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Nahost

Die USA rüsten Israel mit schweren Waffen auf

18. September 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Gaza
Obdachlose Palästinenser in einem schwer beschädigten Gebäude in Gaza City (Keystone/AP Photo, Jehad Alshrafi)

Der Kollaps eines Gebäudes in Gaza mit zahlreichen Opfern zeigt, wie tödlich der Alltag im Küstenstreifen nach wie vor ist. Trotzdem plant die US-Regierung, Israel im Rahmen ihrer Militärhilfe mit Zehntausenden schwerer Bomben zu beliefern, die auf einen Schlag ganze Gebäude zerstören. Präsident Biden hatte 2024 die Lieferungen solcher Waffen an die israelische Armee (IDF) noch gestoppt.

Als das Gebäude in Gaza City in der Nacht auf Mittwoch in sich zusammenfiel, beherbergte es rund 100 vertriebene Palästinenserinnen und Palästinenser, die vom Vorfall im Schlaf überrascht wurden. Der Kollaps tötete mindestens 21 Menschen, unter ihnen elf Kinder, und verletzte zahlreiche Personen (www.journal21.ch/bild-des-tages/menschen-unter-truemmern). Rettungskräfte vermuteten, dass sich noch Dutzende Menschen unter den Trümmern befanden. Und noch waren Stimmen Verschütteter zu hören. Doch den Rettern zufolge fehlte es ihnen am notwendigen Bergungsmaterial. Israel lässt kein schweres Gerät in den Küstenstreifen, weil es angeblich für militärische Zwecke verwendet werden kann. Immerhin konnten am Ende zwanzig Menschen lebend geborgen werden.

Ähnliche Vorfälle hat es in Gaza in den vergangenen zwei Jahren wiederholt gegeben. Dutzende Häuser und Gebäude, welche die Israeli bombardiert haben, sind später eingestürzt und haben Opfer gefordert. Dächer, Wände und tragende Pfeiler können ohne Vorwarnung kollabieren, besonders wenn es stark windet, regnet oder in der Nähe Bomben explodieren, die Druckwellen erzeugen. Die IDF teilten mit, sie hätten das fragliche Gebäude Mitte Woche nicht angegriffen, mochten aber nicht präzisieren, ob sie Ziele in dessen Nähe bombardiert hatten, die den Einsturz unter Umständen verursachten. Das Gebäude im Quartier Saada war früher im Krieg Ziel eines Angriffs gewesen.

«Den Job beenden»

«Keine Familie sollte sich entscheiden müssen, ob sie in einem Zelt leben will – mit kaum Privatsphäre, wenig Platz und unwirtlichem Wetter ausgesetzt – oder in einem Gebäude, das beschädigt ist und einzustürzen droht, um ein Dach über dem Kopf zu haben», sagt Pat Griffith, ein Sprecher des IKRK. Hunderttausende Palästinenserinnen und Palästinenser, die der Krieg vertrieben hat, können nicht mehr in ihre früheren Häuser zurückkehren und sind gezwungen, neue Unterkünfte zu finden, wo immer sie können. Das gilt vor allem für jene, die in der Nähe oder jenseits der von Israels gezogenen «gelben Linie» gelebt hatten, auf deren Überschreiten die IDF mit tödlicher Gewalt reagieren. 

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte im vergangenen Mai dem Militär befohlen, 70 Prozent des Gazastreifens zu besetzen. Sein Verteidigungsminister Israel Katz liess Mitte Woche ausserdem verlauten, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Israel den Krieg in Gaza vollumfänglich wiederaufnehmen und die palästinensische Bevölkerung zwingen werde, das Gebiet zu verlassen. «Die IDF sind bereit», sagte Katz, «den Job zu beenden, so dass wir den Migrationsplan umsetzen können.» Die Bevölkerung sei bisher aus 70 Prozent des Küstenstreifens verschwunden. Andere würden das ethnische Säuberung nennen.

