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Irankrieg

Vor einer gefährlichen Eskalation?

4. Mai 2026
Reinhard Schulze
Bazar Teheran
Ein Ladenbesitzer im Grossen Bazar von Teheran bietet Getränke an. Die Lebensmittelpreise in Iran haben sich binnen zweier Monate verdoppelt. (Keystone/AP Photo, Vahid Salemi)

Iran und die USA blockieren einander auf See. Dem geschwächten Iran droht der Kollaps. Aber auch für die USA selber engt Trumps Poker-Politik die Handlungsspielräume ein. Findet sich nicht bald eine Verhandlungslösung, droht eine Weltwirtschaftskrise.

Die US-Seeblockade gegen Iran, seit dem 13. April 2026 in Kraft, hat die iranische Wirtschaft in eine der schwersten Krisen ihrer Geschichte gestürzt. Das Regime in Teheran kann die Folgen nicht mehr schönreden. Ohne eine politische Deeskalation droht ein vollständiger Kollaps der staatlichen Versorgungssysteme und eine langanhaltende Depression. Doch auch Washington ist nicht ohne Risiko: Die Eskalationsspirale bedroht die eigene Wirtschaft, die innenpolitische Stabilität und Trumps Handlungsspielraum.

Wirtschaftlicher Kollaps 

Das Ausmass der wirtschaftlichen Verwerfungen ist enorm. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass die iranische Wirtschaft 2026 um 6,1 Prozent schrumpfen wird – bei einer Inflationsrate von 68,9 Prozent. Analysten von Oxford Economics warnen, dass von der US-Blockade bis zu 70 Prozent der iranischen Exporteinnahmen vernichtet werden könnten. Iranische Wirtschaftsbeamte haben Präsident Pezeshkian intern bereits gewarnt, dass der Wiederaufbau der kriegszerstörten Wirtschaft mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen könnte.

Der iranische Rial hat seit Ausbruch des Krieges mehr als 60 Prozent seines Wertes verloren – der Kurs liegt inzwischen bei rund 1,32 Millionen Rial pro US-Dollar. Die Lebensmittelpreise sind seit Februar 2026 um 100 Prozent gestiegen. Allein seit Beginn der Blockade Mitte April hat sich die ohnehin schwere Versorgungslage der Bevölkerung dramatisch verschärft.

Die Öl-Falle: Volle Lager, versiegende Quellen

Das Herzstück der iranischen Wirtschaft ist das Öl – und genau hier schlägt die Blockade am härtesten an. Iran exportiert 90 Prozent seines Rohöls über die Kharg-Insel im Persischen Golf. Seit dem 13. April steigen die Lagerbestände rasant an: Allein zwischen dem 17. und 21. April nahmen sie täglich um 1,7 Millionen Barrel zu. Nach Angaben des Datenunternehmens Kpler lagern Anfang Mai rund 184 Millionen Barrel in Tankern auf hoher See. Dazu kommen 60 Millionen Barrel in iranischen Häfen, die nicht exportiert werden können.

Das Dilemma: Sind die Kapazitäten erschöpft, muss Iran seine Ölquellen abschalten. Technisch ist dies riskant, teuer und mit hohen Folgekosten verbunden. Eine Wiederinbetriebnahme kann Monate dauern und die Förderkapazität dauerhaft senken.

Während Iran Rohöl produziert, ist es auf Benzinimporte angewiesen; diese sind durch die Blockade stark rückläufig. Eine wachsende Transportkrise droht die Binnenwirtschaft zu lähmen. Bereits jetzt hat Iran nach Angaben des Arbeitsministeriums mindestens eine Million Arbeitsplätze verloren; weitere zwei Millionen Beschäftigte sind direkt betroffen.

Diplomatischer Ausweg: Der «Grosse Deal»

Das Regime steht vor einer klassischen Zwickmühle: Jede der verbleibenden Optionen birgt erhebliche Risiken.

Teheran setzt weiterhin auf einen umfassenden Verhandlungsfrieden. Die Führung fordert eine Lösung innerhalb von dreissig Tagen und bietet im Gegenzug ein Ende der Feindseligkeiten an allen Fronten – einschliesslich Libanon/Hisbollah – sowie einen neuen Mechanismus für die Seestrassenordnung von Hormuz an. Im Gegenzug verlangt das Regime die Aufhebung der US-Seeblockade, die Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen und den Rückzug von US-Truppen aus der unmittelbaren Peripherie.

Washingtons Ablehnung des 14-Punkte-Plans hat diese Hoffnung bisher zunichtegemacht, doch Teheran hält an seiner Verhandlungslinie fest, da die Alternativen noch schmerzhafter wären.

Parallel versucht das Regime, seinen Aussenhandel über Alternativrouten aufrechtzuerhalten: über Landverbindungen in die Türkei, in den Irak und nach Armenien sowie über den Seeweg durch das Kaspische Meer nach Russland. Pakistan hat jüngst sechs neue Grenzübergänge geöffnet. Diese Wege sind jedoch bei weitem nicht geeignet, die massiven Volumina der blockierten Ölexporte zu kompensieren. Vor dem Krieg beliefen sich diese auf durchschnittlich 1,68 Millionen Barrel pro Tag, hauptsächlich nach China.

