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Israel

«Eine schreckenerregende Operation der Hamas»

10. September 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Netanyahu
Israels Regierungschef Netanyahu bei einer Wahlveranstaltung seiner Likud-Partei am Mittwoch. Am 26. Oktober wird in Israel ein neues Parlament gewählt. (Foto: Keystone/EPA/ABIR SULTAN)

Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAR) telefonierte laut einem Zeitungsbericht wenige Tage vor dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 mit Israels Premier Benjamin Netanjahu. Scheich Zayid warnte den Israeli, der palästinensische Widerstand plane «eine schreckenerregende Operation», die einem «Erdbeben» gleichkäme. Doch Netanjahu wiegelte ab und informierte die zuständigen Stellen nicht über die Warnung.

Scheich Mohammed bin Zayids Anruf aus dem Präsidentenpalast in Abu Dhabi erreichte Ministerpräsident Netanjahu eineinhalb Wochen vor dem 7. Oktober 2023. An jenem Tag überquerten Kämpfer der Hamas und des Islamischen Dschihad um 06:29 Uhr in Gaza die Grenze zu Israel, massakrierten im Süden des Landes mehr als 1'200 Menschen, nahmen 251 Personen als Geiseln und verschleppten sie in den Küstenstreifen. Die Operation, vor welcher der Präsident der VAR Israel hatte warnen wollen, hatte stattgefunden.

In einem 45-minütigen Telefongespräch teilte Mohammed bin Zayid Benjamin Netanjahu mit, Jahja Sinwar, der Führer der Hamas, plane eine grössere Operation gegen Israel, die unter Umständen nicht nur zu einem Blutvergiessen führen, sondern die ganze Region destabilisieren und die Abraham Abkommen untergraben könne.

 «Etwas wird explodieren»

Gleichzeitig empfahl der Emirati dem Israeli, eine wirtschaftliche Lösung für den Gaza-Streifen zu finden und das Westjordanland zu beruhigen, um dort eine Eskalation zu vermeiden. Doch einem Berater Scheich Zayids zufolge reagierte der israelische Premier ruhig und entgegnete, die Hamas würde wohl eher im Westjordanland operieren. Israel, so Netanjahu, sei auf alle Szenarien vorbereitet. Der Premier fand es jedenfalls nicht für nötig, die für die nationale Sicherheit zuständigen Geheimdienste sowie die Armee über die Warnung von höchster Stelle der VAR zu informieren. 

«Der Emir hoffte, dass Netanjahu seiner zurückhaltenden Reaktion zum Trotz die Botschaft ernst nehmen und etwas unternehmen würde», sagte dazu ein enger Berater Scheich Zayids, ein Palästinenser, der gute Kontakten nach Gaza hatte. Mohamed bin Zayid drückte später in fast gleichen Worten gegenüber CIA-Direktor William J. Burns seine Erfahrung aus, was das Telefongespräch mit Jerusalem und die Warnung an Israel betraft. Scheich Zayid, erinnerte sich Burns, habe davon gesprochen, dass etwas davorstehe, «zu explodieren». 

Dutzende von Quellen

Die Aufsehen erregenden Informationen stammen aus einem Artikel, den die israelische Tageszeitung «Haaretz» am Dienstag veröffentlicht hat. Die Zeitung stützt sich auf das vorerst auf Hebräisch erschienene Buch «Geiseln: 843 Tage des Im-Stich-Lassens» des investigativen Journalisten Shlomi Eldar und seiner Kollegin Ruth Yuval, die während ihren Recherchen mit Dutzenden von Quellen in Israel und im Ausland gesprochen haben.

Benjamin Netanjahu hat den Bericht in «Haaretz» umgehend als «absolute Lüge» bezeichnet und seine Anwälte angewiesen, die Tel Aviver Zeitung wegen Rufschädigung zu verklagen. In einem Post auf X teilte das Büro des Ministerpräsidenten mit, dass der Sicherheitsrat und ein Militärberater die Anrufliste des Premiers an jenem Tag überprüft und keine Belege dafür gefunden hätten, dass das fragliche Telefongespräch stattgefunden habe: «Entgegen den Behauptungen hat es zwischen Anfang September und dem 7. Oktober kein Gespräch zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate gegeben.» Falls relevante Informationen geflossen seien, wäre dies über die Geheimdienstkanäle der beiden Länder geschehen.

Opposition fordert Untersuchung

Trotz dieses Dementis haben mehrere führende israelische Oppositionspolitiker die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission gefordert, welche die Vorgänge des 7. Oktober aufarbeiten soll. Es ist eine Forderung, die in Israel seit längerem im Raum steht, von Benjamin Netanjahu aber wiederholt zurückgewiesen worden ist. Der Premier hat sich in der Vergangenheit gern der als einziger Politiker dargestellt, der Israels Sicherheit gewährleisten kann. Und er hat versucht, die Schuld für die Versäumnisse des 7. Oktober Anderen zuzuschieben. 

Erst kürzlich hat er bekräftigt, israelische Sicherheitszuständige hätten es vorgezogen, ihn in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober nicht zu wecken, obwohl es beunruhigende Anzeichen aus Gaza gegeben habe. Die Offiziellen, so Netanjahu, hätten Angst gehabt, er würde umgehend aggressiv reagieren und einen Krieg mit der Hamas vom Zaun brechen.

