Die EU und Kanada prüfen eine assoziierte Mitgliedschaft. Sie könnte der Grundstein für einen Zusammenschluss mehrerer demokratischer Mittelmächte sein. Auch die Schweiz dachte schon einmal an eine Assoziierung an die EWG.
Die Europäische Union (EU) und Kanada wollen noch näher aneinander heranrücken. Das ist die Quintessenz zweier Reden, die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der kanadische Premierminister Mark Carney vor dem Europäischen Parlament hielten. Am Mittwoch, 16. September 2026, sagte von der Leyen in ihrer alljährlichen State-of-the-Union-Rede: «Wir werden von Ceta (dem Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen der EU und Kanada) zu einer Allianz für die Zukunft übergehen. Wir werden einen gemeinsamen Raum des Wohlstands und der wirtschaftlichen Sicherheit schaffen. Wir werden an intelligenter Fertigung arbeiten. Wir werden eine Technologie-Allianz gründen. Wir werden unsere verteidigungsindustriellen Basen integrieren. Wir werden die Arktis zu einem gemeinsamen Vorzeigeprojekt machen. Wir werden bei Energie, kritischen Mineralien und Batterien kooperieren. Bei KI-, Quanten-, Cyber- und Versorgungssicherheit.»
«Kurz», so fuhr von der Leyen weiter, «wir wollen die Beziehung zu Kanada auf das höchstmögliche Niveau bringen.» Und die sie wolle, «dass Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU wird». Von der Leyen nahm damit eine Idee auf, die Carney Tage zuvor via «Wall Street Journal» in die Welt gesetzt hatte. «Wir wollen kein Mitglied der Europäischen Union werden«, sagte Carney zu der US-Zeitung. «Was wir anstreben – und worüber wir Gespräche aufnehmen werden –, ist eine einzigartige Allianz zwischen Kanada und der Europäischen Union.»
Einen Tag später, am 17. September 2026, reagierte Carney – ebenfalls vor dem Europäischen Parlament – auf den Vorschlag von der Leyens, Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU zu machen: «Wir begrüssen dieses Vorhaben. (…) Kanada und Europa sollten ihre strategische Autonomie durch eine enge Zusammenarbeit in allen Schlüsselbereichen stärken – von kritischen Rohstoffen und der Verteidigungsindustrie über KI und Rechenkapazitäten bis hin zu Energiesicherheit, Raumfahrt und Zahlungsverkehr.» Carney sprach ausserdem über Vorteile einer möglichen kanadischen Teilnahme am EU-Studentenaustauschprogramm Erasmus+ und am EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation sowie über die Schaffung eines integrierten Marktes für Finanzdienstleistungen.
EU und Kanada schon heute eng verbunden
Die Europäische Union und Kanada pflegen bereits heute enge Beziehungen. Seit 2017 wird ein umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen (Ceta) vorläufig angewendet. Das führte zu einer Ausweitung des Handels, wie Zahlen des Europäischen Rates belegen: Der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen beiden Partnern wuchs demnach zwischen 2016 und 2026 um über 80 Prozent. Schaut man nur auf die Waren, dann belief sich der Wert des Handels zwischen Kanada und der EU im Jahr 2025 auf fast 82 Milliarden Euro. Für Kanada ist die EU der zweitgrösste Handelspartner nach den USA. Insgesamt exportierte das Land im Jahr 2025 Güter im Wert von knapp 33 Milliarden Euro. Aus Sicht der EU belegt Kanada Platz zwölf der wichtigsten Handelspartner. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von fast 49 Milliarden Euro aus EU-Staaten nach Kanada geliefert. Bei den Dienstleistungen belief sich 2025 der Handelswert auf etwa 49 Milliarden Euro; dazu zählen EU-Einfuhren aus Kanada im Wert von knapp 20 Milliarden Euro und EU-Ausfuhren nach Kanada in Höhe von gut 29 Milliarden Euro.
