Graubünden war nie nur Rückzugsort – und nie nur Durchgangsland. Zwischen Weite und Enge, Offenheit und Bewahrung hat sich seine Geschichte geformt. Am Septimerpass lässt sich diese Spannung wie unter einem Brennglas erkennen. Wer hier steht, blickt nicht nur in eine Landschaft, sondern in ein Stück Schweiz.
Graubünden ist Projektionsfläche. Für die einen ist es das Engadin, ein «vorgeträumtes Paradies», wie es Hermann Hesse empfand. Für andere sind es Heidiland, Schellenursli, Chalandamarz, Capuns oder Pizzoccheri. Doch wer das Bündnerland auf touristische Bilder reduziert, verkennt seinen historischen Kern.
Ein verwinkeltes Nebeneinander und Ineinander
Die Geschichte Graubündens ist auch die Geschichte seiner Pässe. In dieser oft zitierten Formel liegt mehr Wahrheit, als es zunächst scheint. Denn dieses Gebirgsland besitzt keine einfache Grundlinie. Es ist ein Ineinander von Tälern, Sprachen und Konfessionen, ein verwinkeltes System von Wasserscheiden und Übergängen. Weitläufig – und doch eng gekammert. Abgeschlossen – und doch offen. Zwischen Welt-Weite und Tal-Enge entfaltet sich seine Eigenart.
Die Alpen sind hier kein Riegel. Sie sind eine Tür.
Das natürliche Netzwerk der Wege
Wer die Karte betrachtet, erkennt rasch: Graubünden bildet ein natürliches Netzwerk. Von Norden her führen Wege aus dem Bodenseeraum und dem Alpenrheintal herauf, von Süden öffnen sich Zugänge zur Lombardei und in die Poebene. Diese Übergänge machten das Land früh zu einem Durchgangsraum grossen Stils. Kulturelle Einflüsse aus dem Norden, aus dem Osten und aus dem mediterranen Raum trafen hier aufeinander. Sie sickerten langsam in die Täler, doch irgendwann erreichten sie jeden Winkel.
Zugleich konnte Graubünden Rückzugsgebiet sein, ein Réduit in den Alpen. Gerade diese Spannung zwischen Offenheit und Abgeschlossenheit prägt seine Geschichte. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der Septimerpass.
Der Septimer – Schlüssel zwischen Nord und Süd
Der Übergang liegt auf gut 2300 Metern Höhe zwischen Bivio im Oberhalbstein und Casaccia im Bergell. Heute wirkt er unscheinbar – eine weite, karge Hochfläche, vom Wind gezeichnet. Doch historisch war er ein Schlüsselraum. Er verband das Alpenrheintal mit Norditalien und gehörte zu den direktesten Routen zwischen Bodensee und Mailand.
Bereits in römischer Zeit spielte dieser Alpenpass eine strategische Rolle. Als die Römer um 15 vor Christus im Zuge der Alpenfeldzüge unter Kaiser Augustus das Gebiet eroberten, wurde Rätien systematisch in ihr Reich eingegliedert. Das Kerngebiet der römischen Provinz Rätien (lat. Raetia) bildete das heutige Graubünden.
Archäologische Funde auf der Passhöhe – Zeltheringe, Waffenreste, Werkzeuge, Hunderte von Schuhnägeln – belegen die Existenz eines römischen Heerlagers. Hier oben standen zeitweise bis zu 1’200 Soldaten. Kein zufälliger Rastplatz, sondern ein militärischer Stützpunkt in hochalpiner Lage (1).
Ein Pass war nicht nur Geografie. Er war Macht.
Wer diesen Übergang kontrollierte, kontrollierte den Verkehr zwischen Nord und Süd: Warenströme, Truppenbewegungen, Nachrichten. Händler zogen mit ihren Gütern über den Septimer, Hirten mit ihren Tieren, Pilger auf dem Weg nach Rom. Klöster und Adelsfamilien erhoben Zölle. Der Übergang war kurz, direkt, strategisch günstig – und bereits im Mittelalter für zweirädrige Karren ausgebaut. Könige überschritten ihn ebenso wie Wandermönche.
Moderne Forschungsmethoden – etwa LiDAR-Scans aus der Luft (2) – haben in den letzten Jahren zusätzliche Spuren entlang der alten Wege sichtbar gemacht: Lagerplätze, Beobachtungsposten, Geländestrukturen, die dem blossen Auge entgehen. Die Landschaft beginnt zu sprechen. Nicht laut, nicht spektakulär, aber beharrlich.
Sie erzählt von Bewegung.
Eine raue Alpenperle
Der Septimer ist keine glänzende Perle im Bündner Schmuckkasten. Eher eine raue Bergperle. Gezeichnet von Wind und Schnee. Vom Stampfen römischer Stiefel. Vom Rasseln der Maultiergeschirre. Von Jahrhunderten des Übergangs.
Wer heute auf markierten Wanderwegen hinaufsteigt, folgt unbewusst jahrtausendealten Spuren. Unter den Füssen liegt kein leeres Terrain, sondern ein historischer Resonanzraum. Geschichte befindet sich nicht nur im Museum. Sie liegt vielfach im Gelände – eingeschrieben in alte Saumpfade, in Geländekanten, in die Linienführung eines Weges.
Durchgang und Rückzug
Was sich hier im Kleinen zeigt, gehört zum Grundmuster der Schweiz. Das Land war nie nur Schutzraum hinter Bergen. Es war stets auch Kreuzungspunkt europäischer Wege. Händler, Söldner, Reformatoren, Flüchtlinge – sie alle bewegten sich durch diesen Raum oder fanden in ihm auch Zuflucht.
Die Schweiz lebt aus einer Spannung: Offenheit nach aussen und Bewahrung im Innern. Welt-Weite und Tal-Enge (3) sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.
Spannungen tragen
Wer auf dem Septimerpass steht, spürt beides: den weiten Blick nach Süden, die Enge der Täler im Rücken.
Der Wind weht über die Höhe wie vor zweitausend Jahren. Kein Schild erklärt die Geschichte. Und doch ist sie da: In den Steinen. Im Verlauf des Weges. Im Schweigen der Berge.
Vielleicht liegt darin sein leiser Sinn: dass Verbindung nicht laut sein muss – und dass Weite und Enge einander tragen.
(1) Werner Zanier (2025), Römerlager im Hochgebirge, in: Akademie Aktuell Jg. 2025/Heft 3, Nr. 87, S. 22ff.; ders. (2006), Der römische Alpenfeldzug über den Septimer 15 v. Chr., in: Akademie Aktuell Jg. 2005/Heft 3, Nr. 18, S. 28ff.
(2) Römisches Militärlager in Graubünden neu entdeckt, S. 1, in: https://www.gr.ch/DE/Medien/Mitteilungen/MMStaka/2024/Seiten/2024082903.aspx [abgerufen: 19.02.2026]
(3) Der Ausdruck stammt aus: Fritz René Allemann (1965), 25mal die Schweiz. München: Piper Verlag; 4., überarb. A. als 26mal die Schweiz, ebda. 1985. S. 528.