Um 8:46 Uhr 2001 Ortszeit schlug American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers in New York ein. Man vermutete den Absturz eines Kleinflugzeugs. Zwanzig Minuten später traf United-Airlines-Flug 175 den Südturm – nun war klar, dass es sich um einen Angriff handelte.
Knapp eine Stunde nach dem ersten Einschlag traf American-Airlines-Flug 77 das Pentagon in Washington. Eine Viertelstunde später stürzte United-Airlines-Flug 93 bei Shanksville in Pennsylvania ab. In eineinviertel Stunden vollzog sich, was Jean Baudrillard später als das „absolute Ereignis” bezeichnete. Der Terror forderte 2977 Tote, und der Anschlag tötet weiter: Etwa 5000 Menschen sind an Folgeerkrankungen verstorben, 57.000 Menschen wurden im World Trade Center Health Program betreut.
Fünfundzwanzig Jahre danach lohnt die Frage: War es der Anschlag selbst, der die Welt verändert hat, oder war es die Reaktion darauf? Die Bilanz von über zwei Jahrzehnten „Krieg gegen den Terror” spricht in doppelter Hinsicht für die zweite Antwort. Erstens wirkte 9/11 wie ein Dammbruch: Er lieferte den Vorwand, die regelbasierte Weltordnung, auf die sich die Staatengemeinschaft nach 1945 mehr oder weniger willig geeinigt hatte, in eine machtbasierte Ordnung zurück zu verwandeln.
Zweitens wirkte 9/11 wie ein Brandbeschleuniger für die Transformation der religiösen Ordnung der Moderne. Aus ihr gingen neue, radikalisierte Formen des Religiösen hervor – eine Ultrareligiosität, die mit dem, was Religion zuvor gesellschaftlich bedeutete, kaum noch etwas gemein hat. Beide Entwicklungen haben der Verteidigung der eigenen Ordnung mehr geschadet als die neunzehn Attentäter, die sie treffen wollten.
Eine kurze Vorgeschichte
Der Anschlag hatte eine fast zehnjährige Vorgeschichte. Usama bin Ladin, saudischer Bauunternehmer, war seit den 1970er Jahren mit einer militanten Neuauslegung des Islam vertraut. Er verband wahhabitischen Puritanismus mit einer dschihadistischen Eschatologie: Die militante Expansion sei religiöse Pflicht, weltweit gegen die „Feinde Gottes” umzusetzen. Im afghanischen Krieg gegen die Sowjetunion legte er mit seinem Mentor Abdallah Azzam die organisatorische Grundlage für al-Qaida. 1993 folgte der erste Anschlag auf das World Trade Center, 1998 die Fatwa zur „Islamischen Weltfront für den Dschihad gegen Juden und Kreuzfahrer” und die Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam. Im Ereignis des 11. Septembers kulminierte somit eine Entwicklung, die sich seit Jahren öffentlich angekündigt hatte.
Der Anschlag hatte von Beginn an zwei Adressaten. Nach aussen richtete sich Bin Ladins Botschaft an den Westen: Amerika werde den Krieg verlieren und sich nie mehr in Sicherheit wiegen können. Nach innen brauchte es eine andere Sprache, denn praktisch die gesamte islamische Autorität – vom saudischen Grossmufti über den Rektor der al-Azhar-Universität in Kairo bis hin zum Hamas-Gründer Ahmad Yasin – verurteilte die Anschläge als unislamisch. Al-Qaida-Kader argumentierten deshalb intern eschatologisch: Der Dschihad sei die zwingende Form, den Islam „herzustellen“ und zwar global wie individuell. Diese doppelte Rechtfertigungssprache verband eine ultrareligiöse Grundhaltung mit dem überkommenen Muster antiimperialistischer Agitation.
