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Irankrieg

Der Morgen danach

7. April 2026 , Dubai
Reispflanzen
Reispflanzenmatten werden verladen für den Anbau im Reisfeld. Der Irankrieg hat die Energiepreise in die Höhe getrieben und die Düngemittel verknappt, was nicht nur hier in Malaysia, sondern in ganz Asien dazu führt, dass Lebensmittel und sonstige Waren massiv teurer werden. (Keystone/EPA, Fazry Ismail)

Dieser Beitrag befasst sich nicht mit den militärischen, rechtlichen oder politischen Dimensionen des Konflikts – so bedeutsam sie auch sind. Im Mittelpunkt stehen vielmehr zentrale wirtschaftliche Folgen, die weit über Öl und Energie hinausreichen: die Ernährungssicherheit, die Neubewertung globaler Schifffahrts- und Versicherungsmärkte sowie die schrittweise Neujustierung internationaler Kapitalströme.

Kriege enden. Ihre Folgen tun es selten in gleicher Weise. Während der Konflikt im Golf in seinen zweiten Monat geht und eine klare Lösung nicht in Sicht ist, liegt die Versuchung nahe, einen Waffenstillstand als eine Art Reset-Knopf zu begreifen – als Moment, nach dem das Leben weitgehend in gewohnte Bahnen zurückkehrt. Genau dieser Versuchung gilt es zu widerstehen. Denn die gravierendsten Kosten dieses Konflikts warten nicht auf ein Ende der Kampfhandlungen. Sie sind längst wirksam und beeinflussen bereits Lebensmittelsysteme, Versicherungsmärkte und die stille, aber folgenreiche Neubewertung regionaler Investitionsrisiken.

Bevor wir über Öl sprechen: über Lebensmittel

Die erste grundlegende Erkenntnis dieser Krise betrifft einen Aspekt, der vor dem 28. Februar kaum im öffentlichen Bewusstsein war: Die blockierte Meerenge verhindert nicht nur den Transport von Öl, sondern auch von essenziellen Rohstoffen für die globale Landwirtschaft.

Rund ein Drittel der weltweit gehandelten Düngemittel passiert diese Route. Die Golfstaaten stehen für nahezu die Hälfte der globalen Harnstoffexporte, etwa 44 Prozent des seegestützten Schwefelhandels und rund 30 Prozent der weltweiten Ammoniakexporte. Dabei handelt es sich nicht um verzichtbare Güter. Fallen sie weg, sinken die Erträge. Anders als beim Öl existieren für Düngemittel keine strategischen globalen Reserven. Kommt die Versorgung zum Erliegen, geschieht dies unmittelbar.

Selbst bei einer raschen Wiederöffnung der Route kann es Wochen dauern, bis Produktion und Logistik wieder anlaufen – Zeit, die Landwirte auf der Nordhalbkugel nicht haben. Der Frühling ist die entscheidende Phase für Kauf und Ausbringung von Düngemitteln. Die Folgen der bereits eingetretenen Störungen werden sich später im Jahr weltweit in den Supermärkten niederschlagen – unabhängig vom weiteren Verlauf der militärischen Ereignisse.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnt bereits vor sinkenden Erträgen bei Weizen, Reis und Mais in einem Szenario anhaltender Störungen. Die Auswirkungen könnten Anbauentscheidungen bis 2027 prägen. Besonders betroffen sind Regionen in Südasien, Ostafrika und Teilen des Nahen Ostens – Gebiete, in denen Lebensmittel einen grossen Anteil der Haushaltsausgaben ausmachen und bereits moderate Preissteigerungen gravierende soziale Folgen haben. Landwirte vor Ort benötigen keine weiteren Analysen: Viele können sich in dieser Saison keinen Dünger zu tragfähigen Preisen sichern. Der Schaden für die diesjährige Ernte ist vielerorts bereits entstanden.

