Man trifft in Südtirol immer wieder auf moderne Gebäude, die aus der Masse des Gebauten herausragen. Einer der interessantesten dortigen Architekten ist Werner Tscholl, aus dessen Werkliste im Folgenden einige Realisationen vorgestellt werden sollen.
Die Dichte bemerkenswerter Bauten im Südtirol ist inzwischen so gross, dass der für seine hochstehenden Architekturführer bekannte Verlag DOM publisher einen eigenen Band über diese gebirgige Landschaft zwischen Burgeis, Meran, Bozen, Brixen und Bruneck herausgeben konnte. Unter den in der Schweiz kaum bekannten Südtiroler Architektinnen und Architekten zählt der nun 71jährige Werner Tscholl zu den innovativsten.
Tscholl lebt und arbeitet in Morter. Als er nach seinem Studium in Florenz in den 1980ern in seiner Heimat konsequent zeitgenössische Architektur zu entwickeln begann, war der Boden hierfür noch nicht bereitet. Zu dominant war die traditionelle Bauweise, die sich flächendeckend in Form von putzigen Holzchalets behauptet. Formal strenge Glas-Betonkonstruktionen schienen den Behörden mehr als nur suspekt. Tscholl musste etliche Baubewilligungen vor Gericht erstreiten. Heute wird seine Architekturauffassung geschätzt, und es etablierten sich jüngere Kräfte, denen inzwischen genügend Möglichkeiten angeboten werden, ihre Ideen ohne Wenn und Aber umzusetzen.
Tscholls Werkliste ist recht umfangreich mit Einfamilienhäusern, Weinkellereien, einer Destillerie, Bürogebäuden, Inneneinrichtungen, sensiblen Umbauten von historischen Denkmälern sowie einer Reihe von Pavillons entlang der Strasse über das Timmelsjoch. Kaum zu glauben, dass Tscholl dies alles zusammen mit seiner Gemahlin Thea, die für das Wirtschaftliche zuständig ist, und meistens nur einem Mitarbeiter bewältigt.
Hoch über dem Dorf Morter im Vinschgau wirkt seit 2017 sein Lebens- und Arbeitsort wie ein Adlerhorst. Zwischen zwei allseitig auskragenden Platten, die an einem Treppen- und Liftkern verankert sind, schützen raumhohe Glasflächen die Zonen für das private Leben. Im Erdgeschoss richtete Tscholl seinen Arbeitsplatz ein. Die Aussicht aus den Wohnräumen auf das fruchtbare Tal mit den dichten Obstplantagen sowie auf die Bergkulisse ist schlicht atemberaubend. Hier schöpft er seine Inspiration, wenn es bei einem neuen Auftrag um die bestmögliche Lösung geht. Diese Szenerie erfüllt ihn derart, dass er nie das Bedürfnis hatte – und dies trotz lukrativen Angeboten – ausserhalb seiner Heimat tätig zu werden.
Jedes von Tscholls präzise in die Umgebung eingebetteten Werken ist das Resultat nicht nur der Analyse des Ortes, sondern wird auch durch seine Vertrautheit mit Geschichte und Natur des Südtirols bestimmt. Wo es die Aufgabe erfordert, werden Werkstoffe aus der Gegend verwendet wie Holz und Naturstein. Bei seinen Einfamilienhäusern schaffen grosse Glasflächen einmalige Panoramablicke. Und wo bereits eine Bausubstanz vorhanden ist, versucht Tscholl nicht zu zerstören, sondern zu ergänzen, ohne seine Handschrift zu verleugnen. Eine ausgesprochen gelungene Transformation findet man in der Burg Sigmundskron, wo eine Station des Messner Mountain Museum eingerichtet wurde.
Entlang der Strasse über das Timmelsjoch
Der Alpenübergang durchs Ötztal in Österreich bis nach Meran mit einer Passhöhe von knapp 2500 m ü.M. besteht erst seit 1968. Auf österreichischer Seite schloss man die Arbeiten zwar schon 1959 ab, doch auf italienischer Seite endete die von Mussolini 1933 befohlene Militärstrasse zwei Kilometer vor dem Scheitelpunkt. Die Lücke wurde erst Jahrzehnte später geschlossen. Hauptnutzer der mautplichtigen und spektakulär angelegten Strasse sind heute Touristen, insbesondere Motorrad- und an schönen Tagen Rennradfahrer.