Der Islam als Skandalon
Der Terror des 11. Septembers schockierte die säkulare Öffentlichkeit nicht nur wegen der hohen Opferzahlen, sondern auch, weil nun das Religiöse selbst unübersehbar als Motiv erschien. Religiös motivierter Terror war keine Neuheit – der Groupe islamique armé wütete bereits seit neun Jahren in Algerien, ohne dass der Westen dies als eigene Angelegenheit begriff. Doch 9/11 wirkte wie ein Brennglas, das sich nun auf den Islam als Ganzes richtete. Die mediale und politische Öffentlichkeit machte ihn zum Skandalon. Alte Feindbildkulturen, die im Kalten Krieg gelernt worden waren, wurden reaktiviert und auf die muslimischen Welten übertragen.
Dabei wurde die eigentliche Verschiebung übersehen: 9/11 war nicht nur Ausdruck einer Krise des Islam, sondern auch Symptom und Beschleuniger einer Transformation des Religiösen in der Spätmoderne überhaupt. Was in unterschiedlichen Traditionen seit den 1970er Jahren begonnen hatte – die Ablösung religiöser Deutung von gewachsenen theologischen Autoritäten, ihre Verschmelzung mit politischem Messianismus und globale Vernetzung – gewann durch 9/11 eine mediale Bühne und ein Erfolgsmodell.
Einbettung des Religiösen in nationalistisch-imperialistische Ordnungen
Ultrareligiosität, die sich als eine enttraditionalisierte, eschatologisch aufgeladene und radikal verabsolutierte Form des Religiösen versteht, brauchte diesen Resonanzraum. Der Islam stand dafür paradigmatisch ein, war aber nicht allein: Die moderne Ordnung der Religion verliert an Integrationskraft, was wiederum eine Vielzahl von Zerfallsprodukten religiöser Welten freisetzt. Dazu gehören neuere ethnonationalistische Umdeutungen des Islam wie bei den Taliban, religiöse Verherrlichung eines Ultranationalismus wie bei Hamas sowie die Einbettung des Religiösen in einen kultischen Symbolraum imperialer Ordnung wie in Russland und Iran.
Das Terrorunternehmen von al-Qaida wurde von neunzehn Menschen ausgeführt und kostete schätzungsweise eine halbe Million US-Dollar. Das Costs of War Project der Brown University beziffert die Gesamtkosten des „War on Terror” auf rund acht Billionen US-Dollar – eine konservative Schätzung, da sie im Wesentlichen die US-Haushaltskosten abbildet. In den Kriegen, die im Namen der Terrorbekämpfung geführt wurden, starben fast eine Million Menschen, drei bis vier Millionen weitere starben durch indirekte Kriegsfolgen. 38 Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen. Bis 2022 führten die USA in 78 Ländern Antiterrormassnahmen durch.
Diese Zahlen zeigen eine Entkopplung von militärischer Stärke und strategischer Wirkung, die sich seither wiederholt und verstärkt hat. Die grossen Militärmächte sind technologisch effektiver als je zuvor und zugleich verwundbarer gegenüber asymmetrischer Kriegführung. Zeitgenössischer Krieg ist selten ein Duell zweier Armeen, sondern ein Systemkonflikt zwischen unterschiedlich organisierten Akteuren mit unterschiedlichen Zeithorizonten.
Der Dammbruch: Erosion des Rechts
Die eigentliche Zäsur liegt jedoch nicht im Anschlag selbst, sondern in der Reaktion des Westens darauf: einer schrittweisen Aushöhlung der Ordnung, die er zu verteidigen behauptete.
Diese Ordnung geht auf Kants „Zum ewigen Frieden” (1795) zurück: Recht und Frieden bedingen sich gegenseitig und der Friede muss durch verbindliche Gesetze aktiv gesichert werden. Ihre Institutionalisierung begann erst im 20. Jahrhundert und beruht bis heute auf souveränen Staaten, die das Recht interpretieren und durchsetzen. Bereits 1999 verletzte der Nato-Krieg gegen Jugoslawien das Gewaltverbot der UN-Charta, ohne dass der Sicherheitsrat dies ermächtigt hatte. Dabei handelte es sich nicht um den ersten Bruch des Völkerrechts. Wichtiger war, dass der Bruch zum Politikum geworden war. Nach 2001 wiederholte sich das Muster: Weder der Afghanistan- noch der Irakkrieg 2003 hatten eine klare Uno-Ermächtigung. Seither berufen sich Staaten auf das Völkerrecht, deuten es aber selektiv zu ihren eigenen Gunsten um.
