Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Griechenland

Die Krise 2010–2015 im Licht der Epstein-Files

4. März 2026
Daniel Funk
Daniel Funk
Alexis Tsipras
Alexis Tspiras, griechischer Ministerpräsident während der Krisenzeit, hier beim Rücktritt vom Präsidium der Syriza-Partei am 29. Juni 2023 (Keystone/EPA, Orestis Panagiotou)

Enthüllungen aus den Epstein-Files werfen ein neues Licht auf den Druck internationaler Eliten während der Staatsschuldenkrise – und erklären, warum der politische Kurswechsel unter Tsipras den grossen Ausverkauf des Landes erfolgreich stoppte.

Griechenlands jüngere Geschichte lässt sich heute klarer lesen als noch vor wenigen Jahren. Die Veröffentlichung der sogenannten Epstein-Files hat Dokumente ans Licht gebracht, die zeigen, wie eng wirtschaftliche Interessen, politische Netzwerke und informelle Machtzirkel während der Schuldenkrise ineinandergreifen wollten. Zugleich erklärt dieser Blick zurück, warum der spätere politische Bruch – insbesondere mit dem Amtsantritt von Alexis Tsipras – für viele Akteure überraschend war und weshalb zentrale Pläne scheiterten.

2012: Griechenland als Beute in der Krise

Im Jahr 2012 stand Griechenland am Abgrund. Austerität, Massenarbeitslosigkeit und Privatisierungsdruck prägten den Alltag. Der staatliche Privatisierungsfonds HRADF sollte öffentliche Vermögenswerte veräussern, um Gläubiger zu bedienen. Genau hier setzen die heute bekannten Dokumente an.

Eine E-Mail aus dem Umfeld des später wegen seiner Epstein-Verbindungen zurückgetretenen britischen Spitzenpolitikers Peter Mandelson beschreibt detailliert, wie internationale Netzwerke im Vorfeld der Wahlen vom 17. Juni 2012 Einfluss nehmen wollten. Ziel war es, Investoren zu mobilisieren und die «Verhandlungspositionen mit einer neuen griechischen Regierung zu beeinflussen». Erwähnt werden Brüssel, Berlin, Paris, London und Institutionen wie EZB und Bundesbank. Damit erhärtet sich, was Kritiker lange vermuteten: Griechenland galt nicht nur als Sanierungsfall, sondern als Gelegenheit, Filetstücke öffentlichen Eigentums unter internationaler Koordination neu zu verteilen.

Die Freigabe der Akten aus dem Umfeld von Jeffrey Epstein zeigt kein monolithisches Komplott, aber ein dichtes Geflecht aus Politik, Finanzwelt und Lobbyismus. Griechenland taucht tausendfach in den Datensätzen auf. Der Eindruck: Noch bevor Wähler entscheiden konnten, sollten Fakten geschaffen werden – Verträge, Absprachen, Erwartungen –, die einen politischen Kurswechsel praktisch unmöglich machen würden. Demokratie erschien dabei als Störfaktor, nicht als Grundlage. Der Wählerwille sollte «eingepreist» und neutralisiert werden.

2015: Der unerwartete Bruch

Diese Strategie ging nur teilweise auf. Zwar gewann die Koalition der radikalen Linken (Syriza) 2012 noch nicht, doch im Januar 2015 kam es zum politischen Erdrutsch. Alexis Tsipras übernahm das Amt des Ministerpräsidenten. Seine Regierung galt – auch unter Gegnern – als deutlich weniger in bestehende Klientel- und Korruptionsstrukturen eingebunden als frühere Eliten.

Der grosse, von aussen geplante Ausverkauf blieb aus. Privatisierungen wurden verlangsamt, neu verhandelt oder politisch blockiert. Das brachte Griechenland in harte Konflikte mit den internationalen Geldgebern, der Troika, verhinderte aber, dass zentrale staatliche Assets unter Krisenbedingungen endgültig verscherbelt wurden. Genau hier scheiterte der Zugriff jener Netzwerke, die sich 2012 bereits in Stellung gebracht hatten.

Der Kontrast zur Gegenwart ist deutlich. Griechenland ist nicht mehr Objekt, sondern Akteur europäischer Politik. Mit der Wahl von Kyriakos Pierrakakis an die Spitze der Eurogruppe übernimmt erstmals seit der Schuldenkrise wieder ein Grieche eine Schlüsselrolle der europäischen Finanzarchitektur. Das Land, einst Symbol für Staatsversagen, gilt heute als reformfähig und institutionell stabilisiert.

Parallel dazu entstehen neue Bürgerbewegungen, die aus Erfahrungen wie der Tragödie von Tempi gelernt haben und Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Kontrolle einfordern. Auch das ist eine Spätfolge jener Jahre, in denen politische Entscheidungen allzu oft außerhalb demokratischer Öffentlichkeit vorbereitet wurden.

Lehren gezogen

Die Epstein-Files liefern keinen abschliessenden Beweis für illegale Steuerung, aber sie bestätigen, wie real der Versuch war, Griechenland in der Krise von aussen zu formen, zu regieren und wirtschaftlich zu übervorteilen – gegen den erklärten Willen grosser Teile der Bevölkerung. Dass dieser Versuch nicht vollständig gelang, hängt eng mit dem politischen Einschnitt von 2015 zusammen. Ab dem Amtsantritt von Alexis Tsipras besserte sich die Situation – auch die Wirtschaftsdaten wurden wieder besser.

Das heutige Griechenland ist das Ergebnis dieser Abwehrschlacht: misstrauischer gegenüber Elitenmacht, sensibler für Demokratie – und zugleich wieder handlungsfähig in Europa. Gerade deshalb lohnt der Blick zurück. Denn er zeigt, dass politische Souveränität kein Zustand ist, sondern immer wieder neu verteidigt werden muss.

Letzte Artikel

Eine Stimme der Tiefe und der Stille

Thomas Fischer 6. März 2026

Sehr bunt ist die Opposition

Ali Sadrzadeh 6. März 2026

Junger Mann mit grossen Plänen

Rolf App 6. März 2026

Bruder Moskau

Renate Flottau 6. März 2026

Die Zwangsjacke ist das falsche Kleid

Jürg Schoch 5. März 2026

Hommage an Lohses Anti-Kunst

Urs Meier 5. März 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.