An der Universität St.Gallen wird diese Woche mit dem Amerikaner Curtis Yarvin einer der extremsten Denker der extremen Rechten einen prominenten Auftritt bekommen. Doch es gibt Widerstand gegen den einflussreichen Verächter der Demokratie, der die Welt gerne von mächtigen CEO regiert und Afrika als Kolonie sähe.
Das St. Gallen Symposium ist eine sehr einflussreiche Veranstaltung. Ins Leben gerufen von aktiven Studierenden der damals noch als Hochschule betitelten heutigen Universität St. Gallen (HSG), pflegt es seit 1970 den Dialog zwischen den Generationen. Einflussreiche Wirtschaftsführer und Politiker sind hier zu Gast und stellen sich dem Gespräch mit Studierenden. Während ein «International Students Committee» den Anlass in wechselnder Besetzung organisiert, sichert die «St. Galler Stiftung für Internationale Politik» unter ihrem Geschäftsführer Beat Ulrich die Kontinuität und bestimmt das Programm. Unterstützt wird der Anlass von einem Förderkreis aus 400 Unternehmen.
Zwei Tage sind für Vorträge und Debatten reserviert, dieses Jahr sind es der kommende Mittwoch und Donnerstag, 6. und 7. Mai, sie stehen unter dem Obertitel «Disrupted Age» – das Zeitalter der Disruption. Zu den prominenten Teilnehmern gehören Bundesrätin Karin Keller-Sutter, UBS-CEO Sergio Ermotti, IKRK-Präsidentin Mirjana Spoljaric-Egger, der bulgarische Politologe Ivan Krastev und der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk.
«Ausserhalb des akzeptablen Diskurses»
Nicht erwähnt wird in der Vorschau der Universität St. Gallen der einflussreiche US-amerikanische Blogger Curtis Yarvin, obwohl er gleich zu drei Auftritten kommen wird: am Mittwoch in einem einstündigen Gespräch mit Ivan Krastev, einem vehementen Verfechter westlicher Demokratien, danach in einem Talk mit der Amerikanistik-Professorin Claudia Brühwiler, und tags darauf dann in einer geschlossenen Session. Krastev gegen Yarvin, diese Paarung gab es schon vor einigen Wochen im bayerischen Schloss Elmau auf einer Tagung, die sich mit dem Ende der liberalen Demokratie beschäftigte – und wo die Personalie Yarvin im Vorfeld dann zur Absage einiger prominenter Teilnehmer führte.
Auch in St. Gallen bleibt es nicht ruhig, seit Yarvins Teilnahme vom «St. Galler Tagblatt» öffentlich bekannt gemacht worden ist. «Yarvin vertritt offen antidemokratische, radikale, autoritäre Positionen», sagt etwa Noam Leiser, Präsident der St. Galler SP. «Ihm dafür eine politische Bühne zu bieten, wertet diese unnötig auf und verleiht ihnen einen Anschein von Legitimität.» Dem widerspricht namens des Symposiums Beat Ulrich mit dem Argument, Yarvin sei nicht eingeladen worden, weil das Symposium seine Positionen teile. Aber: «Ideologisch einflussreiche Stimmen verlieren jedoch nicht durch Ausblendung an Wirkung, sondern durch fundierten Widerspruch, Kontextualisierung und offene Gegenrede.»
Diese Gegenrede gibt es jetzt, noch bevor das Symposium startet. Wie das «St. Galler Tagblatt» berichtet, zirkuliere unter der Professorenschaft ein offener Brief, mit dem der Senat und Rektor Manuel Ammann – der bei der Eröffnung des Symposiums auftreten wird – aufgefordert werden, sich als Universität von Yarvin zu distanzieren. Andernfalls gehe sie das Risiko ein, dass sie mit seinen extremen Ideen in Verbindung gebracht werde. Die Universität sei ein Ort der intellektuellen Freiheit, der offenen Debatten und respektvollen Diskussionen; die antidemokratischen Ansichten Yarvins gingen jedoch zu weit und lägen «ausserhalb des akzeptablen Diskurses».
Stichwortgeber der reaktionären Rechten
In der Tat stellt sich die Frage, ob da nicht mit der Einladung von Curtis Yarvin der Bock zum Gärtner gemacht und der Blogger mit einem Auftritt in jenem akademischen Milieu geadelt wird, das er selber zutiefst verachtet. «Demokratie ist Quatsch», sagt Yarvin kurz und bündig und träumt von Vereinigten Staaten von Amerika, die von einem Präsidenten mit königlicher Machtfülle angeführt werden. Wenig erstaunlich, dass Vizepräsident J. D. Vance von diesen Ideen angetan ist und dass Techmilliardäre wie Peter Thiel ihn fördern. Seit er 2007 den Blog «Unqualified Reservations» angefangen hat, ist Yarvin zu einem wichtigen Stichwortgeber der reaktionären Rechten geworden.
Universitäten und Medien, so seine These, sehen es als ihre Aufgabe, die Menschen im Sinne einer übermächtigen Elite zu beeinflussen. Diese würde einen quasi-religiösen Progressismus und Idealismus vertreten und eine Art Priesterkaste darstellen. Den mündigen Bürger, der sich seines eigenen Verstandes bedient, gibt es in diesem Konstrukt nicht, auch Grund- und Menschenrechte sucht man vergebens.
Die liberale Demokratie gilt als ineffizientes Gebilde; Yarvin rät dazu, sie durch ein monarchistisches Regime zu ersetzen und bestehende Staaten in eine Vielzahl von als private Aktiengesellschaften geführte Kleinstaaten aufzuteilen, in denen die Bevölkerung gar nichts zu sagen hat. Vorbild für dieses Modell von Staat ist Singapur. Was die Menschen angeht, so glaubt Yarvin an biologisch begründete Intelligenzunterschiede zwischen ethnischen Gruppen: Weisse Amerikaner seien intelligenter als Afroamerikaner. 2025 warb er für eine Rekolonialisierung des afrikanischen Kontinents.
Der 52-Jährige liebt das Grenzwertige und manchmal auch die Grenzüberschreitung. Da kann er dann schreiben: «Hitler ist ein Genie.» Und in Elmau versichern, er habe gemeint: «böses Genie». Dort ist er ganz samtpfötig aufgetreten, was den Berichterstatter der «Zeit» zum Urteil veranlasst, er sei «ein Provokateur, der gemocht werden will von der Welt, die er zerstören möchte».