40 Jahre nach der Eröffnung schrieb die Südtiroler Landesregierung einen Wettbewerb aus mit dem Ziel, entlang der Strecke Stationen mit Informationen zu verschiedenen Aspekten dieses Passes zu platzieren. Beauftragt wurde schliesslich Werner Tscholl, der das Konzept erweiterte und zwei der vorgesehenen sechs Standorte auf österreichischem Boden bestimmte. Anstatt Nullachtfünfzehn-Infotafeln aufzupflanzen, entwarf Tscholl von 2011 bis 2018 unterschiedliche Architekturskulpturen, die zwar im Innern museal hergerichtet wurden, zugleich aber als autarke Gebilde fungieren, die man betrachten kann, ohne sich mit den historischen Dokumenten auseinandersetzen zu müssen.
Exakt auf der Passhöhe kragt ein prismatischer Körper, das «Passmuseum», fast freischwebend nach Italien vor. Betritt man den Längsraum mit Archivalien aus der Bauzeit, wird man unweigerlich von der verglasten Stirnseite angezogen, durch die man in das tiefliegende Passeiertal hinunterschaut. Eine ähnliche Situation stellt sich nach etlichen Tiefenmetern bei den beiden im rechten Winkel zueinander liegenden hohlen Kästen ein, das «Fernrohr», die in der steilen Flanke ebenfalls nur teilweise aufliegen und auch hier betörende Panoramabilder generieren.
Kurz vor der letzten Rampe hinunter zum Dorf Moos thront auf einer hohen Felskante eine rote und mit Glas verkleidete und ausgefachte Metallkonstruktion, der «Granat», in der man sich wie in einer Seilbahnkabine fühlt. Begleitet wird sie von einem kompakten Betonblock mit einer integrierten letzten Ausstellung. Das ganze Vorhaben erinnert an das Projekt der norwegischen Landschaftsrouten mit der Aufwertung gewisser Abschnitte durch architektonisch anspruchsvolle Raststätten.
Wo Wein und Gerste verwertet werden
Unter den Weinkellereien in Tscholls Werkliste verdient diejenige in Tramin, die 2010 eröffnet wurde, eine besondere Erwähnung. Die Kellerei befindet sich am unteren Dorfrand. Von dort fällt der Blick auf eine grandiose, von zwei Gebirgszügen gerahmte Ebene voller Weinberge. Die Rebstöcke dienten Tscholl als Inspiration für das unregelmässige grüne Metallkorsett, das über die Verarbeitungs- und Lagerräume gestülpt ist. Fährt man die Strasse nach Tramin hoch, so scheint das grüne Netz direkt aus den vorgelagerten Rebstöcken zu wachsen. Eine im Kern nüchterne Gewerbeanlage wird zeichenhaft aufgeladen und als ein weitherum sichtbarer Fluchtpunkt hervorgehoben.
Anders war die Situation des Grundstückes bei Glurns, das 2010 für die Errichtung einer Whiskydestillerie reserviert wurde. Es lag am Rande eines gesichtslosen Industrieareals. Tscholl verzichtete auf formale Experimente und definierte einen reinen Würfel, dessen Wände mit Ziegelsteinen hochgezogen sind und zwar nicht kompakt, sondern mit quadratischen Leervolumina. Die Hülle bekommt dadurch einen textilen Touch, während im Innern ein subtiles Licht- und Schattenspiel entsteht. Es dürfte wohl kein Zufall sein, wenn man beim Betrachten dieses wuchtigen Blocks eine Verbindung zur vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauer von Glurns mit ihren Wehrtürmen erkennt.
Alt und Neu verzahnt
Burgeis, eine kleine Siedlung zwischen dem Reschenpass und Glurns, bekam nicht weniger als fünf Werke von Tscholl geschenkt, die teilweise zu seinen aufwändigsten gehören. Nebst dem Umbau des Pfarrhauses sind dies der Neubau eines Schülerheims, die Restauration der Fürstenburg für die Nutzung der Fachschule für Land- und Forstwirtschaft, ein zusätzlicher Neubau für diese Schule und schliesslich eine Art Summa seines gesamten Schaffens: die Instandstellung der imposanten Benediktinerabtei Marienberg.
Die trutzige, mittelalterliche Fürstenburg erinnert an die Zeit, als die Churer Bischöfe hier noch das Sagen hatten. 1856 erwarb die Gemeinde das Denkmal, das 1952 der erwähnten Schule zur Verfügung gestellt wurde. Der Teileinsturz des Bergfrieds im Jahre 1994 führte den Behörden vor Augen, dass eine umfassende Sanierung nicht länger aufgeschoben werden konnte. Werner Tscholl wurde der leitende Architekt und er restaurierte in mehrjähriger Arbeit nicht nur die historischen Teile, sondern integrierte für die Bedürfnisse der Schule neue Trakte und Zugänge in die verschachtelte Burg. Diese sind klar und deutlich als solche zu erfassen, Metalltreppen, Glasfugen, Wandzüge aus Beton, teilweise eingefärbt. Alle neuen Teile sind so eingepasst, dass sie jederzeit ohne Beschädigung des Urbaus entfernt werden können.
