In Washington DC hat sich zum ersten Mal Donald Trumps «Board of Peace» getroffen, um den Wiederaufbau Gazas nach über zwei Jahren Krieg in die Wege zu leiten. Doch es dürfte noch dauern, bis den hehren Worten des Gremiums auch Taten folgen.
Von Frieden nach wie vor entfernt ist auch das Westjordanland, wo die Attacken jüdischer Siedler auf palästinensische Dörfer ungehindert anhalten. Derweil erzählt der Film «Palestine 36» eindringlich von den Wurzeln des Nahost-Konflikts.
Der amerikanische Präsident eröffnete am Donnerstag im neu nach ihm benannten «Donald J. Trump Institute of Peace» in Washington DC die erste Sitzung des 2025 vom Weissen Haus ins Leben gerufenen «Board of Peace». Dem Gremium, das Trump offenbar als eine Art Parallel- oder Gegen-Uno versteht, gehören bisher 27 Nationen an. In Europa sind es Albanien, Bulgarien, Kosovo, Ungarn und Weissrussland.
Ins Board eingeladen war auch Russland, während der Vatikan aufgrund «gewisser kritischer Gegebenheiten» eine Mitgliedschaft ausschliesst. Die Schweiz war als Beobachterin präsent, hat aber noch nichts Näheres über einen allfälligen Beitritt entschieden. Dafür nahm Fifa-Präsident Gianni Infantino am Treffen des Friedensgremiums teil. Der Weltfussballverband soll den Fussballsport in Gaza fördern und bis in drei Jahren ein Nationalstadion für 20’000 Zuschauer bauen.
«Der Krieg in Gaza ist vorbei», deklarierte Donald Trump in seiner Eröffnungsrede und verkündete, neun Mitgliedländer hätten sieben Milliarden Dollar an Wiederaufbauhilfe zugesagt. Der Präsident versprach, die USA selbst würden zehn Milliarden Dollar beitragen, ohne aber zu sagen, woher das Geld kommen soll oder ob der Kongress informiert ist. Fünf Länder haben zugesagt, Friedenstruppen zu stellen, während Ägypten und Jordanien in Gaza «vertrauenswürdige» Polizisten ausbilden wollen. Laut US-Generalmajor Jasper Jeffers, dem Kommandanten der «International Stabilization Force for Gaza»(ISF), soll die Truppe dereinst 20’000 Soldaten zählen, während 12’000 Polizisten zu schulen sind.
Keine konkreten Ideen
Im Gegensatz zu den konkreten Zusagen und Versprechen steht allerdings die Realität in Gaza. Noch hat die Hamas nicht zugestimmt, sich entwaffnen zu lassen, und nach wie vor besetzt Israel mehr als die Hälfte des Küstenstreifens, dessen Wideraufbau Schätzungen zufolge bis zu 70 Milliarden Dollar kosten wird. Uno-Angaben zufolge sind im Krieg rund 80 Prozent der Gebäude in Gaza entweder beschädigt oder zerstört worden und Israel erschwert oder verzögert trotz des harschen Winterwetters noch immer die Einfuhr von Notunterkünften – Vorwürfe, welche die für den Zugang zu Gaza zuständige Instanz der israelischen Armee (COGAT) dementiert: «Die Realität ist das pure Gegenteil.»
Konkretere Vorstellungen, wie der Wiederaufbau in Gaza zu bewerkstelligen sei, waren in Washington DC kaum zu hören. Auch ist der im vergangenen Oktober ausgehandelte Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas fragil: Seit dessen Inkrafttreten hat die israelische Armee (IDF) in Gaza 611 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet – der IDF zufolge als Reaktion auf fast tägliche Verletzungen der Waffenruhe durch die Hamas oder um akute Bedrohungen zu eliminieren. Unter den Getöteten befinden sich nach wie vor viele Frauen und Kinder.
Unveränderte Realität am Boden
Zwar ist der einzige Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten wieder offen, nachdem er während 20 Monaten die meiste Zeit geschlossen war. Doch nur relativ wenige Menschen, meistens Patienten, die im Ausland medizinische Hilfe erhalten sollen, sowie ihre Betreuer haben bisher den Übergang bei Rafah zu Fuss überqueren können. Auch sind Palästinenserinnen und Palästinenser aus dem Ausland nach Gaza zurückgekehrt.