Besonders folgenreich war die politische Aufladung von Begriffen wie „Terrorist”, „Schurkenstaat” oder „unlawful combatant”. Sie suggerieren, der so bezeichnete Gegner stehe ausserhalb der normalen Rechtsordnung. Putins zweiter Tschetschenien-Krieg und Guantánamo sind dafür beispielhaft. Dabei kennt das humanitäre Völkerrecht, insbesondere Artikel 3 der Genfer Konvention, keinen rechtsfreien Raum. Die Bewährungsprobe einer regelbasierten Ordnung liegt gerade darin, ob sie auch gegenüber dem Feind gilt. An dieser Probe ist nicht nur der Westen seit 2001 wiederholt gescheitert: Die Libyen-Intervention 2011, die Annexion der Krim 2014, Russlands Syrien-Intervention 2015 und der Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022 haben die Erosion der territorialen Integrität als Ordnungsprinzip vertieft. Der 11. September wirkte dabei wie ein Katalysator, der diesen Dammbruch – die Transformation einer regelbasierten in eine machtbasierte, hierarchisch gestaffelte Ordnung – erst ermöglichte.
Diese Krise folgt einem wiederkehrenden Dreischritt: Erstens werden Regeln verletzt und mit Ausnahmegründen gerechtfertigt: Selbstverteidigung, humanitäre Notlage, Terrorismusbekämpfung. Zweitens wird der Gegner sprachlich aus der normalen Ordnung herausdefiniert. Drittens wird aus der Ausnahme ein Präzedenzfall, auf den sich der nächste Akteur beruft. So entstehen konkurrierende Rechtsauslegungen, in denen derselbe Akt je nach Akteur als „Selbstverteidigung” oder als „Terror” gilt. Der sich seit 2023 verschärfende Nahostkonflikt – der terroristische Hamas-Angriff vom Oktober 2023, der Gaza-Krieg, die Konfrontation zwischen Hizbullah und Israel, der Jemen- und der Sudan-Konflikt sowie die Eskalation zwischen Israel, den USA und dem Iran – lässt sich kaum noch durch Verfahren der regelbasierten Ordnung bewältigen. Auch das ist, wenn auch indirekt, ein Erbe des 11. Septembers. Eine neue Form der Anomie, der Regellosigkeit, drohte zum Regelfall zu werden.
Der Brandbeschleuniger
Der zweite Effekt des 11. Septembers wirkte langsamer, aber nicht weniger tiefgreifend. Der Afghanistankrieg 2001 und vor allem der Irakkrieg 2003 destabilisierten bestehende Machtordnungen im Nahen Osten und schufen Räume, in denen sich neue ultrareligiöse Bewegungen formieren konnten bis hin zum Islamischen Staat. Im entstandenen Machtvakuum gewann auch die Huthi-Bewegung im Jemen an Gewicht. Am deutlichsten hinterliess 9/11 seine Spuren in Saudi-Arabien, das durch die Anschläge in eine existenzbedrohende Krise stürzte und sein Herrschaftssystem religiös, sozial und politisch radikal umbauen musste.
