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Buch

Ein besonderer Sohn der Schweiz

17. April 2026
Rolf App
Ulrico Hoepli mit Neffen Carlo (links) und Erardo Aeschlimann
Ulrico Hoepli zwischen seinen Neffen Carlo Hoepli (links) und Erardo Aeschlimann im Jahr 1930

In Mailand, wo er sein grosses Werk vollbracht hat, bedauert man es sehr, dass sich – wie auch hier im Journal 21 berichtet – die vom Thurgauer Ulrico Hoepli begründete Buchhandlung und sein Verlag nach 156 Jahren auflösen. Wer dieser erstaunliche Mann war, hat der Historiker Joseph Jung in einer Biografie erkundet. Auch ein fragwürdiger Brief ist dabei zutage getreten.

Die Anfrage kommt spät in seinem Leben, und sie ist unerwünscht. Ulrico Hoepli, Besitzer einer angesehenen Buchhandlung im Zentrum Mailands, ausserdem Besitzer eines gut gehenden Verlagshauses und eines in der Welt der Sammler hoch angesehenen Antiquariats, ist 85 Jahre alt, als ihn 1932 Giulio Barella kontaktiert, ein Vertrauter Mussolinis. Ob er bereit wäre, die gesammelten Reden und Schriften des italienischen Diktators herauszugeben, wird Hoepli gefragt. Er sei nicht interessiert, bekommt Barella zur Antwort. Denn die Casa Hoepli ediere seit sechzig Jahren technische und wissenschaftliche, aber keine politischen Bücher.

Doch der Mussolini-Vertraute insistiert, und so gibt Hoepli denn ein derart schlechtes Angebot ab, dass er glaubt, Mussolini werde andere Verlagshäuser vorziehen. Doch er täuscht sich. Ein Telegramm fordert ihn auf, sich nach Rom in den Palazzo Venezia zu begeben, Mussolinis Amtssitz. Hoepli schickt seinen Neffen Carlo, der noch einmal beteuert, ihr Verlag sei für derartige Werke nicht geeignet. Doch der Diktator will davon nichts wissen, er sagt: «Ich habe Euch gewählt, weil Ihr die schlechteste Offerte gemacht habt. Ihr wollt mich weniger reinlegen als die anderen.»

«Unser Duce, mein Duce, der alles weiss und versteht»

Doch: «Wie konnte Mussolini in einem Verlagsprogramm Aufnahme finden, dessen Autoren Gelehrte, Gebildete und Grössen der Weltkultur waren», fragt sich der Historiker Joseph Jung, Ulrico Hoeplis Biograf? Schon 2019 hat er in seinem hervorragenden Buch «Das Laboratorium des Fortschritts – Die Schweiz im 19.Jahrhundert» (NZZ Libro) den Auswanderern ein grosses Kapitel gewidmet und hier auch ein Unterkapitel über den erstaunlichen Bauernsohn Ulrico Hoepli aus dem thurgauischen Tuttwil eingefügt. Jetzt, in einer kürzlich publizierten Biografie, versucht Jung das Mussolini-Rätsel zu lösen. Er fragt, ob die Kritik an Hoeplis Verhalten gegenüber einem Gewaltherrscher wie Mussolini nicht vielleicht «zu sehr im moralischen Purismus der heutigen Perspektive gründet, die der damaligen Realität nicht genügend Rechnung trägt». Immerhin habe sich Hoepli über all die Jahrzehnte seines Wirkens in Italien von politischen Aktivitäten und Verlautbarungen ferngehalten. Umso entsetzter ist Jung dann aber, als er auf einen Brief stösst, den Hoepli im Verlauf der Vertragsverhandlungen an Barella schreibt und in dem ein geradezu hymnischer Satz zu lesen ist: «Unser Duce, mein Duce, der alles analysiert, der alles weiss und versteht, der der gerechte Mann und der grösste lebende Mensch der Gegenwart ist.»

Lehrmeister mit politischer Schlagseite

Ohne erkennbare Not werde der alte Hoepli gegenüber Mussolini unterwürfig und verleugne sich mit seiner Haltung und seiner Emotionalität selbst, stellt Joseph Jung fest, und: Dass da «ein Schatten auf sein Lebenswerk fällt». Doch trotz dieses Schattens bleibt Ulrico Hoeplis Lebenswerk gross, und deshalb versteht man auch das tiefe Bedauern, das die Mailänder befallen hat, als kürzlich die Nachricht die Runde machte, Hoeplis in fünfter Generation von seinen Erben geführtes Unternehmen werde liquidiert. Worüber letzten Monat auch das Journal 21 berichtet hat.