Viel mehr ist nicht möglich, denn keine Seite ist bereit, vor der anderen Konzessionen zu machen. «Alle Strukturen sind bereit, aber am Boden hat sich nichts verändert», sagt Shira Efron, Israel-Expertin der amerikanischen Denkfabrik RAND Corporation: «Der Wiederaufbau und der israelische Truppenrückzug hängen von der Entwaffnung (der Hamas) und dem Einsatz der International Stabilization Force ab.» Noch aber ist, so Efron, die Hamas nicht bereit, die Kontrolle über Gaza abzugeben – weder politisch noch militärisch.
Höhere Opferzahlen
Zwar hat Donald Trumps «Board of Peace» eine Kommission palästinensischer Technokraten als Übergangsregierung für Gaza nominiert, doch das Gremium sitzt nach wie vor in Kairo. «Sie müssen mit etwas Vorzeigbarem zurückkehren können, um die Herzen und den Verstand der Menschen in Gaza gewinnen zu können», sagt Professor Mkhaimar Abusada, ein palästinensischer Politologe, der in der ägyptischen Hauptstadt im Exil lebt: «Trump versucht, die Dinge rosig aussehen zu lassen, aber in Tat und Wahrheit ist die Lage noch immer katastrophal.»
Währenddessen ist eine am 18. Februar 2026 von der renommierten britischen Medizinzeitschrift «Lancet Global Health» publizierte Studie zum Schluss gekommen, dass die vom Gesundheitsministerium in Gaza (MoH) veröffentlichten Opferzahlen des Kriegs im Küstenstreifen eher eine konservative «Grundlage» als eine propagandistische Übertreibung darstellen, wie der Behörde in Israel und im Ausland wiederholt und unbelegt vorgeworfen worden ist.
75’200 «gewaltsame Tode»
Während das MoH bis Mitte Februar 2026 von mindestens 72’063 Getöteten ausgeht, schreibt «Lancet», basierend auf einer repräsentativen Haushaltsumfrage in Gaza, von 75’200 «gewaltsamen Toden» zwischen dem 7. Oktober 2023 (dem Tag des Massakers der Hamas) und dem 5. Januar 2025. Die Differenz der Opferzahl führt die Zeitschrift auf den Kollaps der Infrastruktur zurück, die in Gaza für das Zählen der Toten zuständig gewesen ist, wie auch auf die systematische Zerstörung von Spitälern und Kliniken.
Die «Lancet»-Studie schätzt für denselben Zeitraum die Zahl «nicht gewaltsamer Tode» auf 16’300, einschliesslich 8’540 «Überschuss»-Tode, die der Verschlechterung der Lebensbedingungen und dem durch Israels Boykott verursachten Kollaps des medizinischen Sektors zuzuschreiben sind. Auch dürften sich in Gaza nach wie vor Tausende Leichen oder bis zur Unkenntlichkeit Verstümmelte unter den Trümmern zerbombter Gebäude befinden. Gleichzeitig schätzt eine Studie der amerikanische Duke University und des Al-Shifa Spitals in Gaza die Zahl der bis zum 30. April 2025 Kriegsverwundeten auf 116’020, unter denen zwischen 29’000 und 46’000 chirurgische Eingriffe benötigen.
Palästinensische Journalisten misshandelt
Mehr als 80 Prozent dieser Verletzungen sind das Resultat von Explosionen, in erster Linie von Luftangriffen und von Beschuss in dicht bevölkerten Stadtgebieten. Ärztinnen und Ärzten zufolge können die Folgen solcher Verletzungen ein Leben lang andauern, es sei denn, es gebe eine massive Zunahme an internationaler Hilfe in rekonstruktiver Chirurgie. In Gaza gab es vor dem Krieg auf 2,2 Millionen Menschen lediglich acht plastische und rekonstruktive Chirurginnen und Chirurgen.