Die wenig später notwendig gewordene Erweiterung musste ausserhalb der Burg geplant werden, doch denkmalpflegerische Auflagen zwangen Tscholl zu einer unkonventionellen Lösung. Alle Räume – eine Aula, Unterrichtssäle, Büros und etliches mehr – sind seit 2011 im Hang verborgen und aussen lediglich durch eine niedrige Mauer aus Bruchsteinen mit einem Haupteingang und einer Öffnung für die Zulieferung angezeigt. Die durch ein Stahl-Glas-Skelett gebildeten Räume erhalten Tageslicht von zwei grossen, aussen nicht sichtbaren Aussparungen in der begrünten Bedachung. Das Thema der Verzahnung von Alt und Neu ist hier insofern doppeldeutig, als nebst dem Nebeneinander von Alt und Neu in der Burg selbst dasjenige von Burg und Erweiterung hinzukommt.
Bei der Umgestaltung der magistralen Benediktinerabtei Marienberg war die Aufgabe für Tscholl um einiges komplizierter. Die Abtei erhebt sich ziemlich genau rund 150 Höhenmeter über der Fürstenburg. Auch bei diesem Komplex standen Bündner am Anfang, nämlich die Herren von Tarasp, welche das Kloster im späten 11. Jahrhundert stifteten, wobei der heutige Standort erst um 1150 für einen Neubau gewählt wurde. Seit der Gründung – mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung zwischen 1807 bis 1816 – leben und arbeiten hier Benediktiner, die übrigens der Schweizer Benediktinerkongregation zugeteilt sind.
Im Laufe der Jahrhunderte entstand der nun gewaltige, weiss leuchtende Komplex, der Bauteile aus fast allen Stilrichtungen vorweist. So besitzt das Kloster in der Krypta einen der schönsten und besterhaltenen romanischen Gemäldezyklen. Allerdings nagte auch hier der Zahn der Zeit am Gemäuer und an den Inneneinrichtungen, sodass nach 2000 die Gesamtsanierung in Angriff genommen werden musste. Werner Tscholl war fast ein Vierteljahrhundert damit beschäftigt, und was in dieser langen Bauphase verwirklicht wurde, verdient das Prädikat herausragend und steht in der würdigen Nachfolge eines Carlo Scarpa. Wer alle Details studieren möchte, dem sei die Monografie von Marco Mulazzani empfohlen, der sämtliche Eingriffe von Tscholl beschreibt und bebildert.
Hier soll lediglich das Juwel der erst 2024 vollendeten Restaurierung näher präsentiert werden. Für die mehr als 130‘000 Bücher umfassende Bibliothek musste ein neuer Raum geschaffen werden. Da kein bestehender auf die Schnelle umgenutzt werden konnte, entschied Tscholl, das benötigte Volumen unter dem sogenannten Herrengarten auszuheben. Gerahmt von der historischen Stützmauer, sind nun die Bücher in schwarze, doppelstöckige Metallgestelle eingereiht. Für die neuen Wände färbte Tscholl den Beton hellgrau ein und benutze als Schalung Grobspanplatten. Die Mittelachse ist frei. In die Bedachung wurde ein Zitat aus der für das Kloster eminent wichtigen Chronik von Goswin aus dem Jahre 1350 eingelegt.
Tscholl schuf hiermit eine Paraphrase der bombastischen barocken Bibliotheken wie etwa in St. Gallen und interpretierte die Deckenmalerei wie auch die zweigeschossige Aufbewahrung der Bücher neu. Oberirdisch dient die ehemalige Ägidiuskapelle als mit viel Tageslicht durchfluteter Lesesaal. Es lohnt sich, für den Besuch der Abtei sich genügend Zeit zu nehmen, am besten mit einer Übernachtung im neuen Gästezimmertrakt.
Weiterführende Literatur:
Karin Kretschmer: Architekturführer Südtirol, DOM publisher, Berlin 2020
Marco Mulazzani: Abtei Marienberg/Abbazia Monte Maria, Electa Mailand/Rom 2022
Für die Buchung eines Gastzimmers in der Abtei Marienberg siehe https://www.marienberg.it/de/gast-sein.html
Alle Fotos © Fabrizio Brentini