Wenige Tage vor der Wahl im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern liegt die SPD knapp vor der AfD. Amtsinhaberin Manuela Schwesig setzt auf authentisches Auftreten statt Symbolpolitik. Als Wappentier taugen weder der Matjes noch der Buckelwal.
Unsere Mediengesellschaft heischt nach Bildern, sie fordert beständig Geschichten, will eine neue Erzählung, warum es lohnt, die Hoffnung nicht schwinden zu lassen. Regelmässig vor Wahlen gehen Journalisten und Politiker das Zweckbündnis ein, Fotos und Videos von mutig anpackenden, tatkräftig mithelfenden oder herzhaft zubeissenden Kandidatinnen und Kandidaten im Fernsehen, in der Zeitung und den nunmehr unverzichtbaren Digitalkanälen zu transportieren. Im Idealfall erzeugen diese Bilder die nötigen Emotionen, um das Wahlvolk ins Stimmlokal zu bewegen und das Kreuz an der gemeinten Stelle zu platzieren.
Wahlkulinarik
Bei der Motivsuche in Norddeutschland sei an dieser Stelle gewarnt vor Fischbrötchen – so wie andernorts vor der Thüringer Bratwurst, der Leberkässemmel in Bayern oder dem Döner sonst wo. Bei all diesen regionalen Spezialitäten besteht die Gefahr, sich beim Verzehr selbst zum Hanswurst zu machen, also ein Meme bei TikTok zu werden, oder Essensreste im Mundwinkel, auf der eigenen Krawatte oder gleich in der geschüttelten Hand des potentiellen Wählers zu verteilen. Der Saucenrest quasi als Fugenkitt der Gesellschaft.
Mancher erinnert sich in Fremdscham an den Gesichtsausdruck von Emmanuel Macron beim Staatsbesuch 2023 in Hamburg, der von Bundeskanzler Olaf Scholz zum Verzehr von rohem Matjes mit grossen Zwiebelringen genötigt wurde. Oder aktuell dessen Amtsnachfolger Friedrich Merz, der beim CDU-Wahlkampfauftritt vor einigen Wochen im Ostseebad Kühlungsborn gleich drei solcher Bürli vertilgte und den Genuss des Herings mit «exzellent gut» kommentierte, womit er sicher auch seine eigene Perfomance unter dem Motto «Dem Volk ins Maul geschaut» meinte. In ihrer Not hat die CDU in Mecklenburg-Vorpommern vor den an diesem Sonntag anstehenden Landtagswahlen Zuflucht beim heimlichen Wappentier des Nordens gesucht. Mit viel Zwiebeln und Salatblatt dargeboten, prangt ein Fischbrötchen auf den CDU-Wahlplakaten in «Meck-Pomm» gemeinsam mit dem Slogan «Die Mitte ist das Beste».
«Die Frau gegen Blau»
Solch verzehrende Symbolpolitik hat Manuela Schwesig nicht nötig. Die amtierende Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern schickt sich an, in ihrer Beharrlichkeit und nach langem Anlauf den AfD-Kandidaten Leif-Erik Holm noch zu überholen. Dazu musste die 52-jährige SPD-Politikerin nicht in ein totes Tier beissen, sondern nordisch-klar bleiben. «Da, wo wir sind, kann kein Nazi sein», rief Schwesig in Gummistiefeln im Dauerregen des Musikfestivals gegen Rechtsextremismus in Jamel von der Bühne. Die Abgrenzung von der AfD ist ihr Hauptthema; gerade jetzt, wenn’s um die Wurst geht.
Im aktuellen Wahlkampf, den Schwesig als «Frau für MV» begann, ist längst «Die Frau gegen Blau» geworden. Kämpfen und Kümmern sind die Merkmale ihrer Markenführung, die dem Anschein nach auf der Zielgeraden verfangen. Als die von einer Krebserkrankung genesene Landesmutter, die ab 2013 Bundesfamilienministerin in Berlin war und seit 2017 Ministerpräsidentin mit Amtssitz im Schweriner Schloss ist, lebt sie diese beiden Eigenschaften vor.
Die konkurrierende AfD geht mit einer Art Doppelspitze ins Rennen. Leif-Erik Holm tritt als Direktkandidat in Schwesigs Schweriner Wahlkreis an – dass er dort gewinnt, gilt als eher ausgeschlossen. Auf der Landesliste ist der Bundestagsabgeordnete ebenfalls nicht abgesichert; hier steht Enrico Schult an der Spitze. Sollte der 56-jährige Holm also gegen Schwesig verlieren, wird er nach Berlin zurückkehren. Dann werden im Landtag von Schwerin Vertreter des völkischen Flügels der Partei das Sagen haben.
CDU vielleicht noch knapp im Landtag
In der Heimat der Ewigkeitskanzlerin Angela Merkel findet die CDU kein Rezept mehr, den Wählern ihre Politik schmackhaft zu machen. Nach desaströsen 13 Prozent bei der vergangenen Wahl sagen die Demoskopen diesmal nur noch knapp 6 Prozent voraus, gerade noch ein Zählerpunkt über dem parlamentarischen Existenzminimum.
Von der Regierungspartei der Einheit mit 38 Prozent ist nicht mehr viel übrig geblieben, wie auch vom gestrandeten Buckelwal vor der Ostseeinsel Rügen im März dieses Jahres. Die versuchte Rettung seitens der Landesregierung damals sorgte vor allem in den Internetforen für allerlei Vorwürfe, Spekulationen und Verschwörungstheorien. In einer privatfinanzierten, abenteuerlich anmutenden Rettungsaktion wurde der Buckelwal, der in der deutschen Öffentlichkeit als «Timmy», andernorts als «Hope» oder «Fridolin» unterwegs war, in die Meeresenge des Kattegat geschleppt. Dort wurde er im Mai vor der dänischen Insel Anholt tot entdeckt. Aus den Augen, aus dem Sinn, konnte man behaupten: Die Landesregierung von Manuela Schwesig war das Problem los; an ein Recycling als Fischbrötchen war nicht zu denken.