Indes legt ein neuer Bericht der NGO «Committee to Protect Journalists» (CPJ) dar, dass rund 60 palästinensische Medienschaffende, die Israel seit dem 7. Oktober 2023 festgenommen hat, geschlagen, mangelhaft ernährt und sexueller Gewalt ausgeliefert worden sind. Der Report basiert auf Interviews mit 59 Journalisten, von denen 58 ausgesagt haben, sie seien gefoltert worden, während sie in israelischer Haft sassen: «Während die Bedingungen in verschiedenen Anstalten variierten, waren die Methoden, über welche die Inhaftierten berichteten, auffällig konsistent: physische Gewalt, erzwungene Stresspositionen, Reizentzug, Mangelernährung, sexuelle Gewalt und medizinische Vernachlässigung.» Ahmed Shaquorua zum Beispiel, Reporter von Palestine Today TV, verlor während 14 Monaten in den Gefängnissen Ktzi’ot und Al-Jalama 54 Kilogramm.
Israel weist Vorwürfe zurück
48 Medienschaffende, eine Mehrheit der Befragten, sind nie irgendeines Verbrechens angeklagt worden und aufgrund eines administrativen Systems im Gefängnis gesessen, das es erlaubt, Menschen zu inhaftieren, ohne Anklage zu erheben – in den meisten Fällen für sechs Monate, aber auch für eine Dauer, die unbegrenzt verlängert werden kann. Seit Oktober 2023 sind gemäss der NGO «Physicians for Human Rights – Israel» 94 Palästinenser in israelischer Haft gestorben.
Ein Sprecher der israelischen Gefängnisbehörde (IPS) weist die Anschuldigungen der Misshandlung palästinensischer Gefangener im Bericht des CPJ «kategorisch» zurück. Jeder konkrete Vorwurf, der durch die offiziellen Kanäle gemeldet werde, heisst es, würde von den zuständigen Behörden «im Einklang mit etablierten Vorgehensweisen» untersucht. Die IDF ihrerseits weisen Vorwürfe bezüglich des systematischen Missbrauchs von Inhaftierten, einschliesslich Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, «vollumfänglich» zurück.
Ein aktueller Historienfilm
Von einer Zeit vor der Gründung des Staates Israel erzählt derweil der Film «Palestine 36» der in Bethlehem lebenden palästinensischen Regisseurin Annemarie Jacir – neben «The Voice of Hind Rajab» und «All That’s Left of You» eines von drei Werken, die sich mit der Geschichte und der aktuellen Lage Palästinas befassen und heute internationale Anerkennung finden. «Palestina 36» blickt zurück auf eine weniger bekannte Episode der palästinensischen Geschichte: die von Bauern angeführte Revolte gegen die britischen Kolonialisten während der Mandatszeit. Die Produktion des Films wurde am 7. Oktober gestoppt und vom Westjordanland nach Jordanien verlegt, wo erneut ein für die Dreharbeiten geeignetes Dorf gefunden werden musste.
«Haaretz»-Mitarbeiterin Nagham Zbeedat sah sich den Film in einer «gemischten» (d. h. israelisch-arabischen) Stadt an, nachdem eine geplante Vorführung in Jerusalem von der Polizei gestoppt worden war: «Als eine palästinensische Bürgerin Israels verstand ich die Absetzung nicht als eine Sicherheitsmassnahme, sondern als eine Erinnerung daran, dass palästinensische Geschichten nur geduldet werden, solange sie still und beherrscht sind. Der kulturelle Raum wie der politische Raum gehört nie völlig uns; er ist lediglich geliehen, abhängig und kann ohne Erklärung weggenommen werden.»
«Rede ist gefährlich»
Alle Kino-Besucherinnen und -Besucher seien sich des Umstands bewusst gewesen, dass das Schauen eines palästinensischen Films ein stark aufgeladener Akt geworden war: «Ich fühlte die bekannte Spannung, einen Raum einzunehmen, der dich eigentlich nicht will, selbst wenn er dich eintreten lässt.»
Eine Szene, in der ein Sprecher den Start der ersten Radiostation Palästinas ankündigt und den Hörerinnen und Hörern versichert, der Sender werde nicht über Politik berichten, berührte Naghm Zbeedaz unerwartet stark: «Die palästinensische Präsenz ist stets nur unter der Bedingung geduldet worden, dass sie apolitisch, harmlos und anspruchslos bleibt. Sobald Palästinenserinnen und Palästinenser von Rechten, von Freiheit oder von Selbstbestimmung sprechen, werden ihre Worte als Aggression behandelt. Schweigen ist zulässig. Rede ist gefährlich.»