Durch massive Repression und die Beschwörung einer äusseren Bedrohung versucht das Regime, die Bevölkerung auf eine «Widerstandswirtschaft» einzuschwören. Dabei ist die innenpolitische Ausgangslage denkbar ungünstig: Erst im Januar 2026 hatte eine schwere Protestwelle – ausgelöst durch den Rial-Kollaps und die steigenden Lebensmittelpreise – das Regime an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.

Gefährliches Eskalations-Kalkül

Als letzte Option bleibt die gezielte militärische Eskalation: die vollständige Sperrung der Strasse von Hormuz für sämtlichen Schiffsverkehr, asymmetrische Angriffe auf Handelsschiffe oder US-Einrichtungen, um die Kosten der Blockade in die Höhe zu treiben. Die Kalkulation: Wenn schon Kollaps, dann lieber ein rascher Schlussstrich als eine endlose Hängepartie. 

Doch diese Option ist ein Vabanquespiel – sie würde mit hoher Wahrscheinlichkeit eine umfassende US-israelische Luftoffensive provozieren, der das geschwächte iranische Militär kaum etwas entgegenzusetzen hätte. Eine vollständige Schliessung würde den Ölpreis auf über 130 Dollar pro Barrel treiben und eine globale Wirtschaftskrise auslösen.

Trumps Doppelstrategie aus militärischem Maximaldruck und seinem charakteristischen transaktionalen Verhandlungsstil ist bislang wirkungslos geblieben. Mit der Ablehnung des iranischen 14-Punkte-Plans hat er zwar eine Art Vorentscheidung getroffen: Er will den Pokereinsatz so hochtreiben, dass Teheran aus dem Spiel aussteigt. Doch die Ablehnung Irans zwingt ihn nun, militärischen Nachdruck zu erzeugen oder glaubwürdig zu machen, dass er bereit ist, den Preis weiter zu erhöhen.

Der von Trump angekündigte Geleitschutz für Schiffe aus «unbeteiligten Ländern» (Project Freedom) wird von Beobachtern zwiespältig bewertet: Zum einen bietet die US-Marine an, die mehr als 850 im Golf festsitzenden Handelsschiffe sicher durch die Strasse von Hormuz zu eskortieren – ein logistisch wie politisch heikles Unternehmen. Zum anderen kann die Initiative als Versuch interpretiert werden, die iranischen Revolutionsgarden zu einer militärischen Reaktion zu provozieren, die dann einen umfassenderen US-Luftschlag rechtfertigen würde.

Die amerikanische Schmerzgrenze

Die anhaltende Blockade ist für Washington nicht ohne eigenes Risiko. Der Brentölpreis hat inzwischen die Marke von 110 Dollar pro Barrel überschritten – mit Spitzen von über 126 Dollar Ende April. Benzin kostet in den USA bereits durchschnittlich 4,45 Dollar pro Gallone. Oxford Economics hat die US-Wachstumsprognose für 2026 von 2,8 auf 1,9 Prozent gesenkt.

Eine Fortsetzung der Blockade bis zum iranischen «Breaking Point» – dem Moment, an dem Teheran aufgrund des drohenden Wirtschaftskollapses faktisch kapituliert – wäre für Trump innenpolitisch gefährlich. Bei einem Benzinpreis von 6 Dollar pro Gallone wäre eine Schallmauer durchbrochen. Die Zustimmung zu Trumps Wirtschaftspolitik liegt laut Reuters/Ipsos bereits bei nur noch 22 Prozent – mit den Midterm-Wahlen im November als politischem Damoklesschwert.

Der Konflikt trifft nicht nur Iran und die USA. Die Internationale Energieagentur IEA hat die aktuelle Versorgungsstörung als die grösste in der Geschichte des globalen Ölmarkts eingestuft. Die Golf-Kooperation ist ebenso schwer betroffen: Kuwait, Irak und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre Ölproduktion drastisch gedrosselt, da auch ihre Exportwege durch den Golf blockiert sind. Europa kämpft mit historisch niedrigen Gasvorräten und drohender Rezession.

Zwischen Verhandlung und Eskalation

Die Situation ist zugespitzt, aber nicht ausweg- und hoffnungslos. Beide Seiten haben starke Anreize, eine Verhandlungslösung zu finden – und starke Anreize, die eigene Schmerzschwelle nicht als Erste zu erreichen. Das macht die Lage gefährlich kalkulierbar und gleichzeitig latent unkontrollierbar.

Pakistan vermittelt derzeit zwischen Teheran und Washington. Themen sind: Freiheit der Schifffahrt durch die Hormuzstrasse, Irans Nuklear- und Raketenprogramm, Sanktionen und ein langfristiges Sicherheitsabkommen. Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Agentur IAEA, hat klargestellt, dass jede Einigung ohne atomare Inspektionen «eine Illusion» wäre.

Entscheidend wird sein, ob Washington bereit ist, Iran einen gesichtswahrenden Ausweg zu bieten – oder ob die Eskalationslogik beide Seiten in ein Szenario treibt, das niemand vollständig kontrollieren kann.

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