstürme), Verletzungen oder Infektionen (Parasitenbefall des Gehirns), Vergiftungen durch Algenblüten oder PCB, physiologische Beeinträchtigungen wie Schalltraumata bis zu verhaltensabhängigen Faktoren.
Zu unterscheiden sind auch die Strandungen (gesunder) lebender Tiere von denjenigen toter Exemplare, die angeschwemmt werden, etwa nach der Kollision mit einem Schiff. Zwar stranden Zahnwale häufiger als Bartenwale, die keine Echolokation besitzen, aber auch hier sind Massenereignisse belegt, 2019 etwa die Strandung von 77 Grauwalen an der amerikanischen Pazifikküste. Unerhört ist die von zahlreichen Fragezeichen gesäumte Strandung von mindestens 343 Tieren, hauptsächlich Seiwalen, einer Hochseeart, 2015 in einer unwirtlichen Region Zentralpatagoniens in Chile.
Stationen eines abstrusen Helfersyndroms
Während Wochen hat nun ein Anfang März in die Ostsee gelangter und, nachdem er sich in einem Stellnetz verfangen hatte, hierauf gestrandeter junger Buckelwal unbekannten Geschlechts die Schlagzeilen beherrscht. Sein Verhängnis war, dass er sich dazu Schleswig-Holstein, dann Mecklenburg-Vorpommern und nicht Dänemark ausgesucht hat. An der dortigen Küste hätte er wohl ohne viel Aufsehen entweder wieder zu Kräften kommen oder eben sein Leben lassen dürfen.
Bedenklich waren von Anfang an die Aufnahmen, die auf dem Rücken des Tiers eine üble Blasenbildung zeigten. Sie liessen, zusammen mit seinem sichtlich geschwächten Zustand, eigentlich nur den Schluss zu, dass ihm nicht mehr zu helfen war. Doch dann meldete sich die deutsche Volksseele. Wirre «Rettungs-» beziehungsweise «Befreiungsaktionen» der üblichen Tierschutzaktivisten, gefolgt von Absperraktionen der Polizei, hierauf Drohungen wegen unterlassener Hilfeleistung gegen Politiker, die unter Polizeischutz gestellt werden mussten, Vorwürfe, sich das Skelett des Wals aneignen zu wollen, an ein Meeresmuseum (das, da längst mit besseren Exponaten versorgt, umsonst dementierte) sorgten mit dem Lärm der Medien samt Social Media für eine Gemengelage, die alles einschloss, bloss nicht das Wohl des Tiers.
Obwohl auch die Internationale Walfangkommission das Vorhaben als «nicht ratsam» bezeichnet hatte, musste es sich zuletzt gefallen lassen, in einer aufwendigen Aktion mittels einer Barge den Kattegat hinauf zum Eingang des Skagerraks geschleppt zu werden, wo sich in einer undurchsichtigen Nacht-und-Nebel-Aktion um den 9. Mai herum seine Spur verlor. Dubiose Schlepper, die offenbar «das Vieh» bloss noch loszuwerden trachteten, unsachgemäss oder gar nicht angebrachte Peilsender führten jedenfalls dazu, dass über seine letzten Stunden in menschlicher Obhut und seinen Verbleib zurzeit nichts gesagt werden kann.
Rettungsaktionen in San Francisco und in Alaska
Die Strandung liess an ein sehr viel freundlicheres Ereignis im Oktober 1985 denken. Damals schwamm ein noch nicht ausgewachsener Buckelwal, bald einmal Humphrey genannt, nicht bloss in die Bucht von San Francisco, sondern rund hundert Kilometer den Sacramento River hinauf, also im Süsswasser, ohne dass ihm das geschadet zu haben schien. Nur mit grösster Mühe gelang es, das – gesunde – Tier zurück ins offene Meer zu lotsen, das nach knapp einem Monat wieder erreicht war. Ernest Callenbach, der Autor von «Ökotopia», hat dem «wayward», dem auf Abwege geratenen Wal ein Kinderbuch gewidmet. Aber sonst war das Ganze doch primär ein Ereignis der lokalen Medien. 1990 übrigens war Humphrey zurück in der Bay. Diesmal strandete er, worauf er hinausbugsiert wurde.
Geradezu global hingegen die Aufmerksamkeit gegenüber dem, was sich drei Jahre später, im Oktober 1988, vor Barrow, dem nördlichsten Punkt Alaskas, ereignen sollte. Da versäumten drei jugendliche Grauwale in der Beaufortsee, wo sie sich die Mägen vollschlugen, den rechtzeitigen Abreisetermin, weil sie die frühe Eisbildung nicht erkannt hatten. Und so wären sie denn, wie Hunderte oder wohl auch Tausende Artgenossen vor ihnen, im Eis eingeschlossen bald einmal ums Leben gekommen. Hätte nicht ein eingeborener Jäger sie zufällig entdeckt und dies dem lokalen Wildlife Management Office gemeldet. Was zur Folge hatte, dass kurz darauf über hundertfünfzig Journalisten aus vier Kontinenten unter unwirtlichen Bedingungen im winzigen Küstenort versammelt waren und im Verlauf von knapp drei Wochen das schufen, was später «the world’s greatest non-event created by the media» genannt worden ist.
Es darf aber daran erinnert werden, dass jene frühe Eisbildung ein zaghaftes Tauwetter im – damals noch durchaus «heissen» – Kalten Krieg an der Beringstrasse einzuleiten begonnen hatte. Denn obwohl sich Ronald Reagan persönlich über die Fortschritte am Loch im Eis informieren liess: Die Amerikaner verfügten, ganz wie heute, über keinerlei in der Arktis brauchbares Gerät. Zum Erfolg bedurfte es sowjetischer Eisbrecher, auf die nun erstmals militärisches Personal der USA Zugang erhielt. Ihre Fahrrinne bahnte den zwei überlebenden Walen (der kleinste war ertrunken) den Weg ins offene Meer. Die Kosten von «operation breakout», die eine erhebliche Logistik in Gang setzte: gegen sechs Millionen Dollar.