Erinnerungen, die verunsichern
«Palestine 36» sei nicht nur ein Film über das palästinensische Leben unter dem britischen Kolonialismus, schliesst die «Haaretz»-Journalistin: «Es ist ein Film über palästinensisches Leben unter israelischer Besatzung (…) Der Film attackiert Israel nicht, das damals noch nicht existiert hat. Er beharrt auf dem palästinensischen Narrativ – und deshalb wird er als gefährlich eingestuft. In jenem dunklen Kino sitzend verstand ich, dass es nicht Anklagen sind, welche die Macht am stärksten verunsichern, sondern Erinnerungen, die sich weigern, zu verblassen.»
In die Gegenwart zurück verwies Mitte Woche auch ein Vorfall im Westjordanland, wo jüdische Siedler das Dorf Mukhmas attackierten und den 19-jährigen Nasrallah Abu Siam töteten und drei weitere Dorfbewohner verwundeten. Ein Augenzeuge berichtete, Siedler hätten den Jugendlichen umzingelt, nachdem er angeschossen worden war, und ihn mit Stöcken und Steinen angegriffen und fast getötet. Abu Siam starb am Tag danach an seinen Verletzungen.
«Der Vorfall wird untersucht»
Die Siedler, sagte der Einheimische, hätten sich wie Tiere verhalten: «Ihnen war alles Menschliche fremd.» Die Soldaten der IDF hätten lediglich zugeschaut und Tränengas in Richtung der Dorfbewohner geworfen. Ein israelischer Armeesprecher teilte mit, das Militär sei sich keiner Schüsse während des Vorfalls bewusst, bestätigte aber, Soldaten hätten Massnahmen ergriffen, um die Menge zu kontrollieren: «Der Vorfall wird untersucht.»
Immerhin fühlte sich unter der Woche Israels Generalstabschef Eyal Zamir bemüssigt, mitzuteilen, die Armee müsse gegen die Siedlergewalt im Westjordanland vorgehen: «Ultranationales Verbrechen schadet der Armee und dem Land.» Die Sicherheitskräfte hätten die Pflicht, unverzüglich zu handeln und nicht tatenlos zuzusehen» sowie unbeteiligte Zivilisten zu schützen. Doch laut einem Leitartikel in «Haaretz» wurzelt das Problem tiefer als in einem Mangel an Durchsetzungsvermögen: «Zamir weiss das und spielt den Unschuldigen. Das Militär schaut weg und kooperiert manchmal mit gewalttätigen Siedlern.»
Seit dem Amtsantritt von Premier Benjamin Netanjahu im Jahr 2022 haben israelische Soldaten oder Siedler im Westjordanland mehr als 1’300 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet. Gleichzeitig hat die Regierung in Jerusalem den Bau einer Rekordzahl neuer Siedlungen bewilligt und jüngst Massnahmen gutgeheissen, die es Siedlern erleichtern sollen, Land zu kaufen und so die Kontrolle über das Gebiet zu verstärken. Dies, obwohl sich Donald Trump gegen eine Annexion des Westjordanlands ausgesprochen, bisher aber nichts Konkretes unternommen hat, um sie zu stoppen.
Die Armee schützt die Täter
Die Siedlergewalt, so «Haaretz» beschränke sich nicht auf Brandstiftung, brutale Attacken oder kurzfristige Pogrome, obwohl die IDF auch das nicht verhinderten: «Die extremsten, offenkundigsten Vorfälle, jene, welche die Aufmerksamkeit der Medien am stärksten auf sich ziehen, stellen nur einen Bruchteil des täglichen Musters andauernder Gewalt dar. Statt diese einzudämmen, beschützt die Armee häufig die Täter.»
Seit Beginn des Krieges in Gaza sind im Westjordanland an die 100 illegale Ranches etabliert worden, die von der israelischen Armee beschützt werden: «Zamirs wichtige Bemerkungen dürfen nicht leere Rhetorik bleiben. Er muss dafür sorgen, dass die Armee die lokale Bevölkerung tatsächlich beschützt und entschieden gegen die Siedler vorgeht. Er wird allein aufgrund der Taten am Boden beurteilt werden.»
Quellen: New York Time, Washington Post, Guardian, Haaretz, Al Jazeera, AP