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Buch

Was die Wahldaten sagen

9. September 2026
Werner Seitz
Wahlen Auszählung
Auszählen der Stimmzettel bei Eidgenössischen Wahlen (Bild vom 23. Oktober 2011 im Zürcher Schulhaus Ämtler (Keystone, Walter Bieri)

Bei den Nationalratswahlen 2023 schafften einige Kandidierende dank Stimmen von anderen Parteien den Sprung ins Parlament und verdrängten dabei Mitkandidierende, die parteiintern mehr Stimmen erhalten hatten. Solche Feststellungen sind mit einem nur oberflächlichen Blick auf die Wahlergebnisse nicht möglich. Es braucht dazu vertiefende Analysen der veränderten Wahllisten. Wie man dies konkret macht, zeigt Rudolf Burger in seinem eben erschienenen Buch «Wahlen analysieren. Ein Handbuch». 

Rudolf Burger ist Politologe und war viele Jahre als Journalist beim damaligen Radio DRS tätig als Redaktor beim Echo der Zeit und als Ausland-Korrespondent sowie später in verschiedenen Funktionen bei der Zeitung «Der Bund». Weniger bekannt ist Burgers Wirken als Politologe. 

Als Experte für die Analyse der Panaschierstimmen schwamm er nicht mit dem Mainstream der damaligen und heutigen politologischen Forschung. Vielmehr entwickelte er seit Mitte der siebziger Jahre Konzepte zur Berechnung der Parteiaffinitäten, der Parteidisziplin oder der Popularität von Kandidierenden. Diese wandte er regelmässig bei Wahlen an und publizierte die Ergebnisse in verschiedenen Zeitungen. 

Nun ist sein Buch «Wahlen analysieren. Ein Handbuch» erschienen, in welches er sein Wissen trotz der komplexen Thematik lesefreundlich verpackt. Das Buch kommt gerade rechtzeitig für das «Superwahljahr 2027», welches im Frühling mit fünf kantonalen Wahlen (VD, LU, ZH, BL und TI) startet und mit den eidgenössischen Wahlen im Herbst seinen Höhepunkt findet.

Nutzung der Wahlmöglichkeiten abgebildet 

Rudolf Burger verwendet für seine Analysen hauptsächlich jene Daten, welche bei den Proporzwahlen beim Auszählen der Wahlzettel anfallen. Sie bilden die verschiedenen Möglichkeiten der Wählenden ab, ihren Willen kundzutun: vorgedruckte Wahllisten unverändert einwerfen, Wahllisten verändern, indem nicht genehme Kandidierende gestrichen oder genehmere ein zweites Mal aufgeschrieben (kumuliert) werden. Die Wählenden können auch Kandidierende von den Wahllisten anderer Parteien auf die Liste schreiben (panaschieren) oder einen leeren Wahlzettel selber ausfüllen.

Für spezifische Analysen, wie sie Burger macht, können die beim Auszählen gewonnen Daten jedoch nicht einfach so, wie sie in den Wahltabellen aufgeführt sind, verwendet werden. Je nach Fragestellung müssen sie umgerechnet und mit anderen Variablen in Beziehung gesetzt werden. Burger weiss um die Komplexität seiner Konzepte und Formeln. Darum belässt er es nicht bei deren methodischer Beschreibung im Text. Er weist die Zwischenschritte in Tabellen verständlich aus. Vor allem aber illustriert er die gewonnen Ergebnisse und Erkenntnisse in farbigen Grafiken, welche allein schon das Handbuch zur spannenden Lektüre machen.

Wenn parteifremde Stimmen den Ausschlag geben

Normalerweise entscheiden die Stimmen, die auf den parteieigenen Wahllisten abgegeben wurden, darüber, wer gewählt wird und wer nicht. Es kann aber vorkommen, dass die (Panaschier-)Stimmen von fremden Parteien den Ausschlag geben. Rudolf Burger eruiert bei den Nationalratswahlen 2023 neun Fälle, bei denen Kandidierende dank Panaschierstimmen gewählt wurden und dabei mitkandidierende Konkurrenten überholten, obwohl diese partei-intern mehr Stimmen erhalten hatten. Beispiele dafür sind die Berner Grüne Christine Badertscher, welche dank der Panaschierstimmen Natalie Imboden verdrängte, oder die Luzerner SVP-Vertreterin Vroni Thalmann-Bieri, die Bernhard Steiner überholte, oder der Genfer Grüne Nicolas Walder, der sich dank mehr Panaschierstimmen vor Isabelle Pasquier-Eichenberger positionierte, welche partei-intern mehr Stimmen erhalten hatte.