2021 riefen die EU und Kanada eine strategische Rohstoffpartnerschaft EU-Kanada ins Leben. 2023 vereinbarten die beiden Partner eine Digitalpartnerschaft und ein Grünes Bündnis. Kanada ist zudem seit 2024 an einem wichtigen Teil des EU-Forschungsrahmenprogramms «Horizon Europe» beteiligt. 2025 schlossen beide Seiten eine umfassende Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft.
Zwei bedrängte Partner suchen eine enge Kooperation
Dass die Europäische Union und Kanada gerade jetzt noch näher aneinander heranrücken wollen, hängt damit zusammen, dass sich beide politisch und wirtschaftlich bedroht fühlen. Die EU sieht sich vermehrt verdeckten Angriffen seitens Russlands gegenüber, das Anfang 2022 in der Ukraine einen offenen Krieg führt. Gleichzeitig haben die USA Zweifel darüber aufkommen lassen, ob sie im Fall eines Angriffs Russlands mithelfen würden, Europa zu verteidigen. Zudem drangsalieren die USA die EU wirtschaftlich mit einer unberechenbaren Zollpolitik, die Exporte in die Vereinigten Staaten teurer macht. Als wäre das nicht genug, setzt China die Industrie in der Europäischen Union mit Exporten von billigen subventionierten Waren unter Druck.
Kanada sieht sich von seinem Nachbarn USA bedrängt. Seit dort Donald Trump Anfang 2025 ins Präsidentenamt zurückgekehrt ist, führten Streitigkeiten über Zölle, Handelspolitik und kanadische Souveränität zu einer zunehmenden Belastung einer der engsten bilateralen Beziehungen Nordamerikas und schürten gegenseitiges Misstrauen. So machte Trump etwa wiederholt den Vorschlag, Kanada solle der «51. Bundesstaat» der USA werden. Zudem kam es zu einem Handelskrieg zwischen den beiden Ländern.
Auf hohe Zölle der USA reagierte Kanada mit Gegenzöllen. Betroffen sind Güter im Wert von Milliarden Dollar. Der Konflikt reichte über die Handelspolitik hinaus, schlug sich in öffentlicher Kritik hochrangiger Regierungsvertreter nieder und veranlasste Kanada, seine Bemühungen zur Diversifizierung seiner wirtschaftlichen und strategischen Partnerschaften jenseits der USA deutlich zu beschleunigen.
Assoziierte Mitgliedschaft in den EU-Verträgen nicht vorgesehen
Obwohl also einiges dafürspricht, dass sich die Europäische Union und Kanada weiter zusammentun, ist es unklar, ob es je zu einer assoziierten Mitgliedschaft Kanadas in der EU kommen wird. Eine solche ist nämlich in den EU-Verträgen nicht vorgesehen. Es gibt Vollmitglieder, Beitrittskandidaten und zahlreiche Formen enger Partnerschaft mit Drittstaaten – aber keine Mitgliedschaft zweiter Klasse mit diesem Namen. Die EU-Verträge erlauben allerdings sogenannte Assoziierungsabkommen mit Drittstaaten, die gegenseitige Rechte und Pflichten sowie gemeinsame Verfahren festlegen können.
Für eine assoziierte Mitgliedschaft Kanadas gibt es also Hürden – nicht zuletzt, weil die Europäische Union historisch zurückhaltend war, flexible Mitgliedschaftsmodelle zu schaffen. Zudem ist selbst das bereits erwähnte umfassende Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen den beiden Partnern (Ceta) mehr als ein Jahrzehnt nach Abschluss der Verhandlungen noch nicht von allen EU-Mitgliedstaaten ratifiziert worden. Folglich dürfte jedes Rahmenwerk für eine assoziierte Mitgliedschaft langwierige Verhandlungen und politische Zustimmung in der ganzen Europäischen Union erfordern. Erst wenn nationale Parlamente und EU-Institutionen grünes Licht geben, könnte Kanada auf eine neue, institutionell verankerte Partnerschaft mit der Europäischen Union hoffen. Einen ersten Aufschluss darüber, was überhaupt möglich ist, könnte der nächste EU-Kanada-Gipfel am 29./30. Oktober 2026 in Montreal geben.
