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Hunger

Die Milliarden-Schande

15. April 2026
Heiner Hug
Somalia
Somalia (Keystone/AP/Farah Abdi Warsameh)

Obwohl genügend Nahrungsmittel vorhanden sind, haben fast 700 Millionen Menschen dauerhaft zu wenig zu essen, 300 Millionen weitere sind akut unterernährt. Das sind insgesamt 8 Prozent der Weltbevölkerung. Und mit Trump wird alles noch schlimmer.

Millionen Menschen überleben nur dank der Hilfe des Welternährungsprogramms (World Food Programme, WFP), der wichtigsten Uno-Organisation im Kampf gegen den globalen Hunger. Das WFP, das seinen Hauptsitz in Rom hat, ist die weltweit grösste humanitäre Organisation. Grösste Geldgeber sind die USA.

Doch Trump mag weder die UNO noch andere internationale Organisationen und Programme. So hat er denn den US-Beitrag an das WFP drastisch gekürzt. Die Finanzierung der Organisation sank von 10 Milliarden Dollar auf 6,4 Milliarden. Allerdings sind es nicht nur die USA, die ihre Beiträge gekürzt haben. Der Rückgang führte zur Entlassung von 6’000 Angestellten des WFP, das ist ein Drittel der gesamten weltweiten Belegschaft. Schlimmer noch: Die Budgetkürzungen haben katastrophale Folgen für die Hungernden. Betroffen sind vor allem die fragilsten Länder in Afrika und Asien.

«Globale Nahrungsmittelkatastrophe»

Dazu kommt jetzt der Irankrieg. Die Krise in der Strasse von Hormuz könnte nach Angaben der FAO, der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, eine «globale Nahrungsmittelkatastrophe auslösen». Neben dem WFP hat auch die FAO ihren Hauptsitz in Rom.

Máximo Torero, der Chefökonom der FAO, sagte diese Woche, der Krieg und die Sperrung der Meerenge von Hormuz würden den Export von Düngemitteln und Energie unterbrechen. Die Lebensmittelpreise würden in die Höhe getrieben und die Ernten verringert. Die FAO betont, dass man in vielen Ländern eben nicht das ganze Jahr aussäen könne. Da der Aussaatkalender wegen der fehlenden Düngemittel und der fehlenden Energie nicht eingehalten werden kann, werde dies zu einem Rückgang der Produktion, zu einem Anstieg der Inflation und zu einer Verlangsamung des globalen Wachstums führen. (Siehe auch: Journal 21: Rahma Ouanes: «Der Morgen danach»).

Im Sudan hungern 18 Millionen Menschen

Die schwerste humanitäre Krise der Gegenwart findet zurzeit im Sudan statt. Der Krieg, die politische Instabilität und der Klimawandel haben dem Land eine der schlimmsten je registrierten Hungerkatastrophen gebracht. Wegen des Bürgerkriegs wurden Millionen Menschen vertrieben. Die Infrastruktur wurde zerstört und die Versorgungswege brachen zusammen. Laut dem WFP sind zurzeit 18 Millionen Menschen von Hunger akut bedroht. Besonders betroffen sind Kinder. Hilfslieferungen werden blockiert oder geplündert. Dürren und Überschwemmungen zerstören Ernten. Besonders betroffen sind West- und Nord-Darfur, Kordofan und Teile von Khartum. Viele Hilfsprogramme sind – auch wegen der Budgetkürzungen des WFP – unterfinanziert.

Sudan
Akobo im südöstlichen Sudan (Keystone/AP/Jerome Delay)

Schlimm grassiert der Hunger auch in Burundi, in der Demokratischen Republik Kongo, in Haiti, im Jemen, in Madagaskar und Somalia, im Südsudan und in Äthiopien, Nigeria, Pakistan und in Teilen Indiens. Die Hauptleidtragenden sind die Kinder. In den ärmsten Ländern stirbt fast jedes zweite Kind unter fünf Jahren (45 Prozent) an Hunger.
Und wer überlebt, leidet an Wachstumsverzögerung (Stunting), Auszehrung (Wasting) und Mangel an Vitaminen. Dies führt zu einer schlechteren Gehirnentwicklung, dauerhaften körperlichen Schäden und einer Schwächung des Immunsystems – und damit zu einer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten. Laut der Uno kann Mangelernährung in den ersten tausend Tagen nach der Geburt lebenslange Nachteile bringen.

