Nahezu zeitgleich mit den Meldungen von Unglücksfällen tauchen die ersten Beschuldigungen wegen der vermeintlichen Nachlässigkeit der mehr oder weniger Verantwortlichen auf. Demnach laufen Vorkehrungen zur Wahrung der Sicherheit immer dann ins Leere, wenn die Verantwortlichen versagen. Doch diese Sichtweise ist zu einfach.
Der Einbruch im Louvre, der Hochhausbrand in Hongkong und jetzt die Katastrophe von Crans-Montana haben soviel gemeinsam, dass im Nachhinein auf Versäumnisse bis hin zu krassem Fehlverhalten der Verantwortlichen aufmerksam gemacht wird. In Hongkong soll sogar Korruption im Spiel gewesen sein. Entsprechend wurde Geld, das für Sicherheitsmassnahmen hätte ausgegeben werden sollen, in private Taschen gelenkt.
Das Spektrum der Versäumnisse bis hin zu kriminellen Handlungen ist breit. Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass Sicherheit mit Aufwand verbunden ist. So ist es lästig, Zutrittsbeschränkungen einzuführen und durchzusetzen, um Menschen im Falle von Bränden das sichere Verlassen der gefährdeten Räume zu ermöglichen. Zwar ist es relativ leicht möglich, Gefahren, die zum Beispiel mit baulichen Konstruktionen oder der verwendeten Materialen verbunden sind, zu benennen. Aber wer setzt letztendlich die Abhilfe durch? Meistens kennt man sich vor Ort, und niemand möchte allzu hart auftreten.
Sicherheitsmassnahmen sind Stiefkinder des Alltags. Sie sind mit Umständen verbunden, die man sich ersparen möchte. Das ist menschlich. Allerdings ist es nicht unausweichlich. Die moderne Medizin, der Flugverkehr und überhaupt die Mobilität wären nicht möglich, wenn das Thema der Sicherheitsmassnahmen nicht komplett neu gedacht worden wäre. Medizin und Verkehr haben gemeinsam, dass sich mit ihrer Entwicklung die Risiken enorm erhöhen. Wenn es nicht gelungen wäre, ihre Risiken in den Griff zu kriegen, gäbe es keine massenhafte Akzeptanz des Flugverkehrs oder medizinischer Eingriffe.
Umstellung der Kommunikation
Ein entscheidender Punkt bei der Reduktion von Risiken ist dabei die Umstellung der Kommunikation. Normalerweise ist es so, dass niemand gern einen Fehler zugibt. Die Nachteile liegen auf der Hand. Vertuschte Fehler sind vergebene Lernchancen. Also wurde bei Piloten, Fluglotsen, aber auch bei Ärzten die Kommunikation umgestellt, indem dem eigenen Hinweis auf einen unterlaufenen Fehler niemals mit einem Vorwurf begegnet werden darf. Vielmehr wird geprüft, ob sich aus diesem Fehler etwas für das System lernen lässt. Der Fachausdruck dafür lautet «Critical Incidence Reporting System CIRS». Bei Fluglotsen kommt noch eine Besonderheit hinzu. Denn ihre Stressbelastung ist zum Teil noch höher als die von Piloten, und es kann passieren, dass sie auf ihrem Bildschirm sehen, wie sich eine Beinahe-Katastrophe anbahnt. Sie haben Anspruch darauf, in einem ausführlichen «Debriefing» das Erlebte zu verarbeiten und sich falls nötig eine Auszeit zu nehmen.
Der Blick auf die individuelle Mobilität zeigt wiederum, dass sich der «menschliche Faktor» nicht leicht zähmen lässt. Auto und Motorrad waren ursprünglich – und sind es noch – Ausdruck individueller Freiheit. Damit vertrug es sich ursprünglich überhaupt nicht, Vorschriften bezüglich der Sicherheit zu machen. Als der Sicherheitsgurt eingeführt wurde, gab es dagegen grosse Widerstände. Aus heutiger Sicht ist es amüsant, noch einmal die damaligen Debatten zu verfolgen. Aber die Marketingabteilungen der Automobilindustrie haben gelernt. Sie machten aus den danach folgenden technischen Entwicklungen zugunsten der Sicherheit Verkaufsargumente: Scheibenbremsen, ABS, Airbag. Die Autos wurden mit diesen Einrichtungen wertvoller und begehrenswerter, und die Werbung stellte das heraus. Weil diese technischen Systeme inzwischen selbstverständlich sind, treten sie in den Hintergrund und werden durch nervendes Gepiepe abgelöst, das schon ertönt, wenn man auch nur den Zündschlüssel umdreht. Aber das ist ein eigenes Thema.
Aus der Sicherheitskultur in den avancierten technischen Bereichen, aber auch in der Medizin, liesse sich etwas lernen: Es genügt nicht, bei Katastrophen reflexartig nach vermeintlich Schuldigen zu suchen und diese an den Pranger zu stellen. Die Aufgabe ist wesentlich anspruchsvoller. Es müsste sich eine Haltung entwickeln und durchsetzen, die es ermöglicht, auf Missstände, die zu Unglücksfällen führen können, hinzuweisen, ohne dass diese Warnungen gleich als Nörgelei abgetan werden. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, zumal der Lohn bestenfalls darin besteht, dass das, wovor gewarnt worden ist, im Erfolgsfall nicht eintritt. Den Anfang könnte die Berichterstattung machen, indem sie sich nicht allein auf die vermeintlich Verantwortlichen fixiert, sondern beharrlich danach fragt, ob nicht auch andere allzu unbesorgt gewesen sind.