Grundstein für eine Gruppe D(emokratie)7?
Aber vielleicht könnte eine weitgehende Allianz zwischen der EU und Kanada der Grundstein für einen weltweiten Zusammenschluss von Staaten werden, die Würde und individuelle Freiheit der Menschen sowie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und freie, handelsbasierte Wirtschaftsordnung hochhalten. Ein solchen Zusammenschluss hat der ehemalige dänische Ministerpräsident und frühere Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen im Mai 2026 am Copenhagen Democracy Summit vorgeschlagen: Unter Ausschluss der USA sollen sich die verbleibenden demokratischen Mittelmächte – die EU, Kanada, Grossbritannien, Japan/Korea, Australien/Neuseeland – zu einer Gruppe D(emokratie)7 zusammenschliessen und sich so als führende westliche Macht etablieren. Gemeinsam stehen diese Länder für rund ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung und mehr als ein Drittel des globalen Handels.
Rasmussen begründet den Vorschlag damit, dass die USA unter der Führung von Donald Trump ihren Willen zur globalen Führung verloren haben. Demokratien müssen enger zusammenrücken. Die Allianz soll wirtschaftlichen Druck von aussen (zum Beispiel von China oder den USA) abwehren. Ähnlich wie der Beistandspakt der Nato soll ein wirtschaftlicher Angriff auf ein D7-Mitglied als Angriff auf alle gewertet werden, um gemeinsam Gegenmassnahmen zu ergreifen. Der Vorschlag Rasmussens wurde in den Medien als riskant, aber brisant diskutiert. Kritiker sehen darin eine Schwächung des Westens, während Befürworter betonen, dass Europa und andere Demokratien handlungsfähig bleiben müssen, falls die USA sich abwenden.
Schweizer Assoziierungsgesuch scheiterte in den 60er-Jahren
Doch zurück zur Idee einer assoziierten Mitgliedschaft Kanadas in der Europäischen Union. Käme sie trotz allen Hindernissen zustande, wäre der Ahornstaat – jenseits des Atlantiks gelegen – der EU plötzlich näher als die Schweiz, die mitten in Europa liegt. Die Schweiz versucht zurzeit mit den Bilateralen III, die Beziehungen zur Europäischen Union zu stabilisieren und weiterentwickeln.
Übrigens: Auch die Schweiz liebäugelte schon einmal mit einer Assoziierung an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) – eine der Vorläuferorganisationen der EU. Das war anfangs der 60er-Jahre. Die Schweiz reichte im Dezember 1961 ein entsprechendes Gesuch in enger Koordination mit den anderen neutralen EFTA-Staaten (Schweden und Österreich) ein. Auslöser war, dass Grossbritannien kurz zuvor ein EWG-Beitrittsgesuch gestellt hatte. Als der französische Staatspräsident Charles de Gaulle 1963 (und erneut 1967) sein Veto gegen den britischen Beitritt einlegte, brach das gesamte Erweiterungsszenario zusammen. Das Schweizer Assoziierungsgesuch wurde daraufhin faktisch auf Eis gelegt und später nicht mehr weiterverfolgt.
Für die Schweiz kam eine Vollmitgliedschaft in der EWG wegen ihrer strikten politischen Neutralität nicht infrage. Der Bundesrat versuchte mit dem Assoziierungsgesuch einen schwierigen Spagat: Wirtschaftliche Teilhabe am Gemeinsamen Markt (wie der heutige Binnenmarkt damals hiess), aber ohne die supranationale politische Integration mitzutragen. Anstelle der Assoziierung einigte man sich Jahre später auf eine rein wirtschaftliche Lösung: 1972 unterzeichnete die Schweiz ein bilaterales Freihandelsabkommen mit der EWG. Seither hat Bern mit Brüssel über hundert kleinere und grössere bilaterale Abkommen abgeschlossen. Heute steht ein drittes bilaterales Vertragspaket, die sogenannten Bilateralen III, an.