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Architektur

Denkmal Kernkraftwerk

31. März 2026
Fabrizio Brentini
Kernkraftwerk Leibstadt
Kernkraftwerk Leibstadt (Bild: © ETH-Bibliothek-Zürich, Bildarchiv)

Von den fünf in der Schweiz gebauten Kernkraftwerken sind noch vier in Betrieb, allerdings nur für weitere zehn bis fünfzehn Jahre. Was soll danach mit ihnen geschehen? Die im Merian-Verlag erschienene Publikation geht dieser Frage nach.

Mühleberg, Beznau I und II, Gösgen und Leibstadt – Namen, die für die rasante Entwicklung der schweizerischen Energiewirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg stehen. Die nun vorliegende Publikation des Merian-Verlages, die in die Architektur-Reihe swissmonographies integriert wurde, leistet eine knappe Übersicht über die Entstehung der genannten Kernkraftwerke, die zusammen über 30 Prozent des hiesigen Strombedarfs abdecken. 

Wendepunkt Lucens

1955 fand in Genf die erste Atomkonferenz statt, an der ein von den USA gelieferter Versuchsreaktor mit dem Namen «Saphir» aufgebaut wurde. Da der Rücktransport der kontaminierten Anlage zu aufwändig gewesen wäre, wurde sie 1957 in Würenlingen wiederverwertet und mit dem Label «Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung» versehen. Weil die Schweiz aber von den USA unabhängig sein wollte, wurde 1962 der Bau eines unterirdischen Schwerwasserreaktors in Lucens in Angriff genommen, der 1968 allerdings nur wenige Wochen lang getestet wurde. 

Nach einer gravierenden Havarie am 21. Januar 1969, bei der es zu einer Teilkernschmelze kam – laut den Herausgebern einer der grössten Nuklearunfälle weltweit –, wurden alle Projekte beendet. Stattdessen übernahm man für die schliesslich realisierten Kernkraftwerke pfannenfertige Produkte aus dem Ausland. Mühleberg sowie Beznau I und II sind Kraftwerke mit Flusskühlung, kommen somit ohne Kühltürme aus, was den Vorteil hatte, dass sie relativ unauffällig in die Landschaft eingebettet werden konnten. 

Ein Bundesratsbeschluss von 1971 untersagte dann aber die Flusskühlung, und das bedeutete, dass Gösgen und Leibstadt mit je einem gigantischen Kühlturm ausgestattet werden mussten. Diese sind nicht nur als Bauwerke, sondern auch wegen der Dampffahne weitherum sichtbar. 

Atomkraft? Nein danke

Nach der anfänglichen Euphorie wehte der Kernkraft nach 1970 ein steifer Wind entgegen, nicht zuletzt wegen Unfällen, die man lange Zeit nur als theoretische Möglichkeit betrachtete. Three Mile Island im Jahre 1976, Tschernobyl im Jahre 1986 und schliesslich Fukushima im Jahre 2011 besiegelten das vorläufige Ende der Kernkraft in der Schweiz und in Deutschland. Das geplante Werk in Kaiseraugst, wo sogar zwei Kühltürme vorgesehen waren, wurde nach intensiven Protesten beerdigt, verbunden mit einem enormen finanziellen Verlust.

Das Emblem der Atomkraftgegner und -gegnerinnen, die das Gelände des schon bewilligten Kernkraftwerkes Kaiseraugst mehrmals besetzten, war ein 1975 von der jungen dänischen Studentin Anne Lund gestaltetes Logo mit einer lachenden Sonne und dem Slogan «Atomkraft? Nein danke». Nebst Fotomontagen, welche die brutale Präsenz von Kühltürmen bewusst machen sollten, war es ein berühmt gewordenes Plakat aus dem Jahre 1979, das bildgewaltig die angebliche Hybris der Atomkrafttechnologie anprangerte. Pierre Brauchli überhöhte auf dem Gemälde «Der Turmbau von Babel» von Pieter Bruegel d. Ä. die Ruine mit der Silhouette eines Kühlturmes. Die Aussage ergab sich aus der biblischen Erzählung: Die Erbauer der Kernkraftwerke überschreiten eine Grenze, und das wird nicht ohne gravierende Folgen bleiben.