Ende November 2024 sorgte für Aufsehen, wie deutlich die rotgrünen Parteien in der Stadt Bern bei den Regierungswahlen ihre vier der insgesamt fünf Mandate verteidigten. Weniger bekannt war, dass die rotgrün-Wählenden auch bei der Wahl der bürgerlichen Kandidatin mitentschieden. Mit ihren Panaschierstimmen gaben sie nämlich den Ausschlag, dass nicht die Freisinnige Florence Pärli den Sprung in die Regierung schaffte, sondern die Grünliberale Melanie Mettler, welche den Rotgrünen näherstand. Von den Bürgerlich-Wählenden selber wäre Florence Pärli gewählt worden (Hinweis: in den grossen Berner Gemeinden werden die Regierungen nach Proporz gewählt).

Höchste Parteidisziplin bei der SVP 

Die «Parteidisziplin» oder die «Parteitreue» war schon bei den ersten Wahlen nach der Einführung des schweizerischen Proporzsystems ein Thema. Die Konzepte zu deren Ermittlung wurden im Verlaufe der Zeit verbessert und differenziert. Rudolf Burger definiert die Parteidisziplin als Zahl der abgegebenen Panaschierstimmen pro erhaltene Wahlliste: Je mehr Panaschierstimmen von einer Wahlliste einer Partei abgegeben wurden, desto kleiner ist deren Parteidisziplin. 

Die Befunde der Nationalratswahlen 2023 in den Kantonen sind klar. In 16 Kantonen hatte die SVP die höchste Parteidisziplin. Nur in Zug und Schaffhausen war sie bei «aufrecht-zug» und «Mass-Voll» noch grösser. Relativ niedrig war dagegen die Parteidisziplin der SVP in Genf und vor allem im Tessin, wo es mit dem Mouvement Citoyen Genevois und der Lega dei Ticinesi eine stärkere Rechtspartei gibt, die jeweils wiederum die höchste Parteidisziplin aufwies. Nicht überraschend, war die Parteidisziplin am schwächsten bei den Grünliberalen (in sieben Kantonen) und bei der Mitte (in vier Kantonen).

Unterschiedliche Parteiaffinitäten

Panaschierstimmen sind zwar in erster Linie Persönlichkeitsstimmen, sie bringen aber auch eine Parteisympathie zum Ausdruck. Rudolf Burger ermittelt diese – er nennt sie Parteiaffinität –, indem er für jede Partei berechnet, an welche andere Parteien wie viele Panaschierstimmen abgegeben wurden. Auf gesamtschweizerische Ebene hochgerechnet ergeben sich «Beziehungsbilder», die weitgehend jener Parteinähe entsprechen, die auch in Meinungsumfragen regelmässig eruiert werden.

Sehr gross war bei den Nationalratswahlen 2023 auf gesamtschweizerischer Ebene die Nähe zwischen SP und Grünen: Mehr als die Hälfte aller Panaschierstimmen gingen von der SP zu den Grünen (51%) bzw. von den Grünen zur SP (59%). Die Grünliberalen gaben leicht mehr Stimmen an SP und Grüne (25%, 20%) ab als an die Mitte und die FDP (24%, 17%). 

Die Mitte stand der FDP (28%) etwas näher als der SVP (23%), während die FDP fast gleich viele Panaschierstimmen an die Mitte und die SVP abgab (34%, 32%). Von der SVP schliesslich gingen ähnlich viele Panaschierstimmen an die FDP wie an die Mitte (33%, 34%). 