Dieser Ulrico Hoepli ist ein besonderer Sohn der Schweiz, und er wird gross in einer besonderen Zeit. Im thurgauischen Tuttwil wächst der 1847 Geborene als Sohn eines wohlhabenden Bauern auf, den entscheidenden Einfluss übt die Mutter aus. Sie versorgt ihren Jüngsten auch mit Büchern. So erstaunt es nicht, dass die Eltern Hoepli eine Buchhändlerlehre ins Auge fassen, nachdem es ihrem Ueli in einer Apotheke nicht gefallen hat. In Zürich findet er in Jakob Schabelitz einen Lehrmeister, der mit den deutschen Freiheitskämpfern von 1848 verbunden und auch mit Karl Marx und Friedrich Engels bekannt ist. Und im am Polytechnikum – der heutigen ETH – lehrenden Historiker Johannes Scherr gewinnt Hoepli einen väterlichen Freund. Sein Interesse an den geistigen und auch politischen Strömungen der Zeit ist geweckt.

Triest als prägende Erfahrung

Wie es der Brauch zu dieser Zeit ist, geht Ueli Höpli jetzt auf Wanderschaft und lernt in anderen Buchhandlungen mehr über sein Handwerk. Zuerst nach Mainz, dann nach Triest und nach Breslau. Wobei Triest eine besonders prägende Erfahrung ist. In diesem Schmelztiegel der Kulturen lernt Höpli Ismail Pascha kennen, den Vizekönig der osmanischen Provinz Ägypten, dessen khedivische Bibliothek er in Kairo neu ordnet. Und in Triest kommt er auch ein erstes Mal mit der italienischen Kultur und Sprache in Berührung.

Als Höpli 1870 auf die Ausschreibung eines Bücherladens in Mailand stösst, gibt er seine Anstellung in Breslau auf, reist nach Tuttwil, um sein Vorhaben mit der Familie zu besprechen, die den 24-Jährigen finanziell unterstützt. Das Risiko ist zwar gross, zumal für einen Zugewanderten, aber die Chancen sind es ebenso. Im jungen, 1861 als Monarchie entstandenen und 1870 mit der Eroberung des Kirchenstaats vollendeten Staat erkennt Höpli jenen «gewaltigen Bedarf an der Infrastruktur ‹Buch›, den er meinte befriedigen zu können», wie Joseph Jung schreibt. Und er sieht auch eine Marktlücke: Es ist «das praktische und angewandte Wissen, auf das Angestellte, Schüler und Studentinnen zugreifen konnten».

Buch, Cover

Jeden Tag 15 Stunden an der Arbeit

Gerade setzt zwischen Turin, Genua und Mailand ein kräftiger Industrialisierungsschub ein, es bilden sich neue Gesellschaftsschichten mit spezifischen Anforderungen und Wünschen. Höplis «Manuali», praktische Handbücher, bringen dem jungen Mann von Anfang an Erfolg, und ermöglichen es, auch anspruchsvolle literarische und wissenschaftliche Projekte zu finanzieren. In den 1880er-Jahren setzt der rasante Aufstieg des Verlagshauses ein, bis zum Ersten Weltkrieg dauert dessen Blütezeit mit jährlich durchschnittlich 132 edierten Werken. Die Buchhandlung, in welcher der Patron bis zum Abend an seinem Stehpult präsent ist, wird zu einem kulturellen Brennpunkt der Stadt.

Erfolgreich ist dieser Ulrico Hoepli ganz gewiss. Ob er auch glücklich ist, das ist freilich eine andere Frage. «Arbeit, Mühe, schwere Gedanken – das ist’s, was das Leben jung, gesund und zufrieden erhält», sagt der 87-Jährige. Täglich fünfzehn Stunden angestrengte Arbeit – das ist und bleibt sein Programm, auch als er in seinen Neffen Carlo Hoepli und Erardo Aeschlimann geeignete Nachfolger gefunden hat. Auch am 23.Januar 1935 kommt er wie gewohnt vom Dirigentenpult seines Bücherreichs nach Hause, um Mitternacht muss die besorgte Hausdame den am Arbeitstisch Sitzenden ins Bett scheuchen. Am nächsten Morgen ist er tot. Seine Aufopferung, schreibt der Biograf Joseph Jung, «muss uns Achtung und Respekt einflössen, mag aber heute auch befremden».

Joseph Jung: Ulrico Hoepli – Ein Bücherreich für Italien, herausgegeben vom Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich 2025            

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