Der Versicherungsmarkt hat die Lage neu bewertet

Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet, dass sich die Lage nach einem Ende der Kampfhandlungen rasch normalisieren werde. Märkte seien resilient – sie hätten frühere Krisen wie die Ölkrise von 1973, den Golfkrieg 1990 oder die Angriffe auf saudische Ölanlagen 2019 überstanden.

Das ist nur teilweise richtig. Denn diesmal hat sich ein entscheidender Faktor verändert.

Vor dem aktuellen Konflikt galt das Risiko einer Schliessung der Meerenge als theoretisch. Analysten kalkulierten es, Versicherer berücksichtigten es mit moderaten Prämien. Doch ein solches Szenario hatte sich in dieser Form in der modernen Weltwirtschaft nie realisiert. Nun ist es Realität geworden – und die Märkte haben reagiert.

Vor Ausbruch der Kämpfe lagen typische Kriegsrisikoprämien für eine einwöchige Passage zwischen 0,15 und 0,25 Prozent des Schiffswerts. Inzwischen sind sie auf bis zu 5 bis 10 Prozent gestiegen. Für einen Tanker im Wert von 100 Millionen Dollar können damit Versicherungskosten von bis zu 10 Millionen Dollar pro Durchfahrt anfallen. Jahrzehntelang basierten die Modelle auf Annahmen relativer Stabilität. Heute stützen sie sich auf konkrete Erfahrungen – und die Daten aus dem Jahr 2026 werden diese Modelle dauerhaft prägen.

Diese Neubewertung wird sich langfristig in Energieverträgen, Transportkosten und unternehmerischen Risikokalkulationen niederschlagen. Importierende Volkswirtschaften werden künftig einen konstanten Risikoaufschlag tragen – eingebettet in die Kosten jeder Lieferung durch diese Route. Ein vormals hypothetisches Risiko ist damit zu einem festen Bestandteil der Preisbildung geworden.

Die unerwartete Kapitaldebatte

Am wenigsten Beachtung findet bislang ein Aspekt, der möglicherweise die nachhaltigsten Folgen haben wird.

Die Golfstaaten sind in diesem Konflikt keine klassischen Kriegsparteien. Vielmehr tragen sie die Konsequenzen eines Krieges, der in ihrer unmittelbaren Umgebung – teils auf ihrem Territorium und in ihrem Luftraum – ausgetragen wird, ohne dass sie ihn initiiert haben. Diese Ausgangslage prägt die Interpretation wirtschaftlicher Entwicklungen.

Im Jahr vor Ausbruch des Konflikts befanden sich die Staatsfonds der Region in einer Phase intensiver internationaler Investitionstätigkeit. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar hatten gemeinsam Investitionen in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten angekündigt – insbesondere in Technologie, Immobilien, Private Equity und KI-Infrastruktur.

Ein erheblicher Teil dieser Ankündigungen bestand jedoch aus Absichtserklärungen und politischen Signalen, nicht aus vollständig realisierten Transaktionen. Dadurch entsteht Spielraum: Kapital kann umgelenkt werden, ohne formale Zusagen zurückzunehmen.

Insgesamt halten die Staatsfonds der Golfstaaten Vermögenswerte von über zwei Billionen Dollar in den USA. Diese Bestände werden nicht kurzfristig aufgelöst. Doch bereits eine Verlangsamung neuer Investitionen kann spürbare Effekte haben. Kapital, das für amerikanische Technologie-, Infrastruktur- oder Finanzprojekte vorgesehen war, könnte verstärkt in nationale Wiederaufbauprogramme und regionale Prioritäten fliessen.

Gerade private Märkte und langfristige Infrastrukturprojekte hatten stark auf Golfkapital als Ankerfinanzierung gesetzt. Eine Veränderung zeigt sich hier nicht abrupt, sondern schleichend: geplante Transaktionen verzögern sich, Fonds bleiben unter ihren Zielvolumina, Infrastrukturvorhaben kommen langsamer voran.