Wahlstatistik

Ein Blick in die Kantone bestätigt dieses nationale Muster weitgehend. Am ausgeprägtesten war bei den letzten Nationalratswahlen die Nähe zwischen SP und Grünen in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft, aber auch etwa in Bern, Zürich, Luzern und St. Gallen. In der Waadt, in Neuenburg und Genf gesellten sich zu SP und den Grünen auch die kleinen Linksparteien (SolidaritéS, POP, Ensemble à Gauche) hinzu. 

Es gab jedoch auch regional bedingte Abweichungen. So waren die Panaschierstimmenflüsse zwischen SP und Grünen im Thurgau und in den kleinen Kantonen Schwyz und Zug eher schwach. In Zug, wo die SP gerade noch eine 5-Prozent-Partei ist, flossen zwar 64 Prozent der Panaschierstimmen von der SP zu den Grünen, von den Grünen aber gingen nur 23 Prozent an die SP. Die meisten Panaschierstimmen von den Grünen erhielt die Mitte (42%). Dies dürfte mit deren Spitzenkandidaten Gerhard Pfister zu tun gehabt haben, der bei den Nationalratswahlen 2023 die Popularitätsliste im Kanton Zug mit grossem Abstand anführte.

Im rechten und bürgerlichen Lager flossen die Panaschierstimmen meistens zwischen der Mitte, der FDP und der SVP, allerdings mit regionalen Nuancen. In einigen Kantonen wurden stärker Panaschierstimmen zwischen der Mitte und der FDP ausgetauscht (etwa in Luzern und Schwyz). Am häufigsten zeigten sich bei den Panaschierstimmen Affinitäten zwischen FDP, SVP und der Mitte. Die Mitte war aber meistens jene bürgerliche Partei, die am ehesten Panaschierstimmen an Rotgrün abgab. Im Jura gingen gar 51 Prozent der Panaschierstimmen von der Mitte zu den rotgrünen Parteien, in Neuenburg 45 Prozent und in Basel-Landschaft 41 Prozent.

Scheinkorrelationen

Rudolf Burger räumt auch mit einigen gängigen Vorurteilen auf wie etwa mit der Annahme, dass es gute Listenplätze gäbe, die per se zur Wahl verhelfen würden. Die häufig zu beobachtende Ähnlichkeit zwischen der Reihenfolge der Spitzenkandidaturen und der Ergebnisliste relativiert Burger als «klassische Scheinkorrelation». Nicht der gute Platz an sich bringe ein gutes Ergebnis. Vielmehr sei es so, dass die Parteigremien beim Nominationsprozess offensichtlich ähnliche Kriterien anwendeten wie die Wählenden selber.

Rudolf Burger skizziert in seinem «Handbuch» auch die Geschichte des Schweizer Proporzsystems, erläutert die Berechnungsarten der Parteistärken und der Stimmbeteiligung, gibt einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Zahl der Kandidierenden und der Wahllisten, inklusive der Teillisten, und beleuchtet die Majorzwahlen. Nützlich sind auch zwei Kapitel mit Informationen, wo man Wahldaten finden kann (vor allem im Bundesamt für Statistik) und wie man diese aufbereitet. Im Anhang des Handbuchs finden sich – eine wahre Fundgrube – für jeden Proporzkanton zwei Tabellen und eine Grafik zur Parteidisziplin, der Popularität der Kandidierenden und der Parteiaffinität. 

Das Handbuch von Rudolf Burger ersetzt aber weder das aktuelle Standardwerk von Markus Freitag und Adrian Vatter über «Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz» noch die wissenschaftliche Schweizer Wahlstudie «Selects» des Kompetenzzentrums FORS (Universität Lausanne). Es ist aber das grosse Verdienst des Handbuchs von Rudolf Burger, dass es die Standardwerke um Aspekte ergänzt, die bisher in der Politikwissenschaft zu wenig berücksichtigt wurden, und zu denen die Daten – differenziert bis auf die Gemeindeebene und für rund zwei Jahrzehnte – vorliegen.

Rudolf Burger (2026): Wahlen analysieren. Ein Handbuch. Methoden und Konzepte zur Untersuchung von Proporzwahlen in der Schweiz. Mit Daten der Nationalratswahlen 2023 aus allen Kantonen, Thun/Gwatt: Weber Verlag AG,
ISBN 978-3-03818-937-4

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