Kernkraftwerke erleben seit wenigen Jahren eine Art Renaissance, allerdings ohne dass konkrete Pläne für neue Anlagen vorhanden sind. Die Atomenergie wird nun anders als noch vor einigen Jahrzehnten als sauber bewertet, auch wenn die Endlagerung des radioaktiven Abfalls weiterhin ungelöst bleibt. Mit Verweis auf die drohende Lücke nach der Abschaltung des letzten Werkes üben zahlreiche Politiker und Politikerinnen Druck auf den Bundesrat aus und verlangen eine Neubewertung. 

Schutzwürdige Denkmäler?

Das ist jedoch nicht Thema der Publikation, die stattdessen die Diskussion anregen möchte, wie man mit den bestehenden Anlagen nach der Stilllegung umgehen soll. Sind dies Denkmäler, die unter Schutz gestellt werden sollen, und wenn ja, wie sollen sie genutzt werden? Kernkraftwerke wurden nur selten architekturkritisch analysiert. Eine Ausnahme bot die Zeitschrift «werk» mit der vierten Nummer des Jahrganges 1976, die nicht nur die errichteten Ensembles vorstellt, sondern auch den Architekten Claude Parrent portiert, der an der Gestaltung von zwei französischen Kernkraftwerken beteiligt war.

Beznau I und II
Kernkraftwerke Beznau I und II (Bild: © Julian Salinas)

Kernkraftwerke sind in erster Linie reine Zweckbauten, für deren Errichtung vorrangig Ingenieure beauftragt werden. Nichtsdestotrotz müssen sie bei enger Auslegung von Denkmalschutzbestimmungen als Denkmäler behandelt werden, wodurch sich automatisch die Frage nach der Schutzwürdigkeit stellt. Die Publikation verweist auf eine Podiumsdiskussion vom Januar 2025 an der Universität Bern mit dem Titel «Strahlende Denkmäler?» und fasst deren Hauptaussagen zusammen. Die Fachleute des Podiums plädierten ohne Wenn und Aber für eine Unterschutzstellung der Anlagen. Abgelehnt wurde der Vorschlag, nur Teile eines Werkes zu erhalten. «Kernkraftwerke können verschiedenartig umgenutzt werden, sei es als Mahn- oder Denkmal, sei es in Form einer industriellen Nachnutzung (Lager, Fabrikationsgebäude), als Kulturort (Museum, Ort von temporären Musikaufführungen, Performances, Ausstellungen) oder als Sport- und Erlebnisanlagen.»

Abgesehen davon, dass diese Aufzählung irgendwie vertraut wirkt, weil sie bei jedem erhaltenswerten Grossgebäude wiederholt wird, blendet man den Aufwand für die Instandstellung der Trakte aus. Schon allein die Betonsanierung eines Kühlturmes verschlingt Unsummen, die keineswegs durch die Errichtung etwa einer Aussichtsplattform gerechtfertigt werden können. Zu befürchten ist zudem, dass die öffentliche Hand bei der Finanzierung einspringen und solche Zentren dann künstlich beatmen müsste. Es ist schlicht absurd, alle AKWs – weltweit sind es über 400 – unter Denkmalschutz zu stellen. Immerhin, die Publikation lanciert rechtzeitig eine Auseinandersetzung, die in wenigen Jahren gezwungenermassen stattfinden wird – mit offenem Ausgang.

Harald R. Stühlinger (Hrsg.): Kernkraftwerke/Nuclear Power Plants (swissmonographies), Christoph Merian Verlag Basel 2026

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