Noch Stunden zugewartet

 «Hätten sie mich geweckt, hätte alles anders ausgesehen», sagte Netanjahu im August in einem Wahlkampf-Video. Wobei dem öffentlichen Zeitplan seines Büros zufolge der Premier an jenem 7. Oktober noch einige Studen zuwartete, bis er dem Stabschef der Armee den Befehl für einen Gegenangriff erteilte. 

«Warum hat er (Netanjahu) das Sicherheitsestablishment nicht informiert und warum hat er nicht agiert, um Israels Bürgerinnen und Bürger zu schützen?», fragt das gemeinsame Communiqué nationaler Oppositionspolitiker. Gadi Eisenkot, Ex-Militärkommandant und Netanjahus Hauptgegner bei den Parlamentswahlen vom 27. Oktober. wirft dem Premier vor, die Verantwortung für das Sicherheitsversagen abzuschieben und sich in «pathetische Entschuldigungen» zu flüchten wie jene, er sei nicht rechtzeitig geweckt worden. «Netanjahu hat für den 7. Oktober Dutzende von Warnungen erhalten und sie alle ignoriert. Er ist ungeeignet», hat Eisenkot auf X gepostet. 

Eine Warnung aus Ägypten 

Eine ähnliche Warnung wie jene aus Abu Dhabi hatte den israelischen Ministerpräsidenten seitens des Chefs des ägyptischen Geheimdiensts erreicht. Abbas Kamel sprach von «etwa Unüblichem, einer furchterregenden Operation der Hamas». Doch laut einem Bericht der israelischen Zeitung «Yedioth Ahronoth» soll Benjamin Netanjahu dem Ägypter geantwortet haben, in Gaza sei Israel im Bild: «Unser Problem ist das Westjordanland und dorthin verschieben wir unsere Kräfte.» 

Ausserdem hatte es in den Monaten vor dem 7. Oktober mit Wissen des Premiers geheime Gespräche Israels mit der Hamas gegeben, in denen es um einen temporären Waffenstillstand in Gaza ging, der eine längerfristige Lösung für das Gebiet erleichtern sollte. Seitens der Hamas nahmen daran, von Jahja Sinwar beauftragt, Ghazi Hamad, ein Mitglied des politischen Büros, sowie ein Offizieller der Fatah teil, der als sehr verlässlich galt und wie Hamad Hebräisch sprach. Für Israel verhandelte ein Mitarbeiter des Inlandgeheimdiensts Shin Bet, der für Geiseln und vermisste Personen zuständig war. 

Optimistische Atmosphäre

Die Gespräche fokussierten erst auf eine allmähliche Aufhebung der Blockade Gazas und auf mehr Lieferungen von Lebensmitteln und Rohmaterialien für den Küstenstreifen. Auch von Handelszonen entlang den Grenzen zu Israel und Ägypten war erstmals die Rede, die Tausenden palästinensischer Arbeitsloser Jobs verschaffen könnten. Ausserdem machte ein Vorschlag die Runde, Gaza mit Flüssig-Gas zu versorgen: G 4 G, «Gas für Gaza». Ein wichtiges Thema war vor allem auch ein Gefangenenaustausch, der bis Ende August von beiden Seiten präzisiert wurde. Entsprechend optimistisch war die Atmosphäre der bilateralen Gespräche.

Doch die Verhandlungen gerieten ins Stocken, weil Benjamin Netanjahu wiederholt die Sitzung einer Kommission vertagte, die einem Gefangenenaustauschs hätte zustimmen müssen, vor allem was lebenslänglich inhaftierte Palästinenser betraf. Hamas-Führer Jahja Sinwar begann irritiert zu reagieren, wurde aber von seinen Beauftragten beruhigt, Netanjahu sei durch die innenpolitischen Unruhen in Israel in Sachen einer Justizreform absorbiert – eine Entwicklung, die in der Achse des Widerstands, welcher der Iran, die Hamas und die Hisbollah angehören, anscheinend die Überzeugung wachsen liess, Israel sei verwundbar und in einer koordinierte Kampagne zu besiegen. 

Hamas bricht Verhandlungen ab

Doch im September 2023 brach Jahja Sinwar plötzlich jegliche Kontakte zu seinem Verhandlungsteam ab, weil er einem laut einem Vertreter der Hamas die Geduld verloren hatte. «Er verschwand einfach von unserem Radar, löste sich in Luft auf», sagte dazu ein höherer Offizieller des Shin Bet. Der direkte Kanal zwischen Israel und der Hamas war unterbrochen.

Noch zuvor im Monat hatte sich der Führer der Hamas noch einmal mit dem Abgesandten der Fatah getroffen. «Sage den Israelis, dass ich eine riesige Überraschung für sie bereithalte, wenn sie keine Fortschritte erzielen wollen», sagte Sinwar. Und er benutzte einen Begriff, der alle Alarmglocken hätte läuten lassen sollen: «Sage ihnen, ein ‘zilzal’ zu erwarten, ein Erdbeben.» Der Fatah-Mann informierte den Palästinenser im Palast  in Abu Dhabi über das Gespräch und der wiederum sprach mit Scheich Zayid. Dieser wartete aber noch zu, bis er, von Sinwars Wortwahl zutiefst beunruhigt, offenbar vergeblich mit Benjamin Netanjahu telefonierte.

Quellen: Haaretz, The New York Times, The Guardian  

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