Gebäude als «ideale Ziele»

Währenddessen hat sich die US-Regierung bereit erklärt, als Teil eines 2,8 Milliarden Dollar teuren Waffengeschäfts Israel 60’000 schwere Bomben zu verkaufen. Wobei der Begriff «Verkauf» insofern irreführend ist, als er durch einen als «Foreign Military Financing» bekannten Mechanismus finanziert wird: Die USA stellen das Geld zur Verfügung, das Israel braucht, um die Waffen zu kaufen. Weder die US-Regierung noch die israelische Botschaft in Washington DC waren bereit, diesen Umstand Medien gegenüber näher zu kommentieren. «Wenn die Regierung Trump den Nahen Osten beruhigen will, dann ist der Zeitpunkt des Geschäfts ungewöhnlich», sagt Brian Finucane von der «International Crisis Group» (ICG):  «Ob sie es will oder nicht, es sendet ein Vertrauensvotum an Israel aus.»

Amerikanischen Offiziellen zufolge wird die israelische Armee 20’000 Mk-84 Bomben (Übername «Hammer») und 20’000 Bunker brechende BLU-117 Bomben erhalten, die über dem Boden explodieren oder mit Zeitzündern im Untergrund explodieren. Die Bomben lassen sich auch zu Präzisionswaffen aufrüsten, die aus grosser Entfernung treffen. 

Ausser solchen Bomben liefern die USA den IDF 20’000 Sprengköpfe des Typs I-2000 Penetrator, die mit Verzögerung explodieren, nachdem sie harte Oberflächen wie Erdböden, Felsen oder Beton durchstossen haben. Gemäss Auskunft einer Stelle des Pentagon sind Gebäude, Eisenbahnanlagen und Kommunikationseinrichtungen «ideale Ziele» für Bomben dieses Typs. Ausserdem besitzt Israel seit 2015 über fünfzig 5’000 Tonnen schwere, noch dichter beschichtete Bomben, die über eine Sprengkraft von je 625 Pfund TNT verfügen. 

Gegen den Trend

Israels Kauf schwerer Bomben verläuft gegen den Trend, wonach moderne Armeen eher kleinere und präzisere Waffen einsetzen, um so zivile Verluste zu vermindern. Die IDF haben vor allem unmittelbar nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 etliche 900 Kilogramm schwere Bomben eingesetzt, um das Tunnelnetzwerk der islamistischen Widerstandsorganisation sowie deren Waffenlager und Kommandozentren anzugreifen, was aber ein hohes Risiko von Kollateralschäden beinhaltete.

Bereits im Dezember 2023 war eine forensische Untersuchung der «New York Times» zum Schluss gelangt, dass Israel in den ersten sechs Wochen des Kriegs routinemässig 2000-Pfund-Bomben amerikanischer Herkunft eingesetzt hatte und das selbst in Gebieten, die es für Zivilisten als «safe zones», als sichere Rückzugsgebiete deklariert hatte. Dabei suchten die Rechercheure der «Times» mittels KI auf Satellitenaufnahmen und Drohnenvideos nach Kratern, die einen Durchmesser von etwa zwölf Metern oder mehr aufwiesen, wie sie für Waffen dieses Genres typisch sind. Sie lokalisierten mindestens 208 solcher Krater, deren Bombeneinschläge sie als gravierende Gefahr für die palästinensische Zivilbevölkerung einstuften. 

Neue Strategie

Die USA liessen Israel damals wissen, der jüdische Staat müsse mehr tun, um in Gaza zivile Opfer zu vermeiden. Selbst US-Präsident Joe Biden, alles andere als ein Kritiker Israels, drohte damals, die Lieferung bestimmter Waffentypen vorübergehend zu stoppen, sollten die IDF in Rafah einmarschieren: «Zivilisten in Gaza sind von diesen Bomben getötet worden.» Selbst die US-Armee pflegt schwere Bomben seltener einzusetzen, um in einem Krieg Bodentruppen zu unterstützen und dies schon gar nicht in dicht bevölkerten Gebieten. Sogar im Vietnam-Krieg hat die US-Air-Force nur selten schwere Bomben abgeworfen. Derweil hat die israelische Armee wiederholt verkündet, sie versuche, zivile Opfer zu vermeiden oder zu minimieren.    