Absurdes Theater
In Deutschland hatten die Sachverständigen gut reden – das (artikulierte) Volksempfinden verlangte Hilfe, Rettung für das Tier. Wenig hilfreich war wohl auch eine Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien, die alles diesbezüglich Dagewesene in den Schatten gestellt haben dürfte. Der Hype, seinerzeit, um Knut, das Eisbärbaby im Berliner Zoo, mutet im Vergleich damit geradezu harmlos an. Nicht nur, dass nach der Strandung an der Insel Poel vor Wismar fortan jedes Zucken von Wal und Publikum vermeldet wurde, hierzulande etwa in der NZZ. Nicht fehlen durften «Hintergrundberichte». Da wurde vor dem staunenden Publikum so manches Wissenswerte über den «Meeressäuger» ausgebreitet – nicht anders als 1931 im Roman «Der Walfisch im Rhein» von Otto Brües oder 1956 beim serbischen Schriftsteller aus Bosnien Erih Koš, dessen «Wal-Rummel», 1965 deutsch erschienen, einen Vorfall von 1953 in der Adria in eine fabelhafte politische Parabel umsetzte.
Der Unterschied zu früher? Das Internet. So er nicht alles gleich von der KI erledigen lässt, kann nun wirklich jeder, der kaum zu sagen wüsste, was bei einem Wal oben und was unten ist, einen Artikel zusammenzimmern: bar jeden Sachverstands, aber die «Fakten» jedenfalls sind nicht falsch. Besonders schön lässt sich das an der Qualität der Agenturmeldungen ablesen. Waren in den Vor-Wikipedia-Zeiten da die abenteuerlichsten Bezeichnungen und Erklärungen zu finden, kommt das heute in der Sache einheitlich-korrekt daher.
Sind die Trivia solchermassen abgehandelt, schlägt die Stunde der Gelehrten. Nicht etwa der Zoologen und Meeresbiologen, die sich gut überlegen müssen, ob sie das biologisch Gebotene – Euthanasie (schwierig) oder Sterbenlassen – noch öffentlich propagieren wollen. Vielmehr sieht sich jetzt die Geisteswissenschaft gerufen, die grösseren Zusammenhänge zu erläutern. Die dümmste, es gibt kein besseres Wort, Einlassung, die ich diesbezüglich gelesen habe, fand sich wiederum in der NZZ. Unter dem Titel «Die Qual des Wals» hat Josef Joffe, dessen Meriten in der politischen Analyse liegen, etwas zusammengeschustert, das Wikipedia zu «stellt den gestrandeten Wal in einen kulturgeschichtlichen und moralphilosophischen Zusammenhang» adelt.
Gipfel der Unbedarftheit
Ersichtlich ohne jede Kenntnis der Materie hangelt sich der Autor von einem Gemeinplatz zum nächsten, zum Auftakt locker-flockig die Geschichte von Jona und dem Wal. Dieser sei ein «gnadenloser Erfüllungsgehilfe Gottes», weswegen er «jahrtausendelang» eine «schlechte Presse» gehabt habe. Dass der Wal vielmehr als göttliches Gefäss wirkt, das Jona unversehrt zu bewahren hatte, dass eine reiche Ikonographie – von frühen persischen Illuminationen und koptischen Tapisserien, von Giotto bis zu niederländischen Kirchenfenstern – im Gegenteil das Tier, noch als zähnestarrendes monstrum horrendum, stets als gutwilliges Wesen darstellte, braucht den launigen Autor nicht zu kümmern.
Der jetzt bei «Moby-Dick» angekommen ist. Den er natürlich nie gelesen hat, aber vielleicht hat er ja eine der Verfilmungen gesehen. Hier verkörpere das «Säugetier» (schleierhaft, was das in diesem Zusammenhang soll) «in dem Buch das Böse schlechthin». Was Nonsens ist. Moby Dick mag für den besessenen Ahab «das Böse» sein (wohl eher «der» Böse) – für Melville, der das Lob des Wals singt, war er das mitnichten. Joffe weiss zudem: «In Europa und Amerika jedenfalls findet man kein Walfleisch in den Supermärkten.» Überraschung in Norwegen, in Island, auf den Färöern und ohnehin in Grönland. Dann, nachdem man mit etwas Adam Smith, Samuel Beckett und dem «deutschen Ur-Idealisten» Immanuel Kant herumgewedelt hat, das Ganze gekrönt von völlig sinnbefreiten Sätzen: «Hinzugefügt sei: Wahrscheinlich hätte auch der übermächtige Moby Dick keine Chance, wäre er hier auf eine Sandbank gelaufen.» Das lässt sich toppen: «Leider könnte Hope mit seinen Flossen kein Handy ergreifen, um sich von seinem Schicksal als Objekt menschlicher Ambitionen abzulenken.»
Das musste hier derart ausführlich referiert werden, um zu illustrieren, zu welchen geistigen Verirrungen ein armes, erschöpftes, wohl dem Tod nahes Tier offensichtlich inspirieren kann. Anzunehmen ist, dass demnächst die Bücher zum Fall erscheinen werden und, warum nicht, der Film: dokumentarisch und bald schon als Spielfilm. Selbst ein «happy ending» wie seinerzeit bei «Free Willy» (1993ff.) liesse sich imaginieren – Timmy ist abgetaucht, um im offenen Atlantik wieder zu auferstehen, auch Schurken sind mit von der Partie.