Es ist ein Teufelskreis: Unterernährte Kinder lernen schlechter, haben später ein geringeres Einkommen und kommen aus der Armut nicht heraus. Damit gefährden und belasten sie ihre eigenen Kinder.

Niemand müsste hungern

Eigentlich müsste nicht eine Milliarde Menschen hungern, denn global werden genügend Lebensmittel produziert, um alle Menschen zu ernähren. Weltweit wird etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel verschwendet und weggeworfen.

Hunger ist eng mit Armut und nicht mit mangelnden Nahrungsmitteln verbunden. Auch wenn die Märkte voll sind, können sich viele Menschen die angebotenen Lebensmittel nicht leisten. Wegen Kriegen und Konflikten werden Felder zerstört, Menschen müssen fliehen und Lieferketten brechen zusammen. Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Erdbeben vernichten Ernten. Der Klimawandel mit der sich ausbreitenden Trockenheit und Dürre trägt in vielen Ländern immer mehr zur jetzt schon katastrophalen Lage bei. 

Stärkung der Frauen

Eine wichtige Rolle spielt auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln. Und vor allem: Korruption, unfähige Regierungen und Machthaber, deren Clans oft in Saus und Braus leben, verhindern eine wirtschaftliche Entwicklung und eine Bekämpfung der Armut und damit des Hungers.

Das World Food Programme legt bei seiner Arbeit in den ärmsten Ländern die Schwerpunkte nicht nur auf die Beschaffung von Nahrung, sondern auch auf den Ausbau der Lieferketten. Gefördert wird in Zusammenarbeit mit der FAO, dem UNHCR und Unicef auch der Zugang zu sauberem Wasser, zu Impfungen, medizinischer Versorgung und zur Entwicklung der Landwirtschaft. Vor allem werden auch Frauen unterstützt. Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Armut. Viele Studien zeigen: Wenn man Frauen stärkt, profitiert die ganze Gesellschaft.

Nur US-Produkte für die Hungernden?

Das World Food Programme wurde in den letzten zwei Jahren von der Amerikanerin Cindy McCain geleitet. Wegen gesundheitlicher Probleme ist sie jetzt zurückgetreten. Als ihren Nachfolger hat nun Trump Luke Lindberg vorgeschlagen. Der aus South Dakota stammende 37-Jährige ist Unterstaatssekretär für Handel und internationale Agrarangelegenheiten im Landwirtschaftsministerium. Er soll laut Berichten aus Kreisen des WFP weitere Kürzungen der internationalen Nahrungsmittelhilfe durchsetzen. Lindbergs Schwiegervater ist John Thune, der republikanische Mehrheitsführer im US-Senat.

Lindberg will für die internationale Nahrungsmittelhilfe vor allem amerikanische Landwirtschaftsprodukte einsetzen. Damit will er der US-Landwirtschaft zusätzliche Absatzmärkte verschaffen. Man könnte es pointiert formulieren: Das WFP, das nicht nur von den USA, sondern von weiteren über 50 Ländern Geld erhält, finanziert amerikanische Farmer. Diese Praxis war allerdings schon in früheren Jahren ab und zu angewendet worden.

«Ineffiziente» Politik

Lindberg hatte schon früher «South Dakota Trade» gegründet, eine Organisation, die Unternehmen im Mittleren Westen beim Zugang zu globalen Märkten unterstützt. Es ist anzunehmen, dass diese Organisation nun bei der Beschaffung von rein amerikanischen Nahrungsmitteln für die Hungernden eingesetzt wird.

Nick Coghlan, ein ehemaliger kanadischer Diplomat mit Erfahrung im Sudan und Südsudan, betrachtet diese Entwicklung als «ineffizient». Vor allem deshalb, weil die Beschaffung von Getreide in den USA und der weite Transport in die ärmsten Länder in Afrika und Asien mit erheblichen Kosten verbunden sind.

«America First»

Zudem würde diese «America First»-Praxis die aufkeimenden regionalen Anbaugebiete und Lebensmittelmärkte schwächen, anstatt sie zu stärken. Diese lokalen und regionalen Märkte, die durch WFP-Programme finanziell und mit Know-how gefördert werden, würden damit untergraben.

Damit wird genau das Gegenteil erreicht, was moderne Entwicklungshilfe propagiert: dass man den betroffenen Ländern helfen soll, sich selbst zu helfen.

Doch seit 1976 wird das World Food Programme von Amerikanern geleitet. Und die USA als grösste Geldgeber bestimmen die Politik: America first.

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