Experten beschreiben schwere US-Bomben als bevorzugte Waffen der Israeli Air Force. Sie sind in den vergangenen Jahren auf sieben Kriegsschauplätzen eingesetzt worden: in Gaza, im besetzten Westjordanland, im Libanon, in Syrien, im Jemen, im Irak und im Iran. «Das herkömmliche Konzept der israelischen Verteidigungsdoktrin beruhte auf kurzen Kriegen», sagt Ex-Generalmajor Amos Yadlin, einst stellvertretender Kommandant der Luftwaffe und Chef des militärischen Geheimdiensts: «In den letzten drei Jahren hat sich Israel – und unter Umständen auch aufgrund eigener Entscheidungen – in drei Kriege verwickeln lassen. Und wenn einer eine Strategie längerer Kriege verfolgt, braucht er mehr Munition.»

«Das ist obszön»

Trotz politischem Widerstand ist wenig wahrscheinlich, dass der amerikanische Kongress den massiven Waffenverkauf an Israel stoppen wird. Ein entsprechender Beschluss müsste in beiden Kammern des Parlaments eine Zwei-Drittel-Mehrheit finden und ein Veto des Präsidenten überstehen, was bisher in Washington DC noch nicht vorgekommen ist. Die Motion eines demokratischen Abgeordneten aus New York, den Verkauf schwerer Bomben aufzuhalten, kann höchsten eine aufschiebende Wirkung haben. Auch haben sowohl die Regierung Joe Bidens wie jene Donald Trumps eine Prüfung früherer Waffenverkäufe an Israel durch den Kongress umgehen können, indem sie Notstandsbefugnisse anführten.

«Die USA können nicht an einem Tag (Benjamin) Netanjahu bitten, mit dem Bombardieren von Zivilisten aufzuhören und ihm am nächsten Tag Tausende 2’000 Pfund schwere Bomben zu liefern», sagte der demokratische Senator Bernie Sanders (Vermont) bereits Ende März in den Sozialen Medien: «Das ist obszön. Wir müssen mit unserer Komplizenschaft aufhören: keine Bomben mehr für Israel».

«Vom Steuerzahler bezahlt» 

Auch sein Senatskollege Chris Van Hollen (Maryland) will Amerikas unkontrollierte Waffenverkäufe stoppen: «Donald Trump schickt Bomben, die der amerikanische Steuerzahler bezahlt, an eine Regierung, die von einem gesuchten Kriegsverbrecher geführt wird – all dies, während die Regierung Netanjahu Gaza und den Libanon weiter bombardiert und Gerechtigkeit und Rechenschaft für Amerikaner blockiert, die während ihrer Amtszeit (in Gaza oder im Westjordanland) getötet worden sind.»

Einen Tag vor dem Gebäudekollaps hatte die israelische Armee am Dienstag in Gaza mindestens vier Menschen, unter ihnen zwei Kinder, getötet. In Gaza City traf der Drohnenangriff einen Sanitäter des Zivilschutzes, dem ein 15-Jähriger zu Hilfe eilen wollte, worauf eine zweite Drohnenattacke, ein sogenannter «double tap», beide tötete. Waffenexperten zufolge hätte sich die Tötung Mohammed Abdul Zinatis vermeiden lassen, denn die Drohnenkamera hätte den Jugendlichen klar identifizieren können. 

Den IDF zufolge war der getötete Sanitäter Sharif Shadi Labad ein Kämpfer der Hamas; sie dementierten, gezielt Zivilisten anzugreifen. Der Vorfall, hiess es, werde untersucht. In Khan Yunis derweil griff die israelische Armee wiederholt Zelte an. Dabei tötete sie zwei Menschen, unter ihnen ein Kind, und verwundete 15 Personen. Gemäss Unicef haben Israeli in den jüngsten Tagen in Gaza weitere Kinder getötet, unter ihnen in Beit Lahia zwei sechs- und zwölfjährige Schwestern, die mit ihren Eltern bei einem Luftangriff tödlich getroffen wurden, während sie schliefen. Gewehrfeuer der IDF tötete drei weitere Mädchen: Sie waren drei, acht und neun Jahre alt. 

Quellen: The New York Times, The Guardian, The Washington Post, Haaretz, AP, Drop Site News

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