Mit dem Abklingen des Konflikts dürfte ein wachsender Anteil staatlicher Investitionen auf nationale Prioritäten konzentriert werden. Dies stellt keinen Rückzug aus der globalen Wirtschaft dar, sondern eine rationale Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen. Gleichwohl sollten die Auswirkungen auf internationale Kapitalmärkte genau beobachtet werden.

Was ein Waffenstillstand tatsächlich leistet

Ein Waffenstillstand wird zweifellos unmittelbare Entlastung bringen. Die Ölpreise dürften sinken, Märkte sich stabilisieren, akuter Druck nachlassen. Doch unter der Oberfläche bleiben strukturelle Veränderungen bestehen.

Der Versicherungsmarkt wird sich nur langsam erholen. Die Störungen bei Düngemitteln werden sich noch über die kommende Erntesaison hinaus in Preisen und Erträgen niederschlagen. Und die Neubewertung von Kapitalallokationen wird eigenen, längeren Zeitachsen folgen – geprägt von der Erfahrung, welche Partnerschaften sich als belastbar erwiesen haben.

Auch global wird die wirtschaftliche Normalisierung Zeit benötigen. Der Welthandel hat sich verlangsamt, bestehende Lieferkettenprobleme wurden verschärft. Besonders stark betroffen sind Länder mit begrenzten finanziellen Spielräumen, die steigende Energiepreise, Währungsdruck und höhere Lebensmittelkosten gleichzeitig bewältigen müssen.

Die Kosten der Unsicherheit

Neben den direkten wirtschaftlichen Effekten entstehen spezifische Kosten durch Unsicherheit. Märkte können negative Entwicklungen einpreisen – nicht jedoch Unklarheit über zukünftige Entwicklungen.

Die Kommunikation der Konfliktparteien war bislang inkonsistent. Ziele wurden angepasst, Zeitrahmen verändert, Bedingungen mehrfach neu formuliert – teils innerhalb weniger Tage. Diese Unberechenbarkeit erzeugt messbare wirtschaftliche Kosten: Investitionen werden aufgeschoben, Unternehmen agieren zurückhaltend, Verträge verzögern sich.

Ein Waffenstillstand allein wird dieses Problem nicht lösen. Vertrauen entsteht nur langsam – und setzt verlässliche Rahmenbedingungen voraus.

Offene Fragen einer veränderten Welt

Am Ende dieses Konflikts werden grundlegende Fragen stehen, deren Beantwortung Jahre in Anspruch nehmen dürfte:
Wie verwundbar ist das globale Ernährungssystem gegenüber der Störung einer einzelnen Handelsroute?
Wie belastbar sind zentrale Infrastruktur-Annahmen tatsächlich? Und wie stabil sind internationale Investitionspartnerschaften unter realem Druck?

Vor dem 28. Februar waren dies theoretische Überlegungen. Heute existieren dazu empirische Erfahrungen.

Die Waffen werden irgendwann schweigen. Doch die Welt danach wird mit Konsequenzen leben müssen, die lange vor dem Ende der Kämpfe eingesetzt haben.

Dieser Text versteht sich als analytischer Beitrag zu einer sich weiterhin dynamisch entwickelnden Lage. Er erhebt keinen Anspruch auf abschliessende Bewertung. Entwicklungen können sich ändern. Ziel ist es, Denkanstösse zu liefern – nicht ein endgültiges Urteil.

Die Tunesierin Rahma Ouanes ist Rechtsanwältin und in leitenden Positionen bei multinationalen Unternehmen tätig, wo sie komplexe Rechtsfälle im Nahen Osten betreut. Sie hat einen Master of Advanced Studies in internationaler Schiedsgerichtsbarkeit und internationaler Streitbeilegung vom Graduate Institute of International and Development Studies (IHEID) in Genf. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst internationale Angelegenheiten mit den Schwerpunkten Geopolitik und Wirtschaft.

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