Diese Entwicklungen blieben nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Europa wurde selbst zum Schauplatz von Madrid und London bis zur Anschlagswelle 2014/15 in Frankreich und Belgien. Gleichzeitig veränderte der Aufstieg sozialer Medien die Struktur der Öffentlichkeit: Feindbilder und Mobilisierungsangebote zirkulierten fortan global; ehemals national gebundene Öffentlichkeiten fielen auseinander. Migration wurde in der Debatte zunehmend als Islamisierung gedeutet und ultrareligiöser Terror als vermeintlich intrinsisches Motiv des Islam, was wiederum neue politische Steuerung rechtfertigte und den regelbasierten Ordnungen national wie international enge Grenzen setzte. So schloss sich die Rückkopplungsschleife: Die Reaktion auf 9/11 veränderte die Ordnung im Nahen Osten, deren Zerfall wiederum auf Europa zurückwirkte und dort die Sicherheitspolitik, die Parteienlandschaft und die Migrationsdebatte grundlegend veränderte.
Die ungehörte Warnung
Der 11. September wirkte wie ein Weltereignis, das mit einem Schlag den Zukunftsoptimismus, der mit dem Zusammenbruch des Ostblocks aufgekommen war, zerbrach. Im Jahr 1992 hatte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama noch sein Buch „Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch“ publiziert. Seine These lautete: Die Evolution politischer Ideologien sei an ihr Ende gelangt, die liberale Demokratie habe sich als beste Lösung durchgesetzt, und es gebe keine globale Alternative zur westlichen Staatsform mehr. Dem Islam wie der Religion schenkte Fukuyama wenig Aufmerksamkeit. Zwar sah er im Islam einen ideologischen Gegenspieler des liberalen Westens, doch ging er davon aus, dass der Islam ausserhalb der ohnehin islamisch geprägten Regionen kaum noch Anziehungskraft entfalten könne. Bei jungen Menschen in Berlin, Tokio oder Moskau, so seine Einschätzung, finde die Religion keinen Anklang. Bin Ladin konnte triumphieren: Mit einem Schlag war es ihm gelungen, diesen westlichen Optimismus zu zerstören, seinen Islam zu einem Antagonisten des Westens zu machen und die islamische Welt in eine Geiselhaft zu nehmen, aus der sie sich erst Jahre später mühsam befreien konnte.
Noch am Tag des Anschlags kontaktierte die Philosophin Giovanna Borradori Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Beide sahen im Terror eine Offenlegung der Widersprüche der globalisierten Ordnung: Habermas vor allem als Herausforderung für das Projekt der Moderne und die internationale Rechtsordnung und Derrida grundsätzlicher als Erschütterung der Begriffe selbst, mit denen über Terrorismus, Krieg und Souveränität gesprochen wird. Beide warnten vor einer dauerhaften Logik des Ausnahmezustands und plädierten für eine Stärkung von Recht, Demokratie und transnationaler Verantwortung. Diese Warnung blieb weitgehend ungehört.
Der Satz, vor dem man sich hüten sollte
Eine regelbasierte Ordnung ist nur dann eine Ordnung, wenn ihre Regeln unabhängig davon gelten, wer handelt und gegen wen. Die Gefahr beginnt nicht erst, wenn ein Staat offen erklärt, das Recht gelte für ihn nicht. Sie beginnt bereits, wenn er sagt: „Für diesen Gegner kann das Recht nicht gelten.“ Diesen Satz hat der Westen seit 2001 in unterschiedlichen Varianten zu oft ausgesprochen, um sich heute über seine Folgen zu wundern.
Der 11. September 2001 war somit weniger ein isolierter Wendepunkt als der Ausgangspunkt zweier sich selbst verstärkender Kettenreaktionen: Er wirkte als Dammbruch, durch den aus einer mühsam errungenen regelbasierten Ordnung zunehmend eine machtbasierte Ordnung wurde, die sich durch asymmetrische Wechselwirkung und ideologisch gerechtfertigte Anomie auszeichnet. Und er wirkte als Brandbeschleuniger einer religiösen Transformation, die eine Ultrareligiosität freisetzte, deren Folgen bis in die Konflikte der Gegenwart reichen. Dass die Warnung von Habermas und Derrida ungehört blieb, ist die eigentliche Bilanz von zwei Jahrzehnten „Krieg gegen den Terror”.